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MSC Grandiosa, Fußspuren Laufweg auf der Promenade

Wer muss in Quarantäne? So funktioniert die Kontakt-Nachverfolgung am Kreuzfahrtschiff

Coronatests und Gesundheitsprüfungen verhindern idealerweise, dass Covid-19-Infizierte überhaupt  an Bord eines Kreuzfahrtschiffs gelangen. Das schafft eine hohe, aber keine absolute Sicherheit. Anders als an Land gibt es auf Kreuzfahrtschiffen jedoch eine präzise und schnelle Nachverfolgung der Kontaktpersonen. Wir haben uns die Grundprinzipien für dieses Contact Tracing und die technische Umsetzung genauer angesehen.

Primäres Ziel an Bord eines Kreuzfahrtschiffs ist es, möglichst wenig Kontakte mit geringem Abstand über längere Zeit oder ohne Maske zuzulassen, die zu Infektionen führen könnten. Viele Maßnahmen, die wir bei den einzelnen Infektionsschutzkonzepten der Reedereien bereits beschrieben haben (TUI Cruises, MSC, Costa, Hapag-Lloyd Cruises), zielen genau darauf.

Zeigen sich bei Coronatests an Bord dennoch positive Fälle, ist eine effiziente und schnelle Kontakt-Nachverfolgung essenziell, um Ansteckungen an Bord zuvorzukommen. Der potenziell Infizierte wird sofort isoliert, direkte Kontaktpersonen so schnell wie möglich identifiziert und vorsorglich unter Quarantäne gestellt. Warum ist das nötig und wie funktioniert es in der Praxis?

Ziele der Kontaktermittlung

Ziel der Kontaktermittlung bei positiven Testergebnissen ist es, …

  • Quarantäne-Maßnahmen auf das notwendige Minimum zu reduzieren, damit möglichst wenige Personen in Quarantäne müssen,
  • Ansteckung so weit wie möglich einzudämmen und nach Bekanntwerden einer Infektion weitere Kontakte des positiv Getesteten sowie seiner direkten Kontaktpersonen unterbinden,
  • direkte Kontaktpersonen von positiv Getesteten unter Quarantäne zu stellen oder ihnen je nach Situation und behördlichen Vorgaben eine sichere Heimreise zu ermöglichen,
  • aber auch: der Öffentlichkeit zu zeigen, dass die Kreuzfahrt über ein solides und funktionierendes Infektionsschutz-Konzept verfügt und sich Vorkommnissen wie Anfang 2020 etwa auf der Diamond Princess nicht wiederholen werden, als die Kreuzfahrt ebenso wie der Rest der Welt weitgehend unvorbereitet von der Pandemie getroffen wurde.

Ein wichtiger Baustein des Konzepts ist, das Nachverfolgungssystem mit den Behörden der angelaufenen Länder oder Häfen abzustimmen. Denn letztlich entscheiden die Behörden über Quarantänemaßnahmen. Nur ein verlässliches Contact Tracing schafft die Sicherheit, dass nicht ein ganzes Schiff wegen unklarer Infektionslage unter Quarantäne gestellt wird.

Welche Informationen sind für das Contact Tracing relevant?

Um das Contact Tracing sinnvoll durchführen zu können, sind vor allem drei Informationen relevant:

  • Welche Personen sind sich für mehr als 10 oder 15 Minuten näher als 1,5 Meter gekommen? – Bei solchen intensiveren Kontakten nimmt man ein erhöhtes Ansteckungsrisiko an. Lediglich kurze Begegnungen sind für die Kontaktnachverfolgung nicht relevant.
  • Wo fanden die Kontakte statt? – Kontakte im Restaurant zwischen Kellner und Passagier ohne Maske sind eventuell anders zu beurteilen als Kontakte am Sonnendeck im Freien.
  • Wann fanden die Kontakte jeweils statt? – Diese Information ist beispielsweise dann wichtig, wenn Kontaktereignisse manuell mit Aufzeichnungen aus der Videoüberwachung abgeglichen werden müssen.

Technische Umsetzung: Ressourcen des jeweiligen Schiffs

Die besondere Herausforderung auf einem Kreuzfahrtschiff ist, wie man diese Daten möglichst präzise erfasst oder ermittelt. Deshalb hängt die praktische Umsetzung des Contact Tracing stark von den technischen Gegebenheiten des jeweiligen Kreuzfahrtschiffs ab.

Einige sehr neue Kreuzfahrtschiffe sind mit Tracking-Technik ausgestattet, die sich mit wenig Aufwand auch zur Erfassung von Bewegungs- und Aufenthaltsdaten der Personen an Bord nutzen lassen. Auf anderen Kreuzfahrtschiffen ist dagegen sehr viel mehr manuelle Datenerfassung nötig. Das ist aufwendig, funktioniert aber den bisherigen Erfahrungen nach ebenfalls gut.

Automatische Erfassung von Bewegungs- und Kontaktinformationen

Einen großen Vorteil haben Reedereien, deren Schiffe bereits über ein umfassendes System zur Überwachung und Verfolgung von Passagieren und Crew verfügen. Auf diesen Vorteil kann MSC Cruises mit dem „MSC for Me“-System auf einigen neuen Schiffen zurückgreifen. Princess Cruises profitiert von der „Ocean Medallion“-Technik. Zahlreiche Schiffe wurden damit bereits aus- oder nachgerüstet. Royal Caribbean International hat vor allem auf den Schiffen der Quantum Class ein „Smart Ship“-System zur Verfügung. Royal Caribbean nutzt dabei auf der Quantum of the Seas in Singapur auch Videoüberwachung mit Gesichts- und Körpererkennung.

Tracking-Armbänder oder Tracking-Token, die alle Passagiere tragen, Smartphone-Apps und auch Scans der Kabinenkarte in Shops, an Bars, in Restaurants oder im Theater liefern auf solchen Schiffen automatisch Daten.

Ursprünglich haben die Reedereien diese Systeme konzipiert, um an Bord bessere, personalisierte Services anbieten zu können, Abläufe wie den Check-in semi-intelligent zu automatisieren, aber auch zur Verkaufsförderung in Bars und Shops. Mit relativ geringem Aufwand lässt sich diese „Smart Ship“-Technik für das Contact Tracing nutzen.

Was Datenschützer nervös macht, ist für die Kontaktverfolgung in Zeiten von Sars-Cov-2 ein enormer Vorteil. Denn diese Systeme erfassen einfach automatisch, wo sich jeder Passagier, jedes Crewmitglied wie lange aufhält und mit wem sie in dieser Zeit Kontakt haben.

Family-Tracker und Gesichtserkennung zur Kontaktverfolgung

Für das „MSC for Me“-System sind beispielsweise über 3.000 kleine Bluetooth-Beacons am Schiff verteilt. Sie werden auf der MSC Meraviglia, MSC Bellissima, MSC Grandiosa und MSC Virtuosa im Rahmen des „Family & Friends Trackers“ eingesetzt, um Familienangehörige automatisch am Schiff Orten zu können. Zusammen mit Ortung per Wlan und GPS, Datenerfassung im Nahbereich mit NFC und mit Gesichtserkennung über die Videoüberwachung am Schiff liegen damit umfassende Daten vor, mit denen sich das Contact Tracing nahezu vollständig automatisch abwickeln lässt.

Dass übrigens die reine Erfassung von Kontakten am Kreuzfahrtschiff nicht ausreicht, wie es etwa die deutsche Corona-Warn-App tut, hatten erste Tests bei Costa im Sommer 2020 gezeigt. Tracking-Armbänder hatten zwar aufgezeichnet, welche Passagiere sich mehr als 15 Minuten näher als 1,5 Meter zueinander aufgehalten haben. Ohne zusätzliche Ortung ist aus diesen Daten aber nicht ablesbar, ob die beiden Personen sich beispielsweise in benachbarten Kabinen aufhielten – getrennt durch eine Stahlwand und damit für die Kontaktverfolgung irrelevant. Die Tücken der Technik können also durchaus im Detail stecken.

Manuelle Datenerfassung für die Kontaktverfolgung

Steht am jeweiligen Kreuzfahrtschiff keine oder nur begrenzte Tracking-Technik zur Verfügung, ist viel Handarbeit gefragt. Die Reedereien lassen sich dabei alle möglichen Tricks einfallen, damit das lückenlos und dennoch effizient klappt.

Zwar werden auch hier einige Daten automatisch erfasst, nämlich Transaktionsdaten etwa beim Scan der Kabinenkarte beim Betreten und Verlassen der Kabine, in einem Bordshop, bei der Bestellung eines Drinks in einer Bar. Weitere Daten liefern zusätzliche Scans der Kabinenkarte etwa im Restaurant, beim Betreten und Verlassen des Fitnessstudios oder Ähnlichem.

Scannen der Kabinenkarte für die Kontaktverfolgung
Scannen der Kabinenkarte für die Kontaktverfolgung

Crew-Mitglieder müssen hierbei allerdings zusätzlich die Tischnummer und Sitzanordnung am Restauranttisch oder in der Bar oder des Trainingsgeräts im Fitnessstudio erfassen und die jeweiligen Passagiere beim Verlassen auch wieder ausbuchen.

Unkritisch ist dagegen, dass Bewegungen der Passagiere auf solchen Schiffen nicht erfasst werden können. Denn solange die Passagiere in Bewegung sind, ergeben sich dabei typischerweise keine relevanten Kontakte.

Anspruchsvoll ist die Datenerfassung im Bord-Theater, wo der jeweilige Sitzplatz registriert werden muss. TUI Cruises löst das beispielsweise recht effizient, aber aufwendig über Platzanweiser, die per Funk-Headset Kabinen- und Sitzplatznummer an Kollegen weitergeben, die diese Daten dann elektronisch erfassen. Auf der Costa Deliziosa wurde auf meiner Reise dagegen jeder Passagier am Eingang erfasst und in dieser Reihenfolge dann platziert.

Sitzplatz-Zuweisung im Theater auf der Costa Deliziosa
Sitzplatz-Zuweisung im Theater auf der Costa Deliziosa

Schwierig ist auch die Kontaktverfolgung bei Landausflügen. Hier muss der Guide zumindest die Sitzplatzverteilung im Bus erfassen und von den Passagien die Disziplin erwarten, dass sie diesen Platz während des Ausflugs auch nicht wechseln. Stehen dagegen aktive Tracking-Armbänder oder geeignete Smartphone-Apps zur Verfügung, ist selbst während eines Landausflugs die Kontaktermittlung automatisierbar. MSC beispielsweise gibt an, dass die Armbänder während der Ausflüge autonom Kontaktdaten aufzeichnen und bei Betreten des Schiffs automatisch übertragen.

Um zu verifizieren, ob ein aus diesen Daten nicht eindeutig identifizierter Kontakt relevant ist, können gegebenenfalls Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras herangezogen werden und auch die betroffene Person befragt werden. Das verzögert gegebenenfalls den Tracing-Prozess, schafft aber Sicherheit.

Detaillierte Datenerfassung und schnelle Auswertung

Bei der Kontakt-Verfolgung auf Kreuzfahrtschiffen erfassen die Reedereien umfassende Bewegungs- und Verhaltensdaten der Passagiere. Allerdings war das auch vor der Covid-19-Pandemie schon so und die Reedereien haben solche „Smart Ship“-Konzepte stetig weiter ausgebaut. In Hinblick auf Datenschutz ist seitens der Passagiere viel Vertrauen gefragt, dass die Reedereien die gesammelten, persönlichen Daten relativ kurz nach der jeweiligen Reise löschen und nicht anderweitig auswerten.

In Coronazeiten hat diese Datenflut aber den entscheidenden Vorteil, dass die Kontakt-Nachverfolgung äußerst schnell möglich ist.  Denn anders als an Land liegen alle nötigen Daten am Kreuzfahrtschiff bereits vor und müssen nur automatisiert ausgewertet werden.

Befragung der infizierten Person, Adressermittlung der Kontakte, Nachtelefonieren und Ähnliches entfällt an Bord von Kreuzfahrtschiffen im Wesentlichen. Statt mehrere Tage dauert die Kontaktermittlung an Bord eines Kreuzfahrtschiffs typischerweise weniger als eine Stunde und ist nach den bisherigen Erfahrungen der Reedereien sehr zuverlässig.

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