Norovirus auf Kreuzfahrt – und wie man sich schützt

Dienstag, 9. März 2010
von Franz
waschbecken

Der beste Schutz vor Noro-Virus: regelmäßiges Händewaschen

Der Noro-Virus auf Kreuzfahrtschiffen macht wieder Schlagzeilen – in der vergangenen Woche waren laut USAtoday gleich vier Schiffe betroffen: Jewel of the Seas, Maasdam, Celebrity Mercury und Millennium. Auffällig oft wird über den Magen-Darm-Virus in den Medien immer dann berichtet, wenn Kreuzfahrtschiffe betroffen ist. Gerne fällt da auch mal das Stichwort “Noro-Epidemie”. Das liegt in den USA vor allem daran, dass Norovirus-Infektionen auf Kreuzfahrtschiffen meldepflichtig sind, an Land jedoch selbst bei hohen Infektionszahlen nicht.

Vor Begeisterung über das Thema machte sich ein CNN-Reporter jüngst offenbar nicht einmal die Mühe, ein Foto des richtigen Schiffs herauszusuchen und zeigt ein (nicht betroffenes) Princess-Cruises-Schiff zum Bericht über die vom Magen-Darm-Virus besonders intensiv heimgesuchte Celebrity Mercury.

Prompt fallen Leser auf diese Art der Berichterstattung herein und kommentieren den Beitrag beispielswiese mit “Cruise ships should be ordered to make better health precautions.” Dabei wird kaum irgendwo so gründlich auf Hygiene geachtet wie auf Kreuzfahrtschiffen (Update: Details dazu bei der Cruise Lines International Association CLIA). Und zwar schon aus Eigeninteresse – denn eine Noro-Infektion an Bord kommt die Kreuzfahrtgesellschaft teuer zu stehen, denn das Schiff muss komplett mit Chlor desinfiziert, häufig die nächste Kreuzfahrt abgesagt oder verspätet begonnen werden, infiziertes Personal kann tagelang nicht eingesetzt werden.

Noro-Virus: eine der häufigsten Krankheiten

Dass Noro ein spezielles Problem von Kreuzfahrtschiffen sei, ist einer der Mythen, die immer wieder dankbar von den Medien gefördert werden. Dabei sind Noro-Virus und seine Verwandten eine der häufigsten Krankheiten überhaupt. Die staatliche britische Health Protection Agency HPA beispielsweise schätzt die Zahl der Infektionen in Großbritannien auf jährlich bis zu eine Million (bei knapp 60 Millionen Einwohnern), die Schweiz schätzt die Zahlen auf 400.000 (bei 7,5 Millionen Einwohnern). Krankenhäuser, Altersheime, Schulen, Kindergärten sind fast täglich irgendwo betroffen, Kreuzfahrtschiffe dagegen sogar extrem selten.

Statistik: Noro-Virus auf Kreuzfahrt-Schiffen

Da in den USA statistische Daten leicht zugänglich sind, will ich anhand von Zahlen aus dem Zuständigkeitsgebiet der amerikanischen CDC (Centers for Desease Control and Prevention) die Dimensionen aufzeigen. Alle Zahlen sind circa, da der genaue Typ der Magen-Darm-Viren nicht immer eindeutig bestimmt werden konnten.

In den letzten fünf Jahren gab es auf Kreuzfahrt-Schiffen im Zuständigkeitsbereich der CDC jährlich in Schnitt knapp 20 Noroviren-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen:

noro-infektionen-grafik

Noro-Ausbrüche 2005: 16 | 2006: 33 | 2007: 20 | 2008: 14 | 1009: 13

Bei den aktuellen Fällen nennt die USAtoday folgende Zahlen, die ebenfalls von der CDC stammen: Auf der Maasdam sind 14% von 1.211 Passagieren betroffen, auf der Celebrity Mercury mit 22% der 1.800 Passagiere ungewöhnlich viele, bei Celebrity Millennium 7%, Jewel of the Seas 5%.

Machen wir also mal ein Rechenspiel und nehmen an, dass – absichtlich hoch angesetzt – im Schnitt 15% der Passagiere vom Noro-Virus betroffen sind. Nehmen wir dazu die Zahlen der MARAD über Kreuzfahrten und Passagierzahlen mit vermutlich ungefähr deckungsgleicher Basis: in einem Jahr circa 3.980 Kreuzfahrten mit insgesamt circa 9,6 Millionen Passagieren, durschnittlich also 2.400 Passagiere pro Kreuzfahrt. Bei 15% Betroffenen auf durchschnittlich 20 Kreuzfahrten ergibt das rund 7.200 Infizierte gegen 9,59 Millionen gesunder Passagiere. Bei allem Übel, das die Betroffenen ein bis zwei Tage lang durchmachen – statistisch ist diese Zahl nahezu vernachlässigbar. Die Zahlen von Cruise Junkie zeigen übrigens, dass tatsächlich sogar noch weniger Passagiere infiziert waren als in unserem Rechenbeispiel bleibt.

Und nicht zu vergessen: Selbst auf den betroffenen Schiffen haben 80-95% der Passagiere keine Beschwerden. Diese Schiffe fahren also keineswegs als schwimmende Quarantäne-Stationen über die Weltmeere, quasi als geisterhafte Fliegene Holländer.

Vorbeugung und Symptome

Trotzdem darf man den Noro-Virus und verwandte Krankheiten nicht unterschätzen. Nicht umsonst ist der hochansteckende Virus auch in Deutschland meldepflichtig – allerdings mit hoher Dunkelziffer, da der Noro-Test aufwändig ist und viele Patienten erst gar nicht zum Arzt gehen.

Der Noro-Virus hat eine sehr kurze Inkubationszeit von 1-2 Tagen, hält typischerweise 1-3 Tage an und äußert sich meist durch heftiges Erbrechen, Durchfall, oft auch Schwindelgefühl und Magen-Darm-Krämpfe. Ein Heilmittel gibt es nicht, wohl aber begleitende Behandlungen, die den Flüssigkeits- und Mineralstoff-Verlust ausgleichen. Vor allem für Kinder und ältere Menschen kann der hohe Flüssigkeitsverlust unbehandelt schnell zu Austrocknung und damit im Extremfall auch zu lebensbedrohlichen Situationen führen.

Wie schützt man sich am besten vor dem Noro-Virus? Die Ansteckung erfolgt über kontamimiertes Essen und Trinken, direkten Kontakt mit Infizierten und – am einfachsten zu vermeiden – Berührung von infizierten Oberflächen und anschließend die Hand in Gesicht oder Mund.

Entsprechend ist die beste Taktik:

  • häufiges, sehr intensives Händewaschen und Benutzung von Einmal-Papierhandtüchern zum Abtrocknen.
  • Hände von Gesicht, Augen, Mund fernhalten. Viren an den Händen führen nicht zu einer Infektion; gelangen die Viren aber über die Hände in den Mund, die Augen, die Nase, dann ist eine Ansteckung wahrscheinlich.
  • Vermeiden von Kontakt mit typischen Übertragungsquellen wie Türgriffen, Aufzug-Knöpfen und Treppengeländern.
  • Auf Kreuzfahrtschiffen etwas schwierig, aber doch bis zu einem gewissen Grad machbar: Keinen zu engen Kontakt zu anderen Passagieren. Also lieber Treppe laufen statt Aufzug fahren, im Restaurant am Tisch bedienen lassen statt im Buffet-Restaurant drängeln.
  • Wenn der Virus bereits ausgebrochen ist, gibt es in den Restaurants üblicherweise keine Selbstbedienung mehr. Vermeiden Sieaber auch dann all das Essen am Buffet, das in Reichweite der Passagiere steht. Denn häufig ignorieren Mitreisende aus Ungeduld die Bedienung am Buffet und fassen Speisen oder Vorlegebesteck selbst mit der Hand an.

Reichlich nutzlos sind laut Klinik-Fachleuten, mit denen wir gesprochen haben, übrigens die vor allem auf amerikanischen Schiffen verbreiteten Hand-Sanitizer – also Spender für Desinfektionsmittel, meist am Eingang zu den Restaurants. Denn die Desinfektionsmittel wirken antibakteriell, nicht jedoch gegen Viren. Trotzdem schadet die Benutzung ganz und gar nicht, zumal man damit auch den Mitpassagieren deutlich signalisiert, wie wichtig Hygiene an Bord ist. Ich denke, zum Thema (nicht vorhandenes) Hygiene-Bewußtsein von Mitpassagieren kann jeder seine eigene Ekel-Geschichte erzählen, das muss ich nicht weiter ausführen.

Fairness gegenüber anderen Passagieren

Am schwersten fällt es, auf der teuer bezahlten Kreuzfahrt trotzdem fair gegenüber den Mitreisenden zu sein. Hat man sich angesteckt, sollte man in seiner Kabine bleiben, um den Noro-Virus nicht weiter zu verbreiten. Unglücklicherweise ist Noro auch noch rund 2 Tage nach Abklingen der Symptome noch ansteckend, weil schon sehr wenige Viren (10-100) die Krankheit übertragen und die Viren recht langlebig sind. Bei einem größeren Ausbruch des Noro-Virus stellen Kreuzfahrtgesellschaften betroffene Passagiere deshalb häufig auch unter Zwangsquarantäne. Zumindest solange die Symptome auftreten, hat der leidende Patient allerdings ohnehin kein gesteigertes Interesse, die Kabine zu verlassen.

Meldepflichtig ist ein Ausbruch aus US-Schiffen übrigens in dem Moment, wo mehr als 2% der Passagiere betroffen sind. In einigen Fällen kann es passieren, dass Hafenbehörden bei Noro-Infektionen an Bord das ganze Schiff unter Quarantäne stellt und niemanden mehr an Land gehen läßt – wie kürzlich in Brasilien auf der Vision of the Seas geschehen. In solchen Fällen fallen die Landausflüge dann auch für die gesunden Passagiere aus.

Wie Kreuzfahrtgesellschaften gegen den Noro-Virus vorgehen, hat kürzlich Celebrity Cruises President Dan Hanrahan in einem Interview mit Cruisecritic geschildert. Wir haben auch eine Zusammenfassung auf Deutsch: Celebrities Kampf gegen den Noro-Virus.

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