Spanische Mehrwertsteuer auf Kreuzfahrtschiffen

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Abfahrtshafen Barcelona = spanische Mehrwertsteuer
Abfahrtshafen Barcelona = spanische Mehrwertsteuer

Mehrwertsteuer auf Leistungen an Bord von Kreuzfahrtschiffen mit Abfahrtshafen in der EU gehört zu den kompliziertesten und verwirrendsten Themen der Kreuzfahrt – und zwar nicht nur bei Abfahrt von einem spanischen Hafen aus, was häufig in Web diskutiert wird.

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Wem diese Mehrwertsteuer spanisch vorkommt, der ist in guter Gesellschaft, auch wenn die Spanier eigentlich nichts dafür können. Denn die Verwirrung bei Kreuzfahrtpassagieren um die spanische Mehrwertsteuer ist nur ein sichtbares Symptom für ein geradezu aberwitziges Durcheinander in der europäischen Steuerpolitik, das selbst Experten verzweifeln lässt. Wir haben versucht, Fakten und Hintergründe zu dieser Mehrwertsteuer zu recherchieren und sind auf viel Erstaunliches gestoßen.

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein: Eine EU-Richtlinie von 2006 hat das Ziel, die Regeln für die Mehrwertsteuer innerhalb der Gemeinschaft zu vereinheitlichen. Weil aber so ziemlich jedes Land die Richtlinie anders in nationales Recht umgesetzt hat, herrscht Chaos, das offenbar so weit führt, dass Reedereien sich nur noch teilweise überhaupt darum scheren und sogar die Steuerbehörden mancher Länder buchstäblich kapitulieren. Zu diesen Details später mehr.

Spanische Mehrwertsteuer – praktische Tipps

Kommen wir zuerst zum praktischen Teil. Die zwei wichtigsten Tipps vorweg:

Tipp 1: Wer sich mit spanischer (oder italienischer) Mehrwertsteuer erst gar nicht auseinandersetzen möchte, bucht und bezahlt beispielsweise Getränkepakete oder Reservierungen für Spezialitätenrestaurant für seine Kreuzfahrt bereits vorab übers Reisebüro oder online – dann nämlich fällt auf keinen Fall Mehrwertsteuer (englisch: Value Added Tax – VAT) an.

Tipp 2: Passagiere sind von dem Steuer-Thema nur bei amerikanischen Reedereien direkt betroffen. Dort werden – wie in den USA üblich – Steuern nicht in den Endpreis einer Ware oder Dienstleistung eingerechnet, sondern extra berechnet. Europäische und deutsche Reedereien haben dagegen feste Endpreise für die Leistungen an Bord, sodass es den Passagier nicht kümmern muss, ob, wo und wie davon Mehrwertsteuer abgeführt wird.

Warum Mehrwertsteuer nur in Spanien und Italien?

Warum ist die Mehrwertsteuer (derzeit) nur ein Thema bei Abfahrten in spanischen und italienischen Häfen? Schon hier müssen wir stark vereinfachen, um nicht völlig ins Chaos zu stürzen. Im Prinzip liegt das daran, dass viele EU-Länder entsprechende Ausnahmen von der Steurpflicht haben, sodass keine Steuer anfällt. Das widerspricht teils geltendem EU-Recht, ist faktisch aber so – Passagiere und Reedereien, die deshalb keine oder wenig Steuern zahlen müssen, stört das natürlich nicht besonders.

Ebenfalls recht vereinfacht gelten folgende Daumenregeln, ob und wo spanische Mehrwertsteuer anfällt:

Nur EU-Häfen  – Die Kreuzfahrt beginnt und endet in einem spanischen Hafen (Ausnahme: Kanarische Inseln) und das Schiff läuft während der Reise ausschließlich EU-Häfen an: Steuer fällt auf die Leistungen an Bord während der gesamten Reise an.

Hafenstopp außerhalb der EU – Die Kreuzfahrt beginnt und endet in einem spanischen Hafen (Ausnahme: Kanarische Inseln) und das Schiff läuft während der Reise einen Hafen außerhalb der EU (z.B. Norwegen, Agadir, Tunesien, Ägypten, Türkei, Montenegro) oder ein Sondergebiet (britischen Kanal-Inseln, Gibraltar, Kanarische Inseln) an: Steuer fällt auf die Leistungen an Bord an, die während des Aufenthalts des Schiffs in einem spanischen Hafen oder in spanischen Gewässern (12-Meilen-Zone) erbracht werden.

Beginn der Kreuzfahrt außerhalb Spaniens – Die Kreuzfahrt beginnt in einem nicht-spanischen Hafen (egal ob EU oder nicht) und endet in Spanien: Steuer fällt nur für Leistungen an, die während des Aufenthalts im spanischen Zielhafen bzw. in den spanischen Hoheitsgewässern vor Einlaufen erbracht werden.

Umweg zu einem Hafen außerhalb der EU lohnt sich

Es lohnt sich für Kreuzfahrtgesellschaften also, auf einer Fahrtroute immer auch einen nicht-EU-Hafen einzuplanen, um die Steuer zu vermeiden. Das kann so weit führen, dass beispielsweise MSC auf Fahrtrouten mit Tunis als Hafenstopp auch in den Zeiten, als wegen der Unruhen in Tunesien faktisch keine Passagiere dort an Land gehen konnten, die Schiffe trotzdem bis vor die tunesische Küste fuhren und dort offiziell von den Behörden abgefertigt wurden, nur um anschließend abzudrehen und zum nächsten Hafen weiterzufahren.

Worauf fällt die spanische Mehrwert-Steuer gegebenenfalls an?

Mehrwertsteuer fällt auf Einkäufe an, die direkt an Bord getätigt werden, also Getränke, Gebühren für Spezialitätenrestaurants, Spa-Behandlungen, Einkäufe in den Bord-Shops. Die Steuer fällt nicht an für Käufe, die bereits vor der Kreuzfahrt getätigt wurden, also zum Beispiel vorab gebuchte Getränkepakete.

Wie hoch ist die spanische Mehrwertsteuer?

  • Bar, Getränkepakete, Gebühren für Spezialitätenrestaurants, Room Service: 10 Prozent.
  • Andere Einkäufe an Bord (soweit die Shops in den steuerpflichtigen Gebieten überhaupt geöffnet haben): 21 Prozent.

Bei Bar-Rechnungen, die bereits eine obligatorische Service-Gebühr enthalten, meist 15 oder 18 Prozent, fällt die Steuer auf den Gesamtbetrag inklusive Servicegebühr an.

Im Internet kursieren Steuersätze von 8 und 18 Prozent – das ist veraltet, Spanien hat die Steuern am 1. September 2012 erhöht auf jetzt 10 beziehungsweise 21 Prozent.

Reederei-eigene Regelungen

Abseits der Frage, ob und wie viel Steuer anfällt, stellt sich für den Passagier vor allem die Frage, inwieweit ihn das überhaupt betrifft. Denn die verschiedenen Kreuzfahrtgesellschaften gehen ganz unterschiedlich mit der Problematik um.

Grundsätzlich kann man bei amerikanischen Reederei davon ausgehen, dass die Steuer, dort wo sie anfällt, auf die normalen Preise beispielsweise für Getränkepakete, Drinks an der Bar, Spa-Behandlungen oder Einkäufe im Bordshop aufgeschlagen wird.

Vor allem bei deutschen und europäischen Reedereien werden die Steuern dagegen für den Passagier meist gar nicht sichtbar, weil sie dort bereits im ausgewiesenen Endpreis beispielsweise in der Getränkekarte an der Bar enthalten sind. Die Preise ändern sich auch während der Reise oder auf unterschiedlichen Fahrtrouten nicht – unabhängig davon, wo und auf welcher Route das Schiff gerade fährt. Für die Reederei ergibt sich daraus also eine Mischkalkulation mit dem Vorteil für den Passagier, dass er sich über die Steuer keine Gedanken machen muss.

Andere Reedereien verschieben beispielsweise die Berechnung etwa einer Spa-Termin-Buchung zeitlich einfach etwas hinten, sodass eine Buchung einer Massage für den darauffolgenden Tag, die man noch während der Hafenliegezeit vornimmt, erst ein paar Stunden später dem Bordkonto belastet werden, wenn das Schiff schon außerhalb der 12-Meilen-Zone ist.

Quell der Verwirrung: EU-Richtlinie 2006/122

Eine Richtlinie von 2006 sollte die Regeln für die Mehrwertsteuer innerhalb der EU vereinheitlichen – und ist vor allem in Hinblick auf die Kreuzfahrt bislang grandios gescheitert. Kompliziert ist das Vorhaben nämlich, weil man bei beweglichen Orten wie einem Kreuzfahrtschiff definieren muss, wo genau eine zu besteuernde Leistung erbracht wird, damit man festlegen kann, welches Steuerrecht und welche Steuersätze gelten. Weil die Mitgliedstaaten die in diesen Punkten ziemlich unklar formulierte Richtlinie nicht nur sehr unterschiedlich auslegen, sondern laut eines Berichts der EU-Kommission oft sogar komplett falsch anwenden, herrscht wildes Durcheinander und kaum jemand versteht wirklich, was wo und wie besteuert wird.

Die Richtlinie ermöglicht es einzelnen Ländern, bei der Umsetzung der Richtlinie in nationales Recht für den Schiffsverkehr Ausnahmen zu machen oder schon geltende Ausnahmen beizubehalten, solange die diesbezüglichen Regelungen noch nicht von der EU konkretisiert wurden. Dem Wortlaut der Richtlinie bezieht sich das nur auf die Lieferung von Gegenständen an Bord und nicht auf Dienstleistungen inklusive Bars und Restaurants an Bord – trotzdem scheint es Wege zu geben, auch hier Ausnahmen zu gewähren.

Keine solche Ausnahmeregelung haben aber beispielsweise Spanien und Italien, wobei Spanien offenbar klare Vereinbarungen mit den Reedereien getroffen hat, während Italien die Ausnahmeregelungen kürzlich offenbar aufgehoben oder verändert hat, sodass bei Abfahrten von italienischen Häfen inzwischen teils Steuern berechnet werden. Gerade was die Mehrwertsteuer bei Abfahrtshäfen in Italien angeht, herrscht also noch reichlich Verwirrung, die wir – um ehrlich zu sein – auch in unseren Recherchen nicht vollständig aufklären konnten. Der Mehrwertsteuersatz in Italien beträgt jedenfalls 21 Prozent, sofern die Steuer denn erhoben wird.

EU-Expertenbericht zur Mehrwertsteuer von PricewaterhouseCoopers

An dieser Stelle wird es Zeit, zwei Stellen aus einem Expertenbericht von 2012 zu zitieren, der von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde, um das ganze Ausmaß der Probleme zu ermitteln.

Die zitierten Stellen aus diesem Bericht stehen exemplarisch für den ganzen Aberwitz der unterschiedlichen Auslegungen, fehlerhaften Implementierungen und komplexen Umsetzungsprobleme der EU-Richtlinie.

Der Experten-Bericht von PricewaterhouseCoopers sagt:

“It is very difficult for passenger transport operators to implement suitable criteria in their business systems and, hence, correctly identify the place of taxation for their on board supplies. This is especially true for transport operators in the maritime travel market (i.e. cruise and ferry) that operate flexible itineraries.”

Und, besonders pikant: Die spanischen Steuerbehörden kapitulieren buchstäblich vor der EU-Richtlinie und einigen sich mit den Reedereien mehr oder weniger unter der Hand auf ein Verfahren, das die Sache so ungefähr treffen soll.

Zitat Experten-Bericht: “It should also be mentioned that the Spanish VAT authorities have concluded that it is very difficult to identify the part of supplies of goods or restaurant and catering services that are subject to Spanish VAT, and have therefore asked transport operators themselves to come up with a reasonable approach.”

Zu Deutsch: Die Reedereien sollen einen vernünftigen Vorschlag für die Besteuerung machen, auf den man sich dann einigt.

Interporting

Auf Reisen, bei denen Passagiere an mehreren Orten zusteigen (sog. Interporting) – also beispielsweise eine Reise im westlichen Mittelmeer ab Barcelona mit Zusteigemöglichkeit in Marseille und Civitavecchia – wäre eigentlich das jeweilige Land zur die Besteuerung berechtigt, bei dem zuletzt Passagiere eingestiegen sind. In der Praxis wird das unseres Wissens jedoch ignoriert, sodass die Steuer sich trotzdem nach dem Abfahrtsort – in unserem Beispiel Barcelona – bemisst, also auch für Passagiere, die eigentlich eine Route etwa von/bis Civitavecchia fahren.

Das resultiert daraus, dass selbst die Durchführungsverordnung für die EU-Richtlinie so unklar formuliert ist, dass Interporting nicht eindeutig geregelt ist. In der Verordnung wird nämlich klargestellt, dass die Reisestrecke des Beförderungsmittels ausschlaggebend für die Besteuerung ist und nicht die Reisestrecke der beförderten Passagiere – eigentlich ein Widerspruch zum Text der Richtlinie, die eben genau zur Bedingung macht, dass unterwegs keine Passagiere auf- oder absteigen.

Ist der Basishafen des Schiffs also in Spanien, leitet man daraus offenbar ab, dass Spanien für die gesamte Reise als Abfahrtsort gilt, auch wenn unterwegs Passagiere zusteigen, selbige dann auch wieder in einem nicht-spanischen Ort aussteigen.

Interporting ist also nach wie vor eine rechtliche Grauzone, die von den Reedereien meist so gelöst werden, dass bei entsprechenden Kreuzfahrten die spanische Steuer trotzdem für alle Passagiere berechnet wird.

Außerplanmäßige Routenänderung

Völlig offen ist die Frage, wie mit der Steuer zu verfahren, ist, wenn ein Schiff zwar einen Hafen außerhalb der EU auf der Fahrtroute hat, selbigen aber außerplanmäßig beispielsweise wegen schlechten Wetters oder einem Defekt am Schiff tatsächlich gar nicht anläuft. Der Fahrtroute fehlt dann der Hafen außerhalb der EU, weswegen eigentlich nachträglich für die gesamte Zeit die Mehrwertsteuer abgeführt werden müsste. Auch diesen Aspekt hat die EU-Kommission in ihrem Bericht als ungelöstes Problem aufgeführt. Die Reedereien handhaben solche Situationen zumindest in einer Weise, dass dem Passagier keine nachträgliche Mehrwertsteuer berechnet wird.

Fazit

Für die Kreuzfahrt-Passagiere bleibt bei all diesem Chaos nur, möglichst Leistungen schon vorab zu buchen, um der Steuer gegebenenfalls zu entkommen. Im Übrigen muss man es den Steuerexperten der jeweiligen Reederei überlassen, mit dem Chaos zurecht zu kommen und die Mehrwertsteuer notfalls in Kauf nehmen. Und fairerweise muss man auch sagen: An Land müsste man die Mehrwertsteuer ohnehin bezahlen …

Solche Steuern sind übrigens keine EU-Besonderheit: Auch in US-Häfen wie Miami, Fort Lauderdale, Port Canaveral oder Seattle zahlt man örtliche Steuern auf Leistungen, die während der Hafenliegezeit oder in den jeweiligen Hoheitsgewässern erbracht werden. Aber dort ist alles klar geregelt, sodass man die Steuer leicht vermeiden kann, wenn man beispielsweise Getränkepakete gleich im Voraus bucht oder eben wartet, bis das Schiff auf See ist.

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2 Kommentare zu Spanische Mehrwertsteuer auf Kreuzfahrtschiffen

  1. Wendy on November 8, 2013 at 8:08 pm

    Besonders skurrile Anekdote: TA Norwegian Epic – Barclona-Miami

    Eigentlich unterwegs ja steuerfrei. Auf einmal steht abends in der Bar 10 % VAT auf der Rechnung. Gefragt – Bedienung meint „das bekommt Miami“ – häh?

    Rechnung vom Vortag ähnliche Zeit – kein VAT.

    Auf zur Rezeption. Niemand weiß was.

    Dort Anruf beim „Financial Department“.

    Ja – wir befinden uns nach dem Passieren der Straße von Gibraltar noch nicht in internationalen Gewässern – bis 23:32 Uhr wird VAT berechnet – danach nicht mehr.

    Man lernt nie aus – obs wirklich OK ist, weiß ich nicht…

    Wendy

  2. Franz Neumeier on November 9, 2013 at 7:24 am

    Wendy, das dürfte okay sein so, weil die spanischen Gesetze die MWSt. vorschreiben, solange das Schiff in spanischen Gewässern fährt. Schräg ist’s natürlich trotzdem und ich meine, der Kellner sollte die Passagiere bei der Bestellung darauf hinweisen (oder den Tipp geben, mit der Bezahlung einfach noch eine halbe Stunde zu warten …).

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