Podcast: Arbeitsbedingungen für die Crew von Kreuzfahrtschiffen

(aktualisiert) - Franz Neumeier & Jérôme Brunelle
cruisetricks.de Kreuzfahrt-Podcast
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Ein immer wieder erhobener Vorwurf an die Kreuzfahrt sind die Arbeitsbedingungen der Crew an Bord: Die Arbeitszeiten seien zu lang, bei den Arbeitsverträgen über viele Monate hinweg gebe es keine freien Tage und die Gehälter seien schlecht. Wir beleuchten die Arbeitsbedingungen der Crew auf Kreuzfahrtschiffen in dieser Podcast-Episode ausführlicher.

Wir sprechen über Bezahlung, Arbeitszeiten und Qualität der Arbeit an Bord. Vor allem aber diskutieren wir differenziert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln, warum die Bedingungen so sind, wie sie sind und nach welchen Maßstäben man das beurteilen kann oder sollte. Wir versuchen, die Perspektive der Crew-Mitglieder einzunehmen, wir ziehen Parallelen zu anderen Urlaubsformen und diskutieren, wie deutsch oder wie international die Kreuzfahrt eigentlich ist und an welchen Maßstäben sie sich deshalb orientierten könnte oder sollte.

Besonders freuen wir uns bei diesem Thema aber auch auf da Feedback unserer Hörer: Was halten Sie von dem Thema? Was sind Ihre Erfahrungen? Und wären Sie dauerhaft und wirklich bereit, wesentlich höhere Preise für eine Kreuzfahrt zu bezahlen, wenn die Reedereien die Gehälter und Arbeitsbedingungen für die Crew ändern würden?

10 Kommentare zu “Podcast: Arbeitsbedingungen für die Crew von Kreuzfahrtschiffen

  1. Wieder ein sehr informativer Podcast.
    Eines habt ihr aber meiner Meinung nach vergessen: Es hört sich gut an das Angestellte an Bord keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen aber dann erhalten sie sicher kein Arbeitslosengeld und für die Rente fehlen auch ihre Beiträge.

  2. @Hans: Ja, stimmt. Das Thema hat sehr viele Facetten (und unterscheidet sich teils natürlich auch von Reederei zu Reederei, wobei die Infos dazu meist auch gar nicht zugänglich sind).
    Man sollte glaube ich die Arbeit als Crew auf einem Schiff einfach nicht mit einem deutschen Angestellten-Arbeitsvertrag vergleichen. Das sind ja immer nur Zeitverträge für 6, 8 oder 9 Monate. Außerhalb dieser Zeiten ist die Crew nicht bei der Reederei angestellt. Arbeitslosengeld und Rente sind bei weitem nicht in allen Ländern dieser Welt normal oder gar existent; auch nicht in Industrie-Nationen. Ich glaube, das man sich da einfach bei dem internationalen Geschäft „Kreuzfahrt“ von deutschem Gewerkschafts- und Sozialstaat-Denken lösen muss, weil Deutschland (so schön es wäre!) da nicht der Maßstab ist. Wie bei dem im Podcast angesprochenen Beispiel eines vorwiegend von deutschen Touristen bewohnten Urlauber-Hotels in der Türkei befinden wir uns halt – wie auf einem Kreuzfahrtschiff – nicht in Deutschland und nicht im deutschen Rechts- und Sozialsystem.
    Wichtig ist mir zu betonen: Es wäre schön und wünschenswert, wenn die Bedingungen für die Crew näher an unseren deutschen Vorstellungen liegen würden, aber das ist international halt einfach nicht die Realität. In der Konsequenz dürften wir auch keine in Asien hergestellten Kleider oder Elektronik-Artikel mehr kaufen, weil die auch nicht nach unseren Sozialstandards produziert werden. Nur weil der asiatische Fabrikarbeiter sich nicht in unserem direkten Blickfeld bewegt, geht’s ihm dadurch ja nicht besser als einem asiatischen Crewmitglied auf einem Schiff, das wir mit eigenen Augen sehen.
    Sehr schwieriges Thema …

  3. Ja sehr schwieriges Thema.
    Und irgendwie bin da ein Laie ;-) denn ich wundere mich das bei Reedereien wie zb Costa die unter italinischer Flagge fahren nicht die italienischen Arbeitsgesetze gelten wo doch Italien starke Gewerkschaften hat und früher wegen jeder Kleinigkeit gestreikt wurde.
    Das die Phillipinischen Bediensteten sich nicht trauen etwas zu sagen ist mir klar aber viel weniger das auch Deutsche bereit sind zu diesen Bedingungen zu arbeiten.
    Was ich noch wissen wollte: wie ist es wenn das Personal nach zb 8 Monaten von Board geht?
    Ist das ihr Urlaub? denn 12 Monate ohne einen Tag frei zu haben schafft niemand auf Dauer und werden diese restlichen 4 Monate bezahlt oder müssen sie die 8 Monatsgehälter durch 12 dividieren was das Gehalt um ein Drittel kürzt?
    Andererseits sah ich auf unser letzten Kreuzfahrt während dem Essen 2 Männern zu wie sie Glasscheiben reinigen.
    Zu 2. In etwa einer Stunde 3 Scheiben a etwa 2 qm dazwischen war noch ein 3. bei ihnen und sie plauderten also frage ich mich ob die wirklich so lange pro Tag überhaupt arbeiten müssten.
    Wenn unsere Putzfrau im Büro von einer externen Reinigungsfirma so langsam arbeiten würde wäre sie ihren Job rasch los.
    Und ich sah in einer Doku in einem 4 Sterne Hotel bei uns das die Dame pro Zimmer 6 Minuten Zeit hat, also wenn der Kabinensteward wie ich einen fragte mir sagte er betreut 14 Kabinen frage ich mich was macht der den Rest des Tages ;-)

  4. @Hans: bei der italienischen Flagge kenn ich mich ehrlich gesagt nicht gut genug aus. Aber in vielen Ländern (so auch in Deutschland) gibt es sogar. Zweitregister für Schiffe, bei denen dann viele Gesetze keine Anwendung finden. Sonst hätte auch die Deutschland bei Seilmann nie so lange unter deutscher Flagge fahren können.
    Arbeitszeit und Urlaub: Die Crew hat Zeitverträge, d.h. ausserhalb dieser Verträge sind sie nicht bei der Reederei angestellt, verdienen also auch nichts.
    Bzgl. Arbeitsintensität: Das lässt sich nicht mit Jobs an Land vergleichen. Würde die Crew an Bord durchgehend so komprimiert arbeiten wie an Land, würden sie die Bedingungen nicht durchstehen, 7 Tage pro Woche, 8Monate am Stück, 10 Stunden pro Tag. Da ist ein langsamer er Rhythmus (zumindest zeitweise) sehr sinnvoll ;-)

  5. Ich denke es ist ganz wichtig zur Crew immer freundlich zu sein. Ich grüsse zum Beispiel immer die Cabin Stewards die mir im Gang entgegenkommen und lächle und sie lächeln dann zurück.
    Ich hatte mal ein Erlebnis: Vor der Transatlantikreise nach Brasilien waren wir noch in Gran Canaria. Ich ging nochmals raus ins Einkaufszentrum, weil es dort schnelles WLAN gab (Wollte das iPad noch ein bisschen befüllen)
    Die gefühlte halbe Crew war dort. Logisch, wollte wohl auch nochmals mit der Familie reden. Ich stand also da und befüllte meinen iPad. Einer erkannte mich und meinte «Sir, you want to sit?» Ich nur so «I am not something better than you. Keep your place” – und wieder lächelte jemand…

  6. @Chris: Großartig, Danke! Wenn alle Passagiere sich so verhalten würden, wäre das ein Traum; und es wäre so einfach möglich …

  7. Hallo,

    Kürzlich habe ich das Buch „Der Kreuzfahrtkomplex“ von Wolfgang Gregor gelesen.
    Herr Gregor ehemaliger Kapitän und (ehemals) begeisterter Kreuzfahrer beschreibt die Hintergründe der Arbeitsbedingungen und der Security auf einem Kreuzfahrtschiff.
    Auch ich bin langjähriger Kreuzfahrtkunde.
    Ich weiß, dass man die deutschen Bedingungen nicht auf ein Kreuzfahrtschiff übertragen kann. Trotzdem gibt es einem zu denken, wenn man aus rein menschlicher Sicht, die Situation betrachtet, wie die Angestellten ausgenutzt werden, um dem Kunde ein unvergessliches Kreuzfahrterlebnis zu bieten. Ich habe noch nie einen Angestellten gesprochen, der negativ über die Arbeitsbedingungen gesprochen hat. Trotzdem könnten wir – aus rein moralischen Gründen – mal darüber nachdenken, ob das alles so in Ordnung ist.

    Obwohl das Buch zum Nachdenken zwingt, finde ich es lesenswert.
    Grüße

  8. @Werner: Es ist definitiv gut und wichtig, immer wieder über diese Themen und Zusammenhänge nachzudenken. Letztlich führt das zu einem Überdenken unseres gesamten Wirtschaftssystems, das auf einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Ausnutzung der Schwächeren durch die Stärkeren basiert. Allerdings ist auch das zu einseitig gedacht, wenn man es absolut sieht. Denn zugleich schaffen die Arbeitsmöglichkeiten auf den Schiffen – selbst wenn sie nicht dem deutschen Sozialstandard und Gehaltsgefüge entsprechen – den Crew-Mitgliedern in ihrem Heimatland einen wirtschaftlichen Aufstieg. Ein sehr schwieriges Thema, das sich nur anhand der Kreuzfahrt-Situation nicht auflösen lässt. Denn beispielsweise auch unsere Smartphones, unsere Billig-Kleider, etc. werden für lächerliche Löhne und unter miesen Arbeitsbedingungen in Asien produziert. Da nutzen wir diese Menschen auf eine ähnliche Weise (nur zu noch viel schlechteren Bedingungen als am Schiff) für unseren eigenen Nutzen aus. Aber das passiert weit weg und wir sehen es nicht, sodass es sich leichter verdrängen lässt. — Insofern habe ich große Probleme mit dem Buch von Wolfgang Gregor, weil er diese Zusammenhänge nicht thematisiert, sondern so tut, als gebe es einfache Lösungen und einfache Schuldige. In gewisser Weise nutzt er damit die Situation auch für sich wieder wirtschaftlich aus, indem er über populistische Thesen sein Buch besser verkaufen kann. Das ist unlauter und bringt mich deshalb eher dazu, mich zu ärgern, als nachzudenken …

  9. Hallo Franz,
    Das ist eine interessante Sichtweise. Wir nehmen die täglichen Dinge, die billig in Asien produziert werden, so selbstverständlich, dass wir uns über die Produktionsbedingungen und die Lebensumstände der Arbeiter gar keine Gedanken machen. Obwohl wir wissen, wie schlecht die Arbeitsbedingungen dort sind.
    In sofern hast Du durchaus Recht, dass die Arbeitsbedingungen auf dem Schiff doch relativ besser sind. Danke!

  10. Hallo Werner,
    wirklich schwierig wird die Diskussion immer dann, wenn man anfängt zu werten nach dem Stil: Billig-Kleider = Notwendigkeit, Kreuzfahrt = Luxus. Das wird dann immer schnell eine verkappte Neid-Debatte und in einer freiheitlichen Gesellschaft sollte sich weitgehend von selbst verbieten, anderen vorzuschreiben, was sie tun dürfen und was nicht, was Luxus ist und was nicht. Oft ist die Diskussion in den Medien und in der Öffentlichkeit aber genau von dieser Neid-Debatte geprägt (ohne dass das offen ausgesprochen wird) – jeder nimmt sich für sich heraus zu bestimmen, was notwendig ist (meist das, was einen selbst betrifft) und was nicht notwendig ist (meist das, was man nicht braucht, aber andere).

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