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Trinkgeld verweigern – warum? Ich würde es so gerne verstehen …

Trinkgeld

Warum sind deutsche Kreuzfahrer so versessen darauf, an Bord kein Trinkgeld zu geben? Purer Geiz, vorgeschütztes Gerechtigkeitsdenken, die große Trinkgeld-Verschwörung der Reedereien? Mir fallen wenig positive Argumente ein. Eigentlich keine.

Vorausgeschickt: Ich halte das Trinkgeldwesen in der Kreuzfahrt für nicht mehr zeitgemäß und fehlgeleitet. Das „Serviceentgelt“ genannte Trinkgeld ist faktisch keine extra Belohnung für guten, individuellen Service. Trinkgelder sind versteckte, obligatorische Reisekosten. Es ist ein Trick der Reedereien, mit dem sie die anständige Bezahlung ihrer Mitarbeiter auf den Kunden abschieben, um die Kreuzfahrt-Preise im Katalog und in der Werbung niedrig zu halten.

Norwegian Cruise Line und inzwischen auch Costa zeigen eindrucksvoll, dass beim Thema Trinkgeld Wettbewerbsargumente auch bei internationalen Reedereien keinen Rechtfertigungsgrund liefern. Die großen, deutschen Reedereien handhaben das ohnehin längst anders. Mehr oder weniger obligatorisches Trinkgeld hat in einer modernen Gesellschaft nichts mehr zu verloren (vergleiche: „Zwangstrinkgeld – ein Ärgernis mit langer Geschichte“).

Aber: Solange die Strukturen so sind, leidet die Crew, wenn Passagiere die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen. Egal mit welchen guten Vorsätzen und mit welch großzügigen Beträgen manche Passagiere das Trinkgeld-Thema an der Reederei vorbei anders zu regeln versuchen: Es gibt unschuldige Opfer. Deshalb halte ich es für unabdingbar, sich an die – zweifelsfrei zweifelhaften – Vorgaben der Reedereien zu halten. Der Protest muss anders stattfinden, um die Richtigen zu treffen und etwas zu verändern.

Und das bringt mich zu meiner eigentlichen Frage: Warum sind insbesondere deutsche Kreuzfahrer so versessen darauf, die Crew um ihr Einkommen zu bringen? Lieber schlecht bezahlte Crew-Mitglieder noch schlechter wegkommen zu lassen, als die Regeln einer Reederei zu befolgen, der das aber herzlich egal ist? Warum eine gefühlte Ungerechtigkeit durch eine noch viel größere Ungerechtigkeit ersetzen?

Drückeberger oder Gerechtigkeits-Sucher?

Es gibt Menschen, die drücken sich komplett ums Trinkgeld. Einfach so. Vielleicht sogar ohne wirklichen Grund. Und es gibt Menschen, die eine andere Sichtweise als die jeweilige Reederei auf das Thema haben und Trinkgeld lieber nach eigenem Gusto verteilen wollen. Die damit ein gewisses Gerechtigskeitsgefühl zum Ausdruck bringen wollen.

Während die einen einfach nur Geizkrägen sind (die für mich wichtige Frage: was treibt sie dazu, sich so zu verhalten?), behandeln die anderen unschuldige Crewmitglieder dennoch unfair. Letzteres zwar mit ehrenwerten Absichten. Aber ist das nicht mindestens genauso schlimm?

Viele der Argumente, die ich dazu bislang gelesen und gehört habe, erinnern mich an ein kleines Kindes, das aufstampft und „aber trotzdem“ schreit.

Geizhälse und Neidhammel

Die Geizkrägen sind irgendwie einfacher: Sie wollen einfach nicht zahlen – entweder sagen sie das ehrlich und offen, oder – in der Mehrzahl der Fälle – suchen sie fadenscheinige Ausreden.

Sie verstecken sich hinter der Verschwörungstheorie, das Geld könnte bei der Crew womöglich gar nicht ankommen. Sie hätten da mal so ein Gerücht gehört. Oder ein Crewmitglied habe ihnen das mal so erzählt (wahrscheinlich, weil es mit der Mitleidsmasche mehr Trinkgeld schinden wollte). Also lieber auf einen vagen Verdacht hin nicht zahlen, auch wenn da wahrscheinlich gar nichts dran ist?

Vielleicht wollen sie aber auch nur eine teure Reise machen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Ja, jeder hat Träume, die er sich nicht leisten kann und die er trotzdem versucht, irgendwie umzusetzen. Das ist sehr positiv, jeder sollte Träume habe. Keine Lösung dafür ist aber, andere unfreiwillig bezahlen zu lassen. Reduziere ich den Reisepreis per Trinkgeld-Verweigerung, muss ein schlecht bezahltes Crew-Mitglied von den Philippinen für den vergleichsweise immer noch reichen Passagier via unfreiwilliger Gehaltskürzung mit bezahlen.

Ich habe sogar schon gesehen, dass Passagiere aus Neid kein Trinkgeld bezahlen. Das macht mich besonders fassungslos. Das Argument: In meinem Beruf schufte ich auch hart und habe trotzdem mein Lebtag lang nie Trinkgeld bekommen. Da kann ich mir einen gewissen Sarkasmus nicht verkneifen: Warum haben Sie sich diesen Beruf ausgewählt? Warum sind Sie nicht in die Gastronomie gegangen?

Vielleicht sind sogar ein paar Menschen dabei, die einfach der Ausbund von Gier und Geiz sind. Die sich schamlos auf Kosten andere bereichern und nie jemals mehr zahlen, als sie unbedingt zwingend müssen, ohne sich strafbar zu machen. Das sind dann womöglich dieselben, die sich über die moralische Verwerflichkeit der „Paradise Papers“-Unternehmen echauffieren …

Ahnungslose und Naive

Noch am ehesten zumindest nachvollziehen kann ich, wenn jemand vor sich selbst Haltung bewahren, sein Gesicht vor sich selbst oder seiner Familie wahren will. Weil er insgeheim genau weiß, dass er selbst schuld ist, weil er …

… die Reisebedingungen der Reederei oder des Veranstalters nicht genau gelesen hat, wo er lesen und damit wissen hätte können, dass Trinkgeld eben noch extra anfällt und …

… weil er auch nicht von selbst auf den eigentlich nahe liegenden Gedanken gekommen ist, dass Trinkgeld auf Kreuzfahrtschiffen genau so üblich ist wie in der Gastronomie und im Tourismus überall anders auch.

Idealisten und Träumer

Schwieriger sind die Leute, die von einer idealen Welt träumen. Ich bekenne: Bis zu einem gewissen Grad zähle ich mich selbst auch dazu. Träume – das hatte ich schon erwähnt – sind wichtig und etwas sehr Positives. Idealismus kann aber auch schief gehen. Etwa, wenn man den ersten Schritt in Richtung einer besseren Trinkgeldregelung schonmal selbst in die Hand nimmt: Standard-Trinkgelder stornieren lassen und das Geld lieber selbst und persönlich verteilen. Das ist gut gemeint, mutmaßlich stecken da viele gute Gedanken und viel Idealismus dahinter.

Trotzdem hat dieses Verhalten eine Krux: Bei den vorgegebenen System der Reedereien funktioniert das nicht. Einzelne Crew-Mitglieder, die bei diesem Vorgehen leer ausgehen, verkehren die eigentlich guten Absichten dieser Passagiere ins Gegenteil. Denn es entsteht ungewollt eine noch größere Ungerechtigkeit, als es der Passagier dem etablierten System – durchaus zu Recht – unterstellt.

Auch wenn deutsche Gerichte das mangels passender Gesetze anders beurteilen: Die Trinkgelder sind faktisch Teil des Reisepreises und von den Reedereien einkalkuliert. Die Festgehälter der Crew basieren darauf, dass zusätzlich Trinkgeld bezahlt wird, denn nur damit kommen die Crew-Mitglieder auf einen angemessen Lohn (der allzu oft, je nach Sichtweise, eh noch viel zu niedrig ist).

Je nach Reederei unterschiedlich, immer aber nach ähnlichem Prinzip werden die Trinkgelder auf unterschiedliche Crew-Mitglieder verteilt – und zwar eben auch auf Leute, die der Passagier gar nicht wahrnimmt oder nie trifft. Entsprechend kann er diesen Leuten auch nichts persönlich zustecken.

Hier verhält sich dieser Typ Passagier also unfair, weil er Leuten einen Teil ihres Gehalts entzieht – nicht aus direkter, böser Absicht, sondern weil sein einseitig veränderte System des Trinkgeld-Geben nicht mit dem Schema der Reederei zusammenpasst.

David gegen Goliath?

Langer Rede kurzer Sinn: Ich versuche zu verstehen, warum vielen Passagieren dieses Dilemma egal ist und sie wissentlich einzelne Crew-Mitglieder um ihr Gehalt bringen. Machen sie es sich einfach nur leicht, weil sie sich nicht noch intensiver mit einem leidigen Thema auseinandersetzen wollen? Gehen sie im Vergleich zu einer echten Lösung den einfacheren Weg? Denn sie könnten sich ja zumindest bei der Reederei über fast Trinkgeld-System schriftlich beschweren. Oder noch konsequenter: Bei dieser Reederei keine Reisen mehr buchen. Es gibt schließlich Alternativen.

Sagen sie: „Wie toll bin ich doch. Habe Mut bewiesen, zivilen Widerstand geleistet; Rache des kleinen Mannes; David gegen Goliath.“ Blöd nur, dass David eigentlich das um sein Gehalt betrogene Crew-Mitglied ist und die Story diesmal nicht mit einem Happy-End für David ausgeht.

Bei Geld hört die Freundschaft auf – hoffentlich nicht!

Ich weiß, bei Geld hört die Freundschaft auf. Insofern werde ich mit den provokativen Zuspitzungen und absichtlichen Übertreibungen vermutlich einige geschätzten Lesern vor den Kopf stoßen. Mein Ziel ist – das sei allen ausdrücklich versichert – nicht, jemanden für sein Verhalten anzugreifen. Das ist jedermanns Privatsache, das muss jeder mit sich selbst ausmachen und ich respektiere das Ergebnis dieser Überlegungen.

Mir geht es darum, für mich zu verstehen, warum Menschen so handeln. Ganz wissenschaftlich, sachlich, emotionslos: warum? Ich will es einfach nur verstehen und nachvollziehen können.

„Und wie willst Du das Problem lösen?“

Wer jetzt fragt: „Was schlägst Du denn vor, wie man mit dem Problem umgehen soll?“, dem antworte ich: Mit viel mehr Gelassenheit. Würde ich mich in meinem Urlaub über jede ungerechte Kleinigkeit so aufregen wie über das Trinkgeld – was wäre das noch für ein Urlaub? Also: Die Tatsache hinnehmen, dass Trinkgeld, Zwangstrinkgeld oder Servicegebühren fester Bestandteil der (Neben-)Kosten für eine Kreuzfahrt sind. Den Betrag im Budget einplanen und klaglos zahlen. So, wie ich auch den (manchmal recht hohen) Reisepreis eben zahle, weil ich diese besondere Reise machen möchte.

Wenn ich echtes Trinkgeld für besondere Leistungen geben will, weil mir mein Kellner besonders sympathisch ist oder mein Kabinensteward immer besonders schöne Handtuchtiere gefaltet hat? Dann gebe ich extra Trinkgeld, in bar, direkt in die Hand. Damit mache dem jeweiligen Crew-Mitglied eine echte Freude (und zahle nicht einfach nur sein Gehalt, auf das er angewiesen ist und das ihm ohnehin zusteht). Zugleich unterlaufe ich das ungeliebte Trinkgeld-System der Reederei damit zumindest ein wenig (Guerilla-Taktik!), schade aber niemandem.

So mache ich das. Mein persönliche Sichtweise auf die Dinge.

Eure Meinung, bitte!

Aber mich interessiert wirklich und ganz ehrlich, warum Passagiere sich trotz besseren Wissens anders verhalten und damit unschuldigen Crewmitgliedern wissentlich schaden. Warum sie diese Ungerechtigkeit in Kauf nehmen? Warum sie das Problem auf Schwächere abschieben, statt selbst Verantwortung zu übernehmen und Kompromisse zu Gunsten der Crew einzugehen?

Lasst uns aber bitte nicht die Grundsatzdiskussion über Sinn und Unsinn der Trinkgeld-Regelungen der Reedereien führen – das haben wir an anderer Stelle schon mehrfach getan. Dass die Trinkgeld-Regelungen überholt, überflüssig, abschaffungswürdig sind, darüber sind wir uns (vermutlich) einig …

Ich freue mich auf Eure Meinungen und Erklärungen dazu.