Interview: Was macht eigentlich … ein Lotse?

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Capt. Ted Davisson am Steuer der HMS Bounty
Capt. Ted Davisson am Steuer der HMS Bounty

Von einem Lotsen sehen Kreuzfahrtschiff-Passagiere meist nur etwas, wenn er mit einem kleinen, schnellen Lotsen-Boot seitlich an die Bordwand herangefahren wird und oft mit einem waghalsigen Sprung auf das Kreuzfahrtschiff wechselt und beim Auslaufen auf dieselbe Weise das Schiff wieder verlässt. Aber was genau macht der Lotse eigentlich auf einem Kreuzfahrtschiff?

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Cruisetricks.de hat diese Frage einem ganz besonderen Lotsen gestellt, dabei sehr aufschlussreiche Antworten bekommen und nebenbei einige wirklich spannende Geschichten gehört.

Ted Davisson ist seit über 30 Jahren Lotse auf dem Mississippi River und hilft dort Kapitänen sowohl von Fracht- als auch Kreuzfahrtschiffen, die schwierige Strecke zwischen New Orleans und Baton Rouge unfallfrei zu bewältigen – das gelingt meist, aber nicht immer, wie unser Interview zeigt. Nebenbei ist Ted Davisson aber auch ein begeisterter Hobby-Fotograf, der den ungewöhnlichen Blickwinkel von der Brücke der Schiffe zu nutzen weiß. Auf seiner Website zeigt er einige seiner Fotos: Capt. Ted’s Mississippi River Pictures.

Was genau ist die Aufgabe eines Lotsen?

Lotsen-Boot
Lotsen-Boot

Technisch gesehen tun wir zwei Dinge: Wir helfen einerseits dem Kapitän ganz allgemein dabei, sein Schiff sicher zu navigieren und andererseits führen wir an Bord im Regie in Hinblick auf die konkrete Bewegung des Schiffs. Das vorausgeschickt sieht die Realität meiner Erfahrung nach so aus, dass der Kapitän sein Kommando freiwillig mit mir teilt, meine Instruktionen entgegennimmt und danach handelt, egal welche Art von Manöver das Schiff gerade ausführt.

Ted Davissons Revier: Algiers Bend bei New Orleans
Ted Davissons Revier: Algiers Bend bei New Orleans

Trotzdem trägt der Kapitän immer die Verantwortung und ist für sein Schiff selbst verantwortlich. Lediglich im Panama-Kanal übernimmt der Lotse tatsächlich die Aufgaben des Kapitäns, in allen anderen Häfen dieser Welt bleibt der Kapitän aber der einzig Verantwortliche und Kommandierende über sein Schiff.

Es ergibt sich von selbst, dass diese ziemlich ungewöhnliche Beziehung zwischen Lotse und Kapitän manchmal auch etwas heikel sein kann. Aber die Führung von Seeschiffen hat sich längst zur Teamarbeit mit intensiver Zusammenarbeit zwischen Lotse und Kapitän entwickelt. Und das gilt natürlich auch für das Verhältnis zwischen Lotse und Kapitän auf Kreuzfahrtschiffen, die den Mississippi River hochfahren.

Welche Ausbildung und welche Lizenzen benötigt man, um den Job eines Lotsen ausüben zu dürfen?

Ted Davisson auf der Nock eines Frachtschiffs
Ted Davisson auf der Nock eines Frachtschiffs

In den USA benötigt man eine First Class Pilot’s License für Handelsschiffe der US-Küstenwache, um als Lotse auf Handelsschiffen mit amerikanischer oder auch ausländischer Flagge arbeiten zu dürfen. Im Hafen von New Orleans verlangt die NOBRA Pilot Association, in der ich ein Mitglied mit tadellosem Ruf bin, dass jeder Bewerber für eine Lotsenstelle mindestens ein Jahr aktiv mit einer First Class Pilot’s License zur See gefahren sein muss. Zusätzlich müssen einige Seefahrts-Kurse belegt werden, beispielsweise zum Umgang mit einem Schiff in einer Notsituation. Die genauen Bedingungen findet man auf der NOBRA-Website. Darüber hinaus verlangt die NOBRA Pilot Association jährliche Gesundheitstest und Fortbildungskurse.

Was hat Dich persönlich zum Beruf des Lotsen geführt?

Raddampfer-Kreuzfahrtschiff Delta Queen
Raddampfer-Kreuzfahrtschiff Delta Queen

Ich habe in der High School und im während der Sommerferien auf der Delta Queen gearbeitet, manchmal als Hilfskraft an Deck oder als Gepäckträger, manchmal auch im Maschinenraum. Nach dem College stellte ich fest, dass ich damit genug Stunden „Coast Guard time“ gesammelt hatte, um eine Lizenz als Maat zu bekommen. Also entschied ich mich, weiter am Fluss zu arbeiten, absolvierte die National River Academy und arbeitete als Steuermann auf Schubschiffen zwischen St. Louis und Chicago am Illinois River.

Später kehrte ich auf die Raddampfer zurück und erarbeitete mir über die Jahre eine First Class Pilot’s License für den Mississippi und Ohio River von der Mündung des Mississippi bis nach Cincinnati, Ohio. Ich war Master, Erster Offizier und Steuermann sowohl auf der Delta Queen als auch Mississippi Queen, bevor ich dann 1980 bei der New Orleans – Baton Rouge Pilot Association (NOBRA) als Lotse anfangen durfte und heute arbeite ich da immer noch.

Wenn Du als Lotse an Bord eines Schiffs bist, übernimmst Du da auch mal selbst das Ruder oder gibst direkte Anweisungen an den Steuermann?

Morgenstimmung am Mississippi River nahe Baton Rouge
Nebelstimmung am Mississippi River nahe Baton Rouge

Ich gebe mündliche Anweisungen an das Team auf der Brücke. Das Brückenteam besteht aus Kapitän, Erstem Offizier und Steuermann. Um das Schiff zu steuern, gebe ich dem Steuermann Anweisungen in welche Richtung und wie weit er das Steuerrad bewegen soll.

Wenn das Schiff also beispielsweise den Kurs nur ganz leicht nach Steuerbord verändern soll, sage ich „Steuerbord 10“ – was bedeutet, das Steuerrad um zehn Grad nach Steuerbord einzuschlagen. Die Ruderanzeige eines Schiffs reicht von 35 Grad in die eine bis 35 Grad in die andere Richtung und je nachdem, wie schnell das Schiff seinen Kurs ändern soll, muss das Steuerrad entsprechend stark oder weniger stark eingeschlagen werden.

Wenn trotz aller Vorsicht bei Anwesenheit eines Losten auf der Brücke ein Unfall passiert: Wer ist dafür verantwortlich?

Abhängig von der Schwere eines Unfalls, ob nur eine einfache Grundberührung oder womöglich eine Kollision, wird ein Bericht für Küstenwache erstellt und wenn die Situation ernst genug war, leiten sowohl Küstenwache als auch NTSB (National Transportation Safety Board) Untersuchungen des Vorfalls ein.

Aber unabhängig von jeweiligen Unfall und seiner Schwere wird immer der Kapitän dafür verantwortlich sein. Der Lotse wird in die Untersuchung eingebunden, um die Details genau zu ermitteln. Während der Untersuchung werden also die Fakten ermittelt und dann festgestellt, wen eine Schuld trifft und ob jemand seine Pflichten vernachlässigt hat.

Hast Du als Lotse schon einmal einen schweren Unfall erlebt, als Du an Bord warst?

Ja, unglücklicherweise war ich in meiner 33jährigen Karriere als Lotse im Auftrag des Staates von Louisiana auf dem Mississippi River zweimal persönlich in schwere Unfälle verwickelt. Beim ersten Unfall hat die M/V Nova Gorica die Huey-P.-Long-Brücke an deren Unterseite gestreift (Anm.: eine große Stahlbrücke über den Mississippi für Auto- und Eisenbahnverkehr ein paar Meilen flussaufwärts von New Orleans). Der Schaden war so gravierend, dass die Brücke für zwei Wochen für den Verkehr gesperrt werden musste.

Im zweiten Fall fielen Strom und Antrieb der M/V Bright Field aus, sodass sie in New Orleans am Ufer in die River Walk Shopping Mall rammte, wobei schwere Schäden sowohl an dem Einkaufszentrum als auch am Schiff entstanden.

Glücklicherweise wurde ich in beiden Fällen durch die Untersuchungen von Küstenwache und NTSB entlastet, mich traf keine Schuld und ich hatte meine Pflichten nicht verletzt.

Ich weiß, Du liebst Deinen Beruf. Aber gibt’s auch Dinge, die Dich daran wirklich nerven?

Blick von der Brücke auf den Sonnenuntergang hinter der Skyline von New Orleans
Blick von der Brücke auf den Sonnenaufgang hinter der Skyline von New Orleans

Ja, ich liebe meinen Job! Aber um Deine Frage zu beantworten: Es gibt eigentlich nur eines, das mich wirklich nervt. Und das sind Schiffsagenten, die ihre Befugnisse überschreiten und versuchen, entgegen der Entscheidung von mir oder dem Kapitän etwas völlig verantwortungsloses durchzusetzen – beispielsweise das Schiff bei schlechter Sicht im Hafen ohne Unterstützung durch einen Schlepper zu manövrieren. Die Schiffsagenten vergessen manchmal, dass sie für uns arbeiten und nicht anders herum. Und das wir auf diesem Gebiet die Experten sind und genau was sicher und vernünftig ist.

Was ist die verrückteste Situation, die Du je als Lotse erlebt hast?

Gute Frage und zweifellos scheint es auf jedem Trip, ob nun auf einem Schiff mit US-Flagge oder einem internationalen Schiff, einige ungewöhnliche oder witzige Situationen zu geben, während man den Mississippi River hinauf oder hinunter fährt.

Aber eine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. In einer nebligen Nacht sagte mir ein griechischer Frachtschiffkapitän allen Ernstes und obwohl sein Radar nicht funktionierte, dass wir versuchen sollten, durch den Nebel den Fluss hochzufahren und uns dabei allein auf sein Satelliten-Navigationssystem, verlassen sollten – einem Vorgänger des heutigen GPS.

Das Problem dabei: Sein Satelliten-System spuckte lediglich den Längen- und Breitengrad unserer Position aus, zeigte aber weder andere Schiffe in der Nähe an, noch hatte es integrierte Flusskarten. Aber es kam noch schlimmer. Dieser Kapitän versuchte mich sogar zu bestechen, um sein Schiff durch den Nebel zu steuern. Als ich mich weigerte, fragte mich der ebenfalls griechische Erste Offizier recht indigniert: „Was ist los mit Dir, Lotse? Warst Du noch nie in Baton Rouge?“ Das sagt, denke ich, alles!

Wir danken Capt. Ted Davisson, den wir bereits vor vielen Jahren auf der Delta Queen kennengelernt haben, für das Interview und die klaren Antworten auch bei eher unangenehmen Themen.

(Bildquellen: Ted Davisson / privat, mit freundlicher Genehmigung; Lotsen-Boot und Delta Queen: cruisetricks.de)

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