Meyer-Werft, Papenburg

Harte Einschnitte in der Kreuzfahrt-Industrie bei Reedereien und Werften

Dass sich die Kreuzfahrt-Industrie als Ganzes nicht innerhalb kurzer Zeit von der Corona-Krise erholen und zu zweistelligen Wachstumsraten zurückkehren kann, wird immer deutlicher. Die Meyer Werft zeichnet in einem Youtube-Video ein dramatisches Bild in Hinblick auf Kreuzfahrtschiff-Neubauten. MV Werften kämpft mit Zahlungsschwierigkeiten und beantragt Hilfen bei der KfW. Und Royal Caribbean entlässt in den USA 26 Prozent der Mitarbeiter an Land.

Royal Caribbean Cruises Ltd. entlässt 26 Prozent der Büro-Mitarbeiter in den USA, rund die Hälfte davon in Florida. Das berichtet der Miami Herald. Demnach sind von der Kündigung etwa 1.300 Mitarbeiter betroffen. Der größte Teil der Mitarbeiter sitzt in Südflorida, aber das Unternehmen hat auch Call Center in Wichita, Kansas, und Springfield, Oregon.

Zu Royal Caribbean Cruises Ltd. gehören die Kreuzfahrtmarken Royal Caribbean International, Celebrity Cruises, Azamara Club Cruises sowie eine Mehrheitsbeteiligung an Silversea Cruises. Zu 50 Prozent ist Royal Caribbean TUI Cruise beteiligt, eine Minderheitsbeteiligung hält das Unternehmen außerdem an Pullmantur Cruises.

Rücktritt von Azamara-Chef Larry Pimentel

Überraschend hat der President und CEO von Azamara, Larry Pimentel, am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt gegeben. Ob sein Rückzug in Zusammenhang mit den am gleichen Tag bekannt gewordenen Entlassungen steht, ist unklar. Konkrete Hinweise darauf gibt es nicht. Nachfolgerin von Pimentel wird die bisherige COO von Azamara, Carol Cabezas.

Pimentel gilt als einer der Legenden unter den Führungskräften in der Kreuzfahrt-Industrie und ist seit 2009 bei Azamara. Zuvor war er CEO und Miteigentümer von Seadream Yacht Club (2001-2009), davor President und CEO bei Seabourn und Cunard Line (1992-2001).

Werft-Industrie besonders hart betroffen

Aus Sicht der Kreuzfahrtschiff-Werften könnte die Corona-Krise deutlich dramatischere Konsequenzen haben. Während die Reedereien den Betrieb auf absehbare Zeit schrittweise wieder hochfahren können, besteht zugleich kaum Bedarf an neuen Schiffen. In einem eindringlichen Video stellt die Meyer Werft die aktuelle Situation dar.

Video ThumbnailDass sich die Kreuzfahrt-Industrie als Ganzes nicht innerhalb kurzer Zeit von der Corona-Krise erholen und zu zweistelligen Wachstumsraten zurückkehren kann, wird immer deutlicher. Die Meyer Werft zeichnet in einem Youtube-Video ein dramatisches Bild in Hinblick auf Kreuzfahrtschiff-Neubauten. MV We

Geschäftsführer Thomas Weigend sagt: „Bis 2023 oder 2024 ist nicht mit der Bestellung von neuen Kreuzfahrtschiffen zu rechnen.“ Und käme es zur Insolvenz einer Reederei, wären dadurch relativ günstige Gebrauchtschiffe auf dem Markt, was Neubestellungen noch viel länger zum Erliegen bringen würde.

„Es werden in der nächsten Zeit einfach nicht mehr so viele Kreuzfahrtschiffe gebraucht und gebaut.“
Bernard Meyer

Weigend sagt weiter: „Kurzfristig können die Reedereien überhaupt keine Neubauten gebrauchen. Mittelfristig werden sie versuchen, Ablieferungstermine zu schieben und Optionen nicht einzulösen. Langfristig und somit über Jahre werden Reedereien keine neuen Kreuzfahrtschiffe bestellen.“

Feste Aufträge hat die Meyer Werft aktuell bis 2023, am Standort Turku bis 2024.

Im besten Fall werde man, so Weigend, in Papenburg die Kapazität von bisher zwei großen und einem kleinen Schiff pro Jahr auf ein großes und ein kleines Schiff anpassen müssen. Man werde versuchen, das aktuelle Auftragsbuch an allen Standorten zu strecken und führe dazu bereits Gespräche mit den Kunden. Die Arbeitsleistung würde dadurch um etwa 40 Prozent reduziert.

„Ich habe noch nie eine solche Krise erlebt.“
Bernard Meyer, seit 1973 in der Meyer Werft

Bernard Meyer erklärt, das Unternehmen habe nach der Ölkrise 1973 etwa 20 Jahre gebraucht, um wieder da zu sein, wo man 1973 war. „Deswegen bin ich leider der Überzeugung, dass sich auch der Kreuzfahrtmarkt nicht so schnell wieder erholen wird.“ Als Werft werde man „erst 2030 die Situation haben, die wir im letzten Jahr hatten.“

MV Werften beantragt Staatshilfen

Weitaus akuter sind die Probleme offenbar bei MV Werften. Dort können teilweise die Rechnungen für Zulieferer wohl schon jetzt nicht mehr termingerecht bezahlt werden. Die Werft hat Hilfen aus dem Corona-Sonderfonds der KfW beantragt, wie der NDR berichtet.

Im Bau befinden sich bei MV Werften derzeit drei Kreuzfahrtschiffe: Crystal Endeavor (Jungfernfahrt für November 2020 geplant), Global Dream im Bau (Fertigstellung für 2021 geplant) und ein zweites Schiff der Global-Class für Dream Cruises. Für Letzteres hat am 9. Dezember 2019 in Rostock die Kiellegung stattgefunden. Die Fertigstellung ist für Ende 2022 vorgesehen. Insider bezweifeln allerdings, dass das Schiff in der aktuellen Situation fertig gebaut werden kann. Laut NDR bezahlt die Werft die Zulieferer für dieses Schiff sowie die Crystal Endeavor nicht oder nur verspätet.

Die Genting-Group, zu der auch die Reedereien Crystal Cruises und Dream Cruises gehören, hatte im März 2016 die drei Werftstandorte der heutigen MV Werften von Nordic Yards übernommen. MV Werften beschäftigt nach eigenen Angaben rund 2.600 Mitarbeiter.

9 Kommentare

9 Kommentare zu “Harte Einschnitte in der Kreuzfahrt-Industrie bei Reedereien und Werften

  1. Die Kreuzfahrtindustrie wird wieder Fuß fassen, aber die Auswirkungen auf die Werftindustrie sehe ich genauso, wie im Artikel dargestellt!
    Hier muß der Staat mit einem Schutzschirm helfen!

  2. Ich bin absolut dagegen denn das bedeutet nicht das der Staat sondern der Steuerzahler ! dafür haftet.
    Rechne dir mal aus was das für Konsequenzen hat wenn die Betriebe pleite gehen.
    Genauso wie die Italiener Eurobonds wollten.
    Mit der Konsequenz das wir Steuerzahler für deren Schulden und Misswirtschaft mithaften !

  3. @Hans: Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. An solchen Betrieben hängen mehrere Zehntausend Arbeitsplätze direkt oder mittelbar dran, und zwar hier vor allem auch noch in strukturschwachen Regionen. Ziel der Staatshilfe, egal in welcher Form, ist der Erhalt der Arbeitsplätze. Würden die wegfallen, würde es den Steuerzahler viel mehr kosten, über Arbeitslosengeld, Fortbildungmaßnahmen, Hartz 4 etc.

  4. Ich glaube nicht, das der Kreuzfahrtmarkt, inkl. der Neubauten der letzen Jahre, noch lange in dieser Form gewachsen wäre. Vielleicht ist die aktuelle Situation auch eine Warnung dafür. Bei gefüllten Auftragsbüchern bis 2023 / 2024 nach einer Staatshilfe zu fragen klingt erstmal befremdlich, auch wenn mir bewusst ist, das ein neuer Auftrag eine längere Vorlaufzeit haben wird

  5. @Franz: Natürlich stimmt es das es 2 Seiten hat.
    Aber schon öfters wurden marode Betriebe mit Unterstützung künstlich am Leben erhalten und am Ende doch zugesperrt.
    Die Situation ist nicht einfach und es werden viele Unternehmen in fast allen Branchen leider Pleite gehen :-(

  6. Irgendwie verstehe ich Hans nicht so wirklich. Er will nicht, dass der Staat unterstützt, aber auch nicht, dass die Betriebe pleite gehen. Wenn also der Staat unterstützt und die Betreibe
    überleben, dann ist das schlecht, wenn der Staat aber nicht unterstützt und die Betriebe geschlossen werden, dann auch?

  7. @ Henry: Nicht der Staat sondern der Steuerzahler bezahlt diese Unterstützungen!
    Dieses Geld muss dann über Steuererhöhungen oder Einsparungen wieder hereingebracht werden.
    Wenn Geld in marode Betriebe gesteckt wird fehlt es an anderer Seite für Betriebe bzw. Branchen mit mehr Zukunft.
    @ Franz: Ich meinte nicht die Meyer Werft sondern eher die MV Werft und andere Branchen im allgemeinen.

  8. Ich denke nicht das die MV- Werften Marode sind res würde viel investiert um mit dem technischen Fortschritt stand zu halten. Sicherlich kann ein Unternehmen was 2016 neu gegründet worden ist nicht gleich mit der Meyer Werft mithalten dennoch gibt es mit Sicherheit weniger gut aufgestellte Werften in Norddeutschland.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.