Überraschungen in der Offizierskabine

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Crewkabine: Privatsphäre hält sich in Grenzen

Crewkabine: Privatsphäre hält sich in Grenzen

Meine Beförderung vom Kellner zum Manager bei Carnival Cruise Lines war auch ganz wörtlich genommen ein Aufstieg: Meine neue Kabine lag sechs Decks höher als die Crewkabinen, die sich unter der Wasserlinie befanden. Als Junior Officer hatte ich zwar immer noch einen Mitbewohner in der Zweibettkabine, aber es ging aufwärts.

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Ich war jetzt am Offiziersdeck und ich musste nicht mehr bis lange in die Ruhezeiten hinein (nach 22 Uhr) den Wettstreit der verschiedenen Musikrichtungen der Crew ertragen (gewöhnlich indisch contra Hiphop). Die Monate davor hatte ich versucht, etwas Schlaf zu finden, trotzdem meine Hände und Füße in dem kurzen Bett gegen die von den Bässen der Musik wummernden Wände gepresst waren und ich mit Ohrstöpseln versuchte, Songtexte auszublenden wie beispielsweise „Yo, yo, ich hasse Polizisten und Schlampen, aber Polizisten und Schlampen laufen mir nunmal hinterher.“ Nun kam die Musik vom anderen Ende des Spektrums: „Lass‘ Dein Licht durch mich erstrahlen, oh Gott, mein Hirte.“

Mein Mitbewohner war nämlich ein wiedergeborener Christ aus Nordindien. Wenn Bogo nicht gerade lautstark betete (beim Duschen, Rasieren, Anziehen oder einfach nur so), dann versuchte er, mich zu bekehren. Er hatte so viele Bibeln, die er verschenkte, dass ich auf mein Regal verzichtete, damit er die Bücher lagern konnte. Keine große Sache, auch wenn ich selbst kein Christ mehr bin.

Bogo war ein netter Kerl. Er war etwas über Vierzig mit schon leicht ergrautem Schnauzbart und rasiertem Kopf. Eine seltsame Reihe von Narben verunstaltete seinen Hinterkopf, die so ähnlich aussahen, als hätte jemand seine Finger in feuchten Ton gedrückt. Wie er sich in diesen Dellen rasierten konnte, habe ich nie herausgefunden. Wie er dagegen zu den enormen, violettfarbenen Ringen um seine Augen kam, fand ich schnell heraus …

Brian David Bruns

cruisetricks.de-Gastautor Brian David Bruns ist der Autor der US-Bestseller-Reihe “Cruise Confidential” und sorgt mit seinem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen für Aufsehen.

Anstrengender als seine ständigen Predigten, dass ich in die Hölle kommen würde, waren allerdings die Fotos seines Babys, die er überall an die Wände geklebt hatte. Bogo war – ohne Angabe von Gründen – ein Urlaub verweigert worden, um bei der Geburt seines Sohnes dabei sein zu können. Die Fotos waren also alles, was der arme Kerl hatte. Mir ist klar, dass er diesen magischen, unbeschreiblichen Moment der Geburt erleben wollte. Aber ganz ehrlich: Ich wollte es nicht.

Hätte er mir nicht Fotos seines zwei Minuten alten Babys zeigen können, schön gewaschen, in eine warme Decke gewickelt, im Arm seiner Mutter? Stattdessen wurde ich bombardiert mit Juniors ersten, grausigen Sekunden in dieser Welt: verfärbt, schleimig und schreiend. Bogo hing nicht weniger als 15 solcher Hochglanzbilder in voller Größe neben seinem Bett auf. Die Bilder verstörten mich so sehr, dass ich in mein oberes Stockbett sprang wie ein Kind, das sich vor Monstern unter seinem Bett fürchtet.

Was mich an Bogo aber wirklich störte: Er schlief nicht, er war ein Insomniac. Ich fand das auf dramatische Weise heraus.

Am Nachmittag zwei Tage zuvor hatte ich die liebenswerte Stadt in Transsylvanien verlassen, in der ich Urlaub gemacht hatte (ich vermied es sorgfältig, diesen heidnischen Ort gegenüber Bogo zu erwähnen) und fuhr vier Stunden nach Brasov. Um Mitternacht fuhr ich weitere fünf Stunden nach Bukarest, gefolgt von einem frühmorgendlichen Flug nach Frankfurt. Dann ein elf-Stunden-Flug nach Chicago (mit lärmenden Kindern neben mir), gefolgt von einem weiteren fünf-Stunden-Flug nach New Orleans, um schließlich noch mehr als eine Stunde mit dem Taxi nach Gulfport in Mississippi weiterzufahren. Ich war todmüde, trat aber trotzdem sofort meinen Dienst am Schiff an – 15 Stunden durcharbeiten mit buchstäblich nicht einmal einer Viertelstunde Pause. Mir ist klar, dass man auf den unteren Management-Ebenen immer das Schlimmste abbekommt, aber auf Schiffen grenzt das schon an Irrsinn.

Irgendwann gegen 3:30 Uhr morgens war ich mit der Arbeit fertig und schlurfte in meine Kabine. Ich hatte 50 Stunden lang durch zahllose Zeitzonen hindurch kein Auge zugetan. Meine Augen brannten, mein Kopf hämmerte und meine Muskeln funktionierten kaum noch. Zu müde, um mich auch nur umzuziehen, wuchtete ich meinen schweren Körper in meine Schlafkoje für sagenhafte sechs Stunden Schlaf, bevor meine nächste Schicht anfing. Die Augen zu schließen war eine wahre Wohltat, das Jucken ließ nach, die Rötung wich wohltuend kühlem Dunkel. Dankbar schlummerte ich ein … bis eine Stimme im Befehlston rief: „Beichte Deine Sünden und ich werde mit Dir beten!“

Anmerkung: “Cruise Confidential”-Bestsellerautor Brian David Bruns schreibt regelmäßig Gastbeiträge für cruisetricks.de, in deutscher Übersetzung exklusiv.

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