Rettungsübung für die Crew

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25-Personen-Rettungsinsel

25-Personen-Rettungsinsel (Bild: Viking Life-Saving Equipment)

„Survival Training” ist eine amüsante Bezeichnung für das Anschauen einiger Videos über wasserdicht schließende Türen und Mülltrennung, gefolgt von einem Frage-Antwort-Spiel mit Themen wie „Wie groß ist die Lebensmittelration, die in Rettungsbooten pro Passagier und Tag bereit gehalten wird?“

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Trotzdem sind die Videos weit entfernt davon, langweilig zu sein. Sie sind schockierend und erinnern mich an die drastischen Abschreckungsvideos, die ich in der Fahrschule während meiner Highschool-Zeit gesehen hatte. Aus „Blut fließt rot über den Highway“ wurde „Blut fließt rot auf hoher See“.

Da werden Simulationen von sinkenden Schiffen und ertrinkenden Menschen gezeigt, die intensiver sind als James Camerons „Titanic“. Und schlimmer – Feuer verbrennt die Unvorsichtigen, Massen trampeln die Schwachen nieder und Piraten attackieren jeden. Mein persönliches Lieblingsvideo war das, in dem eine wasserdicht schließende Tür das Bein einer Kuh in zwei Teile zerschnitt.

Nach diesem Schlachtfest wurden wir auf ein offenes Deck am Bug des Schiffs, der Majesty of the Seas, geführt. Die heiße, tropische Sonne in Key West brannte schon im Mai gnadenlos auf uns herunter. Eine leuchtend-orange Rettungsinsel wartete dort. Stufen führten hinauf zum Einstieg der Rettungsplattform, oben empfing uns ein holländischer Offizier.

Brian David Bruns

cruisetricks.de-Gastautor Brian David Bruns ist der Autor der US-Bestseller-Reihe “Cruise Confidential” und sorgt mit seinem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen für Aufsehen.

„Auf See zu arbeiten und den Gästen zu dienen ist ein wundervolles Privileg und Ihr verdient Euch das, indem Ihr dem Thema Sicherheit immer oberste Priorität gebt. Hier seid Ihr kein Kabinensteward, Kellner oder Sänger: Ihr seid die Crew, die für die Sicherheit unserer Gäste verantwortlich ist. Das heißt Rettungsboote klarmachen, panischen Menschen helfen und Mann-über-Bord-Situationen trainieren. Und sogar die Abwehr von Piraten könnte zu Eurer Aufgabe werden.“

So ist das also: Ich bin sanftermütiger Kunsthändler bei Tag und Piraten-abwehrender Kämpfer bei Nacht. Ich wollte schon immer ein Superheld sein. In Strumpfhosen sehe ich wirklich cool aus.

„Jeder von Euch muss gemäß der Trainings-Richtlinien der IMO-Resolution A770 als ‚Personal zuständig für die Betreuung von Passagieren in Notsituationen‘ zertifiziert werden. Dazu gehören auch grundlegende Kenntnisse in Erster Hilfe und dem Bedienen von Rettungsbooten, Brandbekämpfung und ein psychologisches Training zum Umgang mit Menschen. Und jetzt: Alle Mann in die Rettungsinsel!“

Mit Ausnahme von mir und einer Kollegin aus Jamaica bestand die Crew komplett aus Asiaten. Immer mehr Menschen verschwanden in der Rettungsinsel, ganz ähnlich dem alten Gag „viele Menschen passen in einen VW Käfer?“ Mich hielt der Offizier allerdings zunächst zurück, was mir Zeit gab, die Rettungsinsel genauer zu betrachten. Sie ist ein erschreckend großes Ding wenn man bedenkt, dass sie in unaufgeblasenem Zustand in einer dieser relativ kleinen, weißen Tonnen Platz findet. Der Boden besteht aus zwei dicken, schwarzen Gummischläuchen, die in eine achteckige Form gebogen sind. Oben drauf sitzt ein weithin sichtbares, orangefarbenes Zelt.

Verbesserte Einstiegshilfe zur Rettungsinsel von Viking

Neue, verbesserte Einstiegshilfe (Bild: Viking Life-Saving Equipment)

Ächzen, Beschwerden und Hitzewallungen drangen aus der Rettungsinsel nach außen. Der Offizier schaute ohne Gefühlsregung auf die sich windende Menschenmasse unter sich: „Morgen könnte diese Rettungsinsel Euer Leben retten“, rief er. Jemand rief zurück: „Stell‘ Dir vor, diese Insel schaukelt auf hoher See endlose Stunden in der heißen Sonne. Es ist wirklich heiß hier in der Sonne!“

Der Offizier fuhr fort: „Die Insel bietet Platz für 24 Crewmitglieder und Gäste. Im Moment sind nur 23 Leute drin. Wie fühlt sich das an?“ Ärgerliches Gemurmel und zynische Witze waren die Antwort. „Richtig, es ist tatsächlich schwierig, Euch all hier hinein zu bekommen.“

Er gab mir das Signal, jetzt ebenfalls hineinzuklettern. Ich beugte mich vor und sah mich drinnen nervös um. Meine Kollegen saßen dort wie in einer Sardinenbüchse. Die Leute, die am Rand saßen, waren ordentlich aufgereiht, aber in der Mitte ging alles wild durcheinander. „Ich sagte, die Insel ist für Crew und Gäste“, betonte der Offizier. „Also: Was ist der Unterschied zwischen Euch und einem durchschnittlichen, amerikanischen Passagier?“

In meinem Kopf fingen die Alarmglocken an zu schlagen, als der Offizier seinen Fuß an meinen Hintern setzte. „Ungefähr 100 Pfund!“ rief er und kickte mich in die Insel hinein. Ich hörte jemanden schreien “Ahh! Big-Mac-Angriff!“ Mit einem Krachen landete ich auf den Kollegen. Was für ein dramatischer Auftritt!

Anmerkung: “Cruise Confidential”-Bestsellerautor Brian David Bruns schreibt regelmäßig Gastbeiträge für cruisetricks.de, in deutscher Übersetzung exklusiv.

(Bildquelle: Viking Life-Saving Equipment)

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2 Kommentare zu Rettungsübung für die Crew

  1. Peppel on Februar 19, 2015 at 6:09 pm

    Moin,

    ich denke, dass es mal Vorschrift werden sollte, den Passagier, den Ahnungslosen, auch mal darueber zu informieren, was den Reedereien nicht passt.

    a) Rettungsbootsplatz ist fuer alle da, wenn genug Zeit vorhanden ist und das Schiff ohne Schlagseite sinkt. Kippt der Dampfer langsam um und erreicht mehr als 20 Grad Schlagseite, koennen die Rettungsboote auf der gegenueber liegenden Seite nicht mehr zu Wasser gelassen werden. Schlagartig faellt die Haelfte der Rettungsbootsplaetze aus.Rettungsmittel sind es dann nur noch … Schwimmwesten, Floesse, Rettungsinseln und die Haelfte der Rettungsbootsplaetze nur noch.
    Darueber zu sprechen wagt es keiner an Bord. Fragen Sie doch mal.

    b) Was gibt es noch ?
    Bis 2013 verlangte SOLAS, dass die wasserdichten Querschotten waehrend der Fahrt im Schiff geschlossen gehalten werden mussten. Das behinderte natuerlich den ganzen Koch- und Waschdienst tief unten im Schiff
    Querschott auffahren – warten – wieder schliessen.
    Schiffsleitung an Bord und an Land beklagten sich darueber und SOLAS akzeptierte es, dass diese Schotten auf See nicht mehr geschlossen werden muessten. Die sind jetzt also immer auf.

    WAs frueher eine Sicherheitsangelegenheit war ist heute eine superriskante Schwachstelle. Die Tueren werden naemlich elektrisch/hydraulisch betaetigt. Faellt der Strom aus (Black-out) dann saeuft der Dampfer ab. Die Tueren koennen nicht mehr bewegt werden.

    Fragen an die Technik … was glauben Sie, wieviel Kubimeter Wasser durch ein 25 x 25 cm grosses Leck/Loch in 5 Meter Wassertiefe ins Schiff einstroemen ?

    Ich schreibe Ihnen jetzt schon mal, dass es keine Lenzpumpe an Bord gibt, die in der Lage ist, diese Menge in der gleichen Zeit wieder ins Meer zu pumpen.

    Die Schiffe, wie die Deutschland vor einigen Monaten, die sich irgendwelchen Gletscherzungen naehern oder sich bis auf wenige Meter den Ufern naehern, spielen mit Ihrem Leben. Costa Concordia war so ein Fall. Und eigentlich haette man das gesamte Management von COSTA abloesen muessen.

    Ein zweiter Offizier, der in Hamburg einen Vortrag ueber Sicherheit an Bord hielt, einer von der Opernflotte, erklaerte in Gegenwart einiger Kapitaene, das sei so ueblich und damit wuerden sie ihr Geld verdienen. Da war die Costa Concordia noch nicht abgesoffen.

    Letzter Hinweis … es hat seine Gruende, warum man Sie, den Passagier, nicht hinter die Absperrungen und Hindernisse an Bord sehen laesst, dass ist naemlich eine Welt der Versaeumnisse, der Maengel, der Unzulaenglichkeiten. Und wenn Sie jetzt fragen : Wiso ? Dann sind es selbstverstaendlich nicht alle Unternehmen in der Passagierfahrt – aber immer noch zu viele, die Sie mit vollem Bewusstsein blind und unkritisch halten.

    Tun Sie was dagegen … nicht nach einem Unfall, sondern davor.

    c) Eine dritte Angelegenheit.

    Ein Arzt an Bord ! Was heisst das ? Gar nichts, denn der Doktortitel laesst nicht erkennen, was fuer eine Disziplin dahin steckt. Es muss nur ein Dktor sein. Das kann ein Psychologe sein, ein HNO-Arzt, ein Diabetologe, ein Dermatologe.
    Wichtig fuer Eltern mit Kleinstkindern … verlangen sie einen Kinderarzt. Ist es kein Kinderarzt, lassen Sie die Finger von der Reise.

    So, ein bischen brain-food.

    Gruss Peppel

  2. Franz on Februar 20, 2015 at 6:03 pm

    Lieber Herr Peppel,

    bitte verzeihen Sie, wenn ich ihnen Unrecht tue, aber Vieles von dem was Sie schreiben, scheint mir mehr auf Mutmaßungen und Verdacht zu beruhen als darauf, dass Sie dafür konkrete Anhaltspunkte haben.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie mir – schon damit das hier nicht zu umfangreich wird – detailliertere Hinweise geben, warum Sie denken, dass es sich bei den angesprochenen Punkten so verhält.

    Denn natürlich beschäftige ich mich mit solchen Fragen regelmäßig und kann einiges überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin regelmäßig auch hinter den Kulissen auf Kreuzfahrtschiffen, habe dort noch nie erlebt, dass Reederei über solche Dinge nicht offen sprechen würden und einem die Details auch zeigen und beweisen.

    Nur ein Beispiel – wie gesagt, ich will hier jetzt nicht jeden einzelnen Punkt diskutieren:
    Wasserdichten Türen. Nach den aktuellen SOLAS-Vorschriften müssen diese Türen mit unabhängigen Notsystemen ausgestattet sein, die es ermöglichen, die Türen mindestens dreimal zu öffnen und zu schließen. Außerdem müssen sie auch komplett von Hand geöffnet und geschlossen werden können (vgl. SOLAS Regulation 13, part B-2). Kein Schiff deshalb also ab … Offen stehen dürfen wasserdichte Türen unterhalb der Wasserlinie nur im Rahmen sehr enger Grenzen mit ausrücklicher Ausnahmegenehmigung und nach sehr detaillierten Sicherheitsvorschriften, die sicherstellen, dass diese Türen in einem Notfall sehr schnell geschlossen werden können.

    Also: Brain Food würde das Ganze, wenn Sie konkrete Hinweise geben würden, wie Sie auf all diese Anschuldigungen kommen, die Sie da erheben und die aus meiner Kenntnis heraus größtenteils Unsinn oder Halbwahrheiten sind, die so einfach nicht stimmen. Nix für ungut, aber wir versuchen, über Fakten zu berichten, nicht über vage Verschwörungstheorien …

    Franz

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