„Ocean King“ – ein verwirrend-spannender Doku-Roman

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"Ocean King", Slimane Kader
„Ocean King“, Slimane Kader

Selten hat mich ein Buch so ratlos hinterlassen, obwohl das Lesen großen Spaß gemacht hat: „Ocean King“ von Slimane Kader. Der Franzose algerischer Abstammung arbeitet seit einigen Jahren auf Kreuzfahrtschiffen einer US-amerikanischen Reederei in der Karibik und hat in „Ocean King“ seine Erlebnisse verarbeitet. Das reizt zu lesen, denn einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen bekommt man in der Kreuzfahrt nur selten.

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Ratlos bin ich nach der Lektüre deshalb, weil vieles von dem, was der Autor schreibt, nicht oder zumindest so nicht stimmen kann. Dabei schreibt der Verleger der französischen Original-Ausgabe in einem Nachwort ausdrücklich: „Alles, was Kader schreibt, ist wahr. Noch besser: Alles wurde – und wird noch immer – vom Autor erlebt.“

Slimane Kader beschreibt beispielsweise Szenen, die nicht auf demselben Schiff stattgefunden haben können. Zugleich treten aber durchgängig dieselben, handelnden Personen auf. Der Autor schreibt also offenbar durchaus immer vom selben Schiff, das er übrigens „Ocean King“ nennt. Nur die Fakten passen einfach nicht.

Verfälscht, überspitzt, widersprüchlich

Er beschreibt auf der „Ocean King“ beispielsweise Bereiche, die mir von keinem Kreuzfahrtschiff bekannt sind. Etwa eine Einkaufsmeile, die von der Crew mit dem Spitznamen „Outlet Paradise“ bedacht wurde – so weit, so gut. Doch dort soll es echte Bäume und echte Blumen geben, die von einem eigenen „Meeresgärtner“ gepflegt werden.

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Nun schließen sich Shopping Mall im Inneren eines Schiffs und echte Pflanzen weitgehend aus. Und erwähnenswert Bäume und Blumen gibt es eigentlich nur auf den Schiffen der Oasis Class von Royal Caribbean – im Central Park, nicht auf der Shopping-Meile (=Royal Promenade). Er könnte sich mit Outlet Paradise auch auf den Boardwalk der Oasis-Class-Schiffe beziehen, nur gibt’s dort ebenfalls keine Pflanzen.

Lässt man solche Unstimmigkeiten einmal großzügig außer Acht – was allerdings die Glaubwürdigkeit der restlichen Schilderungen bereits ein wenig erschüttert – passen andere, sehr ausführlich geschilderte Szenen dennoch nicht zum selben Schiff: Da liefert der Autor beispielsweise in einem Eisbärenkostüm Eiscreme an die Eisdiele aus. Der Name der Eisdiele „Ice Cream Parlor“ würde zwar wieder zur Oasis Class von RCI passen, nur wird bei RCI Eiscreme-Nachschub nicht von einem kostümierten Bär oder irgendeinem anderen kostümierten Tier ausgeliefert.

An anderer Stelle kommen recht ausführlich Gentleman Hosts vor – die gibt es heutzutage nur noch auf sehr wenigen Schiffen und das einzige Schiff der Größe, das der Autor in dem Buch beschreibt, wäre die Queen Mary 2. Dazu würden aber wiederum zahlreiche andere Details überhaupt nicht passen.

Diese Details sind nur einige wenige Beispiele für die vielen Widersprüche in dem Buch, die Reihe der Unstimmigkeiten ließe sich noch lange fortsetzen.

All das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass der Autor längst nicht alles, was er beschreibt, wirklich selbst erlebt hat und vieles möglicherweise nur aus vermutlich recht prahlerischen Erzählungen von Crew-Kollegen kennt – was mit dem Anspruch auf selbst erlebte Wahrheit nicht mehr viel zu tun hat. Oder der Autor hat sich enorme, künstlerische Freiheiten bei der Ausschmückung, Übertreibung und Umgestaltung seiner Erlebnisse genommen, was das Buch mehr zu einem Roman macht, der sich ein paar Ideen und Anregungen aus dem wahren Leben holt.

Aufklärung vom Verlag

Auf gewisse Weise für Klarheit sorgt der Droemer-Verlag auf Nachfrage: Zum einen sei es dem Autor sehr wichtig, seine Identität zu verschleiern, um seinen Job nicht zu riskieren. Akzeptiert.

Sein Ziel sei es aber auch, hinter die Kulissen eines großen Kreuzfahrtschiffs blicken zu lassen. Mit der Zuspitzung beim Erzählen mache der Autor deutlich, dass er der Urlaubsform „Kreuzfahrt“ kritisch gegenüber stehe. Auch dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen – außer, dass der Autor suggeriert, es schildere Tatsachen und echte Erlebnisse.

Der Verlag kommentiert auf unsere Nachfrage hin denn auch, das Buch sei keine Dokumentation, sondern „eine Komposition auf der Grenzlinie zwischen Sachbuch und Belletristik“. Der Leser erfährt das aber leider nicht, sondern bleibt im Ungewissen, wenn er das Buch kauft.

Es bleibe dem Leser überlassen, seine Schlüsse aus der Lektüre zu ziehen, sagt der Verlag. Und hier sehe ich das große Problem dieses Buchs: Die meisten Leser können mangels Hintergrundwissen überhaupt nicht beurteilen, wo die Tatsachenschilderung aufhört und die Überspitzung, Verfälschung und literarische Freiheit anfängt – sofern er denn überhaupt erkennt, dass längst nicht alles, was der Autor in dem Buch schreibt, genau der Realität entspricht.

Fazit: faszinierend geschrieben, aber inhaltlich sehr problematisch

Dennoch: „Ocean King“ ist ein spannendes, lebendig geschriebenes Buch, das Spaß macht zu lesen. Nur als Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen, als Dokumentation der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Crew taugt es nicht im Geringsten.

Verlag und Autor nehmen billigend in Kauf, ja provozieren regelrecht, dass der Leser falsche Schlüsse zieht und sich ohnehin schon weit verbreitete Vorurteile und Zerrbilder über das Leben im Crew-Bereich von Kreuzfahrtschiffen noch verstärkt. Ob man das gut findet, muss jeder für sich selbst beurteilen. Ein ehrlicher Klappen-Text würde meiner Ansicht nach dem Buch gut tun und den Leser weniger in die Irre führen.

„Ocean King: Was einer unter Deck erleben kann“

Slimane Kader (Übersetzung: Stephanie Singh)
Droemer Verlag
224 Seiten
ISBN: 978-3426300732
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