Brodosplit-Werft in ernsten Schwierigkeiten, Russland-Sanktionen sollen schuld sein

Der Brodosplit-Werft in Kroatien droht nach eigenen Angaben wegen Folgen der Russland-Sanktionen im schlimmsten Fall die Insolvenz. Die Situation sei „extrem dramatisch“, teilt ein Werftsprecher auf Anfrage mit. Indirekt betroffen sein könnten letztlich auch die Muttergesellschaft DIV-Group und deren britische Tochter Tradewind Voyages mit dem Segelkreuzfahrtschiff Golden Horizon.

Weil die in Frankfurt ansässige, aber in russischem Besitz befindliche Bank VTB Europe keine Zahlungen mehr leisten darf, hat Brodosplit am 1. April 2022 vorerst die meisten Arbeiten in der Werft eingestellt, berichtet unter anderem die kroatische Nachrichtenagentur Hina. Nach Angaben der Werft seien durch die Sanktionen 60 Millionen Euro Guthaben der Werft bei VTB Europe blockiert, die Auszahlung von Krediten nicht möglich.

Die Werft fordert nun die kroatische Regierung und die kroatische Staatsbank HBOR auf, eine Lösung zu finden und die Finanzlücke zu überbrücken, bis die Werft wieder auf ihr Geld bei der VTB Europe zugreifen könne. Offenbar ist die Lage so dramatisch, dass der Werft und damit womöglich auch der Muttergesellschaft DIV Group die Insolvenz droht.

Allerdings kommen nun auch Zweifel auf, ob die bedrohliche, finanzielle Lage der Werft wirklich nur mit den Sanktionen gegen die Bank zusammenhängt oder die Lage sich dadurch nur weiter verschärft hat. Wie unter anderem Slobodna Dalmacija berichtet, hat ein Gericht in Split bereits Insolvenzverfahren gegen mehrere Unternehmen im Umfeld von Brodosplit beantragt, die wie die Brodosplit-Werft im Eigentum der DIV-Group mit CEO Timoslav Debeljak sind. Diese Insolvenzverfahren wurde jedoch aufgrund der Tatsache eröffnet, dass diese Unternehmen bereits seit 120 Tagen ihre Schulden nicht mehr beglichen haben – lange vor Beginn den aktuellen Sanktionen gegen russische Banken. Debeljak bezeichnet die Insolvenzverfahren als ungerechtfertigt.

Brodosplit hat über VTB Europe eigenen Angaben zufolge zwei Schiffe finanziert. Eines davon dürfte das Expeditionskreuzfahrtschiff Janssonius, ein Schwesterschiff der Hondius bei Oceanwide Expeditions. Für den 120-Millionen-Euro-Kredit zum Bau der Janssonius sind offenbar 32 Millionen durch kroatische Staatsgarantien abgesichert. Die Russland-Sanktionen gegen VTB Europe verhinderten nun, so ein Werftsprecher, die Auszahlung von Geldern durch die Bank, weswegen man die Produktion in der Werft habe einstellen müssen. Rund 1.600 Arbeiter müssen zu Hause bleiben, berichtet der britische Kreuzfahrt-Journalist Dave Monk. Nicht betroffen davon sind aber wohl unter anderem die Arbeit an vier Patrouillenbooten.

Kroatische Regierung sieht die Situation etwas anders

Der kroatische Wirtschaftsminister Tomislav Coric sieht die Situation allerdings differenzierter als die Werft: Die Russland-Sanktionen seien nicht der einzige Grund für die Schwierigkeiten bei Brodosplit. Die derzeitigen Probleme seien „etwas komplexer“. Der DIV-Group-CEO kritisiert diese Aussage deutlich und sagte, der Minister sei mit der Situation wohl „nicht so vertraut“.

VTB Europe war laut Financial Times bereits von Sanktionen nach der russischen Invasion auf der Krim betroffen, ebenso nach der Vergiftung von Sergei Skripal 2018, die der russischen Regierung angelastet wird.

Gute Auftragslage bei Brodosplit

Nach sehr schwierigen Jahren hatte die Brodosplit-Werft zuletzt eine gute Auftragslage. In den Auftragsbüchern stehen eine Superyacht, das Expeditionskreuzfahrtschiff Janssonius sowie ein weiteres Expeditionskreuzfahrtschiff, ein Tanker, mehrere Patrouillen-Boote für vier Kunden im Ausland sowie weit fortgeschrittene Verhandlungen über zwei weitere Superyachten und das Residenzschiff „Narrative“ für Storylines. Der Gesamtwert der vorhandenen Aufträge liegt lauf einem Werftsprecher bei 270 Millionen Euro.

Von einer Insolvenz betroffen wäre möglicherweise auch die britische DIV-Group-Tochter Tradewind Voyages, über die das Segel-Kreuzfahrtschiff Golden Horizon vermarktet wird. Selbiges war ursprünglich für Star Clippers gebaut worden. Aufgrund von Streitigkeiten zwischen Reederei und Werft hatte Star Clippers das Schiff letztlich nicht abgenommen – siehe unser Beitrag „Streit um Golden Horizon alias Flying Clipper: Schiedsgericht trifft abschließende Entscheidung“.

Anzeichen für Probleme gab es schon einige Tage vor Einstellung der Arbeiten in der Brodosplit-Werft. Ohnehin war der Neustart der Golden Horizon schon immer wieder verschoben worden. Zuletzt wurde die Karibik-Saison zwischen Dezember 2021 und April 2022 abgesagt und dann jetzt Ende März 2022 auch den Start im Mai ab Palma de Mallorca und Civitavecchia. Nun soll das Schiff im Juli 2022, dann von Kroatien aus wieder in See stechen. Insgesamt ist die Golden Horizon bislang nur für zwei oder drei Kreuzfahrten im Sommer 2021 in Großbritannien aktiv gewesen.

Gründe für die jüngste Verschiebung des Start-Termins der Golden Horizon seien laut dem britischen Kreuzfahrt-Journalisten Dave Monk unter anderem Personalmangel, Lieferschwierigkeiten und der Krieg in der Ukraine gewesen. Möglicherweise gibt es aber auch deutlichere Zusammenhänge mit den jetzt aufgetretenen Finanzproblemen von Brodosplit.

Auch die Fertigstellung des Expeditionskreuzfahrtschiffs Janssonius für Oceanwide Expeditions hatte sich immer wieder nach hinten verschoben. Zuletzt hieß es, die Fertigstellung des Schiffs verzögere sich, möglicherweise bis August 2022. Eigentlich sollte das Schiff schon im November zur Antarktis-Saison 2021/22 in Dienst gehen, Der Start hatte sich dann aber schon einmal bis Mai 2022 verzögert. Wann genau die Janssonius nun fertiggestellt sein könnte, ist unklar.

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