Strenge Abwasser-Vorschriften in der Ostsee ab 2021

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Nicht sauber genug für die Ostsee: geklärtes Abwasser eines Kreuzfahrtschiffs
Nicht sauber genug für die Ostsee: geklärtes Abwasser eines Kreuzfahrtschiffs

Die Abwasser-Entsorgung steht bei Kreuzfahrtschiffen selten im Fokus der Umweltschützer, anders als Treibstoffe und Abgas-Emissionen. Handlungsbedarf gibt es trotzdem: In der Ostsee gelten nämlich ab 2021 so strenge Vorschriften, dass auch die modernsten Kläranlagen an Bord der Schiffe nicht mehr ausreichen.

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Im April 2016 fiel die Entscheidung, einen Teil des Aktionsplan der Helcom in die international bindenden Vorschriften des Marpol Annex IV der UN-Organisation IMO aufzunehmen – kurz: die damit verbundenen Grenzwerte bei der Abgabe von Abwasser in die Ostsee sind danach für alle Passagierschiffe bindend.

Die Helcom (Baltic Marine Environment Protection Commission, kurz: Helsinki Commission) ist eine gemeinsame Organisation der Anrainerstaaten der Ostsee sowie der EU, die vor gut 35 Jahren gegründet wurde, um die Verschmutzung der Ostsee zu kontrollieren und zu reduzieren. Bereits auf deren ersten Treffen 1980 stand das Thema Abwasser von Passagierschiffen auf der Tagesordnung, das nun – rund 40 Jahre später – tatsächlich in strenge, bindende Vorschriften gegossen wurde.

Die neuen Abwasservorschriften gelten für Passagierschiff-Neubauten ab 2019 (Datum der Kiellegung) und für sämtliche Kreuzfahrtschiffe und Fähren ab 2021. Sie sehen eine intensive Reinigung von Abwässern vor, bevor sie in die Ostsee abgegeben werden dürfen. Werden die vorgeschriebenen Werte nicht eingehalten, muss das Abwasser komplett an Land entsorgt werden.

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Selbst moderne Kläranlagen an Bord reichen nicht aus

Moderne Kreuzfahrtschiffe sind zwar zumeist mit Kläranlagen auf ähnlichem Niveau wie sehr gute Kläranlagen an Land ausgerüstet. Mehrstufige, biologische Kläranlagen reinigen das Wasser und manchmal sorgt UV-Bestrahlung sogar zusätzlich für die Abtötung von Mikroorganismen. Das Ergebnis ist nahezu klares Wasser.

Unspektakulär, aber wirkungsvoll: Teil der Kläranlage der Allure of the Seas
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Die in der Clia organisierten Kreuzfahrt-Reedereien haben sich zudem eine Selbstverpflichtung auferlegt, generell kein ungeklärtes Abwasser ins Meer abzulassen und dokumentieren das auch mit entsprechenden Protokollen an Bord. Das Ablassen von ungeklärtem Schwarzwasser ins Meer außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone würden die internationalen Vorschriften nämlich durchaus zulassen.

Trotz moderner Klärsysteme an Bord erreicht aber nahezu kein Kreuzfahrtschiff heute die niedrigen Werte für Phosphate und Nitrate, die in der Vorschrift ab 2021 vorgesehen sind. Der weitaus größte Eintrag von Phosphaten und Nitraten in der Ostsee stammt zwar aus der Landwirtschaft, aber auch die Passagierschifffahrt soll ab 2021 ihren Beitrag zur Reduzierung leisten.

Häfen müssen Abwasser der Passagierschiffe abnehmen

Technisch ist die Filterung von Phosphaten und Nitraten an Bord prinzipiell möglich. Der Haken an den neuen Vorschriften ist: Die Häfen der Ostsee müssen das Abwasser der Passagierschiffe ohne extra Kosten annehmen. Auf den ersten Blick ist das für die Reedereien also einfacher und billiger als der Einbau von zusätzlichen, technisch und personell aufwändigen Filteranlagen.

Für größere Städte sind diese Abwassermengen grundsätzlich zu bewältigen, kleinere Kommunen stellen diese Anforderungen dagegen vor größere Herausforderungen. Nicht wenige von ihnen werden bis 2021 wohl die Kläranlagenkapazitäten und Abnahmevorrichtungen an den Kreuzfahrt-anlegern der Häfen erweitern müssen.

Gänzlich bei den Kommunen liegt der Schwarze Peter dennoch nicht: Denn die Kreuzfahrtschiffe dürfen keinesfalls Abwässer in die Ostsee ablassen, die nicht den Vorschriften entsprechen – auch dann nicht, wenn sie die Abwässer in den Häfen mangels Kapazitäten und Infrastruktur nicht loswerden würden. An Bord zwischenlagern können Schiffe das Abwasser aber nur zwei, maximal drei Tage.

Rund 200 Liter pro Person und Tag

Denn die Abwasser-Mengen, um die es geht, sind enorm: 180 bis 240 Liter pro Person und Tag sei der typische Wasserverbrauch auf einem Kreuzfahrtschiff, so Helge Grammersdorf, National Director der Clia Deutschland. Sinnvollerweise benötige ein Hafen daher eine Pumpleistung von mindestens 200, besser 300 Tonnen Abwasser pro Stunde – und die nötige Kläranlagen-Infrastruktur, um diese Abwässer auch verarbeiten zu können. Denn schon bei einem 2.500-Passagiere-Schiff zuzüglich Besatzung müssen pro Tag mindestens 700 Tonnen Abwasser verarbeitet werden.

Zum Vergleich: An Land liegt der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Deutschland bei 121 Liter (Zahl von 2014), international aber deutlich höher – in den Niederlande oder Spanien beispielsweise über 200 Liter. An Bord von modernen Kreuzfahrtschiffen wird das Trinkwasser übrigens hauptsächlich mit Osmose-Anlagen aus Meerwasser gewonnen und nur zu einem kleineren Teil im Hafen aus der örtlichen Wasserversorgung aufgenommen.

Bedarfsermittlung mit Simulation in der Sommersaison 2016

Die Vereinigung der Kreuzfahrtreedereien Clia arbeitet daher eng mit den Häfen zusammen und erfasst in der Sommersaison 2016 detailliert Daten, um festzustellen, an welchen Tagen wie viel Abwasser genau in welchen Häfen abgegeben werden müsste, um den Vorschriften gerecht zu werden. Helge Grammerstorf: „Mit dieser Simulation helfen wir den Häfen dabei, zu erkennen, welche Infrastruktur erforderlich ist, um Abwasser von Kreuzfahrtschiffen entgegennehmen zu können und somit eine faktenbasierte Diskussion mit Häfen und Behörden zu unterstützen.“

Denn auch die Clia weiß: Auf die eine oder andere Weise muss die Abwasserentsorgung bezahlt werden – ob über Kosten für die Nachrüstung von Filtern an Bord oder die Entsorgung an Land. Auch wenn die Häfen selbige formell ohne extra Kosten anbieten müssen, werden die Reedereien indirekt mit bezahlen müssen. Denkbar wären beispielsweise ein Anreiz zum Einbau von Filteranlagen über niedrigere Liegegebühren für Schiffe, die kein Abwasser abgeben. Oder im unangenehmsten Fall Beschränkungen bei der Zahl der Schiffe, die einen Hafen anlaufen können, weil nicht genug Abwasser-Entsorgungskapazität vorhanden wäre.

Nachrüstung der Schiffe oder Entsorgung an Land?

Für welche Lösung sich die Reedereien letztlich entscheiden werden, ob Entsorgung an Land oder Einbau von zusätzlichen Anlagen, könne im Einzelfall durchaus unterschiedlich sein, so Grammerdorf im Gespräch mit cruisetricks.de. Denn für ein Schiff, das die gesamte Saison in der Ostsee verbringt, lohne sich die Nachrüstung an Bord möglicherweise deutlich eher als bei einem Schiff, das nur sporadisch in diese Schutzzone einfährt. Außer der Ostsee sind ähnliche Schutzzonen an anderer Stelle derzeit nicht absehbar.

Eine Ausnahme gibt es bei den Abwasser-Vorschriften ab 2021 in der Ostsee übrigens: Bei direkten Fahrten aus der Nordsee nach St. Petersburg und zurück kommen die strengen Grenzwerte erst 2023 zur Geltung. Für Kreuzfahrtschiffe ist diese Passage jedoch kaum relevant. Bis 2021 muss die Entsorgung der Abwässer an Land oder die Reinigung an Bord von Kreuzfahrtschiffen in der Ostsee also sicher gestellt sein.

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2 Kommentare zu Strenge Abwasser-Vorschriften in der Ostsee ab 2021

  1. Christian e on Juli 6, 2016 at 11:28 am

    Franz, ein sehr guter Bericht – nur grundsätzlich kann man Phosphat und Nitrat nicht filtern – man spricht bei Phosphat von einer so genannten „Fällung“ (meist mit Eisen-III) und beim Stickstoff muss man eine Nitrifikation- bzw. Denitrifaktionsstufe einbauen – dies geschieht mit Mikroorganismen in bestimmten Reaktionsbehältern bzw. Becken.

    Weiterhin habe ich bei dieser ganzen Maßnahme gewaltige Bauchschmerzen: Ich unterstelle einmal, dass Kreuzfahrtschiffe inzwischen technisch ausgereiferte Kläranlagen besitzen als so mancher lokaler Hafen im Ostseeraum. Wer sagt mir denn, dass die Werte, die von den lokalen Kläranlagen der Ostseeanrainer bessere Einleitwerte garantieren als die der Kreuzfahrtschiffe? Nach den ganzen halbherzigen Emissionsvorschriften (da ja das (verunreinigte) Waschwasser der Scrubber wieder zurück in das Meer gekippt wird) kommt nun die nächste Gurke für die Reedereien auf den Tisch. Ich finde, hier wird das Thema sehr stark übertrieben – frage mich nur die ganze Zeit, welche Lobbisten dahinter stecken?

  2. Eike on Juli 7, 2016 at 9:08 am

    Den gleichen Gedanken bezüglich der Ausstattung der landseitigen Kläranlagen hatte ich beim Lesen des Berichts auch. Wenn das Wasser dann eben vom Schiff erst an Land gepumpt wird, und dann letztlich auch nicht besser geklärt über Flüsse zurück ins Meer fließt, ist doch nichts gewonnen. Und je nach Staat wäre ich mir auch nicht sicher, ob die Grenzwerte, falls sie dort genauso gelten, bei landseitigen Kläranlagen wirklich so streng überwacht werden.

    Neu war für mich an dieser Stelle übrigens, daß alle Clia-Mitglieder keine ungeklärten Abwässer einleiten. Von einigen Reedereien wußte ich es zwar, aber daß das mittlerweile (zum Glück) so großflächig entsrechend gehandhabt wird, ist gut zu wissen. Und wenn man sich anschaut, wer alles der Clia angehört, ist das ja doch der größte Teil der auf den Meeren verkehrenden Kapazitäten, insbesondere die Reedereien, die mit großen und sehr großen Schiffen unterwegs sind.

    Auf mindestens einem AIDA-Schiff (ich meine, es war AIDAsol) gibt es übrigens im Maschinenraum ein Aquarium, das mit Wasser gefüllt ist, das in der bordeigenen Kläranlage (nicht aus der Trinkwassergewinnungsanlage) aufbereitet worden ist. Die Fische darin erfreuen sich bester Gesundheit.

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