Fast verlorene Schätze: Oceanliner-Kunstwerke aus Alang

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Peter Knego auf dem Schornstein der ehemaligne MV Augustus

Peter Knego auf dem Schornstein der ehemaligen MV Augustus

Der amerikanische Schiffshistoriker Peter Knego hat ein seltenes Hobby: Er sammelt und handelt mit Kunstgegenständen und Möbeln von alten Kreuzfahrtschiffen und Oceanlinern – die er selbst bei den Schiffs-Abwrackern aufkauft. Schon mehrfach reiste er zum berühmten Strand von Alang in Indien und fuhr unter recht abenteuerlichen Bedingungen hinaus zu den gestrandeten Schiffswracks. Wir haben Peter Knego kürzlich in Genua getroffen und uns mit ihm ausführlich über seine spannende Arbeit unterhalten. (also available in English)

Peter, wie hat sich bei Dir diese Begeisterung dafür entwickelt, alte Möbel, Kunstwerke und Erinnerungsstücke von außer Dienst gestellten Ocean Linern und Kreuzfahrtschiffen vor der Verschrottung zu retten?

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Als ich als Kind anfing, mich für Schiffe zu interessieren, habe ich immer wieder traurig und neugierig zugleich über das Verschwinden all der alten Kreuzfahrtschiffe gelesen, die in Kaohsiung in Taiwan verschrottet wurden. Ich fragte mich, ob diese Gegenstände vernichtet wurden, oder es vielleicht so etwas wie einen Markt in der Region gab, auf dem sie weiterverkauft werden. Zu der Zeit war ich zu jung, um irgendetwas zu unternehmen, aber ich nahm mir vor, dass ich mein Bestes versuchen würde, um diese Gegenstände von den Schiffsklassikern zu retten, wenn ich jemals die Gelegenheit dazu bekommen würde.

Mit dem Boot unterwegs zus SS Ausonia, 2011 in Alang

Mit dem Boot unterwegs zur Ausonia, 2011 in Alang

In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren habe ich dann alles, was ich hatte, dafür ausgegeben, um die Welt zu bereisen und die alten Ocean Liner zu besuchen, in dem Wissen, das der Schrottmarkt auch sie irgendwann einfordern würde. Während ich das tat, fand ich auch heraus, was immer noch an Bord solcher alter Liner zu finden war, beispielsweise der früheren Windsor Castle, der ehemaligen Augustus, der früheren Ivernia/Franconia, der Aureol und vieler anderer.

Peter Knego, SS Blue Lady in Alang

Peter Knego, SS Blue Lady in Alang

2001, als die ex Aureol und die ex Principe Perfeito nach Alang gingen – beides noch sehr im Originalzustand erhaltene, in Großbritannien gebaute Liner mit wunderschönen Holzvertäfelungen, Nickel-Armaturen, geätztem Glas und soliden Holzmöbeln – war es Zeit für mich, die Sache anzugehen oder ein für alle Mal aufzugeben. Ich faxte eine Liste mit Gegenständen, die mich interessierten, an den Verschrottungsunternehmer und er stellte für mich den Kontakt her zu einem örtlichen Agenten, der mir dabei half, die Gegenstände vom Schiff zu holen und zu mir in die USA zu schicken. Ich füllte damit einen 20-Fuß-Container und als ich an einem düsteren Wintertag zu Hause ankam, mussten meine Nachbarn wohl gedacht haben, dass ich verrückt geworden sei.

Raumtrenner auf geätztem Glas, Messing und Walnussholz von der SS Empress of Britain (zu verkaufen im Shop von MidShipCentry)

Raumtrenner auf geätztem Glas, Messing und Walnussholz von der SS Empress of Britain (zu verkaufen im Shop von MidShipCentry)

Viele der Gegenstände waren schlampig verpackt, manche zerbrochen und mit Dreck überzogen. Zunächst füllte ich damit einfach meine Garage und dachte darüber nach, Dinge wie die zertrümmerte Bar der Aureol zu entsorgen. Aber ich brachte es nichts übers Herz, sie zu zerstören, nach allem, was sie durchgemacht hatten, um zu mir zu gelangen. Stattdessen reinigte ich die Gegenstände Schritt für Schritt und fand dabei heraus, dass sie so hochwertig hergestellt waren, dass man sie zu ihrer ursprünglichen Schönheit restaurieren konnte.

Als meine Freunde entdeckten, wie hübsch das alles war, begannen sie mich zu fragen, ob ich nicht ähnliche Stücke für sie auftreiben könnte. Zu dieser Zeit begann ich darüber nachzudenken, größere Mengen solcher Gegenstände zu verkaufen, um mir damit finanziell zu ermöglichen, die wirklich wichtigen Stücke zu retten wie beispielsweise Glocken, Werftschilder, Architektur-Zeichnungen und andere Dinge mit historischem Wert, die aber vielleicht nicht so interessant für Menschen sind, die sich nicht für Schiffe interessieren.

Siehst Du Dich selbst als Antiquitätenhändler? Oder bist Du eher ein Sammler und Schiffshistoriker, der nebenbei auch einige seiner Sammlerstücke verkauft?

Venus - ein geätztes Glaspanel aus einer First-Class-Suite er MV Augustus

Venus – ein geätztes Glaspanel aus einer First-Class-Suite er MV Augustus

Vielleicht eine Kombination aus Beidem – zusätzlich zu meiner Arbeit als Kreuzfahrt-Autor, Lektor und Schiffsvideo-Produzent. So ziemlich jeder Aspekt meines Lebens ist inzwischen mit Kreuzfahrtschiffen und Ocean Linern verknüpft.

Wer sind Deine Kunden? Andere Sammler? Kreuzfahtschiff-Fans? Schiffsnostalgiker?

Panel von Kristin Koschade-Hotz aus dem Alster-Club der SS Hamurg

Panel von Kristin Koschade-Hotz aus dem Alster-Club der SS Hamurg

Die Kunden, die mir dabei helfen, meine großen Rechnungen zu bezahlen, sind vor allem Innenarchitekten, die die Einzigartigkeit der Stücke verstehen und zu schätzen wissen, die ich gefunden habe. Sie sind absolut begeistert davon, Zugang zu großen Mengen an Stühlen, Leuchten und großen Wandpanelen zu bekommen, vor allem wenn sie öffentliche Räume gestalten.

Teil der First-Class-Bar der MV Augustus mit Keramik-Einlagen des Triester Künstlers Carlo Sbisa

Teil der First-Class-Bar der MV Augustus mit Keramik-Einlagen des Triester Künstlers Carlo Sbisa

Daneben habe ich eine treue Gruppe an privaten Sammlern und gelegentlich treffe ich auch Menschen mit Interesse an einem ganz bestimmten Schiff. So wie beispielsweise eine Dame, die eine Affäre mit einem Offizier der Stella Solaris gehabt hatte und unbedingt einen Stuhl als Erinnerungsstück von dem Schiff haben wollte.

Vielen Sammler sind nicht mit grenzenlosem Lagerplatz oder Geldmitteln gesegnet, sodass viele der Dinge in meinem Angebot jenseits derer Möglichkeiten liegen. Oder, wie ich es oft höre: „Ich liebe es, aber meine Frau würde mich umbringen, wenn ich einen alten Stuhl kaufen und in unser Haus stellen würde.“

Wie findest Du denn diese Stücke überhaupt? Ich nehmen an, Du kaufst sie direkt von den Verschrottungsunternehmen beispielsweise in Alang?

Mit seinem Agenten Kaushal vor den Lobby-Panelen der SS Hamburg

Mit seinem Agenten Kaushal vor den Lobby-Panelen der SS Hamburg

Nach vielen Fehlversuchen habe ich nur mit Schiffsabwrackern in Alang Geschäfte gemacht, aber jetzt habe ich einen Agenten in Indien, dem ich voll vertrauen kann. Es gibt viele seltsame Gestalten in dieser Industrie und es gibt viele Betrügereien, deshalb bin ich es leid, mit Abwrackern beispielsweise in der Türkei oder in China zu arbeiten. Aber ich würde nicht ausschließen, es trotzdem zu versuchen, wenn ein wichtiges Schiff an einem dieser Orte landen würde und ich es schaffen würde, dort jemand vertrauenswürdigen zu finden, der mir die Gegenstände schicken kann.

Wie kriegst Du die Gegenstände den von den Schiffen herunter und anschließend zu Deinem Wohnort bei Los Angeles verschifft?

Peter Knegos Garten, kurz nach einer Lieferung aus Alang

Peter Knegos Garten, kurz nach einer Lieferung aus Alang

Die Gegenstände werden von den Schiffen auf Pontons oder Tenderboote verladen und per Hand an Land gebracht. Dann fahren sie per LKW nach Bhavnagar – die nächst gelegene Stadt zu Alang – wo sie in Container verpackt und via dem Hafen von Los Angeles zu mir nach Hause verschifft werden.

Fällt es Dir als Schiffshistoriker manchmal schwer, besonders schöne Stücke zu verkaufen? Und wie viel davon behältst Du für Deine eigene Sammlung?

Sehr gute Frage. Es bricht mir das Herz, mich von jedem einzelnen dieser Stücke zu trennen, aber dann kommen die Rechnungen für die Einlagerung, den Transport et cetera und ich habe daher gar keine andere Wahl. Viele Gegenstände sind Teil meines Zuhauses, das inzwischen mehr oder weniger eine Zusammenstellung von einigen Dutzend Linern der 1950er- und 1960er-Jahre ist. Einer meiner Freunde ist Designer und er sagt, ich hätte die besten Stücke für mich behalten. Aber nach all dem Aufwand, den ich getrieben haben, um diese Stücke zu bekommen, sehe ich nicht, was daran falsch sein sollte.

Ich hoffe auch, dass das Interesse an mir eines Tages vielleicht groß genug sein wird, dass ich meine Sammlung irgendwo ausstellen kann, sodass jeder in ihren Genuss kommen kann. Einige Kunstwerke und Möbelstücke, die ich erworben habe, sind einzigartig und sie würden wirklich jedem gefallen, der auch nur das geringste Interesse an Design und Kunst hat, unabhängig davon, ob man Schiffe mag oder nicht.

Mehr Museum als Wohnstätte – ein Blick in Peter Knegos Haus nahe Los Angeles:


Wie ermittelst Du denn den Wert dieser Gegenstände, die ja meist ziemlich einzigartig sind?

Ich recherchiere so genau wie möglich zu dem jeweiligen Künstler oder Designer um herauszufinden, was der Marktwert für deren Werke ist. Bei manchen Stücken, vor allem bei italienischen Kunstwerken, ist die Nachfrage groß, sodass ich dafür hohe Beträge verlangen kann, um meine immensen Lagerkosten zu decken, unabhängig davon, ob ich zusätzlich auch noch ein paar kleinere Stücke verkaufen kann oder nicht.

Was ist das faszinierende Stück, das Du bislang auf einem Schiff entdeckt hast?

Ich konnte es kaum glauben, als ich bei einem der Händler in Alang ein Gemälde mit dem Namen “Chariots” von der SS Stella Solaris fand. Ich kannte das Panel von den Sun-Line-Katalogen und hatte es auf dem Schiff gesehen, es aber nie besonders beachtet. Aber als ich es für sich alleine sah, im hellen Sonnenlicht, da raubte es mir den Atem. Ich habe ein wenig verhandelt, um es zu kaufen und nachdem ich es geliefert bekam, brachte ich mehr über den Künstler in Erfahrung: Emanuele Luzzati aus Genua.

Paolo Piccione, Schiffshistoriker und ein Freund von mir, arrangierte ein Treffen mit Luzzati in seinem Museum in Genua und ich hatte Gelegenheit, mich mit ihm über all die Kunstwerke zu unterhalten, die ich erworben hatte. Traurigerweise starb er ungefähr ein Jahr später. Aber ich bin glücklich darüber, dass er noch sehen konnte, wie viel seiner Kunst auf diese Weise gerettet worden war und weiter von Menschen bewundert werden kann.

Welches Deiner Stücke gefällt Dir persönlich am besten? Und warum?

Kleopatras Selbstmord - Das Gemälde von Giovanni Majoli von der SS Ausonia hängt in Peter Knegos Speisezimmer

Kleopatras Selbstmord – Das Gemälde von Giovanni Majoli von der SS Ausonia hängt in Peter Knegos Speisezimmer

Ich bin mir nicht ganz sicher, welches Kunstwerk ich am liebsten mag. Ich habe ein Gemälde von Kleopatras Selbstmord von Majoli aus dem Restaurant der Ausonia, ein geschnitztes Holzpanel aus dem Hauptgang mit der SS Hamburg – später die Maxim Gorkiy – mit Motiven aus Südamerika sowie mehrere Gemälde und gehämmerte Nickel-Panele von Luzzati von so unterschiedlichen Schiffen wie der Stella Maris II, Eugenio C und der Victoria der Incres Line, die definitiv ganz oben auf der Liste stehen. Aber ich liebe eigentlich alles, was ich zu Hause und eingelagert habe.

Peter Knego nach unserem Interview in Genua

Peter Knego nach unserem Interview in Genua

Wer einige dieser Gegenstände sehen will, kann meine Website www.midshipcentury.com besuchen und unsere Facebook-Seite „liken“, wo ich auch viele Stücke poste, die nicht auf der Website zu sehen sind. Ich habe außerdem ein Video gemacht über meinen ersten Besuch in Alang 2004, als annähernd ein Dutzend bedeutende Liner und Kreuzfahrtschiffe fast gleichzeitig ans Ufer gezogen wurden. Das Video heißt „On The Road To Alang“ und die Fortsetzung „The Sands Of Alang“ ist gerade erst erschienen. „Sands“ handelt von meinem zweiten Besuch, um Gegenstände von Costas Eugenio C. und einiger anderer Schiffe zu retten.

Auf der Website MaritimeMatters.com schreibe ich zwei Blogs über Kreuzfahrtschiffe und Liner. „Sea Treks“ enthält meine Berichte von modernen Kreuzfahrtschiffen und über Besuche bei einigen der verbliebenen alten Klassiker wie das atomgetriebene Handelsschiff Savannah, der Pacific (ex Pacific Princess) und viel, viele mehr. „Decked!“ enthält detaillierte Berichte zu umfassenden Touren über Schiffe von der SS United States bis hin zur Doulos und dem Schiff, auf dem in ich kürzlich erst unterwegs war, der MV Paul Gauguin.

Vielen Dank an Peter Knego für das Interview!

The Sands of Alang

The Sands of Alang

Tipp: Wir haben erst kürzlich eine kurze DVD-Besprechung zu Peter Knegos Video “The Sands of Alang” veröffentlicht: “Schiffsverschrottung in Alang hautnah” – eine sehr empfehlenswerte DVD für Schiffsfans.

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3 Kommentare zu Fast verlorene Schätze: Oceanliner-Kunstwerke aus Alang

  1. Marc on Mai 22, 2013 at 3:33 pm

    Danke für den Bericht hier, so macht mir das Lesen richtig Spaß
    bei spezielle Mischung: Schiff, Kunst und interessante Person.

  2. Franz Neumeier on Mai 22, 2013 at 4:39 pm

    Ja, Peter ist wirklich ein faszinierender und auch sehr liebenswürdiger Mensch. Ich freue mich schon darauf, dass ich ihn in ein paar Wochen wahrscheinlich wiedersehe – dann mache ich noch ein kleines Interview für unseren neuen Podcast mit ihm :-)

  3. Marc on Mai 22, 2013 at 4:47 pm

    “…sehr liebenswürdiger Mensch”

    Ja, auf die Fotos kann ich sehr gut erkennen, immer Lächeln auf
    dem Lippen…und ausßerdem sind die Verkaufspreise bei ihm
    vernünftig für die interessante Antiquitäten aus dem Schiffe,
    das sagt mir schon alles :-)

    Gruß
    Marc D.

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