MSC Grandiosa

Kreuzfahrt-Status: Covid-19-Schnelltests, Bubble-Konzept und langfristige Absagen für die Wintersaison

Nach monatelang jeweils kurzfristigen Absagen stornieren Reedereien ihre Kreuzfahrten zunehmend langfristig. Aber es gibt auch positiv Signale: Infektionsschutzkonzepte beim Neustart von TUI Cruises und MSC funktionieren offenbar. Neue Antigen-Schnelltests könnten den Neustart auch in den USA und in der Karibik deutlich erleichtern. Unser monatlicher Ausblick fasst die Entwicklungen zusammen und gibt einen Ausblick auf die kommenden Wochen und Monate in der Kreuzfahrt.

Die Kreuzfahrt-Welt schaut derzeit auf TUI Cruises und MSC sowie demnächst Costa in Europa, Dream Cruises in Taiwan sowie einige kleinere Schiffe. Viele fahren schon seit Wochen wieder ohne Zwischenfälle, sieht man von den groben Verfehlungen bei Hurtigruten einmal ab.

Mit Spannung verfolgen die Reederei-Verantwortlichen weltweit, wie der Neustart in Europa gelingt. Der bisherige Verlauf stimmt hoffnungsvoll, denn die Infektionsschutzmaßnahmen zeigen offenbar Wirkung. Bleibt es dabei, werden die Modelle von TUI Cruises und MSC zu Vorlagen für die Neustartpläne in den USA und liefern den Reedereien gute Argumente gegenüber den dortigen Gesundheitsbehörden.

Neustart-Kreuzfahrten zur Vertrauensbildung

Die derzeitigen Neustart-Kreuzfahrten mit Corona-Tests für alle Passagiere, teils ganz ohne Hafenstopps, teils mit Landgängen unter sehr restriktiven Bedingungen schafft vor allem eines: Vertrauen bei den Kunden. Das ist letztlich sogar wichtiger als die Frage, ob die aktuellen Reisen wirtschaftlich sinnvoll sind.

Nur wenn die Branche das Vertrauen der Passagiere zurück gewinnt und überzeugen kann, dass Kreuzfahrten auch in Coronazeiten weitgehend sicher sind, lassen sich die Buchungszahlen steigern. Kurzfristige Absagen durch überraschende, neue Reisebeschränkungen sorgen hier immer wieder für Rückschläge und schaffen ein Gefühl von Unsicherheit, ob eine gebuchte Reise nun eigentlich stattfinden wird oder nicht.

Daher fordert der deutsche Reiseverband von der Bundesregierung inzwischen auch lautstark eine verlässlichere Politik. „Der Schlingerkurs der Bundesregierung bei Reisen ist schädlich. Er verunsichert Reisende und schadet der Reisewirtschaft“, kommentierte Dirk Inger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reiseverbandes (DRV), die Beschlüsse vom 27. August zu Coronatests und Quarantäneregeln für Urlaubsrückkehrer.

„Bubble“-Konzept für Kreuzfahrtschiffe und Landausflüge

Zur Vertrauensbildung nicht nur bei Passagieren, sondern auch in den angelaufenen Hafenstädten trägt das „Bubble“-Konzept, das zuerst von MSC in sehr konsequenter Umsetzung vorgestellt wurde. Auch TUI Cruises will dieses Grundprinzip für die Griechenland-Kreuzfahrten mit Landgängen im September anwenden.

Das „Bubble“-Konzept sieht vor, Kreuzfahrtschiffe mit Passagieren und Crew zu einer Art geschlossener, nach innen und außen geschützter und abgeschirmter Umgebung zu verwandeln. Damit soll verhindert werden, das potenzielle Infektionen von außen auf das Schiff getragen werden oder Ausflüge zu Infektionen an Land führen. Mit zahlreichen Maßnahmen, insbesondere regelmäßigen Coronatests für die Crew sowie Tests bei allen Passagieren vor der Einschiffung, wird das Risiko eines Viruseintrags auf das Schiff minimiert. Tägliche Temperaturmessungen bei Crew und Passagieren an Bord sollen unerkannte Infektionen möglichst frühzeitig aufdecken.

Landgänge sind nach diesem Konzept nur streng kontrolliert in kleineren Gruppen vorgesehen. Dabei werden die Passgiere an Land so weit wie möglich von der lokalen Bevölkerung abgeschirmt, um wechselseitige Ansteckungen unwahrscheinlich zu machen.

Welche Konsequenz dabei nötig ist, hat MSC bereits demonstriert, als eine Familie, die sich bei einem Landausflug in Neapel von der Gruppe abgesetzt hatte, anschließend nicht mehr zurück an Bord durfte. Auch einer Gruppe von Franzosen, die gemeinsam einen Transferbus zum Schiff benutzt hatten, wurde das Boarding verweigert, nachdem einer von ihnen positiv auf Covid-19 getestet wurde.

Abgeschirmte Strand-Tage auf den Bahamas und in der Karibik

Vorstellbar ist das „Bubble“-Konzept auch für Strand-Tage. Auf den Privatinseln der Reedereien auf den Bahamas und in der Karibik ist es relativ leicht, Kontakt zwischen Passagieren und lokaler Bevölkerung zu vermeiden. Reedereien hatten diese Variante schon sehr früh in der Coronakrise ins Gespräch gebracht.

Ähnliche Ideen gibt es aktuell aber beispielsweise auch für einen Strandabschnitt in der Magens Bay auf St. Thomas für Passagiere der Schiffe von Disney Cruise Line.

Der Vorzug abgeschirmter Resorts oder Strandabschnitte gegenüber kontrollierten Landausflügen liegt vor allem darin, dass sich die Passagiere in dem vorgegebenen Rahmen an Land frei bewegen können und nicht auf eine Tour-Gruppe angewiesen sind.

Antigen-Schnelltests: billig, schnell und zuverlässig

Einen großen Fortschritt könnten neue Schnelltests für Covid-19 nicht nur für die Kreuzfahrt, sondern auch den Flugverkehr oder Großveranstaltungen bedeuten. Diese Antigentests kosten weniger als fünf Euro und sind nach aktuellem Kenntnisstand ähnlich zuverlässig wie PCR-Tests. Sie sind ohne aufwändige Laboranalysen direkt vor Ort durchführbar und das Ergebnis liegt innerhalb von weniger als 15 Minuten vor.

Laut einem Hersteller solcher Tests, Digital Diagnostics, hat der Antigentest auch den Vorteil, dass er das Virus direkt nachweist, sodass es Covid-19 schon in einem sehr frühen Infektionsstadium erkennen kann. Antigentests weisen Proteine des Virus nach, während PCR-Tests auf Erbgut des Virus abzielen.

Nicht verwechseln sollte man Antigentests mit Antikörpertests, deren Zuverlässigkeit und Aussagekraft für individuelle Diagnosen deutlich niedriger ist.

MSC setzt Antigentests als erste Teststufe für alle Passagiere vor der Einschiffung bereits ein. Positive Testergebnisse werden mit einem PCR-Schnelltest überprüft. TUI Cruises muss dagegen vorerst noch mit den zeitraubenden und vergleichsweise teuren PCR-Tests agieren. Denn in Deutschland gibt es Antigentests noch keine Zulassung. Die wird erst nach Abschluss klinischer Tests im Oktober erwartet.

Die bevorstehende Zulassung eines solchen Antigen-Testverfahrens in den USA hat am 28. August bei den Aktien der drei großen, börsennotierten Kreuzfahrtunternehmen einen Kurzsprung von rund zwölf Prozent ausgelöst.

Geduldsprobe Wintersaison

Trotz zunehmendem Vertrauen in die Infektionsschutzmaßnahmen der Reedereien steht der Kreuzfahrt in der anstehenden Wintersaison nicht nur eine Geduldsprobe bevor. Auch die Frage nach der Liquidität und dem Durchhaltevermögen einzelner Anbieter wird drängender. Zwar sind die drei größten, börsennotierten Kreuzfahrt-Unternehmen Carnival Corp., Royal Caribbean Group und Norwegian Cruise Line Holdings offenbar immer noch in einer passablen Verfassung. Aber auch hier rücken die prognostizierten Grenzen der Liquidität langsam näher.

Mit AIDA Cruises hat am 28. August weltweit die erste Massenmarkt-Reederei einen klaren und langfristigen Schnitt gemacht: Für November und Dezember sind insgesamt vier Schiffe für Reisen zu den Kanaren, im Mittelmeer und in Arabien geplant. Alle anderen Kreuzfahrten hat AIDA dagegen zumeist bis Mitte oder Ende März, aber teils auch bis in den April 2021 hinein abgesagt.

Zuvor hatten die meisten Kreuzfahrt-Reedereien bereits ihre Weltreisen für 2021 abgesagt, darunter Cunard (Queen Mary 2), Princess Cruises (Island Princess, Pacific Princess), Seabourn (Seabourn Sojourn), P&O Cruises (Arcadia), Holland America Line (Amsterdam), Fred. Olsen Cruises (Boudicca) und Regent Seven Seas Cruises (Seven Seas Mariner).

Zu unberechenbar und zu wenig planbar ist die Lage noch für die ersten Monate des kommenden Jahres für die zahlreichen auf Weltreisen angelaufenen Regionen und Ländern.

Für einen ständig aktualisierten Überblick aller derzeit abgesagten Kreuzfahrten, siehe unsere Tabelle im Beitrag „Coronavirus: Übersicht aktueller Kreuzfahrt-Absagen“.

Sehr international aktive Reedereien besonders betroffen

Besonders hart trifft die Coronakrise die Kreuzfahrt-Reedereien, die weltweit in zahlreichen Destinationen operieren und auf den zumeist längeren Reisen viele, verschiedene Länder anlaufen. Holland America Line hat daher beispielsweise den Betrieb schon bis 15. Dezember stillgelegt, Windstar Cruises, Viking, Crystal Cruises und G Adventures (G Expedition) bis 31. Dezember und Cunard Line je nach Schiff sogar bis mindestens 25. März 2021.

Vor einigen Wochen hatte Celestyal Cruises beschlossen, die dort üblicherweise ohnehin schwache Wintersaison aufzugeben und den Neustart auf 6. März zu verschieben. Einen ähnlichen Schritt hat Plantours für Hochseekreuzfahrten vollzogen. Die Hamburg geht erst wieder am 16. März in Dienst. Die chilenische Reederei Australis hat Ende August die komplette Saison 2020/21 abgesagt und wird erst wieder im September 2021 fahren.

US-Massenmarkt bleibt noch bei relativ kurzfristigen Absagen

Die meisten großen US-Reedereien halten dagegen derzeit – zumindest formell – noch an ihrem Absagezeitraum bis lediglich 31. Oktober fest, der von der Branchenvereinigung Clia beschlossen wurde. Die Clia geht damit einen Monat über die von der US-Gesundheitsbehörde herausgegebenen „no sail order“ hinaus. Dass diese Anordnung weiter verlängert wird, ist recht wahrscheinlich.

Richard Fain, Chairman und CEO der Royal Caribbean Group, hat in einem Interview von inzwischen immer mehr positiven Signalen für einen Neustart gesprochen, ohne für selbigen aber einen Zeitraum zu nennen. Arnold Donald, Präsident und CEO der Carnival Corp., sieht für 2020 durchaus noch Chancen.

Wintersaison in der Karibik möglich?

Für Fernreisen in die Karibik oder nach Asien ist das europäische Publikum in diesem Winter voraussichtlich kaum zu begeistern. Jedoch wären Bahamas, Bermudas, Mexikanische Riviera und vor allem die Karibik ein ideales Winter-Fahrtgebiet mit großem Volumen für den amerikanischen Markt.

Die Infektionszahlen in den USA machen jedoch wenig Hoffnung auf einen baldigen Neustart. Und auch in der Karibik steigen die infektionszahlen derzeit wieder an. Für die französischen und niederländischen Karibik-Inseln hat das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgesprochen. Die Cayman Islands haben eben erklärt, dass sie bis Ende 2020 keine Kreuzfahrtschiffe zulassen werden. Die anfangs für die Kreuzfahrt recht offen eingestellten Bahamas schlagen seit einigen Wochen einen deutlich zurückhaltenden Kurs ein. Andere Inseln verhalten sich ähnlich.

In Europa nur wenige Kreuzfahrten in der Wintersaison

In Europa zeichnet sich ab, dass in der Wintersaison nur relativ wenige der großen Kreuzfahrtschiffe fahren werden. Die beiden einzigen, echten Winterfahrtgebiete sind die Kanaren und Arabien, wo jeweils nicht allzu viele Schiffe gleichzeitig operieren können.

Im Mittelmeer sind Kreuzfahrten mit relativ kurzen Zubringerflügen oder individueller Anreise per PKW möglich. Allerdings ist das Wetter im Mittelmeer im Winter typischerweise nicht sonderlich stabil und die Temperaturen niedrig. Strebt man möglichst viele Aktivitäten im Freien und damit ohne Mund-Nasen-Schutz für die Passagiere an sind die Bedingungen hier nicht optimal. Unklar ist auch, wann der für die Kreuzfahrt so wichtige Hafen von Barcelona wider angelaufen werden kann. Derzeit lässt Spanien noch keine Kreuzfahrtanläufe zu.

Grundvoraussetzung ist aber bei allen Optionen die Entwicklung des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Reisebeschränkungen in Europa und in den Destinationen, auch in Hinblick auf bereits relativ lange Flugstrecken auf die Kanaren beziehungsweise nach Dubai und Abu Dhabi.

Stärken der kleinen Kreuzfahrtschiffe und der Flusskreuzfahrt

Viel besser ist die Situation für kleine Schiffe und noch mehr für die Flusskreuzfahrt. Die meisten der derzeit aktiven Kreuzfahrtschiffe fahren mit nur sehr wenigen Passagieren. Sie zeigen aber, dass diese Reiseform auch in Coronazeiten funktioniert: Hapag-Lloyd Cruises, Adler-Schiffe, Ponant, Seadream, Variety Cruises, Sailing Classics und einige mehr sind seit mehreren Wochen wieder aktiv.

Dass die Situation schnell kippen kann, hat Hurtigruten Ende Juli unfreiwillig demonstriert: Grobe Nachlässigkeiten beim Infektionsschutz und wenig konsequente Reaktion auf Covid-19-Infektionen an Bord der Roald Amundsen zwangen die norwegische Reederei, den Betrieb der Expeditionsschiffe nach eigentlich erfolgreichem Neustart wieder komplett einzustellen. Die klassische Postschiffroute entlang der norwegischen Küste wird aber weiterhin bedient.

Gut in Gang gekommen ist inzwischen das Geschäft für die Flusskreuzfahrt-Anbieter. Zahlreiche Schiffe sind wieder auf den Flüssen unterwegs, aus Infektionsschutzgründen mit reduzierter Passagierzahl aber oftmals recht gut gebucht.

Flusskreuzfahrtreedereien wie Ama Waterways und Uniworld, die bislang nur auf englischsprachigen Märkten und insbesondere in den USA unterwegs sind, entdecken das Potenzial bei europäischem und deutschem Publikum in der Flusskreuzfahrt. Ama Waterways hat eine Kooperation mit E-hoi gestartet, Uniworld will 2021 mit einer Generalagentur den deutschsprachigen Markt ansprechen.

Selbst steigende Infektionszahlen würden die Flusskreuzfahrt weniger hart treffen als die Hochseeschiffe. Zwar könnte Portugal mit dem Douro und Kreuzfahrten in Frankreich wieder ausfallen. Auch schließt beispielsweise Ungarn seine Grenzen zum 1. September wieder, was Donau-Kreuzfahrten deutlich einschränken könnte. Genaue Details sind (Stand 30. August) noch nicht bekannt. Aber zumindest bleibt für innerdeutsche Flusskreuzfahrten auf Donau, Main, Mosel und Rhein viel Raum für Alternativen.

4 Kommentare

4 Kommentare zu “Kreuzfahrt-Status: Covid-19-Schnelltests, Bubble-Konzept und langfristige Absagen für die Wintersaison

  1. @Hans: Ja, ist sie. Aber ob die nun auch noch im November gelten wird, wenn AIDA dort fahren will, ist alles andere als klar. Wir haben ja immer wieder gesehen, wie schnell sich das verändern kann. Insofern sehe ich da noch keinen Grund für längerfristige Probleme. Das muss man wohl einfach abwarten.

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