Mit unserem kostenlosen Newsletter sind Sie immer bestens informiert – gleich abonnieren!
Impfpass und Kreuzfahrtschiff

USA mit, Europa ohne? Diskussion um Impfpflicht in der Kreuzfahrt wird konkreter

Die Diskussion um eine mögliche Impfpflicht in der Kreuzfahrt nimmt Fahrt auf, seit einige Reedereien von ihren Passagieren demnächst eine Coronaimpfung verlangen. In den USA verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Impfung der Schlüssel und der Standard zum Kreuzfahrt-Neustart im Juli 2021 werden könnte.

WERBUNG

Viel hat sich verändert, seit Saga Cruises Ende Januar als erste Reederei eine Impfpflicht angekündigt hat – siehe mein Meinungsbeitrag dazu vom 22. Januar: „Mit Corona-Impfung bald wieder auf Kreuzfahrt?“ Eine Pflicht zur Coronaimpfung bei Kreuzfahrtpassagieren ist seitdem zumindest in Teilen der Welt wahrscheinlicher geworden. Der folgende Beitrag fasst den aktuellen Stand der Diskussion Mitte März 2021 zusammen.

Die Voraussetzungen könnten bei der Impfpflicht-Diskussion in USA, UK und Kontinentaleuropa kaum unterschiedlicher sein: Während Kreuzfahrten in Europa bereits seit Juli 2020 wieder stattfinden, steht die US-Kreuzfahrt seit Beginn der Pandemie (nahezu) komplett still. Andererseits sind in den USA und UK bereits wesentlich mehr Menschen gegen Sars-Cov-2 geimpft, in einigen US-Bundesländern sind die Impfungen Ende März bereits für alle Bürger ohne Einschränkungen zugänglich. Kontinentaleuropa kommt dagegen beim Impfen nur schleppend voran.

Einige spricht inzwischen dafür, dass es eine Impfpflicht in den USA geben könnte, Europa aber vorerst parallel auf Impfungen und Coronatests setzen wird, Ungeimpfte also weiterhin auf Kreuzfahrt gehen können. Mit Celebrity Cruises und Royal Caribbean International haben inzwischen allerdings die ersten beiden internationalen Reedereien auch für Europa-Abfahrten eine Impfpflicht angekündigt. Fakt ist all das aber noch nicht, sondern lediglich Spekulation auf Basis von Indizien.

Schwierige Voraussetzungen in den USA

Für die USA wichtig zu berücksichtigen: Dort fehlt jede Erfahrung mit Kreuzfahrten in der Pandemie, auch wenn Carnival Corp. und Royal Caribbean Group mit Tochterunternehmen in Europa und Asien einzelne Schiffe in Betrieb haben. Die US-Gesundheitsbehörde CDC nimmt letzteres nicht weiter zur Kenntnis und stellt weiterhin nahezu unerfüllbare, komplizierte Regel für den Neustart am US-Markt auf.

Die rasch voranschreitende Impfkampagne in den USA eröffnen deshalb den augenscheinlich einfachen Ausweg, für Kreuzfahrten eine Impfpflicht einzuführen. Denn das könnte die meisten der komplizierten Infektionsschutz-Aspekte elegant umschiffen, die von der CDC als Blockadeinstrumente benutzt werden. Auch die bislang vorgeschriebenen Testfahrten könnten sich damit erübrigen.

Derweil umgehen Reedereien allerdings vereinzelt bereits die Schwierigkeiten in den USA, indem sie Schiffe auf die Bahamas oder in die Karibik verlegen. Celebrity Cruises startet im Juni mit der Celebrity Millennium in St. Maarten, Royal Caribbean mit der Adventure of the Seas im Juni ab Nassau und auch Crystal Cruises geht im Juni von Nassau sowie Bimini auf den Bahamas wieder auf Reisen.

Uncruise Adventures fährt, wie auch einige andere kleine Reedereien, mit Schiffen, die wegen ihrer geringen Personenzahl an Bord nicht unter die CDC-Regelungen fallen. Um in Alaska in diesem Sommer auch individuelle Landgänge zu ermöglichen, verlangt Uncruise Adventures sowohl einen negativen PCR-Test von allen Passagieren als auch eine Impfung von allen über 18.

Miami Dade County schlägt Pflicht für Coronaimpfung vor

Aufhorchen lässt ein Brief, den Daniella Levine Cava, Mayor Miami Dade County (mit dem weltgrößten Kreuzfahrthafen, Miami), am 17. März 2021 an die Direktorin der US-Gesundheitsbehörde CDC, Rochelle P. Walensky, schrieb. Der Brief ist ein freundlicher, aber auch deutlicher Appell an die CDC, beim Neustart der Kreuzfahrt in den USA endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

Daniella Levine Cava legt der CDC darin sehr deutlich nahe, Kreuzfahrten in US-Gewässern unter der Maßgabe einer Impfpflicht ab Juli 2021 wieder freizugeben: „Während die nationale Impfkampagne immer schneller läuft (…), ist Miami-Dade County bereit, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Plan zur sicheren Wiedereröffnung der Kreuzfahrtindustrie zu erstellen. (…) Die CDC könnte eine ähnliche Richtlinie herausgeben, wie sie Länder wie Israel aufgestellt haben – die Wiedereröffnung der Kreuzfahrt nur für geimpfte Passagiere und die Forderung, dass alle Besatzungsmitglieder und Hafenangestellten geimpft sein müssen, um die öffentliche Gesundheit zu gewährleisten.“

Das Datum im Juli nimmt Bezug auf Präsident Joe Bidens Ankündigung zu ersten Lockerungen im Reiseverkehr schon für Mai und deutlicher Öffnung zum amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli angesichts der dann voraussichtlich schon sehr hohen Impfquote in den USA.

Kürzlich hatte auch Luis Sola, Chef der Federal Maritime Commission (FMC), darauf gedrängt, Seeleute und Hafenarbeiter so schnell wie möglich zu impfen und Kreuzfahrten mit geimpften Passagieren wieder zuzulassen. E betonte, ebenso wie Daniella Levine Cava, die wirtschaftliche Bedeutung der Kreuzfahrt. Die FMC ist eine US-Bundesbehörde zur Regulierung der Seefahrt,

WERBUNG

Erfahrung mit Infektionsschutzkonzepten ein Europa

In Europa ist die Situation dagegen eine ganz andere. Einerseits schreiten die Impfungen – mit Ausnahme von Großbritannien – nur schleppend voran. Andererseits sind die Infektionsschutzkonzepte der Reedereien nach dem Neustart im Juli 2020 schon seit vielen Monaten selbst zu Hochinzidenzzeiten erprobt und auch von den Behörden als funktionsfähig akzeptiert.

Während die Impfungen in den USA also essenziell für den Neustart sein könnten, fehlt dieser Druck in Europa, weil es eben erwiesenermaßen auch ohne Impfpflicht geht. Update: Royal Caribbean International und Celebrity Cruises setzten allerdings offenbar auf einheitliche Regeln flottenweit: Auch die beiden Schiffe, die nach aktuellem Stand (25. März 2021) den Neustart im Mittelmeer vollziehen sollen, werden eine Impfpflicht haben.

Doppelte Absicherung bei MSC Cruises in UK als Vorbild?

Richtungsweisend für die Übergangsphase in Europa, bis jeder die Chance auf eine Impfung bekommt, könnte das Vorgehen von MSC Cruises für die ab 20. Mai für Großbritannien geplanten Kreuzfahrten mit der MSC Magnifica ab Southampton sein. Während Cunard Line, Princess Cruises, P&O Cruises beschlossen haben, für die UK-Reisen in diesem Sommer ausschließlich geimpfte Passagiere an Bord zu lassen, und damit insbesondere Kinder komplett auszuschließen, setzt MSC Cruises auf eine Kombi-Strategie: Passagiere müssen entweder eine Corona-Impfung nachweisen oder einen PCR-Test vorlegen, der nicht älter als 72 Stunden ist. Zusätzlich, und das ist das neue und interessante, nimmt MSC bei der Einschiffung von ausnahmslos allen Passagieren einen Antigen-Schnelltest.

Diese doppelte Absicherung zieht eine zusätzliche Ebene im Infektionsschutzkonzept ein und löst elegant zwei derzeit noch offene Fragen: Inwieweit können Geimpfte das Virus dennoch an andere – etwa an nicht geimpfte Crew und andere Passagiere – weitergeben? Und wie fälschungssicher sind die aktuell verfügbaren Impfnachweise, solange es den angestrebten EU-Impfpass noch nicht gibt?

Um Infektionen an Bord und damit verbundene Negativschlagzeilen und Rückschläge zu vermeiden, sind Reedereien ohne Impfpflicht gut beraten, diesem doppelten Sicherungskonzept zu folgen und zum klar kommunizierten Standard zu machen.

Wie also sollen sich Reedereien entscheiden?

Vier Faktoren spielen dabei eine Rolle:

  • behördliche Vorgaben
  • Zahl der potenziellen Kunden, also die Impfquote in den Quellmärkten
  • Verfügbarkeit von geimpfter Crew, falls die Impfpflicht auch für Crew gilt
  • Akzeptanz beim Stammpublikum und Image-Fragen

Würde eine Impfpflicht den potenziellen Kundenkreis zu weit einschränken, wären Kreuzfahrten wirtschaftlich nicht durchführbar und auch dann nicht sehr sinnvoll, wenn Behörden eine Impfpflicht vorschreiben würden. Noch offen ist, ob es zunehmend nationale oder regionale Impfpflichten für Landgänge in angelaufenen Häfen geben könnte. Solche Situationen deuten sich in Zusammenhang bei den Reisen der Odyssey of the Seas ab Israel an. Ein klares Bild zeichnet sich da aber noch nicht ab und viele Regionen sind dringend auf mehr Tourismus angewiesen.

Kritischer ist die Frage, inwieweit eine Reederei ihr Publikum verärgern und für die Zukunft verprellen will, wenn eine Impfpflicht zu einer Zweiklassengesellschaft führt und Reisewillige mangels Impfung ausschließt. Cunard Line, P&O Cruises und Princess Cruises müssen sich da gerade Kritik von Familien anhören, die nicht mit ihren Kindern reisen können, weil es für sie schlicht noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Die Unternehmen haben sich dennoch für eine Impfpflicht für die Sommer-Kreuzfahrten entschieden.

Kritisch für das Image einer Reederei wäre eine Impfpflicht insbesondere dann, wenn im jeweiligen Quellmarkt noch nicht jeder zumindest die theoretische Chance auf eine Impfung hatte, also von der Kreuzfahrt ausgeschlossen bleibt, weil er schlicht keine Impfung bekommen kann. Das wird in der Diskussion weitgehend als Diskriminierung empfunden und verprellt Kunden nachhaltig.

Einige Reedereien haben sich schon entschieden …

Einige Hochsee-Reedereien haben bereits eine Impfpflicht angekündigt, darunter Crystal Cruises, Saga Cruises und Virgin Voyages; Cunard Line, Princess Cruises und P&O Cruises für die Sommerabfahrten in UK; Royal Caribbean für die Odyssey of the Seas ab Israel sowie zwei Schiffe in der Karibik und eines im Mittelmeer und Celebrity Cruises für je ein Schiff in der Karibik sowie im Mittelmeer; Victory Cruise Line (ab 1. Juli). Die meisten zögern Mitte März mit einer Entscheidung für oder gegen eine Corona-Impfpflicht aber noch beziehungsweise beziehen die Impfpflicht lediglich auf bestimmte Schiffe und Reisen, die bereits früh wieder starten. Eine ständig aktualisierte Liste der Reedereien, die eine Impfung verlangen, finden Sie in unserem Beitrag „Regeln der Kreuzfahrt-Reedereien zur Corona-Impfung.

Große, deutsche Reedereien wie insbesondere AIDA und TUI Cruises, aber etwa auch Costa werden sich daher in absehbarer Zeit keine Impfpflicht leisten können und haben auch schon deutlich gemacht, dass das derzeit für sie kein Thema sei.

Auch internationale Reedereien mit Schiffen in Basishafen außerhalb der USA und der Karibik mit USA als Hauptmarkt, die Passagiere aus verschiedenen Quellmärkten brauchen, würden sich schwertun und vor allem auch treue Kunden verlieren, wenn sie Ungeimpfte vorerst ausschließen würden. Update: Royal Caribbean International und Celebrity Cruises versuchen ihr Glück dennoch mit einer Impfpflicht.

MSC hat daher ebenso wenig eine Impfung ins Gespräch gebracht wie beispielsweise Celestyal Cruises, die ab Ende Juni explizit mit internationalem Publikum und auf Basis von Coronatests fahren wollen. Costa plant zum aktuellen Zeitpunkt explizit keine Impfpflicht.

Missverständnisse beim digitalen EU-Impfpass

Für Verwirrung und Missverständnisse sorgt derzeit der geplante EU-Impfpass. Auch wenn er keinen konkreten Kreuzfahrt-Bezug hat, sei er deshalb an dieser Stelle erwähnt. Die EU-Kommission will mit dem EU-Impfpass eine einheitliche und fälschungssichere Möglichkeit schaffen, eine Impfung, negative PCR- und Antigen-Coronatests sowie eine durchlaufene Covid-19-Erkrankung nachweisen zu können. Die Einführung ist – ambitioniert – für 1. Juni 2021 angestrebt.

In der Kreuzfahrt könnte dieser digitale Nachweis durchaus nützlich sein und Prozesse vereinfachen. Denn bislang ist alles andere als klar, wie man eine verlangte Impfung verlässlich nachweisen kann, sodass sie auch überall anerkannt wird. Noch komplizierter könnte es sein zu beweisen, dass man die Erkrankung hinter sich hat und über Antikörper verfügt, abhängig davon, wie lange diese Erkrankung zurückliegt. Und auch für die einheitliche Erfassung der Daten zu negativen Testergebnissen könnte dieser EU-Ausweis wesentliche Vorteile bieten.

So hätten Reisende in Europa kein Risiko mehr, dass ein vom Testzentrum ausgestellter Nachweis womöglich nicht den Anforderungen einer Behörde oder einer Reederei entspricht, weil er irgendeine Formalie nicht erfüllt. Immer wieder kommt es derzeit beispielsweise vor, dass Testergebnisse nur eine Identifikationsnummer, nicht aber Namen und Geburtsdatum des Getesteten erhalten. Solche Probleme könnte der EU-Impfpass aus der Welt schaffen, der eben sehr viel mehr ist als nur ein Impfnachweis – wenn er denn in der geplanten Form kommt, denn unter anderem könnten Datenschutzbedenken da Projekt ausbremsen.

Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Neue Kommentare werden aus technischen Gründen oft erst einige Minuten verzögert angezeigt.
Consent Management mit Real Cookie Banner