Royal Caribbeans mutige Entscheidung für Haiti

Donnerstag, 28. Januar 2010 von Franz Neumeier

Liberty of the Seas

Kreuzfahrt nach Haiti: geschmacklos oder dringend nötige Unterstützung?

Royal Caribbean steht derzeit im Brennpunkt vor allem britischer und amerikanischer Medien, weil die Kreuzfahrtgesellschaft nach dem Erdbeben in Haiti beschloss, den Privatstrand Labadee auf Haiti sofort wieder fahrplanmäßig anzulaufen. Dafür muss sich Royal Caribbean übelste Beschimpfungen selbst in TV-Shows gefallen lassen.

Meine Meinung gleich vorweg: Royal Caribbean macht in Haiti so ziemlich alles richtig, was man richtig machen kann: Seit fast 30 Jahren schaffen die Kreuzfahrten für Labadee Arbeitsplätze – bis heute 320 direkte Jobs und ein Auskommen für noch einmal so viele, die indirekt vom Kreuzfahrt-Tourismus auf Haiti leben. Soll man diese Leute einfach in Stich lassen? Soll man sagen: “Sorry, bei Euch in der Nähe gab’s ein böses Erdbeben, deshalb machen wir Euch jetzt auch noch arbeitslos?”

Fernes Leid ist genau so groß wie nahes Leid, man muss es nur nicht sehen

Das gemütliche Schlürfen einer Margarita in der Hängematte wird nicht dadurch besser, dass es tausend statt hundert Kilometer von Port-au-Prince entfernt stattfindet. Der Kontrast zwischen Arm und Reich wird in Haiti lediglich so offensichtlich, dass man ihn nicht mehr geflissentlich ignorieren kann.

Erinnern wir uns an den schrecklichen Weihnachts-Tsunami von 2005. Die betroffenen Länder flehten den Westen geradezu an, möglichst schnell wieder Touristen zu schicken, um die Wirtschaft in Gang zu halten. Royal Caribbean hat selbstverständlich die haitianischen Regierung konsultiert um sicherzustellen, dass die Kreuzfahrtpassagiere und die Hilfslieferungen tatsächlich willkommen sind.

Die haitianische Regierung hat um Hilfe gebeten – sollen wir wirklich ablehnen? Aus Angst, wir könnten uns durch das Elend und Unglück peinlich berührt fühlen? Ich persönlich fühle mich am peinlichsten dadurch berührt, dass es Menschen gibt, die tatsächlich so denken und handeln.

Übersehen wir nicht: In Labadee gab es keinerlei Zerstörungen; die Touristen stapfen dort nicht etwa durch einsgestürzte Häuser und behindern Rettungskräfte bei der Arbeit. Und über Strandurlauber in der benachbarten Dominikanischen Republik in gleicher Entfernung zu Port-au-Prince regt sich niemand auf.

Das zutiefst inkonsequente, schlechte Gewissen

Auf Kreuzfahrtschiffen fällt die Konfrontation mit Armut besonders schwer – in einer Minute noch auf dem Luxus-Schiff, in der anderen Minute mit Armani-Sonnenbrille und Dolce-Gabbana-Handtasche in der staubigen Realität des Hafens von Alexandria, ein paar hundert Meter entfernt von Rios Armenvierteln oder im Tour-Bus mit einem einheimischen Führer, der gerade erklärt, dass 250 Euro in diesem Urlaubsland schon ein fürstliches Monatsgehalt sind.

Da ist es. Das schwammige, ungute Gefühl, helfen zu müssen, ohne es wirklich zu wollen. Manche würden das am liebsten ignorieren und reagieren abweisend und feindseelig, wenn der Blick auf die Realität unabwendbar ist.

Ausbeutung oder faire Geschäfte?

Schirmt ein All-inclusive-Anbieter eine Hotelanlage komplett ab, beschäftigt nur Ausländer (Argumente: Sprache, Qualifikation) und schafft womöglich noch einen Großteil des Essens aus dem Ausland heran (Argumente: Qualität, Hygiene), dann hat das Urlaubsland selbst tatsächlich nahezu nichts vom Tourismus. Das Unternehmen, die Touristen nutzt die Schönheit des Landes quasi umsonst. Jedem sollte klar sein: Das ist nicht recht.

Solche Fälle gibt es durchaus vielfältig, auch ganz in der Nachbarschaft von Haiti. Daraus pauschal Reisen in wirtschaftliche arme Länder zu verdammen und verantwortungsvolle Reiseunternehmen öffentlich zu beschimpfen, ist aber noch viel schlimmer.

Natürlich zieht Royal Caribbean aus seinem langjährigen Engagement auf Haiti auch wirtschaftliche Vorteile – schon weil die Löhne dort niedrig sind. Aber wer will denn ernsthaft erwarten, dass ein Wirtschaftsunternehmen kein Geld verdienen will? Nur wenn ein solches Vorhaben Vorteile für beide Seiten hat, können auch beide Seiten dauerhaft davon profitieren.

Wie geht es weiter in Haiti?

Zunehmend melden sich jetzt in Kreuzfahrt-Foren wie cruisecritic.com Leute zu Wort, die auf einem der Schiffe waren, die Labadee nach dem Erdbeben angelaufen haben. Und deren Meinung ist sehr eindeutig: Royal Caribbeans Entscheidung war absolut richtig.

Kreuzfahrt-Passagiere, die zukünftig in Labadee an Land gehen, werden noch lange spenden und helfen. Lange nachdem die TV-Teams aus Port-au-Prince abgerückt sind, lange nachdem keine Spenden-Kontonummern mehr in den Abendnachrichten mehr eingeblendet werden.

Kreuzfahrtexpertin Anita Dunham-Potter (@ExpertCruiser) brachte es auf den Punkt: “The RCCL/Haiti cruise story is a media-created mess. Big media has chosen to take the focus off the real story – helping Haiti.” – zumindest für US-Medien trifft das zu.

Beschimpfen wir nicht diejenigen, die in einer alles andere als perfekten Welt den Mut haben, Entscheidungen zu treffen und zu helfen, statt den Schwanz einzuziehen und sich davonzuschleichen.

Ich habe Royal-Caribbean-CEO Adam Goldstein im November 2009 kurz persönlich kennengelernt, deshalb erlaube ich mir, auch ein direktes Danke an ihn zu schicken: Danke für den Mut, die öffentliche Kritik auszuhalten. Danke für die Entschlossenheit, mit der Royal Caribbean in Haiti nachhaltig hilft.

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Ein Kommentar zu Royal Caribbeans mutige Entscheidung für Haiti

  1. Franz am Januar 28, 2010 um 7:29 pm

    Associated Press hat gerade einen sehr ausgewogenen und guten Bericht veröffentlich von einem AP-Reporter, der in Labadee war – nachzulesen bei USAtoday: http://www.usatoday.com/travel/cruises/2010-01-28-haiti-cruise-stops-tourism_N.htm

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