„Jeder für sich selbst“ statt „Frauen und Kinder zuerst“

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Beinahe schauerlich mutet es an, wenn die beiden schwedische Wissenschaftler Mikael Elinder und Oscar Erixson beispielshaft 18 Schiffskatastrophen der vergangenen 160 Jahre in ein nacktes Zahlenwerk verwandeln, präzise und gnadenlos menschliche Schicksale in Statistiken fassen. Die jetzt pünktlich zum 100. Jahrestag der Titanic-Untergangs veröffentliche StudieEvery Man for Himself! Gender, Norms and Survival in Maritime Disasters“ ist jedoch auch voller Überraschungen und räumt mit so manchem Mythos gnadenlos auf.

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Über ihre (auf Englisch verfasste) Studie schreiben die Autoren im Abstract: „Seit dem Untergang der Titanic gibt es den verbreiteten Glauben, dass die ungeschriebene Regel „Frauen und Kinder zuerst“ bei einer Katastrophe auf See einen Überlebensvorteil für Frauen bringe, dass Kapitäne und Besatzung den Passagieren Priorität einräumen. Wir analysieren die Daten von 18 Katastrophen auf See aus drei Jahrhunderten, die das Schicksal von über 15.000 Menschen mit mehr als 30 Nationalitäten betreffen. Unsere Ergebnisse zeigen ein neues Bild von Katastrophen auf See. Frauen haben deutlich weniger Überlebenschancen als Männern. Kapitäne und Matrosen überleben deutlich häufiger als Passagieren. Wir fanden auch heraus, dass der Kapitän die Macht hat normatives Verhalten durchzusetzen, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Überlebensraten im Laufe der Zeit zurückgegangen sind, dass Frauen einen größeren Nachteil bei britischen Schiffskatastrophen haben und dass es offenbar keinen Zusammenhang zwischen Dauer einer Katastrophe und der Einhaltung moralischer Normen gibt. Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass sich das Verhalten im Kampf um Leben und Tod am besten beschrieben lässt durch „Jeder für sich selbst“.

Die 79seitige Studie liest sich dann allerdings weniger eingängig und ist geprägt von Zahlen und Details, gespickt mit Statistiken, Tabellen und Schaubildern. Mit allen untersuchten Schiffsunglücken – von der HMS Birkenland 1852 über Titanic 1912 und SS Moro Castle 1934 bis zur Estonia 1994 und Bulgaria 2011 – beschäftigen sich die Autoren auch einzeln und zeigen gegebenenfalls Unterschiede zur gesamten Datenmenge auf.

Inwieweit sich die Erkenntnisse auch auf moderne Kreuzfahrtschiffe übertragen lässt, ist allerdings fraglich. Denn zum einen liegen die meisten untersuchten Unglücke schon sehr lange zurück, zum anderen befinden sich unter den Schiffen – mit Ausnahme des russischen Flusskreuzfahrtschiffs Bulgaria – keine expliziten Kreuzfahrtschiffe. Trotzdem: Eine lesenswerte Studie für alle, die tief in die Zahlen einsteigen und die Abläufe bei einer großen Schiffskatastrophe besser verstehen wollen.

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Ein Kommentar zu „Jeder für sich selbst“ statt „Frauen und Kinder zuerst“

  1. Volker Kaczmarek am März 2, 2014 um 11:18 pm

    Interessant, aber man muss die statistischen Werte natürlich differenziert betrachten. Da ist auf der einen Seite der gravierende Unterschied zweier Gruppen in bezug auf Alter und körperlicher Fitness: die Crew, eher jung und gesund und die Passagiere, zu einem nicht unerheblichen Teil deutlich älter und / oder körperlich eingeschränkt. Wenn ich an meine zurückliegenden Reisen denke, sah ich doch eine nicht unerhebliche Anzahl von Rollatoren der auch schwer Übergewichtige. Hämisch könnte man “Fett schwimmt oben” sagen, aber im Notfall sind hier wohl ganz andere Wirkmechanismen im Gange, die einem 20jährigen Philippino bessere Überlebenschancen einräumen als einer 86jährigen im Rollstuhl, ob nun dick oder nicht.

    Schon wenn es um die Ausbreitung von Infektionen (z.B. der vielzitierte Norovirus) an Bord geht, zeigen sich Unterschiede. Unter Passagieren breitet sich eine Infektion rasch aus, unter Crewmitgliedern nicht. Hier gibt es verhaltensbedingte Unterschiede, weil Crewmitglieder auf strikte Einhaltung von Hygienevorschriften verspflichtet sind. Genau dasselbe betrifft Notfälle: eine trainierte Crew, die mit Rettungswegen und -equipment vertraut ist und auf der anderen Seite unvorbereitete und vermutlich auch planlos bis hysterisch reagierende Passagiere.

    Es hätte mich gewundert, wenn sich da Unterschiede in den Überlebenschancen nicht niedergeschlagen hätten.

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