Kreuzfahrtschiff, Sonnenaufgang

Die Kreuzfahrt im Dezember 2020: von Impfstoff-Hoffnungen bis Widrigkeiten in den USA

Ende November 2020 schwebt die Kreuzfahrt weltweit zwischen Frustration und positiven Signalen, zwischen Hoffnung und konkreten Neustart-Vorbereitungen: Nach einem relativ aktiven Sommer fahren aktuell immerhin noch eine Handvoll Schiffe. Wir fassen den Status der Kreuzfahrtindustrie zusammen, zeigen die aktuellen Trends und Entwicklungen.

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Die wahrscheinlich bald verfügbaren Impfstoffe wecken die größten Hoffnungen. Konkrete Auswirkungen auf die Kreuzfahrt dürften sie aber für die kommenden Monate nicht haben. In dieser Zeit stehen zunächst die Neustart-Bemühungen in den USA und in Großbritannien im Vordergrund. Von deren Erfolg hängt viel ab, denn die USA sind nach wie vor der deutlich größte Kreuzfahrtmarkt der Welt und damit für die Finanzlage der Reedereien wichtig.

Die Kanarischen Inseln und eingeschränkt Italien sind derzeit in Europa die einzigen Fahrtgebiete, in dem Kreuzfahrtschiffe unterwegs sind: auf den Kanaren die Mein Schiff 2 seit 6. November, die AIDAperla soll am 5. Dezember folgen, die AIDAmar am 20. Dezember, die Mein Schiff 1 am 17. Dezember. Und Hapag-Lloyd Cruises will am 4. Dezember die Europa 2 auf Kanaren-Kreuzfahrt schicken.

Für die Mein Schiff 1 hat sich TUI Cruises eine 35tägige Karibik-Reise von und bis Deutschland einfallen lassen. Die Nachfrage ist offenbar groß, obwohl zunächst weder der genaue Abfahrtshafen noch die angelaufene Karibik-Insel bekannt sind. Update: Die Reise wurde inzwischen abgesagt.

Für Deutsche wenig attraktiv sind die Italien-Kreuzfahrten der MSC Grandiosa und Costa Smeralda in Italien, solange sie bei der Rückkehr in Deutschland eine Quarantänepflicht besteht. Aber immerhin: Auch in Italien sind noch zwei große Schiffe in Dienst. Update: Die Italien-Reisen müssen zwischen 20. Dezember und Mitte Januar aufgrund eines neuen Pandemie-Dekrets in Italien pausieren.

Trend zu regional oder national beschränkten Quellmärkten

Wie der Neustart in Europa und Asien bereits gezeigt hat und die vorgeschlagenen Regeln beispielsweise in Großbritannien andeuten, wird es zunächst wohl Kreuzfahrten vor allem für regional eingeschränkte Zielgruppen geben. Am deutlichsten ist das aktuell in Asien zu beobachten.

Dream Cruises fährt schon seit 26. Juli mit der Explorer Dream exklusiv für den taiwanesischen Markt, mit der World Dream seit 6. November von Singapur aus nach dem gleichen Konzept. Zwei japanische Kreuzfahrt-Reedereien bedienen seit November ebenfalls jeweils den nationalen Markt. Royal Caribbean will im Dezember mit der Quantum of the Seas in Singapur starten und vermarktet diese Reisen ebenfalls nur regional. Die MSC Bellissima soll im April 2021 von Yokohama aus ausschließlich für den japanischen Markt fahren.

Wann internationale Kreuzfahrten und Fernziele wieder in größerem Umfang möglich sein werden, wird vor allem von den Reisebeschränkungen in einzelnen Ländern abhängen sowie von der Verfügbarkeit von Flugverbindungen, die derzeit drastisch eingeschränkt sind. Ein Zeitrahmen ist dafür schwer abschätzbar.

Impfstoff-Aussicht lässt Aktienkurse der Kreuzfahrtunternehmen steigen

Positive Signale kommen von der Börse: Die Ankündigungen mehrere Unternehmen einer baldigen Zulassung von Covid-19-Impfstoffen hat die Aktienkurse der Kreuzfahrt-Unternehmen in die Höhe schnellen lassen. Der Kurs der Aktie der Royal Caribbean Group beispielsweise stieg innerhalb eines Monats um mehr als 50 Prozent.

Auch bei den Buchungen melden Reisebüros und Kreuzfahrt-Unternehmen hohe Zahlen, die teils über denen aus Vergleichszeiträumen vor der Pandemie liegen. Allerdings bezieht sich das vor allem auf das zweite Halbjahr 2021 sowie auf 2022, wo auch längere Reisen und sogar Weltreisen wieder gefragt sind.

USA-Neustart schwieriger als gehofft

Schwieriger als erhofft gestaltet sich der Neustart der Kreuzfahrt im weltweit wichtigsten Markt USA, zunächst vor allem für die Karibik, im Frühjahr und Sommer dann aber auch für Neuengland- Kreuzfahrten sowie die wichtige Destination Alaska.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC hatte zwar Ende Oktober ihr prinzipielles Kreuzfahrtverbot aufgehoben, dafür aber sehr strenge Regeln und Bedingungen für einen Neustart aufgestellt. Daraufhin haben die US-Reedereien nach und nach Kreuzfahrten teils bis Ende März 2021 abgesagt, weil klar wurde, dass sie deutlich mehr Vorbereitungszeit benötigen.

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Der Zertifizierungsprozess für die Kreuzfahrtschiffe bei der US-Gesundheitsbehörde sei verbunden mit „Verzögerungen über das hinaus, was wir erhofft hatten, um unsere Schiffe wieder in Dienst zu stellen“, fasste es der CEO der Disney Co., Bob Chapek, in einer Telefonkonferenz zum Quartalsbericht des Unternehmens nüchtern zusammen.

Zugleich haben viele Reedereien Kreuzfahrten ab US-Häfen, die länger als sieben Nächte dauern, vorerst aus dem Verkauf genommen. Einige – wie etwa Holland America Line – haben diese Reisen bis Ende Oktober 2021 sogar schon ganz abgesagt. Denn bis 31. Oktober 2021 läuft nach aktuellem Stand die „Conditional Sailing Order“ der CDC, die keine Kreuzfahrten länger als sieben Nächte zulässt. Freilich hoffen die meisten Reedereien noch, dass diese Anordnung früher als erst im November aufgehoben wird.

Vorbereitungen in den USA laufen auf Hochtouren

Auch wenn die aktuell weiter sehr hohen Infektionszahlen in den USA wenig Hoffnung auf einen baldigen Neustart machen und die CDC Mitte November die höchste Reisewarnstufe für Kreuzfahrten ausgerufen hat: Die Vorbereitungen der Reedereien laufen auf Hochtouren. Denn bis die aufgelegten Schiffe wieder einsatzfähig und mit Crew besetzt sind sowie der Zertifizierungsprozess der CDC durchlaufen ist, dauert es ohnehin zwei, vielleicht drei Monate.

Die Reedereien verlegen zahlreiche Schiffe zurück in US-Gewässer, um mit der Zertifizierung zu beginnen. Einige Kreuzfahrtschiffe beispielsweise von Norwegian Cruise Line, die zuletzt im Sommer ihre Crew direkt nach Hause nach Asien gefahren hatten, holen Crew-Mitglieder dort nun auch wieder ab und machen sich ebenfalls auf den Weg in die USA. Royal Caribbean International sucht über die Facebook-Gruppe „Volunteers of the Seas“ nach Freiwilligen, die an den vorgeschriebenen Test-Fahrten vor dem offiziellen Neustart teilnehmen wollen – und der Andrang ist groß.

Sorge um Alaska-Saison 2021

Bis die Kreuzfahrtschiffe in den USA wieder in Fahrt kommen, ist die Hochsaison für die Bahamas und Karibik schon beinahe vorbei. Hinter der Alaska-Saison 2021, die fürs US-Geschäft im Sommer so wichtig ist und 2020 bereits komplett ausgefallen ist, steht aber ebenfalls noch ein Fragezeichen.

Kanada gestattet nach aktuellem Stand bis mindestens Ende Februar keine Kreuzfahrtschiffe in den Häfen des Landes und lässt keine Zweifel daran, dass dieses Verbot noch deutlich verlängert werden könnte. Sowohl für Neuengland- als auch Alaska-Kreuzfahrten benötigen die Reedereien aber mindestens einen kanadischen Hafen auf ihren Fahrtrouten. Das schreibt der amerikanische Passenger Vessel Service Act vor. Erste Stimmen fordern bereits, dieses ebenso umstrittene wie hartnäckige Gesetz für den Sommer 2021 auszusetzen.

Princess Cruises hat indes mit der Sapphire Princess bereits eines der sechs Schiffe, die ursprünglich 2021 in Alaska fahren sollten, nach Taiwan verlegt. Von Juni bis Oktober 2021 bedient das Schiff nun voraussichtlich den asiatischen Markt.

Grundsätzlich grünes Licht für die Kreuzfahrt in Großbritannien

Die Empfehlungen der Global Travel Taskforce der britischen Regierung vom 24. November stehen einem Kreuzfahrt-Neustart positiv gegenüber, sobald das auf sichere Weise möglich sei. Wegen der hohen Infektionszahlen in UK gibt es aber keinen konkreten Zeitpunkt, wann der dafür vorgesehene, schrittweise Neubeginn stattfinden kann. Die entsprechende Reisewarnung bleibt dementsprechend vorerst bestehen.

Die Branchenvereinigung Clia für UK und Irland rechnet einem Statement auf Twitter zufolge mit dem Beginn nationaler Reisen Anfang 2021 und zu internationalen Zielen im Frühjahr. Sie fordert, die pauschale Kreuzfahrt-Reisewarnung aufzuheben.

Was an dem Taskforce-Bericht positiv auffällt: Er erkennt ausdrücklich an, dass der Umgang mit den wenigen Fällen von Covid-19 an Bord von Kreuzfahrtschiffen in den vergangenen Monaten von den Reedereien erfolgreich und konform mit den neuen Covid-19-Protokollen abgewickelt wurden. Der Bericht führt auch die Konzepte von Reedereien, Verbänden und Organisationen zum sicheren Umgang mit der Pandemie an. Im Gegensatz dazu hält sich die amerikanische CDC in ihrer „Conditional Sailing Order“ immer noch viele Seiten lang mit der Situation zu Beginn der Pandemie auf und ignoriert weitgehend die erfolgreiche Sommersaison in Europa.

Wie schnell werden Covid-19-Impfstoffe der Kreuzfahrt helfen?

Große Hoffnung ruht auf den überraschend schnell entwickelten und demnächst zugelassenen Impfstoffen gegen Covid-19. Allerdings ist es derzeit noch zu früh, um genauer abschätzen zu können wie und insbesondere wann sich Covid-19-Impfungen auf die Kreuzfahrt positiv auswirken werden.

Ob beispielsweise eine Impfung für Passagiere zur Voraussetzung für die Teilnahme an einer Kreuzfahrt werden könnte, hängt nicht zuletzt davon ab, wann Impfstoff in ausreichenden Mengen auch für den freien Markt zur Verfügung steht und es eine ausreichende Zahl an bereits geimpften, potenziellen Kunden gibt.

Tatsächlich zeichnet sich aber ein erster Trend zu Reise-Angeboten mit Impfpflicht ab. Die australische Fluggesellschaft Quantas hat bereits angekündigt, eine Impfpflicht für Passagiere auf Langstreckenflügen einführen zu wollen. Andere Airlines setzen zunächst auf Einreiseregeln der angeflogenen Länder. In mehreren Urlaubsländern gibt es ebenfalls bereit erste Äußerungen, dass es eine Impfpflicht für Reisende geben könnte.

Relativ früh profitieren werden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit also diejenigen, die eine Impfung vorweisen können. Was in der aktuellen Diskussion um Covid-19-Impfstoffe jedoch bislang weitgehend unbeachtet geblieben ist: Es gibt kaum Erkenntnisse zur Frage, ob von geimpften Personen dennoch eine Ansteckungsgefahr ausgehen kann. Lediglich beim Impfstoff von Astra-Zeneca gibt es Indizien dafür, dass geimpfte Personen nicht oder weniger infektiös sein könnten. Bei den anderen beiden auf R-DNA basierenden Impfstoffen von Pfizer/Biontec und Moderna könnte es dagegen sein, dass sich geimpfte Personen dennoch mit Covid-19 anstecken und zeitweise infektiös sein könnten, auch wenn sie selbst keine Symptome entwickeln. Darauf weist unter anderem der renommierte US-Mikrobiologe Florian Krammer in einem Fachbeitrag in der Zeitschrift Nature hin.

Einen vielversprechenden Ansatz, der dieses Problem lösen könnte, beschreibt Max-Planck-Innovation in Hinblick auf eine Impfung per Nasenspray.

All das ist noch höchst unsicher, könnte aber bedeuten, dass auch mit Impfpflicht auf Kreuzfahrtschiffen der Mundschutz, Abstand, Corona-Tests und andere Hygienemaßnahmen nicht entfallen könnten, selbst wenn nur geimpfte Passagiere zugelassen würden.

Wirtschaftliche Lage der Reedereien und Folgen für die Wirtschaft

Die wirtschaftliche Situation der großen, börsennotierten Kreuzfahrt-Unternehmen erscheint nach wie vor stabil. In unserem Beitrag „Finanzen und Status der vier größten Kreuzfahrt-Unternehmen in der Corona-Krise“ aktualisieren wir weiterhin die öffentlich bekannten Kennzahlen. Bisher gelingt es den Reedereien offenbar gut, sich neue Liquidität über Anleihen und Ausgabe neuer Aktien zu verschaffen.

Zwei Veröffentlichungen haben Mitte November gezeigt, welche Auswirkungen der Stillstand der Kreuzfahrt auf die Wirtschaftsleistung und den Arbeitsmarkt in den USA und in Großbritannien hat. Die Branchenvereinigung Clia rechnet für die USA vor, dass in diesem Jahr mehr als 254.000 Arbeitsplätze verloren gegangen seien, die direkt oder indirekt an der Kreuzfahrt-Industrie hängen. Von 55 Milliarden Wirtschaftsleistung in den USA im Jahr 2019 seien in diesem Jahr mehr als 32 Milliarden verloren gegangen, schreibt USA Today.

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Der Report der Global Travel Taskforce in Großbritannien spricht für die sechs Monate von April bis September 2020 von einer verloren gegangenen Wirtschaftsleistung von rund 7,6 Milliarden Euro und einem Verlust an Arbeitsplätzen in Großbritannien von 52.700.

Schiffsverschrottungen

Traurig machen Kreuzfahrtschiff-Fans die Meldungen über immer mehr Schiffsverschrottungen. Mindestens 14 Kreuzfahrtschiffe sind der Coronakrise auf diese Weise bereits zum Opfer gefallen. Sehr wahrscheinlich werden es noch einige mehr werden.

Zu den Corona-Opfern unter den Kreuzfahrtschiffen zählt auch die deutsche Kreuzfahrtschiff-Ikone „Astor“. Sie wurde Mitte November im türkischen Aliaga zur Verschrottung auf Grund gesetzt. Ebenfalls in gewisser Weise eine deutsche Ikone ist die Marella Dream: Das offenbar zur Verschrottung vorgesehene Schiff lief 1985 als erstes dort gebautes Kreuzfahrtschiff in der Papenburger Meyer-Werft vom Stapel – damals unter dem Namen Homeric.

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