Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors

Landstrom gegen Schadstoff-Emissionen von Kreuzfahrtschiffen

Landstrom versorgt Kreuzfahrtschiffe mit Energie, während sie im Hafen liegen. Das reduziert Schadstoff-Emissionen lokal auf nahezu Null. Was einfach klingt, ist in der Praxis allerdings kompliziert, teuer und unflexibel. Öffentlicher Druck, Gesetze in den USA und eine Landstrom-Pflicht in der Europäischen Union ab 2030 verhelfen der Technik nun aber zum Durchbruch.

Sehen Sie zu diesem Thema auch unser Video „Landstrom für Kreuzfahrtschiffe.

Grundsätzlich sind die Maschinen auf den Kreuzfahrtschiffen sehr energieeffizient und produzieren Strom relativ preisgünstig. Der Nachteil: Umwelt- und gesundheitsschädliche Emissionen wie Schwefeloxid, Stickoxid, Ruß und Feinstaub entstehen genau dort entstehen, wo das Schiff sich gerade befindet. Das ist oft mitten im Zentrum einer Stadt, wo die Luft durch Straßenverkehr und Industrie ohnehin schon belastet ist.

Landstromanlage in Hamburg-Altona
Landstromanlage in Hamburg-Altona

Andererseits muss Strom von Kraftwerken an Land transformiert werden, damit er am Schiff genutzt werden kann. Unter anderem haben Schiffsnetze eine Frequenz von 60 Hertz, während Landstrom mit 50 Hertz produziert wird. Diese Umwandlungsprozesse können bis zu 50 Prozent der Ausgangsenergie kosten.

Außerdem benötigen Kreuzfahrtschiffe sehr große Energiemengen, sodass genau in den benötigten Zeitfenstern diese Energie im Landnetz auch zur Verfügung sein muss. Ein mittelgroßes Kreuzfahrtschiff von AIDA oder TUI Cruises beispielsweise benötigt zwischen 4,5 und 7 Megawatt. Ein Schiff der Größe der AIDAnova benötigt sogar rund zehn Megawatt.

Landstrom reduziert Schadstoff-Emissionen lokal

Kreuzfahrtschiffe, die mit Landstrom-Technik ausgerüstet sind und an Terminals anlegen, die Landstrom (englisch: „shore power“ oder „cold ironing“ genannt) anbieten, können während der Hafenliegezeiten ihre Motoren (bis auf einen Generator für Notfallbereitschaft) abschalten und so den Schadstoff-Ausstoß reduzieren. Bei Häfen in dicht besiedelten Gebieten spielt dabei vor allem der Ausstoß von Feinstaub und den gesundheitsschädlichen Schwefel- und Stickoxiden eine wichtige Rolle (siehe dazu auch „Abgas-Vorschriften für Kreuzfahrtschiffe“).

Warum sind also nicht längst alle Häfen mit Landstrom ausgerüstet? Und warum nutzen Schiffe vorhandene Einrichtungen nur wenig? Die Umrüstung vorhandener Schiffe mit Landstromanschluss ist teuer: Zwischen 300.000 und 2 Millionen Euro kostet der Umbau. Ähnlich teuer ist auch der Bau von Landstromanlagen in den Häfen. Zudem ist der Strom, den die Schiffe dann von Land beziehen sollen, deutlich teurer als der selbst an Bord produzierte.

Landstrom-Anlage am Ostseekai in Kiel (Bild: Port of Kiel)
Landstrom-Anlage am Ostseekai in Kiel (Bild: Port of Kiel)

Dennoch hat sich die Lage in den vergangenen Jahren deutlich geändert. Neue Kreuzfahrtschiffe sind inzwischen nahezu durchgehend für Landstrom ausgerüstet und auch die älteren Schiffe rüsten die Reedereien zügig nach. Grund dafür sind der öffentliche Druck, vor allem aber die Perspektive, dass Landstrom immer häufiger verfügbar und dessen Abnahme dann auch Pflicht ist.

Einen wichtigen Anstoß dazu gibt die Pflicht zur Nutzung von Landstrom, die in der Europäischen Union ab 2030 gilt. Sie verpflichtet sowohl die größeren Häfen in der EU zum Bau der Anlagen, als auch die Schiffe zur Abnahme des Landstroms, wenn entsprechende Anlagen vorhanden sind.

Landstrom bringt nicht überall Verbesserungen

Blendet man den Kostenfaktor aus, klingt die Versorgung von Kreuzfahrtschiffen mit Strom aus Kraftwerken an Land wie ein Allheilmittel für die Zeit, in denen Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen – was je nach Fahrtgebiet bis zu 50 Prozent der Betriebszeit der Schiffe ausmacht.

Eine Studie der EU-Kommission von 2009 hat allerdings gezeigt, dass die umweltschonende Energieversorgung von Schiffen mit Landstrom zwar beispielsweise in Nord- und Ostsee ökologisch durchaus sinnvoll ist. Im Mittelmeerraum waren 2009 dagegen noch überwiegend Kohlkraftwerke zur Erzeugung von (Land-)Strom in Betrieb. Seit 2009 hat sich am Strommix in vielen europäischen Ländern allerdings verändert, sodass sauberere Energie zur Vefügung steht, was Landstromnutzung in mehr Häfen als früher sinnvoll macht.

Vor allem Kohlekraftwerke haben eine schlechtere Umweltbilanz in Bezug auf Schadstoff-Ausstoß als die an Bord moderner Schiffe betriebenen Generatoren. Das gilt insbesondere dann, wenn die Schiffe mit Abgasfiltern wie Scrubbern und Katalysatoren ausgestattet sind oder mit LNG betrieben werden und damit ohnehin kaum umwelt- oder gesundheitsschädliche Schadstoffe emittieren.

Eine Studie für die EU-Kommission von 2015 bestätigt das im Prinzip, empfiehlt aber dennoch die Landstrom-Nutzung in Gebiete mit eigentlich schlechterer Schadstoffbilanz. Laut dieser Studie überwiegt der Vorteil, dass die Emissionen aus dicht besiedelten (Hafenstädte) in gering besiedelte Gebiete (Kraftwerk-Standorte) verlagert wird.

Landstrom-Anschlüsse in Kreuzfahrthäfen: die historische Entwicklung

Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg ist das Angebot an Landstrom-Anschlüssen in Kreuzfahrthäfen kaum vorhanden gewesen und wurde nur sehr zögerlich ausgebaut. Als erster uns bekannter Kreuzfahrthafen hat Juneau in Alaska Landstrom 2001 eingerichtet. In Europa war der Landstrom-Anschluss in Hamburg-Altona im Jahr 2016 der erste uns bekannte.

Landstromanlage in Hamburg-Altona
Landstromanlage in Hamburg-Altona

Erst seit etwa 2022/23 hat das Thema deutlich Fahrt aufgenommen und immer mehr Häfen bieten Landstrom-Anschlüsse für Kreuzfahrtschiffe an. Im Folgenden zeigen wir die Entwicklung vor dieser Zeit auf. Wir dokumentieren, welche Kreuzfahrthäfen frühzeitig Landstrom angeboten haben, bevor sich die Technik in der Breite durchgesetzt hat.

Die folgenden Listen sind keine vollständigen, aktuellen Listen, sondern zeigen die frühe Entwicklung von Landstrom auf.

In kalifornischen Häfen ist die Nutzung von Landstrom schon seit 2014 Pflicht und der Anteil der Flotte, der Landstrom nutzen muss, wurde seitdem kontinuierlich gesteigert: Seit 2020 müssen 80 Prozent der jeweiligen Flotte Landstrom im Hafen in Anspruch nehmen. Das zielt zwar vor allem auf die Fracht- und Container-Schifffahrt, gilt aber auch für Kreuzfahrtschiffe. Seit. Januar 2023 gilt eine vollständige Landstrom-Pflicht in kalifornischen Häfen.

Entsprechend sind kalifornische Häfen inzwischen auch mit Landstrom-Einrichtungen ausgestattet:

  • San Francisco seit 2010 (Liegeplatz 27)
  • San Diego seit 2010
  • Long Beach seit 2011
  • Los Angeles (San Pedro, Liegeplätze 92 & 93) seit 2011

Vorreiter beim Umweltschutz waren in den USA außerdem regelmäßig die Bundesstaaten im pazifischen Nordwesten, also vor allem Washington und Alaska sowie British Columbia in Kanada. Auch dort habe viele Häfen Landstrom-Anschluss und das schon viel länger als die kalifornischen Kreuzfahrthäfen:

  • Juneau seit 2001
  • Seattle seit 2005
  • Vancouver seit 2009

Die ersten Landstrom-Angebote an Kreuzfahrt-Terminals in europäischen Häfen (bis inklusive 2022):

  • Hamburg-Altona seit Juni 2016
  • Kristiansand seit 2018
  • Bergen seit 2019
  • Aarhus, Dänemark, seit Herbst 2020
  • Trondheim seit 2022 (am Anleger für Havila und Hurtigruten)
  • Kiel seit 2021
  • Rostock-Warnemünde seit 2021
  • Southampton seit April 2022

Weitere Kreuzfahrt-Häfen weltweit mit frühzeitigem Landstrom-Angebot:

  • Halifax seit 2014
  • Brooklyn seit 2016
  • Montreal seit 2017
  • Shanghai seit 2019

Mobile Landstrom-Versorgung mit LNG-Barge setzte sich nicht durch

Eine vielversprechende Lösung, die sich aber nicht durchgesetzt hat, brachte AIDA im Jahr 2015 in Hamburg erstmals zum Einsatz: Zusammen mit dem Becker Marine Systems entwickelte die deutsche Kreuzfahrt-Reederei die LNG-Power-Barge „Hummel“ und versorgte im Mai 2015 erstmals im Hamburger Hafen die AIDAsol mit Energie von außen, also einem Landstrom-Anschluss vergleichbar. Die Barge war ein kleines, schwimmendes Kraftwerk, das eine Leistung von 7,5 Megawatt bereitstellen konnte, die sie aus der Verbrennung von Flüssig-Erdgas (LNG) bezog.

LNG Hybrid-Power-Barge "Hummel" im Hamburger Hafen (Bild: Becker Marine Systems)
LNG Hybrid-Power-Barge „Hummel“ im Hamburger Hafen 2015 (Bild: Becker Marine Systems)

Diese Technik stieß damals auf weltweite Interesse von Hafenbetreibern. Letztlich wurden LNG-Barges dann aber auch in Hamburg nur recht kurzzeitig eingesetzt und im Juni 2016 bekam Hamburg-Altona bereits einen festen Landstrom-Anschluss. Selbige setzten sich, mit etwas Verzögerung, letztlich auch anderswo durch.

(Hinweis: Diesen Beitrag zum Thema Landstrom in der Kreuzfahrt haben wir erstmals im Dezember 2015 veröffentlicht, seitdem ständig aktualisiert und zuletzt im Juni 2024 umfassend überarbeitet. Leser-Kommentare beziehen sich zum Teil auf frühere Versionen dieses Beitrags.)

7 Kommentare

Über den Autor: FRANZ NEUMEIER

Franz Neumeier
Über Kreuzfahrt-Themen schreibt Franz Neumeier als freier Reisejournalist schon seit 2009 für cruisetricks.de und einige namhafte Zeitungen und Zeitschriften. Sein Motto: Seriös recherchierte Fakten und Hintergründe statt schneller Schlagzeilen und Vorurteile, damit sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. TV-Reportagen zitieren ihn als Kreuzfahrt-Experten und für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er wird regelmäßig in die Top 10 der „Reisejournalisten des Jahres“ gewählt und gewann mit cruisetricks.de mehrfach den „Reiseblog des Jahres“-Award.

7 Gedanken zu „Landstrom gegen Schadstoff-Emissionen von Kreuzfahrtschiffen“

  1. Wenn um 2030 nur noch LNG-Schiffe in Fahrt kommen, werden diese Techniken ab spätestens 2045 ohnehin völlig untergehen und auch unwichtig sein. Aber als, wenn auch teure, Übergangslösung sind Landstromanlagen nicht ganz unbedeutend.

  2. Bis 2030 oder 2045 reden wir vermutlich auch noch übe weitere Treibstoff-Alternativen, denn auch LNG sehe ich eher als Übergangstechnologie, komplett weg von fossilen Brennstoffen. Aber bis dahin ist noch viel technische Entwicklung nötig …

    Landstrom als Übergangslösung sehe ich auch, vermutlich ergänzt oder übernommen von LNG-Barges. Aber wie immer dürfte erst gesetzlicher Zwang dazu führen, dass das wirklich in der Breite eingesetzt wird. Das Gesetz in Kalifornien könnte dazu einen ersten Anstoß geben.

  3. Die Barge ist sicherlich eine vorteilhafte Idee. Allerdings sollte die LNG-Technologie keinesfalls als Umweltfreundlich bezeichnet werden. Erstens basiert sie auf einer fossilen Ressource und zweitens entstehen auch bei der Verbrennung von Erdgas schädliche Stoffe. UmweltfreundlichER wäre meiner Ansicht nach die bessere Wortwahl gewesen.

    Auch sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass all diese Maßnahmen, wie Landstrom und LNG-Bargen, nur Symptome bekämpfen. Die Ursachen – ein unverhältnismäßig hoher und ökologisch unverantwortlicher Konsum an Übersee-Gütern und Massen-Cruise-Ship-Tourismus – florieren weiterhin. Hier sollte ein Umdenken in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft erfolgen, notfalls unterstützt durch entsprechende Gesetzte.

  4. @Claudio: Vollkommen einverstanden. Das Thema ist einfach zu komplex, um alle Aspekte in einen einzelnen Beitrag zu packen. Deshalb habe ich alle Umwelt-Themen hier zusammengestellt: https://www.cruisetricks.de/faq-umweltschutz-und-nachhaltigkeit-in-der-kreuzfahrt/ und auch zu LNG einen eigenen Beitrag, der sich unter anderem auch mit den Nachteilen von LNG beschäftigt: https://www.cruisetricks.de/lng-als-treibstoff-fakten-zu-umweltschutz-und-kosten/

  5. So richtig scheint es weltweit nicht voranzukommen.
    Die Schiffe (zumindest die auf dem deutschen Markt – anscheinend fast alle AIDA Schiffe) scheinen schon sehr weit zu sein, leider die Häfen noch nicht.
    Ist denn die Liste der Häfen mit Landstorm (2022) aktuell?
    Wie sieht es mit Hamburg Steinwerder aus? Hier legen doch die meisten Kreuzfahrtschiffe an, warum dann Altona für den ersten Landstrom Anschluss gewählt worden ist, ist unbegreiflich, da legen doch die wenigsten Schiffe an.
    Vielen Dank für die Infos – Sonst findet man im Internet zum Thema nicht so viel.

  6. @oli: Ja, die Liste oben ist leider aktuell. Es gibt allerdings inzwischen sehr viele Planungen für Landstromanlagen, sodass die Liste in den kommenden zwei, drei Jahren deutlich länger werden dürfte.
    Auch für Steinwerder in Hamburg gibt es inzwischen Landstrom-Pläne. Warum man das dort nicht von Anfang an bei dem neuen Terminalbau berücksichtigt hat, versteht, glaube ich, niemand so richtig. Ein Grund dürften aber sicher auch die hohen Kosten sein, denn so eine Anlage kostet halt gleich mal fünf bis zehn Millionen Euro. In Altona wurde die Anlage geplant schon zu einem Zeitpunkt, wo es Steinwerder als Kreuzfahrtterminal noch gar nicht gab.

  7. wäre mal ein Anfang, wenn Landstrom in den Häfen verpflichtend wird. Fragt mal Anwohner, die in Hohe Düne (Rostock) leben und brummende Generatoren und Abgase von Garten und Balkon aus genießen dürfen. Würde bestens funktionieren, wenn die Liegegebühren für Nichtnutzer drastisch erhöht werden und auch Ankern auf Reede mit einbezogen wird. Und diese Pseudodiskussion um *emissionsfreie* Kreuzfahrten. Natürlich hilft jeder kleine Schritt und ist notwendig. Aber wenn LNG-fähige Schiffe trotzdem mit fossilen Brennstoffen fahren weil LNG zu teuer ist, sind und bleiben es marketingtechnische Scheingefechte. Analog zu E-Autos, deren Beladung derzeit im 1:1-Vergleich KW/Liter auf 100km teurer gegenüber Benzin ist. Abgesehen davon, wenn die erste Generation der batteriebetriebenen Schiffe zum Abwracken gebeacht werden und nur noch als Sondermüll betrachtet werden…….. Bleibt zu hoffen, dass dem Ingenieurswesen doch noch der entscheidende Durchbruch gelingt.

Schreibe einen Kommentar

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.

Hinweis: Neue Kommentare werden aus technischen Gründen oft erst einige Minuten verzögert angezeigt.
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner