Rettungsübung auf zwei Ebenen und jeweils nur der Hälfte der Passagiere

“Vielleicht werde ich die Maske am Ende sogar vermissen” … Mein persönlicher Rückblick auf ein völlig irres Jahr 2020

Wie hat mich die Pandemie als Mensch, vor allem aber als Reisejournalist getroffen, beeinflusst, verändert? Es ist faszinierend, wie tief man in sich selbst hineinblicken kann, indem man die vergangenen Monate auf heutiger Sicht betrachtet – und sich dabei mehr als einmal über sich selbst wundert.

Die nüchterne Meldung der International Society for Infectious Diseases mit dem Betreff „Undiagnosed Pneumonia – China (Hubei)“ am 30. Dezember 2019 war der Beginn von Veränderungen, die wir zuvor selbst als Katastrophenfilm-Szenario als „unrealistischen Quatsch“ eingeordnet hätten. Heute ist es die immer noch schwer fassbare Realität.

Ich blicke am Ende von 2020 auf eine faszinierende, emotionale Entwicklung zurück. Wie die meisten Menschen tue ich mir schwer, solch grundlegende Veränderungen sofort zu verstehen, sie anzunehmen und sich anzupassen. Wir sind Meister im Verdrängen und uns Dinge so Zurechtlegen, dass sie uns nicht überfordern.

Und so beobachte ich im Nachhinein, wie ich von einer Kombination aus kühler, professioneller Distanz einerseits und ängstlichem Rückzug aus dem öffentlichen Leben schrittweise wieder mehr Vertrauen gefasst habe. Was ich nicht für möglich gehalten hätte: Letztlich habe ich seit Juli erstaunliche sieben Reisen unternommen, sechs davon auf Kreuzfahrtschiffen.

Es war – und ist immer noch – eine Entwicklung, ein Prozess der Gewöhnung, der Akzeptanz von Neuem; eine Verschiebung der Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Dinge, die ich selbst steuern kann; ein Akzeptieren dessen, was ich eh‘ nicht ändern kann.

Eine Nacht in der Wüste von Abu Dhabi

Es kommt mir wie die Erinnerung an ein viele Jahre zurückliegendes Ereignis vor, wenn ich meine Fotos von der Orient-Kreuzfahrt im Januar 2020 betrachte. Wir waren über Nacht in einem Wüstencamp, ein paar Stunden von Abu Dhabi entfernt. Selten habe ich mich dort in den Sanddünen der Wüste so frei und unbeschwert gefühlt – ohne zu ahnen, wie viel besonderer diese Momente später im Jahre noch werden sollten.

Wüste rund ums Camp
in der Wüste von Abu Dhabi, Januar 2020

Noch am 1. März fliege ich nach Chile. Wie die meisten realisiere ich nicht, was da aus China auf uns zurollt. Es ist weit entfernt, man verdrängt es. Covid-19 ist in Deutschland nicht präsent, die Ischgl-Katastrophe kommt erst ein paar Tage später ans Licht. Das Fiebermessen am Flughafen bei der Einreise in das damals noch coronafreie Chile nimmt man eher mit Humor.

Nationalpark Torres del Paine
eine Wanderung im chilenischen Nationalpark Torres del Paine, Anfang März 2020

Es sind nur wenige Tage in der Abgeschiedenheit der chilenischen Fjorde die große Freiheit in grandioser Natur erleben. Dass es währenddessen auch in Deutschland langsam eng wird mit Corona, nimmt mal als Nachricht wahr, aber es ist sehr weit entfernt. Als ich beim Rückflug beim Zwischenstopp in Madrid am Flughafen viele Menschen mit Masken sehe, fühlt sich das an wie der Sprung vom Paradies in ein Krisengebiet: surreal, unwirklich, fremd.

Einer der letzten Flüge zurück nach Europa

Ich komme am 11. März zurück nach München. Erst danach realisiere ich, dass es einer der letzten regulären Flüge aus Chile nach Europa war. Das war knapp, denn von da an fällt rasant eine Flugverbindung nach der anderen. Menschen beginnen, im Ausland festzusitzen. Am 23. März kommt der erste Lockdown in Deutschland. Für mich ist es eine harte Landung: durch die unbeschwerten Tage in Chile fast ohne Vorbereitung von Hundert auf Null.

2020 sollte ein Jahr werden, in dem mir fremde Menschen regelmäßig Wattestäbchen tief in Nase und Hals stecken und an dessen Ende ich mich mit Maske wohler fühle als ohne. Einen Antikörpertest, drei Antigentests, zehn PCR-Tests absolviere ich in Testzentren, Kliniken, am Flughafen, auf Schiffen. Aber das ahne ich im März natürlich noch nicht.

Coronatest, einer von insgesamt zwölf in diesem Jahr
Coronatest: einer von insgesamt 14 in diesem Jahr – alle negativ übrigens …

Am 13. März werden Kreuzfahrten erst einmal komplett abgesagt. „Für eine Weile“, denken alle. „Bald kann es wieder losgehen“, denken die meisten. Was für eine krasse Fehleinschätzung.

Was dann kommt, ist persönliche Abschottung. Ich macht beim Nordic-Walking große Bögen um andere Menschen, gehe nur als dem Haus, wenn es unbedingt nötig ist. Viele trifft das sehr hart. Ich komme gut damit klar, denn ich arbeite schon immer im Home Office. Also kein großer Unterschied, wenn auch emotional seltsam.

Keine Reisen mehr – was nun?

Wie alle Kollegen mache ich mir als Reisejournalist jetzt allerdings Sorgen um meine Arbeit. Reisen wird so schnell nicht mehr wird möglich. „Für ein paar Monate“, denke ich damals. Aber was tue ich als Reisejournalist jetzt? Nun, die Ereignisse geben die Themen vor und so berichte ich wochen- und monatelang fieberhaft über das Schicksal von Kreuzfahrtschiffen, die nirgends mehr anlegen dürfen; über Kreuzfahrt-Absagen, noch mehr Absagen und noch viel mehr Absagen; über rechtliche Fragen für die Menschen, die ihr Geld zurück haben wollen; über den Corona-Ausbruch auf der Artania in Australien, die humanitäre Katastrophe von Holland-America-Line-Schiffen mit sterbenden Menschen an Bord, die in Südamerika nirgendwo an Land dürfen.

Darüber zu berichten, fühlt sich seltsam steril und unwirklich an. Es betrifft nicht mich, ich berichte nur darüber. Trotzdem arbeite ich vermutlich mehr Stunden am Tag als je zuvor in meinem Leben, um ständig ganz aktuell zu sein, um den sich überschlagenden News hinterher zu kommen. Kaum klickt man bei einem Text den Speicher-Button an, hat sich die Situation schon wieder geändert.

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Erst nach und nach beginne ich, auch emotional wahrzunehmen und zu verinnerlichen, was der Kopf schon längst weiß. Nach und nach sickert die Wahrnehmung auch emotional durch, dass hier etwas sehr Substanzielles passiert. Aus distanzierten Filmszenen wird eine persönliche, direkte Realität.

Heute, nur wenige Monate später, fühlt sich die Erinnerung an diese Zeit schon an wie eine dieser Geschichten, die man als Großvater seinen Enkeln an einem Wintertag im warmen Wohnzimmer bei Kerzenschein erzählt: „Weißt Du, früher, als ich noch jung war, da war dieses verrückte Jahr 2020 …“ – und doch ist das jetzt erst ein paar Monate her.

Der erste Lockdown zeigt Wirkung, die Infektionszahlen sinken in Deutschland zum Sommer hin auf ein sehr niedriges Niveau und bevor man die Krise verinnerlicht hat, kann man sich, wenn man will, einreden, dass sie schon wieder vorbei ist. Es wird Sommer, die erste Angst weicht einem gewissen Realismus, man kann besser einschätzen, was gerade passiert. Oder glaubt das zumindest.

Und so scheint ein wenig Normalität zurückzukehren, auch wenn Vorsichtsmaßnahmen schon verinnerlicht hat, Masken akzeptiert, ständig Hände wäscht, in die Armbeuge niest, Abstand hält. Dinge, die ich zu dieser Zeit noch bewusst und gezielt mache. Und auch ein wenig stolz darauf bin, dass ich mich so brav an alles halte. Heute? Sind all diese Dinge zur Routine geworden, gehören zum normalen Leben, ich merke es kaum noch, es ist einfach so.

Nach Monaten wieder ein Kreuzfahrtschiff sehen …

Ich fahre Anfang Juni mit dem Auto von München nach Straubing, um die Abfahrt zur ersten Flusskreuzfahrt nach dem kompletten Shutdown zu fotografieren. Im Juli bin ich dann zum ersten Mal selbst wieder unterwegs: am Douro in Portugal. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar: ohne vorherigen Coronatest, nur ein freiwilliger (und, wenn man ehrlich ist, nutzloser) Antikörpertest am Schiff. Aber die Infektionszahlen waren Anfang Juli in Deutschland wie in Nord-Portugal so niedrig, dass das Risiko eben auch sehr gering war. Und die Schiffe hatten kaum Passagiere.

Sonnenuntergang in Porto, Blick von der „Dom Luís I“-Brücke
Sonnenuntergang in Porto, Blick von der „Dom Luís I“-Brücke

Die erste Kreuzfahrt nach dem Shutdown bewirkt bei mir zweierlei: Es weckt mich aus dieser seltsamen Distanziertheit, dem fieberhaften Arbeiten, ohne die Situation wirklich zu verinnerlichen. Denn ich muss zu Hause raus, mich nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret und zum Selbstschutz noch intensiver als ohnehin schon mit FFP2-Masken und anderen Covid-19-Themen beschäftigen.

Spätestens, als ich in Porto aus dem Flieger steige und zum Schiff fahre, schwindet viel vom Schrecken der Pandemie. Denn es wird plötzlich real – und es ist kontrollierbar. Das war, so erinnere ich mich, eine ziemliche Befreiung.

Und die Reise selbst?

Ein sehr zwiespältiges Gefühl, das mich den Sommer und Herbst weiter begleiten wird. Einerseits habe ich Top-Touristenattraktionen wie Porto, Venedig, Athen, Capri fast für mich allein– ein unbeschreiblich schönes Erlebnis, diese Orte fast ohne andere Touristen erleben zu dürfen.
Andererseits zu sehen und zu spüren, wie sehr der Tourismus die Menschen an diesen Orten alleine lässt in einer Zeit, in der sie es am dringendsten brauchen. Hinzu kommt die Liebenswürdigkeit, Herzlichkeit und ehrliche Dankbarkeit, die man bei den Menschen dort spürt, dass man da ist und wenigstens ein wenig Einnahmen ins Land, in die Stadt bringt.

Durch die Medien geisterte dieser Mythos „Venedig“: menschenleerer Markusplatz, Fische im klaren Wasser des Canal Grande (was sich später als Falschmeldung herausstellen sollte). Und dann ruft mich im Juli ein Produktionsteam des ZDF an, ob ich Lust hätte, für ausführlichere Interviews zu Venedig und der Kreuzfahrt-Situation dort für zwei Tage in nach Venedig zu fliegen.

Markusplatz, Venedig - nahezu ohne Touristen
Markusplatz, Venedig – nahezu ohne Touristen

Es sollte, ich kann es nicht verhehlen, eine meiner schönsten Reiseerlebnisse werden. Den ganzen Tag durch die Stadt, von einem Drehort zum nächste, mit dem Wassertaxi durch die Kanäle, schöne Interview-Locations suchen – und das alles in dieser sonst vom Overtourism beinahe schon vernichteten Stadt, die jetzt wie leergeräumt ist. Besichtigung des Doms? Ohne Anstehen einfach reingehen. Foto auf de Rialtobrücke ohne störende, andere Touristen? Nicht das geringste Problem. Es sind zwei Tage wie auf einem anderen Stern, trotz Arbeit.

Ich fühle mich wieder wohl in der Öffentlichkeit. Ich merke, dass man die Situation kontrollieren kann. Fliegen? Schwierig, aber ich setze meine FFP2-Maske keine Minute ab – das mache ich auch heute noch so. Alltag? Maske dabei haben, wenn sich etwas unangenehm fühlt, einfach aufsetzen. Anderen Menschen aus dem Weg gehen wird Routine. Reisen geht, und zwar ohne Risiko – beziehungsweise ohne höheres Risiko als zu Hause zu bleiben.

Zugleich quält mich ein Gedanke: Die großen Kreuzfahrtschiffe starten demnächst wieder. Als Kreuzfahrt-Journalist muss ich davon berichten. Nur mein Bauchgefühl sagt mir: Auf diesen großen Schiffen hast Du nicht die Kontrolle wie an Land. Und wer weiß, wie die Infektionsschutzkonzepte der Reedereien funktionieren? Wenn sich die Passagiere so wenig an die Regeln halten, wie die Menschen an Land es tun, dann wird mit Angst und Bange …

Dennoch: Es ist mein Job, also muss ich mich notfalls tagelang hinter die FFP2-Maske verkriechen, Augen zu und durch. Ich bin beinahe schon erleichtert, als meine gebuchte Reise auf der AIDAperla ab Hamburg Anfang August abgesagt wird. Ich war gedanklich einfach noch nicht so weit, auf ein so großes Schiff zu gehen und mich auf diese Ungewissheit einzulassen.

Es geht viel mehr, als man dachte – ein schönes Gefühl

Wirklich freue ich mich dagegen über die Einladung auf die Segelyacht Chronos entlang der Amalfiküste Mitte August: kleines Schiff, nur wenige Passagiere, alle vorher mit Coronatest, niedrige Infektionszahlen. Das fühlt sich kontrollierbar an, ich kenne die Reederei und die Leute dahinter persönlich, kann die Situation am Schiff einschätzen.

Segel setzen auf der Chronos
Segel setzen auf der Chronos

Die Reise ist wunderschön, ich kann wieder wie gewohnt täglich live bloggen, bis auf ein paar inzwischen gewohnte Maßnahmen wie Maske, Abstand und Hygiene eine fast normale Woche in Italien verbringen.

Diese Reise ist ein wichtiger Schritt, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Trotzdem in Amalfi schon wieder relativ viele Touristen unterwegs sind und die Infektionszahlen in Italien steigen, stellt sich die Sicherheit ein, dass ich auch das kontrollieren kann. Es geht, und zwar sogar sehr gut. Ohne größeres Risiko als zu Hause.

Anfang September. Eigentlich wären wir jetzt auf dem Weg von Vancouver nach Hawaii. Nach vielen Jahren endlich mal wieder ein richtiger, privater Urlaub. Die Kreuzfahrt ist natürlich längst abgesagt. Es ist eine der Dinge, über die ich mich heute über mich selbst wundere: Wie lange ich doch auch im April, Mai, Juni noch gehofft hatte, dass die Hawaii-Reise irgendwie würde stattfinden können. Aus heutiger Sicht: sowas von naiv …

Mit der Amakristina auf Burgen-Tour entlang des Rheins
Mit der Amakristina auf Burgen-Tour entlang des Rheins

Stattdessen am 8. September wieder eine Flusskreuzfahrt, diesmal am Rhein, mit Ama Waterways, die bislang am deutschen Markt gar nicht aktiv waren. Spannend. Und mit deutlich mehr Passagieren, mit in den Nachbarländern wieder steigenden Infektionszahlen. Erhöhter, emotionaler Schwierigkeitsgrad, quasi. Doch jede Reise gibt mir mehr Vertrauen, bringt mehr Routine und Arbeitsalltag, macht das Reisen wieder normaler.

Im August das erste große Kreuzfahrtschiff, mit mulmigem Gefühl

Seit 15. August fährt die MSC Grandiosa als erste von inzwischen mehreren, großen Kreuzfahrtschiffen wieder. Jetzt wird es für mich als Reisejournalist drängender, endlich darüber zu berichten; zu zeigen, wie Kreuzfahrt und Covid-19 zusammenpassen; wie die Konzepte wirken; und ob mit Maskenpflicht und strengen Regeln überhaupt Spaß und Urlaubsgefühl entstehen kann.

Die MSC Grandiosa hatten wir vom Segelschiff aus auf ihrer ersten Fahrt bei Neapel aus der Ferne schon gesehen. Aber wirklich selbst an Bord gehen? Für den 21. September kommt die Einladung von MSC: zwei Nächte an Bord, das Infektionsschutzkonzept unter die Lupe nehmen.

Maskenpflicht am Schiff
Einschiffung zur MSC Grandiosa in Civitavecchia

Ich habe mir vorgenommen, in diesem Rückblick auch mit persönlichen Gefühlen nicht zurückzuhalten. Deshalb … So gerne ich die Schiffe von MSC grundsätzlich habe: MSC ist eine Reederei, die ich nicht mit sonderlich guter Organisation in Verbindung bringe. Das ist über die Jahre besser geworden, aber ausgerechnet die erste Reise auf einem großen Schiff in dieser kritischen Zeit mit MSC?

Privat wäre ich zu diesem Zeitpunkt wohl auf keines der großen Kreuzfahrtschiffe gegangen, weder MSC, noch Costa, TUI Cruises oder AIDA. Aber Kreuzfahrt-Berichterstattung ist mein Beruf; und es sind nur zwei Nächte. Ich packe FFP2-Masken und Desinfektionsmittel ein und fliege nach Rom. Zur Not trage ich eben den ganzen Tag FFP2, bleibe die meiste Zeit in der Kabine und esse, was der Roomservice in die Kabine bringt, wenn’s ganz sein sollte kommt.

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Aber es ist anders. Ganz anders. MSC legt die perfekte Organisation hin, ist strikt bei den Regeln und in deren Durchsetzung. Ich verstehe vor Ort, dass die Infektionsschutzkonzepte auf großen Schiffen funktionieren können. Und zwar sogar ganz hervorragend. Es ist viel sicherer als an Land, weil alles genau durchdacht, durchorganisiert, kontrolliert ist. Die Menschen halten sich konsequent an die Regeln – ganz anders, viel besser als an Land.

Das öffnete mir die Augen in einer Weise, wie es nur ging, weil ich mir das Ganze persönlich vor Ort angesehen habe. Eine ganz ähnliche Reise mit der Costa Deliziosa folgt gleich einige Tage später. Sie bestätigt, was ich bei MSC schon erlebt habe. Es geht wirklich.

Costa Deliziosa in Brindisi
vor der Costa Deliziosa in Brindisi

Abenteuerlich ist nur die Anreise, weil die Flugverbindungen in Coronazeiten so ausgedünnt sind, dass ich kaum von München nach Triest komme. Einzige Möglichkeit: Einen Tag vor Einschiffung morgens nach Venedig fliegen. Was für ein glücklicher Zufall. Ein komplett freier Tag in meiner Lieblingsstadt, die ich seit dem ZDF-Dreh im Juli noch ein wenig mehr liebe. Herrlich.

Mein Schiff 6 in Heraklion
Mein Schiff 6 in Heraklion

Nächstes Abenteuer: Eine Sieben-Nächte-Kreuzfahrt mit vielen Seetagen. “Blaue Reise” mit TUI Cruises nach Griechenland. Und ich merke: Kreuzfahrten werden in meinem Alltag wieder so etwas wie normal. Abläufe wie Coronatest, Fiebermessen, Maske, Einschränkungen beim Landausflug werden Routine. Auch, wenn ich die Maske nach wie vor gelegentlich in der Kabine vergesse und es erst nach ein paar Metern am Gang merke.

Ich habe mich an die Regeln gewöhnt, empfinde sie kaum noch als störend. Vor allem die Maske ist zur völligen Normalität geworden Teils beginne ich schon, sie zu vermissen, wenn ich sie einmal nicht im Gesicht habe. Ich trage sie zunehmend auch im Freien, wenn ich gar nicht müsste. Einfach, weil es bequemer ist, als sie ständig auf- und abzusetzen.

Doch dann steigen die Infektionszahlen überall in Europa wieder an, auch in Deutschland. Das Gefühl ist dennoch ein ganz anderes. Wir wissen mehr über Covid-19, haben einige Monate mit der Pandemie gelebt, sind weniger ängstlich, weniger hysterisch, weniger naiv, dafür sachlicher, rationaler.

in den Dünen von Maspalomas
in den Dünen von Maspalomas auf Gran Canaria: Maskenpflicht

Trotzdem drücken mich leichte Bauchschmerzen bei dem Gedanken an die nächste – und für dieses Jahr dann auch letzte – Kreuzfahrt. Denn vor der Reise mit der Europa 2 zu den Kanaren Anfang Dezember kommen mir leise Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee ist. Es ist eher emotional als rational. Denn die Infektionszahlen auf den Kanaren sind extrem niedrig und alle Passagiere des Flugs dorthin haben einen PCR-Test absolviert. Kein höheres Risiko als zu Hause, eher im Gegenteil.

Verbale Prügel für eine Kanaren-Reise im Dezember

Ich schreibe einen Blog-Beitrag, der das thematisiert – und bekomme  Zuspruch (von Leuten, die dieses Jahr schon auf Kreuzfahrt waren), fange mir aber auch heftige, undifferenzierte, sich nicht mit sachlichen Argumenten auseinandersetzende Kritik ein, werde als „empathielos“ und „arrogant“ beschimpft, weil ich verreise.

Erst mit etwas Abstand verstehe ich – abgesehen von dem respektlosen und unflätigen Tonfall einiger Kommentare – den Hintergrund der Kritik: Ich erinnere mich, wie skeptisch ich vor meiner eigenen, ersten Reise in der Pandemie war.

Wer in diesen Zeiten nur zu Hause war, nicht verreist ist, vielleicht aus seiner eigenen Reiseerfahrung nur dicht gedrängte Pauschalurlaube, rappelvolle Massenmarktschiffe kennt, dem fehlt die Erfahrung mit der Realität des Reisens in diesen Zeiten.

auf Reisen mit FFP2-Maske
im Flieger ausschließlich und durchgehend mit FFP2-Maske,

Wer in dieser Zeit nicht verreist ist, dem fehlt vor allem auch die emotionale und gedankliche Entwicklung, die ich Schritt für Schritt, von einer Reise zur nächsten, in diesem Sommer und Herbst gemacht habe. Die meisten Menschen haben bestenfalls Informationen aus zweiter Hand, haben überwiegend sogar nur die pauschale Verteufelung von Reisen in Politik und vielen Medien im Kopf. Sie denken an Ischgl Anfang des Jahres, die Bulgarien- und Kroatien-Partys im Sommer: Corona-Alpträume, die sie auf das Reisen insgesamt verallgemeinern.

Wie ich an mir selbst erlebe, ist die Wahrnehmung der Pandemie und der persönliche Umgang damit ein Entwicklungsprozess. Abhängig von Erinnerungen, Prägung und ganz aktuellen Erfahrungen durchlaufen Menschen diesen Entwicklungsprozess unterschiedlich schnell. Das erzeugt unweigerlich Konflikte.

Und jetzt zum Jahreswechsel geht erstmal wieder vieles von vorne los: Die Unsicherheit, ob bei der neuen, viel ansteckenderen Variante von Covid-19 die bisherigen Maßnahmen eigentlich ausreichen: Maske und Abstand – wobei viele ja immer noch nicht verstanden haben, dass 1,5 Meter der Mindest-Abstand ist. Und dass es um Abstand und Maske geht, nicht um Abstand oder Maske. Mit der neuen Variante wissen wir nun noch nicht einmal das mehr so genau.

Wie geht’s weiter?

Eine nächste Reise ist bei mir im Augenblick nicht geplant. Aber das dachte ich in diesem Jahr schon oft und kurz darauf war ich wieder unterwegs. Nicht, solange die Infektionszahlen so hoch sind wie jetzt gerade. Aber das ändert sich ja hoffentlich bald wieder.

Was mir von 2020 bleibt, ist die Erfahrung meiner ganz persönlichen Entwicklung in diesen wenigen Monaten. Vom Drang „ich will wieder reisen“ (und muss, weil es mein Beruf ist) über viele Zwischenstufen hin zu einem bewussten Kalkulieren und Absichern dessen, was ich tue: so viel wie möglich, ohne andere und mich selbst zu gefährden.

2021 wird spannend, in ganz vieler Hinsicht und mit positiver Perspektive. Also, „positiv“ in dem Sinne, wie wir das Wort vor der Pandemie benutzt haben ;-)

Eines traue ich mich schon jetzt, vorherzusehen: Es wird sich seltsam anfühlen, wenn ich mich eines Tages am Buffet wieder selbst bedienen darf und ich keine Maske mehr tragen muss. Ein klein wenig wird mir die Maske vielleicht sogar fehlen, so sehr habe ich mich schon daran gewöhnt.

Ich wünsche Euch ein wunderschönes und gesundes Jahr 2021 mit vielen, unbeschwerten Reisen und einer Welt, die durch die Pandemie stärker und besser wird, als sie es zuvor war.

Ich wünsche Euch ein glückliches und gesundes Jahr 2021!

6 Kommentare

6 Gedanken zu „“Vielleicht werde ich die Maske am Ende sogar vermissen” … Mein persönlicher Rückblick auf ein völlig irres Jahr 2020“

  1. Ich befinde mich gerade an meinem letzten Reisetag auf Madeira. Hier bin ich gelandet, nachdem die Kanaren zum Risikogebiet wurden und ich daher eine Alternative finden musste, die mir die Quarantäne erspart. Die geplante Kanarenkreuzfahrt wurde inzwischen sogar komplett gecancelt.

    Und was soll ich sagen? War vielleicht doch ganz gut so. Denn hier auf Madeira ist man bei wesentlich niedrigeren Infektionszahlen als in Deutschland, sogar noch niedriger als auf den meisten Kanaren-Inseln. Und ich fühle mich sehr sicher hier, bin nur allein mit dem Mietwagen unterwegs gewesen, habe mich vor Abflug 2x testen lassen und meide jeglichen Nähe zu anderen Menschen. Dennoch spürt man die Gastfreundschaft der Menschen hier, auch auf (ausreichende) Distanz zueinander. Sowohl in den Restaurants als auch im Hotel und sonstigen Orten der Zusammenkunft werden alle Regeln rigoros eingehalten, viele Leute tragen auch im Freien dauerhaft die Maske, auch wenn sie nur dann getragen werden muss, wenn der Mindestabstand nicht gewährleistet werden kann.

    Es freut mich für die Leute hier, dass wenigstens noch ein bisschen was läuft im Tourismus, sie geben sich alle große Mühe um sicher zu gehen, dass das auch Anfang 2021 noch möglich sein kann.

  2. Das ist die Botschaft, die Reise in diesen Zeiten auch nach Hause tragen kann: Schaut Euch an, wie andere damit umgehen. Hört auf zu jammern, weil Euch das bisschen Papier vor der Nase lästig ist. Tut, was nötig ist, um die Pandemie einzudämmen. Es war alt auch schon immer so: Reisen erweitert den Horizont, Reisen bildet. Auch in diesen Zeiten trifft das zu. Gute Heimreise, @Patrick Schneider!

  3. Wir waren Anfang des Jahres auf der Westerdam. Mit der DiamondPrincess das erste Schiff, das die Pandemie zu spüren bekommen hat. Wir hatten zum Glück keinerlei Fälle, aber das hat den Irrsinn damals nur bedingt besser gemacht. Während der Reise fanden wir die Situation nicht so toll, heute wünschen wir uns auf das Schiff zurück.
    Nach der Reise dachten wir, das wäre eben diese Großeltern/Enkel-Geschichte. Am Ende war es nur der Auftakt in ein verrücktes Jahr und eine kleine persönliche Randgeschichte.

  4. Dank deiner tollen Berichterstattung und unseren erstmaligen Erfahrungen mit 2 Flusskreuzfahrten in diesem Jahr, die gezeigt haben, dass man auch während Corona reisen kann, treten wir hoffentlich (man weiß ja nie, was noch dazwischen kommen kann) nächste Woche eine dreiwöchige Reise mit der Mein Schiff 1 an. Wir haben uns von allen Feiern ferngehalten, sind im Prinzip in Selbstisolation. Wir haben beide keine Bedenken, alles ist gut vorbereitet, übermorgen der PCR- Test am Flughafen, FFP2 Masken sind genügend gebunkert, vor allem für die Flüge. Fürs Schiff auch noch ein paar hübschere Alltagsmasken. Wir gehen die ganze Sache total zuversichtlich an.
    Danke mal wieder für einen tollen Bericht von dir, der das Jahr gut zusammen gefasst hat.

  5. Hallo Franz,

    vielen Dank für diesen offenen, ehrlichen Rückblick.
    Deine “innere Entwicklung” kommt mir sehr bekannt vor :-)

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