Die Passagiere sind schuld …

Menschen können wirklich nerven. Im Urlaub noch mehr als sonst, insbesondere auf Kreuzfahrt. Vielleicht nehmen einige an, dass schlechtes Benehmen okay ist, wenn einen niemand kennt. Vielleicht sind manche aber im Urlaub auch dermaßen entspannt, oder so sehr auf ihre hart erarbeitete Egozentrik fokussiert, dass sie ihre kleinen Gemeinheiten gar mehr nicht wahrnehmen. Und vielleicht sind einige auch schlicht Idioten. Sorry, aber ich bin einfach nur ehrlich.

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Manchmal benehmen sich die Gäste nur ganz im Kleinen daneben. Die ärgerlichsten Momente, an die ich mich aus meinen vier Jahren als Crew-Mitglied auf Kreuzfahrtschiffen erinnere, sind aber genau solche vermeintlichen Kleinigkeiten. Manchmal trifft einen ein leichter, aber überraschender Schlag heftiger als wirklich kräftiger Hieb – das kann jeder Mann nach einem Tiefschlag nur bestätigen. Ich glaube, das ist der Grund, warum sich diese Momente so eingeprägt haben.

Als Auktionator hatte ich auf meinem Schreibtisch alle möglichen Flyern, Broschüren und Büchern ausgelegt. Ich hatte alles „ship-shape“, wie man so sagt, in perfekten Stapel arrangiert. Ich brauchte dazu nur fünf Minuten, aber es gab mir das Gefühl von Zuversicht und Organisiertheit, ich war startklar. Doch die erste Dame, die zu meinem Tisch kam, knallte ihre gigantische Handtasche mitten auf meinen Schreibtisch, dass die Bücher zu Boden fielen und die Flyer in alle Richtungen durch den Korridor flogen. Dann fragte sie mich nach dem Weg zur Gangway … was für ungehobeltes Benehmen!

Brian David Bruns
cruisetricks.de-Gastautor Brian David Bruns ist der Autor der US-Bestseller-Reihe „Cruise Confidential“ und sorgt mit seinem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen für Aufsehen.

Einige Gäste verhalten sich aus ganz opportunistischen Gründen gründlich daneben. Auch in der folgenden Situation war ich als Auktionator auf einem Kreuzfahrtschiff, als eine Passagierin mich über regelrecht den Tisch ziehen wollte. Ein Verlängerungskabel, das ich an Deck mit Klebeband befestigt hatte, war nahe der Wand schon etwas lose. Eine kleine, ältere Asiatin lief geradlinig auf das andere Ende des Korridors zu und „stolperte“. In Wirklichkeit war es nur ein kleiner Fehltritt, der dazu führte, dass sie fiel. Nachdem ich mich nach ihrem Befinden erkundigt, mich entschuldigt und das Kabel wieder ordentlich befestigt hatte, dachte ich, die Sache sei erledigt.

Doch spät am Abend – um 23 Uhr, wenn ich das hinzufügen darf – wurde ich ins Büro des Hoteldirektors gerufen. Da stand die kleine, ältere Asiatin mit ihrer Tochter, mit der Absicht die Reederei zu verklagen, weil ich ein Rassist sei. Der Hoteldirektor betonte, wie absurd ein solcher Vorwurf sei auf einem Schiff, auf dem Crewmitglieder aus 60 Nationen zusammen arbeiteten. Also wollte sie nun mich persönlich verklagen.

Sie benutzt ihre Tochter als Dolmetscher, auch wenn sie zuvor in klarem Englisch mit mir gesprochen hatte. Sie behauptete, dass ich sie besser behandelt hätte, wenn sie weiß sei. Mit ihrer Tochter als Übersetzer sagte sie mir direkt ins Gesicht, dass ich ein Rassist sei. Über verbale Gehässigkeiten lache ich gewöhnlich einfach nur, aber diesmal war mir nicht nach Lachen. Ich fing an, sie anzuschreien – sehr zum Verdruss des Hoteldirektors. Unter anderem stellte ich klar, dass ich sogar schon einmal eine asiatische Freundin hatte. Das brachte sie zum Einlenken.

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Manches Fehlverhalten von Passagieren ist so ungeheuerlich, dass sich darin nicht weniger als blanker Hass offenbart. Als Kellner erlebte ich einmal eine Familie, die so gefräßig und egoistisch war, dass mein armer Hilfskeller buchstäblich einen Nervenzusammenbruch mitten im Restaurant erlitt. Es war das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Vielleicht schreibe ich zu diesem Alptraum mal eine eigene Geschichte, wenn ich es schaffe, die Ungeheuerlichkeit dieser Situation irgendwie in weniger als 700 Worte zu fassen. Eigentlich unmöglich.

Aber was auch immer der Grund für mieses Benehmen von Passagieren ist: Gewöhnlich ist es das Beste, sich davon nicht runterziehen zu lassen – weder als Crew-Mitglied noch als Mitreisender. Denn wenn sich die Regeln des Anstands anfangen, im Kreis zu drehen, dann könnte es passieren, dass der Finger mit Schuldzuweisungen in eine wirklich schockierende Richtung zeigt.

Nehmen wir als Beispiel die Costa-Concordia-Tragödie. Obwohl das Fehlverhalten dort wohl einzig und allein bei dem unbegreiflich dummen und feigen Kapitän Schettino lag, sieht dessen oberster Boss das anders. Carnival beschuldigt die Passagiere, an Schäden im Inneren der Costa Concordia Schuld zu sein.

Sie lesen richtig: Nachdem die Costa Concordia vor der italienischen Küste bei Giglio kenterte und 32 Todesopfer forderte, beschuldigte die Carnival Corp. jetzt Passagiere, an Schäden am Schiff verantwortlich zu sein – und nicht etwa die Abertausende von Litern Meerwasser, die ins Schiffsinnere liefen, nachdem das Schiff den Felsen gerammt hatte. Als geschädigte Passagiere, die Verwandten einiger Todesopfer, sowie einige Crew-Mitglieder gemeinsam einen Prozess gegen Carnival anstrengten, schoss der Kreuzfahrt-Konzern direkt zurück. In Dokumenten, die von Carnival vor dem US-Gericht eingereicht wurden, ist zu lesen: Fahrlässiges oder unachtsames Verhalten der Reisenden zähle zu den Gründen oder sei sogar der einzige Grund für die angeblichen Verletzungen und Schäden, die die Kläger in dem Prozess geltend machten …

Anmerkung: „Cruise Confidential“-Bestsellerautor Brian David Bruns schreibt regelmäßig Gastbeiträge für cruisetricks.de, in deutscher Übersetzung exklusiv.

(Bildquelle: Mangrove Mike, Lizenz CC BY 2.0)

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