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TUI Cruises Mein Schiff FFP2-Maske

Meinung: Was es zu den vier Covid-19-Fällen auf der Mein Schiff 2 zu sagen gibt …

Ich hatte mich entschieden, auf cruisetricks.de nicht über die vier positiv auf Covid-19 getesteten Passagiere bei TUI Cruises auf der Mein Schiff 2 vom 5. Februar 2021 zu berichten. Warum, erläutere ich gleich. Doch in den allgemeinen Medien machte dieser „Corona-Ausbruch“ große Schlagzeilen. Das ist für mich nun der eigentliche Grund, doch etwas darüber zu schreiben.

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Zunächst aber möchte ich zur Einordnung der Situation ein paar Fakten zusammenfassen. Um die Bedeutung der vier Covid-19-Fälle auf der Mein Schiff 2 einschätzen zu können, halte ich es für wichtig, auf die Infektionsschutzkonzepte der Reedereien zu verweisen. Die Konzepte von TUI Cruises, MSC, Costa und Hapag-Lloyd Cruises habe ich selbst auch an Bord unter die Lupe genommen und beschrieben.

Für wichtig halte ich es auch festzuhalten, wie zuverlässig diese Konzepte offenbar funktionieren. Denn positive Covid-19-Fälle gab es an Bord von Kreuzfahrtschiffen seit dem Neustart im Juli 2020 nur sehr vereinzelt. Einen Überblick gibt die folgende Statistik.

Bekannte Covid-19-Fälle auf Kreuzfahrtschiffen

Es ist nicht ganz einfach zu beziffern, wie viele mit Covid-19 infizierte Passagiere und Crewmitglieder es an Bord von Kreuzfahrtschiffen seit dem Neustart gegeben hat. Anzunehmen ist, dass nicht alle Fälle öffentlich bekannt geworden sind. Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass ein größeres Infektionsgeschehen zumindest über Social-Media-Kanäle bekannt geworden und aufgefallen wäre.

Die in der folgenden Tabelle genannten Zahlen geben gesicherte Zahlen öffentlich bekannter Fälle wieder. In Europa und Asien, wo Kreuzfahrtschiffe wieder fahren, hatten die Schiffe zusammengenommen bislang rund 300.000 Passagiere an Bord.

ca. DatumSchiffPassagiereCrewgesamt
31.07.20Paul Gauguin101
01.08.20Roald Amundsen214162
27.08.20Silver Spirit011
19.09.20Finnmarken303
25.09.20Aranui 501010
07.10.20MSC Grandiosa011
14.10.20Costa Diadema808
26.10.20Jaques Cartier31013
06.11.20MSC Magnifica *202
11.11.20Seadream I729
05.02.21Mein Schiff 2404
17.02.21MSC Grandiosa101
26.2.21Mein Schiff 2213
Summe5266118

*bestätigte Fälle, tatsächlich wohl einige mehr
(Tabelle zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2021)

News-Relevanz der vier Fälle auf der Mein Schiff 2

Vor Beginn der Kanaren-Kreuzfahrt der Mein Schiff 2 wurden alle rund 1.000 Passagiere (negativ) getestet. Vor der Heimreise wurden alle erneut getestet. Dabei gab es vier positive Fälle, symptomlos oder mit nur leichten Symptomen. Diese Passagiere wurden isoliert und in Gran Canaria an Land unter Quarantäne gestellt, ebenso wie die 20 Erstkontakte, die man aufgrund der sofortigen Kontaktverfolgung identifiziert hat (neun Passagiere, elf Crewmitglieder).

Eine Woche später zeigte sich auch, dass es wahrscheinlich keine Folge-Infektionen gab. Alle Passagiere der nachfolgenden Kreuzfahrt hatten beim Test vor der Heimreise ein negatives Ergebnis. Für die ursprüngliche Berichterstattung ist das natürlich nicht relevant, weil diese Information erst später kam.

Stellen wir diese Situation in Relation zur Pandemie-Lage an Land:

In Deutschland gibt es zur gleichen Zeit täglich um die 10.000 Neuinfektionen, die auch nur deshalb entdeckt werden, weil die Betroffenen Symptome zeigen oder sich aus anderen Gründen testen lassen. Kontakt-Verfolgung funktioniert in den meisten Fällen nicht, weil die Inzidenzzahlen so hoch sind, dass die Gesundheitsämter nicht nachkommen. Quarantäneanordnungen für Kontaktpersonen gibt es daher zumindest nicht systematisch und oft nicht einmal für die Personen im selben Haushalt.

Warum sind vier Infektionen am Schiff relevant, Zehntausende andere Fälle an Land aber jeweils nicht?

Warum sind diese vier Infizierten auf einem Kreuzfahrtschiff, bei denen eine perfekte Infektionsschutzmaschinerie zur Verfügung stand, eine Meldung wert? Oder die Gegenfrage: Warum sind die 10.000 Infizierten an Land, bei denen es meist alles andere als optimal läuft und damit Kritik an den Abläufen angebracht wäre, jeweils keine eigene Schlagzeile wert?

Meine Entscheidung, keine News-Meldung zu schreiben, basierte auf dem Schluss, dass es schlicht an der nötigen Relevanz fehlte. Mir fällt kein vernünftiger und sachlicher Grund ein, darüber zu berichten. Nur Gründe, die nichts mit Fakten und Realität zu tun haben: allgemeine Ressentiments gegenüber der Kreuzfahrt. Missgunst und Neid. Sensationsgier. Ausnutzen der Vorurteile der Leser, um Auflage zu machen. Polarisieren der Gesellschaft. Anstacheln zu Hasskommentaren.

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Und was ist mit dem Interesse an und Recht auf Information der Öffentlichkeit?

Ein guter Punkt und wichtiger Punkt. Ich blende dafür einmal den weiter bestehenden Widerspruch aus, warum vier Infektionen unter kontrollierten Bedingungen auf einem Schiff so viel relevanter sein sollen als 10.000 an Land unter hinterfragenswerteren Umständen.

Journalistische Verantwortung

Als Journalist bin ich auch für die Wirkung dessen verantwortlich, was ich publiziere. Dazu stehe ich trotz der verbreiteten Tendenz, im Stil von Facebook und Twitter alles sofort und unhinterfragt rauszuballern und die Verantwortung für die Folgen den Rezipienten der Informationen zuzuschieben.

Deshalb gehört zur Abwägung, ob und wie ich etwas publiziere, auch die realistische Abschätzung, welche Wirkung mein Text entfalten wird. Je problematischer die Folgen eine Veröffentlichung wären, desto genauer muss ich abwägen, wie relevant eine Information überhaupt ist und ob der Nutzen einer Veröffentlichung überwiegt.

Da wird es leider kompliziert. Denn natürlich darf mich von einer Veröffentlichung nicht abhalten, dass ich auf Leser mit vorurteilsbehafteter oder bösartiger Einstellung oder schlicht Unwissenheit treffen könnte. Also doch veröffentlichen?

Ich habe mich dagegen entschieden, aber man kann das auch anders sehen. In jedem Fall sollte ein Journalist abwägen, in welcher Weise er eine solche Information veröffentlicht. Also gegebenenfalls insbesondere Hintergründe erläutern, eine Einordnung vornehmen. Für cruisetricks.de hatte ich entschieden, dass es für meine Leser keine nennenswerte Relevanz hat. Vielleicht war das eine Fehleinschätzung. Aber nur vielleicht, …

Der Kontext ist wichtig

… denn ich berichte regelmäßig auf cruisetricks.de über die Pandemie-Aspekte in der Kreuzfahrt, zeige Hintergründe auf, beleuchte Infektionsschutzkonzepte im Detail. Meine Leser wissen also auch um ein gewisses Risiko, dass es natürlich auch an Bord von Kreuzfahrtschiffen keine 100prozentige Sicherheit gibt. Dass diese Realität dann auch mal eintritt, ist also keine Sensation, vielmehr kaum noch eine Meldung wert. Denn es ist nichts anders passiert als Routine – ohne Anhaltspunkt für Fehlverhalten oder ein ungewöhnlicher Umstand. Letzteres wäre natürlich ein wichtiger Grund für eine Veröffentlichung.

Bei allgemeinen Medien, deren Leser nicht so tief in diesem Thema stecken, wird die Abwägung vielleicht anders ausfallen. Aber und insbesondere auch dort gilt: Bei so kritischen Themen wie der Covid-19-Pandemie kommt uns Journalisten eine besonders große Verantwortung zu. Ob wir das wollen oder nicht, beeinflussen wir maßgeblich die öffentliche Meinung und tragen damit zum Erfolg oder Misserfolg der Pandemie-Bekämpfung bei.

Das bedeutet nicht, dass wir brav auf Regierungslinie sein müssen. Ganz im Gegenteil: Die Aufgabe ist es, die Politik kritisch zu begleiten, Leser zu informieren, Missstände zu identifizieren, Alternativen aufzuzeigen, Hintergründe zu erläutern. Aber ausdrücklich nicht: selbst Politik machen oder gar den Lesern die eigenen, persönlichen Ressentiments unterjubeln. Oder Vorurteile der Leser zu bestärken, weil es mehr Auflage und Klicks bringt, wenn man der Masse nach dem Mund redet. Die Verantwortung muss im Vordergrund stehen, nicht der Profit.

Konstruktive Fragen statt negativer Stereotype

Geht man einmal einen Schritt zurück und lässt die negative Grundhaltung gegenüber der Kreuzfahrt außen vor, könnte man als Journalist auch die Frage stellen, warum es an Land trotz hartem Lockdown dennoch so viele Neuinfektionen gibt, wohingegen die Situation auf Kreuzfahrtschiffen trotz geringerer Einschränkungen, aber mit viel differenzierteren  Maßnahmen kaum nennenswerte Covid-19-Fälle gibt.

Eine offene Frage, ausdrücklich. Eine Antwort ließe sich über eine genaue Analyse finden. Das Ergebnis könnte jedenfalls überraschend sein und dazu beitragen, in der Pandemiebekämpfung voranzukommen.

Ein Konzept, das offenbar funktioniert, lohnt jedenfalls einen genaueren Blick, um daraus zu lernen. Keinen Nutzen hat dagegen eine Schlagzeile, die Vorurteile bestärkt und die Spaltung der Gesellschaft vertieft.

Hinweis: Ich freue mich auf eine Diskussion, die sich sachlich mit meinen Argumenten auseinandersetzt. Kommentare, die sich nicht auf das engere Thema dieses Beitrags beziehen oder sich nicht mit meinen Argumenten oder denen anderer Diskussionsteilnehmer auseinandersetzen, werde ich entfernen, Beleidigungen und Beschimpfungen im Interesse einer respektvollen Diskussionskultur ohnehin.

11 Kommentare

11 Gedanken zu „Meinung: Was es zu den vier Covid-19-Fällen auf der Mein Schiff 2 zu sagen gibt …“

  1. Schön geschrieben. Leider scheint es vielen Journalisten nur noch darum zu gehen, einen möglichst großen Skandal aufzudecken, wo gar keiner ist. Da werden Fakten verdreht, Informationen vereinfacht oder andere Fakten gleich weggelassen. Das trägt meiner Meinung nach nicht unbedingt dazu bei, die Glaubwürdigkeit in die Presse zu stärken.

    Das sieht man etwa auch am Beispiel der Berichterstattung zur Meyer Werft. Wenn man behauptet, die „Meyer Werft“ habe ihren Sitz in Luxemburg, dann ist das schlichtweg falsch. Noch lustiger wird es, wenn man im selben Satz erwähnt, man habe den Sitz von Papenburg nach Luxemburg verlagert. Die Meyer Werft sitzt tatsächlich aber nach wie vor in Papenburg. Was stimmt, ist dass der Sitz der Mutterholding nach Luxemburg verlegt wurde. Der war aber vorher in Rostock. Und dann gibt es auch noch Politiker, die diesen Unsinn als Tatsachen übernehmen.

    Ich habe das Gefühl, dass einige Journalisten einfach nur darum geht, zum Hass aufzustacheln. Und übertriebene Kritik und verdrehte Tatsachen, um nicht zu sagen Lügen, verkaufen sich nunmal besser. Da muss man sich auch nicht über Fake News-Vorürfe wundern.

    Ich sage es ausdrücklich: Pauschalen Lügenpresse-Vorwürfen möchte ich mich bestimmt nicht anschließen. Aber wenn einige meinen, auf falscher Faktengrundlage Berichterstattung zu leisten, dann schadet das dem Ansehen der Presse. Besonders bedenklich wird es natürlich, dass diejenigen, die den nächsten (angeblichen) Skandal aufgedeckt haben, aufgrund dessen auch allgemein die meiste Aufmerksamkeit erhalten (die sie ja auch gewollt haben).

    So spaltet man das Volk nur. Auf der einen Seite der Teil, der jeden Schwachsinn glaubt und sich an unternehmensfeindlicher Hetze und ähnlichem beteiligt, auf der anderen Seite das Lager, dass mit pauschalen Lügenpresse-Vorwürfen um die Ecke kommt, auch wenn letzteres ganz bestimmt nicht pauschal stimmt.

  2. Ich persönlich (und dabei schreibe ich ausdrücklich persönlich – weil ich möglichst darauf verzichte, meine Entscheidungen zur alleinigen Wahrheit zu deklarieren) verzichte auf Reisen – auch auf Kreuzfahrten. Schweren Herzens. Und das nicht, weil ich die Schiffsreise als das Corona-Risiko betrachte – sondern die Anreise. Die Hygienekonzepte auf den Schiffen erscheinen mir aus der Berichterstattung als sehr effizient (danke für die Berichte hier!) und auch zielführend. Die Kooperation und Akzeptanz der Gäste ist augenscheinlich sehr groß.
    Hier zeigt sich (wie auch bei der Durchsetzung von Energieeinsparungsmaßnahmen oder Umweltschutzkonzepten), wie gut ein relativ geschlossener Kosmos samt klarer Hierarchie an Bord dazu geeignet ist, daß Anweisungen auch durchgesetzt werden und nicht an jeder Stelle das Schlupfloch gesucht und ggf. auch gefunden wird. Wenn auf einem Schiff eine Entscheidung getroffen wurde, wird sie auch vollzogen.

    Leider funktioniert das im übrigen Alltag nach wie vor nicht zuverlässig (auch wenn die Maske auf Halbmast-Träger zumindest in Bayern sehr viel weniger geworden sind). Ich sehe leider aber das Ansteckungsrisiko im Flugzeug (trotz aller Beteuerungen der Fluggesellschaften) als weitaus höher (engerer Kontakt mit Mitreisenden über einen längeren Zeitraum, sehr lässige „Maskendisziplin“ in dem Moment, wo sich Passagiere unbeobachtet vom Personal fühlen. Von der Bahn ganz zu schweigen.

    Die Kreuzfahrt eignet sich natürlich zum Bashing auch in dieser Zeit – nachdem Urlaubsreisen nun ausdrücklich auf der Liste „Bitte nicht“ stehen und man zwar einen Trip nach Dubai einfach als Businesstrip verbrämen kann – sich bei einer Kreuzfahrt da aber eher schwer tut. Und Schlagzeilen wie „die Politik unterstützt die TUI, damit ein paar Leute High Life und Konfetti machen können, während der Rest nicht mal zum Friseur darf“ befeuern das natürlich.

    Vom Infektionsgeschehen ist die Kreuzfahrt komplett zu vernachlässigen – da hat hier ein Altenheim allein mehr Fälle als die ganze Branche zusammengerechnet gemäß der oben genannten Tabelle.

  3. Ich glaube, da muss ich betreffende Journalisten-Kollegen dann doch ein wenig in Schutz nehmen. Vielleicht abgesehen von wenigen Ausnahmen, die es immer und überall gibt, steckt hinter diesen Verhalten keine Absicht und sicherlich keine gezielte Strategie. Es ist letztlich eine ungute Mischung aus mehreren Faktoren, die da eine Rolle spielen:

    – Notorische Unterbesetzung vieler Redaktionen führt dazu, dass Redakteure wenig Fachwissen aufbauen können, weil sie ständig wechselnde Themen bearbeiten müssen. Der gleiche Aspekt führt dazu, dass auch beim Bearbeiten eines einzelnen Themas zu wenig Zeit da ist, um sich wirklich mit dem Thema zu befassen.

    – Extremer Zeitdruck, weil „das Internet“ extrem schnell ist und derjenige die meisten Klicks bekommt und am häufigsten zitiert wird, der am schnellsten ist. Wer sich da Zeit nimmt, erst ausführlich zu recherchieren (wenn er/sie denn die Zeit dazu hätte), ist im Nachteil.

    – Verlage sind heute viel mehr als früher Profit-orientierte Unternehmen, die nicht mehr von journalistisch geprägten Verlegerpersönlichkeiten geführt werden, denen die Verantwortung der Medien gegenüber der Gesellschaft besonders wichtig ist. Stattdessen werden Verlage und Medienbetriebe von Menschen geführt, die genauso gut eine Bank oder ein Industrieunternehmen führen könnten und wo Profit über allem steht. Ein besonders schwieriger Aspekt in diesem Themenumfeld, weil Medien-Unternehmen natürlich nie Wohlfahrtsverbände sind oder waren und sich schon immer auf diesem schmalen Grat bewegen mussten. Denn ein zahlungsunfähiges Qualitätsmedium bringt ja auch niemandem etwas.

    – Hinzu kommt mangelnde Medienkompetenz in weiten Teilen der Bevölkerung (=ein Problem des Bildungssystems), sodass die Leser/Zuschauer die Qualität von Informationen und Quellen nicht einschätzen und beurteilen können. Das führt dazu, dass – in der Masse gesehen – höhere Qualität (= längere Recherche, höhere Kosten, spätere Veröffentlichung) sich nicht auszahlt, also auch keinen wirtschaftlichen Anreiz darstellt. Einige sehr etablierte Qualitätsmedien und Nischenprodukte sind da eine Ausnahme.

    All das bitte nicht als Entschuldigung und Ausrede verstehen. Aber es erklärt, warum es so ist, wie es ist, ohne dass den einzelnen Journalisten daran eine direkte Schuld trifft. Und es gibt auch noch eine Vielzahl weiterer Aspekte, die da eine Rolle spielen. Letztlich ist niemand allein „Schuld“ und eine Lösung dieses Dilemmas ist reichlich komplex. Dennoch lohnt es sich natürlich, immer wieder darauf hinzuweisen und nach Lösungen zu solchen. Das klappt nur, wenn auch Menschen, die „Lügenpresse“-Schilder hochhalten, an der Lösung mitarbeiten. Hass und Ablehnung hat jedenfalls noch nie Probleme gelöst …

  4. Eine ganz große Bitte: Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich NICHT darüber diskutieren, ob es im Moment angebracht ist, auf Kreuzfahrt oder auf Reisen zu gehen und wie gut oder schlecht die Regeln eingehalten werden. Das ist ein anderes Thema und ich möchte die beiden Aspekte hier ganz bewusst nicht miteinander vermischen.
    In diesem Beitrag geht es mir um die Art und Weise der Berichterstattung über die Kreuzfahrt in der Pandemie. Und nur darüber möchte ich Kommentare hier akzeptieren. Das andere Thema darf gerne an anderer Stelle diskutiert werden, aber nicht unter diesem Beitrag.

  5. Meines Erachtens sind die Veröffentlichungen zu diesem Thema in allen Medien sehr tendenziös und der seit längerem zu beobachtende Journalismus ist auch nicht entschuldbar. Im Duktus unserer Kanzlerin („Am liebsten würde ich alle Reisen verbieten!“) werden die Urlauber, gerne Kreuzfahrer, an den Pranger gestellt (seht her, was denen passiert): vor Corona gerne aus ökologischen Gründen, was in Teilen auch diskutabel war, heute aus pandemischen Gründen. Leider gibt es in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen, die ihren Urlaub meinen verschweigen zu müssen, weil sie die Verurteilung durch andere fürchten. Deshalb sei Ihnen, Herr Neumeier, gratuliert und gedankt für Ihre Entscheidung, auf Basis von Fakten hierüber doch zu berichten. Ihr angedeutetes Politikversagen findet sich ja auch in den Kommentaren berechtigterweise wieder, wenn man die nicht regulierte Personenzahl im Flugzeug als Gefahrenquelle identifiziert und kritisiert. Dabei wäre es ein leichtes, die Anzahl der Fluggäste in einer Maschine durch verbindlichen Maßnahmen (z.B. freier Mittelsitz und / oder freie Sitzreihen) zu reduzieren. Den höheren Ticketpreis müssten wir dann als weitere Sicherheitsgebühr akzeptieren (aber vorübergehend doch eher gerne). Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass genau dieses Unsicherheitsgefühl erhalten bleibt.

  6. Lieber Franz,

    ob die Berichterstattung über Kreuzfahrt aktuell „ausgewogen“ ist oder nicht kann doch eigentlich „von innen heraus“ von Kreuzfahrern, von Kreuzfahrt-Journalisten gar nicht beurteilt werden.

    Das müssen wir, der wir von „innen“ auf die Kreuzfahrt blicken einfach akzeptieren.

    Ja die von Dir vorbildlich erarbeiteten Corona-Zahlen der Kreuzfahrt sprechen eine andere Sprache, als die derzeitig leider nötige Corona-Kreuzfahrt-Phobie, die wohl einer einzigsten Reederei beim Beginn der Pandemie zur verdanken sein dürfte.

    Akzeptieren müssen wir aber auch, dass der Erhalt einer nationalen Flug-Branche für ein Land essentieller ist, als eine Freizeit Branche. Ja ich stimme Dir zu, dass diese Freizeit-Branche weltweit viel zum Gleichgewicht, viel zum Erhalt von Arbeitsplätzen beiträgt. Das sollte man auch eher betonen, als verschweigen.

    Jedoch sollte man aus meinerSicht auch bei einem anderen Aspekt trennen: Wachstum der Kreuzfahrt-branche/-schiffe und tendentielle Berichterstattung über die Kreuzfahrt.

    Durch ein Größenwachstum einer Branche, „immer mehr vom selben“, werden die Dinge nicht besser, nimmt die Vielfalt, die Verträglichkeit, die Ausgewogenheit ab. Noch eine Ems-Vertiefung für noch größere Schiffe? Noch ein Hafen der die Verkehrsprobleme aus 5000 Touristen gleichzeitig bewältigen soll?
    Doch ein derartigere Wandel muss „von außen“ kommen. Keine Branche wird freiwillig anders. Immer mehr vom gleichen ist einfacher.

    Insofern komme ich zu einer anderen Wahrnehmung. Das „Schlecht Machen“ ist ein psychologischer Prozess, Dinge auch einmal Lassen zu können. Vielleicht kann man auch sagen, dass dies eine emotionale Reaktion von Journalisten mit wenig Fachwissen ist.

    Oder anders formuliert :
    Solange das Größen-Wachstum von Kreuzfahrtschiffen (wie vor Corona) anhält, muss eine Branche auch tendentiell unausgewogene Kritik aushalten können.

    Dabei ist mir klar, dass das Hauptproblem der Kreuzfahrt während/nach Corona, zu viele zu langfristige Neubauverträge von zu großen Schiffen ist, die zunehmend weniger Häfen finden, in denen die gleichzeitig auftretenden großen Menschenmassen von Bord willkommen sind. Doch dieses Problem ist von der Kreuzfahrt-Industrie selbst gemacht. Und sollte endlich deutlicher geändert werden.
    Jetzt endlich den Umweltschutz (Antriebstechnologien, Emissionen) intensiver zu betrachten reicht nun nicht mehr. Vielleicht zwei Aspekte hierzu:
    1) Warum ist es nach wie vor Standard nur einen Tag ja Hafen anzubieten? Gehört zu einer nachhaltigen Beschäftigung mit Reisezielen nicht auch ein längerer Aufenthalt als wenige Stunden dazu? Ich kann mich an keinen einzigen Bericht hierzu erinnern, dass derartiges angekündigt wird. Dabei würde dies gerade in Corona-Zeiten, wenn Landgänge schwieriger sind, doch Sinn machen.
    2) Gehört nicht auch eine Auftrags-Wandlung von „einem zu großen Neubauschiff“ in „zwei kleinere“ ebenfalls dazu? Den Werften sollte es doch egal sein, wie sie ihre Arbeitsplätze sichern, ob ein großer Auftrag oder zwei kleine. Doch momentan werden nach wie vor kleinere Alt-Schiffe irgendwie „an den Mann gebracht“ und größere Neubauten in Vor-Corona-Denkweise trotzdem gebaut. Ja eine derartige Wandlung eines Auftrages ist schwierig. Doch auch hier, hat sich noch keine Werft damit geschmückt: Wir können das. An eine „Vor-Corona-Ablehnung“ des Neubaus von kleinen Kreuzfahrern kann ich mich dagegen sehr wohl erinnern. Auch das war der Umsatz mit großen Schiffen leichter als mit kleinen.

    Für mich gibt es innerhalb der Kreuzfahrt Branche somit mehr zu tun, als nur eine tendentiell ausgewogenere Berichterstattung zu fordern. Ja dies ist in Zeiten ohne Einnahmen sehr schwierig, gehört für mich aber zu einem Neustart-Plan dazu.

    SG
    Ronald

  7. Lieber Ronald,

    einschwieriges Thema, über das man sehr lange und ausführlich diskutieren kann. In einigen Punkten sehe ich es deutlich anders und habe es in meinem Beitrag auch anders gemeint:

    Ich denke sehr wohl, dass man auch als ein auf Kreuzfahrten spezialisierter Journalist beurteilen kann, ob eine Berichterstattung ausgewogen ist oder nicht. Dafür lernt man das Journalisten-Handwerk, um klar differenzieren zu können und Dinge quasi „von außen“ zu betrachten. Das sollte den Journalisten unterscheiden vom Facebook-User, der ausschließlich aus seiner persönlichen, subjektiven Meinung heraus kommentiert

    In einem stimme ich zu: Kritik kann auch heftig ausfallen und eine leistungsstarke Branche kann und muss das auch aushalten.

    Wichtig ist dabei aber, zwischen „Meinung“ und „Fakten“ zu unterscheiden. Da liegt der entscheidende Punkt. Kritik muss immer und ausnahmslos auf Fakten basieren. Sobald persönliche Ressentiments mit Fakten gemischt werden, sobald Vorurteile, sachliche Fehler und sachfremde Fakten mit hineinspielen, ist es keine ausgewogene Berichterstattung und das kann jeder beurteilen, denn es ist eigentlich ganz leicht festzustellen.

    In Deiner Argumentation – verzeihe mir, wenn ich das so sage – geht genau auf diese Weise sehr viel durcheinander. Das größte Problem sehe ich auch in vielen Medienberichten zur Kreuzfahrt darin, dass unhinterfragte (falsche) Grundlagen und (zumeist unausgesprochene, aber mitschwingende) Werturteile mit Fakten vermischt werden – nach dem Motto „jeder weiß ja, dass die Kreuzfahrt ganz böse ist, das muss ich gar nicht mehr beweisen“. Solche latente Grundannahmen sind z.B.:

    – Reise braucht die Gesellschaft tendenziell nicht, ist Luxus, Vergnügen, kann zur Not weg. Dahinter steckt aber etwas ganz gefährliches, ohne dass man sich dessen wohl bewusst ist: autokratisches Denken. Eine selbst ernannte Instanz entscheidet, was für alle gut oder schlecht sein soll; „die allgemeine Meinung“, oder was als solche wahrgenommen wird, entscheidet plötzlich willkürlich, dass „gelbe Autos“ böse sind, „rot-lila gestreifte Autos“ dagegen gut. Das passt aber nicht zu einer freiheitliche-demokratischen Gesellschaft. Also darf die Grundannahme „Reise kann weg“ (oder in meinem schrägen Beispiel „gelbe Autos können weg“) nicht Grundlage von neutraler Berichterstattung sein, sondern muss separat diskutiert (und ggfs. in einem demokratischen Prozess beschlossen) werden.

    – Große Schiffe sind schlechter als kleine. Warum? Weil manche Menschen emotional mit großen Schiffen „böse Hochhäuser“ verbinden? Weil sie lieber zum Schnäppchenpreis Luxusprodukte haben möchten und deshalb das, was sie mit Massenmarkt/Nicht-Luxus verbinden, als für dieses Ziel störend ablehnen? Ich provoziere hier mal absichtlich ein wenig ;-) … Beim 5-Euro-T-Shirt vom Discounter stört es außer ein paar Umweltschützern kaum jemanden, dass diese Shirts nur produziert und angeboten werden können, weil sie (u.a.) auf immer noch größeren Frachtschiffen relativ billig um die halbe Welt transportiert werden können. Zu einer ausgewogenen Berichterstattung würde gehören, die Größe der Kreuzfahrtschiffe in Relation zu setzen zu ähnlichen Phänomenen in unserem normalen Wirtschaftsalltag, denn sonst erzeugt man den latent-absichtlichen Eindruck, dass nur große Kreuzfahrtschiffe allein das Problem seien (wenn sie denn überhaupt ein Problem sind, was oft wie selbstverständlich angenommen wird, ohne es zu belegen) und ignoriert den Zusammenhang, dass der größte Teil unserer Wirtschaft auf dem gleichen Prinzip basiert.

    – Emsvertiefung (u.ä.): klar, ein großes Thema, wichtig zu diskutieren; Journalistenpflicht. Aber: Es muss thematisiert und als solches diskutiert werden. Und darf nicht einfach als latente Ablehnung der Kreuzfahrt gegenüber unausgesprochen in eine (dann eben nicht mehr ausgewogenen) Berichterstattung als negativer Grundtenor einfließen.

    – Ich bin skeptisch, aber das ist nur meine Meinung, wenn gefordert wird, „Branche X“ oder „Branche Y“ solle etwas lösen, was außerhalb der Branche als Problem empfunden wird (also: Kreuzfahrtschiffe müssen kleiner werden, müssen mehr in Umweltschutz investieren, etc.). Klar, das ist idealistischerweise wünschenswert. Aber es geht doch an der Realität unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems vorbei.

    Wirtschaftsunternehmen sind keine Gemeinwohl-Verbände, sondern gewinnorientiert Unternehmen. Sie tun im Rahmen des Systems und im Rahmen der Gesetze das, was wirtschaftlich sinnvoll ist, wofür es Nachfrage gibt, was der sicherste Weg zum Erhalt des Unternehmens und für Wachstum ist. Einem Unternehmen das vorzuwerfen, ist eigentlich Unsinn. Vielmehr sollte die Gesellschaft diskutieren und demokratisch beschließen, die Regeln so zu ändern, dass die Verbesserungen erreicht werden, die man sich wünscht. Dann schafft man nämlich Wettbewerbsgleichheit für alle Unternehmen und erreicht damit Veränderungen.

    Niemand, der z.B. unser Steuersystem als ungerecht empfindet, würde zum Finanzamt gehen und sagen: „Okay, ich profitiere da von einem Paragrafen, der eigentlich ungerecht ist. Um das zu verbessern: hier, nehmt 1.000 Euro extra von mir.“ Aber warum erwarten wir dann von Unternehmen ein Verhalten, dass äquivalent genau das tut – auf Profit verzichten, obwohl dieser Profit ganz legal ist?

    Meine Antwort ist schon viel zu lang, aber schnell noch angemerkt: Mehrtägige Aufenthalte gibt es in der Kreuzfahrt durchaus Reedereien wie Oceania, Azamara etc. machen damit sogar intensiv Werbung und verstehen es als USP für ihre Produkte. Große Schiffe funktionieren nach einem anderen, wirtschaftlichen Prinzip: Die Reise als solche ist relativ günstig, Geld wird viel stärker durch Umsatz an Bord verdient. Da macht’s keinen Sinn, wenn man den Passagieren zu viel Zeit an Land zum Geldausgeben gibt. Das kann man kritisieren, aber Fakt ist halt: Es gibt große Nachfrage nach dieser Art von Kreuzfahrt. Und wo Nachfrage ist, entsteht auch Angebot.

    So, jetzt „over und aus“. Das einfach als ein paar weitere Denkanstöße zu diesem ziemlich komplizierten Themenkomplex ;-)

    Herzliche Grüße
    Franz

  8. Eine Anmerkung zum genannten Termin 5.2.20 Mein Schiff 2 4 gemeldete Infektionen
    Da wir für Ende März 21 eine blaue Reise planen und uns mit der Infektionsgefahr auf dem Schiff wie beim Flug auseinander setzen, gehe ich davon aus, dass richtigerweise das Datum 5.Febr. 2021 heißen muss.
    ( aus Gründen der Aktualität für uns wichtig)
    Josef

  9. Eine – soweit möglich – vollständige Berichterstattung hilft m. E. Vertrauen zu untermauern.
    Vielen Dank für die Tabelle. Ist für die Zukunft die Einbeziehung der Flussschiffe geplant?

    Laut „Giornale di Sicilia“ vom 17. Februar 2021 wurde auf der „MSC Grandiosa“ ein Passagier positiv getestet.

    Mit herzlichen Grüßen

    Cornelia

  10. @Cornelia: Ich werde die Statistik bei mir weiter führen und bei Gelegenheit mal wieder einen Beitrag zu dem Thema schreiben. Aber die Tabelle in diesem Beitrag werde ich nicht aktualisieren; der Organisationsaufwand dafür ist zu hoch und der Beitrag bezieht sich ja auf die konkrete Situation bei TUI Cruises zu diesem Zeitpunkt, insofern würde man eine allgemeine und aktualisierte Statistik hier dann später auch kaum mehr später finden. Thema Flussschifffahrt: Da ist die Informationslage leider so schwierig und intransparent, dass es kaum möglich ist, auftretende Fälle sinnvoll zu erfassen, zumal zumindest in der Vergangenheit am Fluss vor oder während der Reise ja auch keine Tests durchgeführt wurden.

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