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Celebrity Millennium (Bild: Celebrity Cruises)

US-Neustart der Kreuzfahrt und die schwierige Frage der Impfpflicht

Mit der Celebrity Millennium ist am 5. Juni 2021 erstmals wieder ein Kreuzfahrtschiff für den US-amerikanischen Markt in See gestochen, von der Karibik-Insel St. Maarten aus. Direkte US-Abfahrten folgen ab Ende Juni und die große Frage für viele Kreuzfahrt-Fans ist: mit oder ohne Impfplicht?

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Einige Wochen lang schien weitgehend klar zu sein: Die meisten Kreuzfahrtschiffe amerikanischer Reedereien werden von ihren Passagieren einen Corona-Impfnachweis verlangen. Dann schoss Florida mit einem Gesetz quer (Update: inzwischen auch Texas), dass zumindest bei Abfahrten dort verbietet, einen Impfnachweis zu verlangen.

Und wie schon so oft während der Corona-Pandemie ändern sich die Verhältnisse gerade wieder einmal rapide: Während beispielsweise Carnival Cruise Line, die bislang eine Impfpflicht deutlich vermeiden wollten, nun doch zunächst mit einer Impfpflicht startet, lockert Royal Caribbean International die eigentlich schon kommunizierte Impfpflicht.

Wir haben uns die aktuelle Situation angesehen und versuchen eine Erklärung, warum einige Reedereien ihre Infektionsschutzkonzepte gerade deutlich verändern und warum andere an beschlossenen Maßnahmen festhalten. (Hinweis: Die Bedingungen verändern sich derzeit sehr schnell. Der Beitrag bezieht sich auf Faktenstand 9. Juni 2021.)

Ziel: So viele Passagiere wie möglich, so schnell wie möglich

Ein Ziel haben alle Reedereien gemeinsam: Nach der endlos langen Pause seit Mitte März 2020 mit mehr oder weniger Stillstand der Schiffe soll der Kreuzfahrtbetrieb nun so bald wie möglich in möglichst großem Umfang wieder aufgenommen werden. Die Kreuzfahrt will – und muss aus nachvollziehbaren, wirtschaftlichen Gründen – in schnellen Schritten zurück zu so etwas wie Normalität.

Dabei ist viel Pragmatismus gefragt, nicht alles kann in der sonst von der Kreuzfahrt gewohnten Perfektion funktionieren. Das verlangt auch den Passagieren in diesen Tagen und Wochen ein wenig Geduld und Flexibilität ab.

Mehrere widerstreitende und sich häufig ändernde Faktoren spielen für die Entscheidungsfindung der Reederei insbesondere in Hinblick auf die Infektionsschutzkonzepte und Impfpflicht eine Rolle, unter anderem:

  • Behördliche Auflagen, je nach Fahrtgebiet und Abfahrtshäfen sehr unterschiedlich: Schreiben die Behörden eine Impfpflicht vor oder erleichtern den Neustart mit geimpften Passagieren wesentlich, wie beispielsweise in den USA?
  • Impfquote in den Quellmärkten, also dort, woher die Passagiere jeweils kommen: In Europa ist die Impfquote zumindest bislang niedriger als in den USA, die deutschen und europäischen Reedereien haben daher bereits ein funktionierendes Konzept ohne Impfung eingeführt.
  • Altersstruktur der jeweiligen Zielgruppe: Kann die Zielgruppe beispielsweise eine Impfpflicht leicht erfüllen? Oder sind etwa viele Kinder an Bord, die gar keine Impfung bekommen können?
  • Konzept und Anspruch an das Kreuzfahrterlebnis: Wie sehr sind Beschränkungen, Abstand, Maskenpflicht und Ähnliches für das jeweilige Konzept und die Zielgruppe verträglich?

Unterschiedliche Strategien, je nach Situation der Reederei

Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Strategien der Reedereien, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken oder zu dem (falschen) Schluss führen können, manchen Reedereien sei der Profit wichtiger als die Sicherheit ihrer Passagiere oder Crew.

Zumindest in diesem Punkt jedoch sitzen alle Reedereien im selben Boot: Keiner kann sich das Risiko erlauben, Abstriche beim Infektionsschutz zu machen. Die Kreuzfahrten müssen so sicher sein wie der Alltag an Land, wie Urlaub an Land.

Und sie müssen einen deutlichen Sicherheitszuschlag einplanen, der die Vorurteile gegenüber der Kreuzfahrt in den allgemeinen Medien, teils bei den Behörden berücksichtigt und die unkalkulierbaren Konsequenzen für den Kreuzfahrtbetrieb, falls es an Bord eines Schiffs zu einer nennenswerten Zahl von Corona-Fällen oder gar Ansteckungen kommen sollte.

Wie also entscheiden sich die Reedereien in Hinblick auf Corona-Impfungen?

Royal Caribbean International hat gerade für seine ab 3. Juli geplanten US-Anfahrten die Impfpflicht gekippt und die Formulierung von „required“ auf „highly recommended“ geändert. Für die Alaska-Reisen dagegen bleibt die Impfpflicht jedoch bestehen (für Passagiere ab 16, von 1. August an sogar ab zwölf Jahren).

Drei Gründe dürften dafür den Ausschlag gegeben haben:

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  • Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat weitreichend die Corona-Maßnahmen für Geimpfte gelockert, Maskenpflicht und vieles andere gestrichen.
  • Die CDC erteilt nach monatelanger Blockadehaltung nun sehr rasch Genehmigungen für Test-Kreuzfahrten. Die sind vor den regulären Kreuzfahrten nötig, wenn ein Schiff ohne Impfpflicht fahren soll. Alternativ könnten die Schiffe bei einer Quote von 95 Prozent Geimpfte Passagiere und Crew ohne Testkreuzfahrten direkt loslegen.
  • Im Bundesstaat Florida mit den wichtigen Kreuzfahrthäfen Miami, Fort Lauderdale und Port Canaveral gibt es ein Gesetz, dass es Unternehmen verbietet, von Kunden einen Impfnachweis zu verlangen. Zwar steht das juristisch auf wackeligen Beinen, aber für einen langwierigen Rechtsstreit haben die Reedereien keine Zeit. Da ist der Weg über die Test-Kreuzfahrten verlässlicher, nun, da die CDC dafür zügig Genehmigungen erteilt.

Vor allem der Konflikt zwischen dem einfacheren (und sichereren Weg) der Impfpflicht und der Unsicherheit in Hinblick auf das Gesetz in Florida lässt für die meisten Reedereien die Test-Kreuzfahrten für die Schiffe ab Florida als den zuverlässigeren Weg erscheinen.

Anders entschieden haben sich bislang Norwegian Cruise Line Holdings und Celebrity Cruises. Beide wollen an der Impfpflicht festhalten. NCL, Oceania und Regent sind sogar so strikt, dass sie von ausnahmslos allen Passagieren eine Impfung verlangen. Celebrity Cruises setzt die Altersgrenze bei 16 Jahren und ab 1. August bei zwölf.

Celebrity Cruises und Carnival Cruise Line lassen es darauf ankommen

Celebrity will schon am 26. Juni mit der Celebrity Edge von Fort Lauderdale aus in See stechen – in Konflikt mit dem Gesetz in Florida (beziehungsweise zu diesem Zeitpunkt noch eine gleichlautende Executive Order des Gouverneurs). Für Celebrity spielen die weitgehend noch ungeimpften Kinder und Familien als Zielgruppe keine allzu große Rolle. Was aber passiert, wenn Florida sein Gesetz bis dahin nicht noch einmal überdenkt, ist ungewiss. Denn die Strafen sind mit bis zu 5.000 Dollar pro Passagier extrem hoch.

Carnival Cruise Line startet am 4. Juli mit der Carnival Horizon ab Miami und hat sich nun ebenfalls dafür entschieden, vorerst eine strikte Impfpflicht für alle Passagiere einzuführen. Bis dahin hofft die Reederei, eine Einigung mit Florida zu erzielen.

Update: Ein ähnliches, wahrscheinlich aber leichter lösbares Problem hat sich inzwischen auch in Texas ergeben, wo ein ähnliches Gesetz verabschiedet wurde.

Norwegian droht mit Verlegung der Schiffe in andere Bundesstaaten

Norwegian Cruise Line Holdings Chef Frank Del Rio hatte kürzlich gedroht, die Kreuzfahrtschiffe aus Florida abzuziehen und damit indirekt hohen, wirtschaftlichen Schaden für Florida zu verursachen, wenn das Impfpflicht-Verbot dort bestehen bleibt.

Aktuell plant NCL mit nur einem Schiff und auch erst Mitte Oktober von einem Hafen in Florida aus. Alle anderen Reisen starten teils früher, vor allem aber außerhalb Floridas sowie in Europa.

Norwegian setzt als bislang einiges Kreuzfahrt-Unternehmen mit großen Schiffen auf eine 100prozentige Impfpflicht und verzichtet damit – vorerst bis Ende Oktober 2021 – auf die vor allem für die Marke Norwegian Cruise Line sehr wichtige Zielgruppe der Familien mit Kindern.

Die Strategie von NCL: Man wolle das Konzept, wofür die Reederei steht – „Freestyle Cruising“, unbeschwertes und uneingeschränktes Reisen – nicht verwässern, was mit Maskenpflicht, Abstand und anderen Corona-Maßnahmen fast unmöglich ist. Also setzt man auf strikte Impfpflicht und damit maximale Freiheit für die Passagiere an Bord. Und wo es die Behörden erlauben, auch an Land mit individuellen Landgängen.

Keine Impfpflicht bei europäischen und deutschen Reedereien

In Europa sieht die Situation gänzlich anders aus. Hier haben es die Reedereien im Wesentlichen mit kooperativen Behörden zu tun und mit Ländern, die ein hohes Interesse daran haben, den Tourismus als wesentliche Einnahmequelle möglichst schnell wieder in Gang zu bringen.

Entsprechen fahren selbst große Kreuzfahrtschiffe in Europa bereits seit Sommer 2020 wieder und die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die in den kommenden Wochen im Juni und Juli vor allem im Mittelmeer starten, steigt stetig – und zwar ohne Impfpflicht.

Die schon 2020 entwickelten und seitdem bewährten Infektionsschutzkonzepte mit einem Bündel von Maßnahmen funktionieren. Die Coronatest-Strategie wird regelmäßig an das aktuelle Risiko angepasst – etwa mit zusätzlichen Tests bei höherem Risiko. Die stetig steigenden Impfquoten und zugleich sinkenden Infektionszahlen in europäischen Ländern entspannen die Situation aktuell ohnehin.

Ein Umschwenken auf eine Impfpflicht würde bei den großen, deutschen und europäischen Reedereien wie AIDA, TUI Cruises, MSC und Costa also wenig zusätzlichen Nutzen bringen, bei der zumindest aktuell noch nicht allzu hohen Impfquote mit Zweitimpfungen jedoch zu erheblicher und langfristiger Verärgerung bei den Kunden führen.

US-Reedereien dagegen haben auch in Europa tendenziell eine Impfpflicht. Denn sie wollen auf diesen Reisen auch einen hohen Anteil an Amerikanern als Zielgruppe ansprechen und die sind, wenn sie nach Europa reisen, meist ohnehin geimpft, zumal die Einreise in die EU durch eine Impfung deutlich einfach sein wird.

Individuelle Landgänge ohne Impfpflicht?

Offen ist freilich die Frage, wie oder ob der nächste Schritt ohne Impfung möglich sein wird: die heiß ersehnten, individuellen Landgänge. Denn Teil des Infektionsschutzkonzepts ohne Impfpflicht ist die „Bubble“, also auch bei Landausflügen eine weitgehende Abschottung der Passagiere von Einheimischen.

Ob ein Auflösen der Bubble ohne Impfpflicht auf Basis niedriger Inzidenzen möglich sein wird, muss sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Lokale und nationale Behörden werden da voraussichtlich unterschiedlich vorgehen.

Für die Reedereien wird sich dann die Frage stellen, ob sie an ausschließlich Bubble-Ausflügen festhalten, ihre Routen ändern, eine Impfpflicht einführen oder womöglich sogar zweigleisig fahren und Geimpfte individuell an Land lassen, Ungeimpfte jedoch weiterhin nur in der Bubble.

Unterschiedliche Regeln für Geimpfte und Ungeimpfte an Bord?

Zunächst für US-Reedereien, möglicherweise aber auch für deutsche und europäische stellt sich eine ähnliche Frage, die noch weitreichender ist: Soll es unterschiedliche Corona-Regeln für Geimpfte und für Ungeimpfte an Bord geben?

Auch hier geben die neuesten Regeln von Royal Caribbean International schon einen ersten Hinweis, dass es kompliziert werden könnte. Denn die Reederei orientiert sich bei den geplanten Bahamas- und Florida-Anfahrten an den Regeln der US-Gesundheitsbehörde CDC. Und die hat Corona-Beschränkungen für Geimpfte sehr weitgehend aufgehoben.

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Geimpfte müssen beispielsweise auch in Innenräumen keine Maske tragen, Ungeimpfte aber schon, insbesondere also Kinder und Jugendliche. Wie sich das praktisch im Alltag an Bord umsetzen beziehungsweise kontrollieren lässt, muss sich erst noch zeigen. Man versteht, warum Norwegian Cruise Line da lieber gleich auf eine 100prozentige Impfpflicht setzt.

Ende der „Conditional Sailing Order“ in den USA am 31. Oktober 2021?

In Hinblick auf die USA ebenfalls eine spannende, und noch gänzlich offene Frage, die indirekt auch international Auswirkungen haben wird: Was passiert eigentlich nach dem 31. Oktober 2021? Denn an diesem Tag endet die derzeit gültige, Conditional Sailing Order der CDC – also die Corona-Regeln für die Kreuzfahrt in den USA.

Gibt es keine Verlängerung oder ein neues Regelwerk, könnten Kreuzfahrten ab November 2021 in den USA wieder zu Konditionen wir vor der Corona-Pandemie stattfinden. Eine direkte Verlängerung ist aber ebenso wenig vorstellbar wie eine völlige Freigabe. Zumindest öffentlich spricht dieses Thema bislang keine US-Reederei ab, obwohl es eine solide Planung der Kreuzfahrten für die Karibik-Hauptsaison ab Herbst essenziell ist.

4 Kommentare

4 Gedanken zu „US-Neustart der Kreuzfahrt und die schwierige Frage der Impfpflicht“

  1. Wie das klappen wird, kann ich erst Anfang Oktober sagen. Denn wir haben eine Mittelmeerkreuzfahrt mit NCL ab 23.9.2021 gebucht. Wir sind geimpft und wir waren beeindruckt von den Videos, die NCL mit ihren Sicherheitsmaßnahmen hat produzieren lassen. Aber bis dahin kann sich noch alles ändern. Wir waren auf jeden Fall vom TUI-Cruises Konzept überzeugt, haben in diesem Jahr insgesamt 7 Wochen auf 2 Kreuzfahrten an Bord der MS1 verbracht und uns sehr wohl gefühlt.

  2. Vielen Dank für deinen sehr ausführlich geschriebenen Bericht. Habe gerade aus den Nachrichten (07.06.21) erfahren, dass wer eine Kreuzimfung bekommt als nicht „Vollständig geimpft“ gilt.

  3. @Gitte: Haben Sie dazu eine konkrete Quelle? Die Studien, die es zu dem Thema gibt bzw. gerade in Auswertung sind, zeigen eigentlich, dass ein sehr guter Schutz zu erwarten ist, evtl. sogar besser als eine Zweitimpfung mit demselben Wirkstoff.
    Die WHO rät derzeit allerdings mangels Daten noch von einer Kreuzimpfung ab, aber beispielsweise Deutschland und Griechenland akzeptieren Kreuzimpfungen bereits.
    Wer auf Nummer Sicher gehen will, was Akzeptanz der Impfung beim Reisen angeht, ist aber sicherlich besser beraten, den gleichen Impfstoff zweimal zu nehmen. Ansonsten bliebe nur, eine dritte Impfung zu machen mit dem zuletzt erhaltenen Impfstoff – wenn man denn dafür einen Termin bekommt, tendenziell wahrscheinlich eher bei einem niedergelassenen Arzt.

  4. Es müsste unbedingt ab sofort so sein, dass man eine Kreuzfahrt nur dann unternehmen darf,
    wenn jeder Passagier (und natürlich auch die gesamte Crew) bereits zweimal geimpft wurde.
    Somit wäre das Risiko für alle an Bord fast gleich null, und diese überaus lästige Maskenpflicht
    am Schiff könnte dann auch endlich abgeschafft werden.

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