Kevin Bubolz, Managing Director Europe von Norwegian Cruise Line (NCL)

„Ziel ist es zu fahren, aber Priorität hat die Sicherheit der Gäste und der Crew.“

Rund 100 Tage nach dem weltweiten Shutdown der Kreuzfahrt: Kevin Bubolz, Managing Director Europe von Norwegian Cruise Line (NCL), erklärt in einem Exklusiv-Interview mit cruisetricks.de, wie es weitergeht, wo es Hoffnung gibt und welche Schwierigkeiten die Kreuzfahrt-Reederei derzeit beschäftigen.

Kevin Bubolz gewährt dabei einen auch recht persönlichen Einblick in seine eigene Stimmungslage und die seiner Mitarbeiter bei NCL. Er erklärt die aktuellen Herausforderungen für die Reederei und gibt einen ersten Einblick in Neustart-Planungen der internationalen Reederei.

Wie in Coronavirus-Zeiten üblich haben wir mit Kevin Bubolz am 25. Juni per Videokonferenzschaltung in einem Zoom-Meeting gesprochen.

Wie fühlt es sich an, Europa-Chef einer Reederei zu sein, deren Schiffe seit Monaten nicht mehr fahren können?

Kevin Bubolz: Ich habe gemischte Gefühle. Wenn ich so überlege: Es ist ein interessanter Mix aus Traurigkeit und Optimismus. Man schwankt immer so hin und her. Wir sind natürlich alle sehr traurig, dass wir nicht fahren können und unsere Kreuzfahrten aktuell nicht anbieten können. Im Tourismus sind wir ja alle mit Herzblut dabei und stehen hinter dem Thema Reise, wo es darum geht, Menschen zu verbinden.

„Wir stehen hinter dem Thema Reise, wo es darum geht, Menschen zu verbinden, auch über Kulturen hinweg.“

Gerade wir haben uns ja mit NCL bewusst einen internationalen Arbeitgeber ausgesucht, wo es noch mehr darum geht, Menschen zusammenzuführen, auch über Kulturen hinweg. All das fällt jetzt weg. Gerade das Soziale ist das, was in der Krise so eingeschränkt ist. Das ist der traurige Teil.

Der optimistische Teil ist, dass wir natürlich unsere ganze Kraft auf die Planung verwenden und Szenarien erarbeiten,  wann und wie es weitergehen könnte. Wir haben viele schöne Dinge, auf die wir uns freuen. Wenn wir wieder fahren, geht es beispielsweise mit neuen Routen weiter. Wir haben vor Kurzem erst ein neues Programm für 2021/2022 verkündet mit vielen spannenden Routen, darunter sind beispielsweise über 20 neue Destinationen. Da sind wir sehr optimistisch und positiv. Wir können den Moment kaum abwarten, wo es endlich wieder soweit ist.

NCL-Europa-Chef Kevin Bubolz im Zoom-Video-Interview mit cruisetricks.de
NCL-Europa-Chef Kevin Bubolz im Zoom-Video-Interview mit cruisetricks.de

Wie muss man sich die Arbeit bei einer Kreuzfahrt-Reederei gerade vorstellen?

Kevin Bubolz: Einmal ist es das Abwickeln von Dingen, die nicht mehr stattfinden, also Absagen von Kreuzfahrten und das ganze organisatorische Drumherum. Dazu gehört auch das Herunterfahren der Schiffe, die Crew nach Hause zu bringen. Es sind immer noch viele Dinge, die da im Herunterfahren sind.

Und das andere ist das Planen und Vorbereiten fürs Wiederhochfahren. Das ist genau dieses Spannungsfeld: Auf der einen Seite fährt man herunter, auf der anderen Seite bereitet man sich vor, wie es weitergehen könnte.

„Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, dass man ständig versucht, neue Informationen und Klarheiten zu bekommen.“

Da kommt ins Spiel, dass wir noch sehr viele Unsicherheiten haben. Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, dass man ständig versucht, neue Informationen und Klarheiten zu bekommen. Und es gibt ganz viele Gespräche. Ich hatte heute wieder einen längeren Roundtable per Zoom-Konferenz mit unseren Top-Vertriebspartnern in Spanien. So etwas machen wir regelmäßig in allen Märkten.

Und dann gibt’s andere Stakeholder, mit denen man sprechen kann – alles auf der Suche nach Szenarien, bei denen es sinnvoll ist, sie zu verfolgen. Wir haben immer ein Set von diversen Szenarien, wie es wieder losgehen und weitergehen könnte.

Aber in keinem  dieser Szenarien sind schon alle Haken gesetzt. Noch nichts ist an einem Punkt, wo man sagen kann: „Ja, das können wir jetzt sofort aktivieren“. Überall fehlt noch ein bisschen was. Daran arbeiten wir jetzt – die Lücken zu schließen und irgendwann an den Punkt zu kommen zu sagen: Ja, so haben wir jetzt einen Plan, auf den sich alle Partner und Gäste verlassen können.“

Wo liegen die Hauptschwierigkeiten bei der Planung des Neustarts?

Kevin Bubolz: Eine Komplexität ist bei NCL, dass wir global denken und operieren, wohingegen die Lösungen wahrscheinlich erst einmal ein bisschen lokaler sein werden müssen.

Wir haben erst einmal mit all den Dingen angefangen, die wir auf unserer Seite tun können. Mit den Health and Safety Protocols haben wir schon ein Fundament gelegt und da angefangen, eine etwas größere Kommunikation zu starten, um zu sagen: „Das ist die Basis von Dingen, die wir auf jeden Fall machen werden und an den Details arbeiten wir jetzt weiter.“

„Bei uns ist alles global, wohingegen die Lösungen wahrscheinlich erst einmal ein bisschen lokaler sein werden müssen.“

Zum Ausarbeiten der Details haben wir auch unser Experten-Komitee im Hintergrund, das täglich daran arbeitet, die Dinge in die Umsetzung zu bringen und noch konkreter zu werden. Da werden wir über die nächsten Tage und Wochen auch weiter nachlegen auf den Kommunikationsplattformen, die wir geschaffen haben, „Sail Safe“ – sicher reisen – so heißt das Programm dazu. Es ist ganz wichtig, um das Vertrauen bei den Kunden wieder aufzubauen. Das haben wir selbst einigermaßen in der Hand, das können wir gut vorantreiben.

Ein bisschen schwieriger ist es dort, wo man von anderen abhängig ist, Behörden, Häfen und so weiter. Das haben wir dann nicht mehr komplett selbst in der Hand und da sind das teilweise auch Themen, die die ganze Branche betreffen – beispielsweise in den USA das Gespräch mit der CDC (Anm.: die US-Gesundheitshehörde).

Das ist einfach ein Prozess. Für jeden ist das hier neu. In unseren Lebenszeiten ist es für jeden die erste Pandemie dieser Art. Das erfordert viel Kommunikation und es hilft natürlich nicht, dass so viel Unsicherheit da war, die jetzt abgebaut werden muss. Das geht nur Schritt für Schritt.

Wegen Reisebeschränkungen sitzen seit dem Lockdown immer noch Crewmitglieder auf Schiffen fest, die nicht nach Hause kommen. Zugleich brauchen Reedereien wieder Crew für den Neustart. Wird das in die andere Richtung ähnlich schwierig?

Kevin Bubolz: Wir hoffen natürlich, dass das einfacher ist. Wir wollen die Crew ja aufs Schiff holen. Also ist schonmal geregelt, wo sie ankommen sollen. Da haben wir nicht das Problem, dass manche Länder wie bei der Crew-Rückführung sagen: „Nein, wir wollen niemanden“, auch nicht die eigenen Staatsbürger.

„Wir sind schon optimistisch, dass das gelingen wird.“

Für den Neustart brauchen wir wieder Flugverbindungen. Da hapert es sicherlich noch hier und da ein bisschen. Aber es gibt jetzt auch wieder mehr und mehr Möglichkeiten. Insofern sind wir schon optimistisch, dass das gelingen wird.

So oder so ist es ja noch ein bisschen hin, bis das erste Schiff wieder fährt. Alle Schiffe haben schon ihre Rumpfbesatzung, die müssen wir ergänzen, wenn wir wieder richtig loslegen, aber das kann dann relativ zügig erfolgen.

Wichtig ist natürlich, dass die Entwicklung so weitergeht. Die Grundannahme dabei ist natürlich, dass sich die Verbesserung von Reisemöglichkeiten weltweit, auch die Flugverbindungen, weiter fortsetzen.

Kurzer Rückblick: Wie habt Ihr den Shutdown im März erlebt und wann habt Ihr die ganze Tragweite realisiert?

Kevin Bubolz: Am Anfang war ja alles sehr stark auf China bezogen. Die Norwegian  Spirit sollte zu diesem Zeitpunkt nach Asien, die Norwegian Jade war schon auf dem Weg dahin und ist auch erst einmal noch gefahren.

Wir hatten ein großes Event in Shanghai geplant, weil die Norwegian Spirit gerade frisch renoviert worden ist. Irgendwann haben wir gemerkt, okay, das werden wir so in der Form nicht mehr durchführen können. Damit ging es so langsam los. Dann haben wir schon bei der Norwegian Jade die Reisen verändern und schlussendlich absagen müssen. Dann haben wir die Norwegian Spirit herausgenommen.

„Da wurde uns klar, da ist eine Welle, die sich gerade aufbaut.“

Da wurde uns klar, da ist eine Welle, die sich gerade aufbaut. Als dann auf einmal in Italien die Infektionen mehr wurden, war das so der Moment, wo wir gemerkt haben, okay, wenn das jetzt schon hier in Europa so nahe so groß wird, dann wird das wahrscheinlich das weltweite Ding, die Pandemie kommt jetzt und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit.

Das hat sich dann sehr schnell von einem Tag zum nächsten weiter entwickelt. Da kam die Situation, dass Schiffe anderer Reedereien  in Asien nirgendwo mehr anlegen durften. Da haben wir intern gesagt, okay, es hat keinen Sinn, in einer unsicheren Lage zu versuchen etwas durchzuziehen. Das ist nicht das Urlaubserlebnis, dass wir unseren Gästen bieten wollen und sie sich wünschen.

„Jetzt hoffen wir, dass es irgendwann wieder in die andere Richtung geht.“

Wir haben dann gedacht, wir könnten noch die Fahrten mit der Norwegian Jade zu Ende führen, wobei wir die letzte Reise dann doch auch absagen mussten, weil in Singapur und Hongkong schon nichts mehr möglich war.

Von da an haben sich die Ereignisse überschlagen und dass es dann zum weltweiten Stopp kam, war relativ logisch und das einzig Richtige in der Situation.

Jetzt hoffen wir, dass es irgendwann wieder in die andere Richtung geht.

Wann endet denn das pauschale Absagen von Kreuzfahrt im Monatsrhythmus?

Kevin Bubolz: Wir haben schon die letzten beiden Male gehofft, dass das aufhört. Das ist aber mal so. Jetzt im Juni haben wir sogar ein bisschen mehr als einen Monat abgesagt. Das ist immer auch vor dem Hintergrund, dass wir natürlich so früh es geht wieder loslegen wollen.

„Ziel ist es zu fahren, aber Priorität hat die Sicherheit der Gäste und der Crew.“

Es ist aber auch relativ klar ist, dass es Schritt für Schritt gehen muss, wenn es wieder losgeht. Man wird jetzt nicht von einem Tag auf den anderen sagen: „Die gesamte Flotte fährt wieder.“ Sondern das wird in Stufen gehen. Aber man weiß ja noch nicht, wo genau man was wieder machen kann. Ziel ist es zu fahren, wenn es irgend geht, aber Priorität ist die Sicherheit der Gäste und der Crew und so muss man’s dann betrachten.

Und wie geht’s dann weiter?

Kevin Bubolz: Der Plan ist eigentlich schon seit langem, dass wir bei einer dieser Ankündigungen mal nicht sagen, „es wird um einen Monat verlängert“, sondern: „Folgendes wird noch abgesagt, aber die folgenden Reisen gehen auch definitiv wieder los und dies sind die Routen.“

Darauf haben wir die letzten Male schon gehofft, aber die Entwicklung ist auch hier sehr dynamisch. In Europa ist  die Covid-19-Situation schon deutlich besser geworden. In den USA sah es eine Zeit lang für Florida gar nicht schlecht aus. Jetzt ist gerade Florida wieder schlechter. Von daher ist es sehr dynamisch.

„Es muss klar sein, dass wir eine Route auch durchführen können, wenn wir sie anbieten.“

Wir haben 10 bis 15 Szenarien anliegen, was alles gehen könnte. Und wir wissen, was dafür passieren muss. Aber oft sind es dann eben die letzten, kleinen Schritte: Die Vereinbarungen mit den Häfen müssen stehen, weil klar sein muss, dass wir eine Route auch durchführen können, wenn wir sie anbieten.

Wir brauchen Pläne und Vereinbarungen mit allen Beteiligten und Häfen, was passiert, wenn es  zum Beispiel an Bord einen Fall gibt. Wir können an Bord eine Quarantänestation einrichten, wir können da vieles machen, aber es ist natürlich klar, das haben wir ja gesehen, dass Schiffe keine dauerhafte Quarantänestation sind. Das heißt, es muss dann auch eine Zustimmung vorliegen, dass im nächsten Hafen der Gast von Bord gehen kann und dann dort weiter behandelt wird. Vorher macht es wenig Sinn, eine Route anzubieten.

Wenn wir an dem Punkt sind, dann werden wir da, wo das möglich ist, sicherlich anfangen und dann ausbauen, so schnell wir können. Aber das ist weiterhin etwas, das sich von Woche zu Woche ändern kann, weil die ganze Situation noch so ist, wie sie ist.

Werden Kreuzfahrten regional begrenzt starten, vielleicht auch mit Fokus auf Europa?

Kevin Bubolz: In den Szenarien, die wir haben, ist natürlich berücksichtigt, dass zurzeit internationales Reisen kaum möglich ist und es wahrscheinlich auch nicht so schnell wieder denkbar ist, dass man in größerem Stil transkontinental reist. Die Frage ist also auch: Wann können Amerikaner wieder nach Europa kommen?

„In unseren Szenarien, ist natürlich berücksichtigt, dass zurzeit internationales Reisen kaum möglich ist.“

Insofern ist es logisch, dass wir mit verschiedenen Standbeinen denken. Wenn wir wieder anfangen, wird es sicherlich für eine gewisse Zeit so sein, dass wir eher regional anbieten. Wenn dann ein Schiff in Amerika fährt, wird es sicherlich hauptsächlich mit Amerikaner fahren und wenn ein Schiff in Europa fährt, wahrscheinlich hauptsächlich mit Europäern. Das ist einfach die logische Sache, wie wir wahrscheinlich wieder anfangen werden.

Wir sehen es ja jetzt auch in der EU, wo man von Deutschland aus hinreisen kann, aber eben noch nicht überall hin. Vielleicht ist irgendwann erst einmal etwas innerhalb der Schengen-Zone möglich. Wenn man dann ein Schiff hat, was in der Schengen-Zone fährt und nur Häfen dort anfährt, dann würde das ja passen, aber eben nicht mit Gästen von außerhalb.

Das Ziel ist trotzdem, wieder auf eine Normalität zu kommen. Wir sind ja bewusst global und international, das wollen wir auch und Internationalität ist Teil unseres Produkts, internationale Atmosphäre, das Ambiente, dafür stehen wir und da wollen wir auf jeden Fall schnell wieder hinkommen.

Die meisten Kreuzfahrthäfen in  Europa bleiben derzeit geschlossen. Wann werden sie denn wieder öffnen?

Kevin Bubolz: In manchen Gegenden sind die Leute noch damit beschäftigt, erstmal den Flugverkehr wieder auf die Beine zu bringen, die Hotels wieder zum Laufen zu kriegen und dann kommen irgendwo auch die Häfen wieder. In manchen Regionen wird es schneller gehen, in manchen wird es ein bisschen länger dauern, je nachdem, wie weit sie in der Gesamtorganisation sind.

Aber es ist ja gut zu sehen, dass sich beim Reisen insgesamt viel tut. Dass die Häfen nicht das allererste sein würden, das war schon klar. Wir brauchen ja letztlich auch erstmal Flüge, um manche Gäste selbst auch innerhalb Europas hin- und herzubringen. Und so werden erst einmal die Grundlagen gelegt und dann sind wir auch bald dran. Von mir aus könnte es gerne losgehen.

1 Kommentar

1 Kommentar zu “„Ziel ist es zu fahren, aber Priorität hat die Sicherheit der Gäste und der Crew.“

  1. Ja , die Kreuzfahrt Gesellschaften können einem momentan richtig Leid tun
    Hoffentlich überleben die auch dieses Desaster.
    Alles gute für NCL , RCCL , Carnival , MSC ,AIDA und alle anderen.
    Ich drücke die Daumen

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