Die Wahrheit über das Überleben in einem Rettungsboot

Könnten Sie überleben, wenn Ihr Kreuzfahrtschiff sinkt und Ihnen nichts bleibt als ein offenes Rettungsboot? Kein Wasser, kein Essen? Ja, Sie können auf jeden Fall überleben!

ANZEIGE

Den Beweis dafür hat auf recht spektakuläre Weise der Franzose Alain Bombard angetreten, der fest davon überzeugt war, dass man eine solche Situation überleben kann. Am 19. Oktober 1953 machte er sich freiwillig und allein von den Kanarischen Inseln auf den Weg, um in einem kleinen, 4,5 Meter langen Gummiboot den Atlantik zu überqueren. Sein Plan war, bis zu den Antillen in der Karibik zu fahren. Ohne ein Gramm Lebensmittel mitzunehmen. Ohne einen Tropfen Trinkwasser. Nur seine Kleidung und ein aufblasbares Kissen.

Bombard war davon überzeugt, dass Schiffbrüchige nicht etwa deshalb starben, weil sie Salzwasser tranken, sondern nur deshalb, weil sie es zu lange nicht taten. Von dem Moment an, als er von den Kanarischen Inseln aus in See stach, trank er täglich 1,5 Pints (0,71 Liter) Salzwasser. Zusätzlich trank er Wasser, das er aus Fischen herauspresste, die er mit einer selbst gebauten Harpune fing.

Brian David Bruns
cruisetricks.de-Gastautor Brian David Bruns ist der Autor der US-Bestseller-Reihe „Cruise Confidential“ und sorgt mit seinem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen für Aufsehen.

Krass? Ja! Aber nicht so übel wie das rohe Plankton, dass er schluckte. Er zog ein Stück Stoff von seiner Kleidung durchs Wasser, um die mikroskopisch kleinen Organismen abzufischen. Er ging davon aus, dass er wohl kein Problem mit Plankton bekommen würde, wenn selbst riesige Wale davon leben konnten. Anders als ein Wal, der Abermilliarden dieser Organismen auf einmal in sein Maul schaufeln kann, hatte Bombard allerdings große Mühe, täglich auch nur die Menge von zwei Teelöffeln voll zusammen zu bekommen.

Nach 20 Tagen dieser selbstauferlegten Folter bekam er einen schmerzhaften Hautausschlag. Aber er war immer noch am Leben.

Nicht, dass der Ozean nicht versucht hätte, ihn zu töten. Schon kurz nach dem Start seiner Reise zerstörte ein Sturm beinahe sein kleines Gummiboot. Sein Segel riss und das Ersatzsegel wurde komplett davongeweht. Noch bedrohlicher war allerdings, was der Sturm noch fort blies: sein aufblasbares Kissen. Er wusste, dass er ohne Essen und Trinkwasser überleben konnte, nicht aber ohne dieses komfortable Hilfsmittel. Also sicherte er sein Boot mit einem Treibanker und sprang über Bord, um dem Kissen hinterher zu schwimmen.

ANZEIGE

Kaum war er im Wasser, bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass der Anker nicht funktionierte. Dieses fallschirmartige Hilfsmittel war am Boot festgemacht, sollte im Wasser absinken und so mit der Strömung in einer tieferen Wasserschicht das Boot in seiner Nähe halten. Ohne den Treibanker begann die Oberflächenströmung das Boot jetzt aber hoffnungslos außer Reichweite zu treiben. Glücklicherweise funktionierte der Anker letztlich doch – er hatte sich nur kurzeitig in seiner eigenen Befestigungsleine verfangen. So konnte Bombard wieder ins sein Boot zurück klettern. Seltsamerweise ist nicht bekannt, ob er sein Kissen bei dieser riskanten Aktion retten konnte oder nicht.

Wochen gingen vorüber und Alain Bombard blieb am Leben. Er überlebte mit Hilfe von Salzwasser, Plankton und rohem Fisch, den er von der Wasseroberfläche aus fangen konnte. An Tag 53 winkte er ein vorfahrendes Schiff heran, um nach seiner aktuellen Position zu fragen. Frustrierenderweise war er immer noch 600 Meilen von seinem Ziel entfernt. Er dachte ernsthaft darüber nach aufzugeben. Hatte er nicht längst seine Theorie bewiesen, dass man mit Salzwasser überleben kann? Aber nach einer ordentlichen Mahlzeit an Bord der Schiffs war er wieder so guten Mutes, dass er zurück in sein kleines Gummiboot stieg und seine Reise fortsetzte.

An Heiligabend erreichte er schließlich Barbados, nach eine 65tägigen Fahrt und 4.425 Kilometern zurückgelegter Strecke. Er hatte 25 Kilogramm abgenommen, aber ansonsten ging es ihm gut. Und das in einem offenen Boot und mit sonst nichts.

Die Rettungsboote von Kreuzfahrtschiffen haben ein Dach – das macht schonmal einen gewaltigen Unterschied. Außerdem haben moderne Rettungsboote Lebensmittel- und Trinkwasser-Rationen an Bord und sogar Angelausrüstung. Das wichtigste aber: Sie verfügen über Funkgeräte. Sie müssten nicht Monate auf Hilfe warten, wahrscheinlich nicht einmal Tage.

Die Moral von der Geschichte? Falls Ihre Kreuzfahrtschiff sinken sollte, ist da noch lange kein Grund zur Panik. Seien Sie stark – sie haben das wirklich in sich. Er wird einfach nur ziemlich unangenehm.

Anmerkung: „Cruise Confidential“-Bestsellerautor Brian David Bruns schreibt regelmäßig Gastbeiträge für cruisetricks.de, in deutscher Übersetzung exklusiv.

(Bildquelle: Paille, Lizenz CC BY-SA 2.0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.