Viermal innerhalb weniger Tage haben sich Kreuzfahrtschiffe im Sturm von der Pier losgerissen. Es gibt spektakuläre Videos, die zeigen, wie gefährlich das sein kann. Aber warum passiert so etwas überhaupt? Und wie kann man es verhindern? Wir haben einen erfahrenen Kreuzfahrtschiff-Kapitän gefragt.
Dass sich ein Kreuzfahrtschiff bei Sturm von der Pier losreißt, kommt gelegentlich vor. Im Mai und Juni 2025 passierte das – zufällig und an verschiedenen Orten – gleich viermal innerhalb weniger Tage:
Celebrity Edge am 16. Juni 2025 in Juneau, Alaska
Bei einem schnell aufziehenden Unwetter riss sich die Celebrity Edge im Hafen von Juneau, Alaska, von der Pier lost. Personen kamen nicht zu Schaden. Die Reederei nennt plötzliche, starke Windböen als Auslöser. Ein Passagier kommentierte: „Die Gangways fielen direkt vor meiner Frau und mir von der Pier herunter. Die Leinen rissen direkt neben uns. Alle losen Gegenstände auf den der Pier wurden davongeweht. Es war wirklich beängstigend.“
MSC Seascape am 31. Mai 2025, Ocean Cay, Bahamas
Starke Windböen mit über 40 Knoten (74 Kilometer pro Stunde) macht auch MSC Cruises verantwortlich für den Zwischenfall auf der Bahamas-Privatinsel Ocean Cay, als sich die MSC Seascape dort losriss.
Norwegian Epic am 30. Mai 2025 in Catania, Sizilien
Die Norwegian Epic trieb von der Pier in Catania ab, als bei starkem Wind einer der Poller an der Pier nachgab. Eine Passagierin fiel dabei von der Gangway ins Wasser, ihr Mann sprang ihr hinterher. Beide konnte ohne schwerere Verletzungen gerettet werden.
Westerdam am 30. Mai 2025 in Ketchikan, Alaska
Am selben Tag in Alaska: Die Westerdam riss sich bei starkem Wind im Hafen von Ketchikan los. Auch hier befand sich zum Zeitpunkt des Zwischenfalls kein Passagier auf der Gangway, sodass niemand zu Schaden kann. Der Wind soll eine Stärke von bis zu 60 Knoten (111 Kilometer pro Stunde) gehabt haben. Videos gibt es von diesem Zwischenfall nicht.
Reaktionen auf Social Media
In Foren und Facebook-Gruppen finden sich teils recht abenteuerliche oder naive Vorstellungen davon, wie Kreuzfahrtschiffe im Hafen gesichert werden. Einige Reaktionen zum Losreißen der Celebrity Edge in Juneau zeigen das beispielhaft:
- „Why isn’t anyone on the boat doing anything?“
- „Why don’t they turn the engines on and control it?“
- „The captain should call for help.“
- „Why are they not calling 911 so the coast guard can be contacted.“
- „Whoever is controlling that ship did not seem very competent to me.“
- „I’m wondering, is the ship without power? Is that why it’s drifting?“
- „I saw them fire up the diesel generators as they were drifting to at least get emergency power to the bridge.“
Wie wenig sich Passagiere der Ernst der Lage bewusst sind, als die Celebrity Edge sich in Juneau losreißt, zeigt ein weiteres Youtube-Video:
Das sagt ein Experte dazu: Vasco-da-Gama-Kapitän Michail Smyrnaios
Wir haben Kapitän Michail Smyrnaios, Master der Vasco da Gama von Nicko Cruises, als erfahrenen Fachmann zu Rate gezogen, um besser zu verstehen, wie Kreuzfahrtschiffe im Hafen gesichert werden, welche Kräfte auf ein Kreuzfahrtschiff bei starkem Wind wirken, welcher Windstärke es standhalten kann – und wann auch die beste Absicherung nicht mehr ausreicht.
Wichtig in diesem Zusammenhang: Die Zusammenhänge, Fakten und Zahlen, die Kapitän Smyrnaios nennt, beziehen sich spezifisch und exemplarisch auf die Vasco da Gama. Das grundsätzliche Vorgehen zur Sicherung eines Kreuzfahrtschiffs ist auf allen Schiffen gleich oder sehr ähnlich. Die konkreten Grenzwerte, Windlast und Ähnliches unterscheiden sich aber von Schiff zu Schiff teils deutlich.
Was Kapitän Smyrnaios nicht erwähnt, wohl, weil es so selbstverständlich ist: Die Offiziere auf der Brücke beobachten permanent Wetter, Wind und die entsprechenden Vorhersagen von professionellen Seewetterdiensten, bei großen Reedereien zusätzlich unterstützt durch hauseigene Meteorologen. Schlechtes Wetter kommt für die Brückenmannschaft also nicht als plötzliche Überraschung.
Dennoch gibt es Situationen, wie wohl beispielsweise im Falle der Celebrity Edge in Juneau, in der sich das Wetter sehr rapide verschlechtert und das Zeitfenster zum Reagieren sehr klein wird. Die Celebrity Edge lag an dem Tag zudem an einer Pier mit einem anderen, schlechteren Winkel zur Windrichtung als die übrigen Schiffe im Hafen.
Wie wird ein Kreuzfahrtschiff grundsätzlich im Hafen gesichert?
Kapitän Michail Smyrnaios: Die „Statendam Wind Force“-Tabelle (Anm.: die Vasco da Gama wurde 1992 als „Statendam“ für Holland America Line gebaut), die beim Bau des Schiffs berechnet wurde, enthält Angaben zur Kraft, die auf das Schiff bei unterschiedlichen Windrichtungen wirkt. Der schlimmste Fall ist immer der Wind, der vertikal (von der Seite) weht. Die Mindestbruchlast jeder unserer Festmacherleinen beträgt gemäß Zertifikat 62 Tonnen.
Wenn das Schiff also im Hafen festgemacht ist und der Wind beispielsweise mit einer Geschwindigkeit von 34 Knoten von der Seite weht, wirkt auf das Schiff eine Schubkraft von 150 Tonnen. Bei meiner Berechnung setze ich für jede Leine 50 Tonnen an. Daher benötige ich mindestens drei Leinen, um der Kraft des Windes standzuhalten.
Um auf der sicheren Seite zu sein, verwende ich persönlich immer zwei bis drei Leinen mehr als erforderlich, mindestens sechs, und versuche, so viele verschiedene Poller wie möglich an der Pier zu verwenden, da immer auch die Möglichkeit besteht, dass ein Poller korrodiert ist und bricht.
Ein sehr wichtiges Detail dabei: Alle Festmacherleinen müssen gleichmäßig gespannt sein, damit die Kraft gleichmäßig auf alle Leinen verteilt wird.
Und was geschieht, wenn der Wind immer stärker wird?
Kapitän Michail Smyrnaios: Wenn der Wind zunimmt, müssen entsprechend zusätzliche Leinen an der Pier befestigt werden.
Erreicht die Windstärke 30 Knoten (Anm.: 56 Kilometer pro Stunde), informieren wir den Maschinenkontrollraum, um kurzfristig, das heißt: in weniger als einer Minute, einen zweiten Generator bereitzuhaben, damit wir unsere Seitenstrahlruder starten können.
Wenn der aktuelle Wind 40 Knoten (Anm.: 74 Kilometer pro Stunde) erreicht, läuft der zweite Generator und unsere Hauptmaschinen sind einsatzbereit. Einige Besatzungsmitglieder befinden sich in einem sicheren Bereich in der vorderen und hinteren Anlegestation, überwachen die Festmacher und kommunizieren mit der Brücke. Der Kapitän und der Stabskapitän sind auf der Brücke. Der Maschinenraum wird informiert, den dritten Generator, die Propeller und die Ruder in kürzester Zeit bereitzuhaben.
Ab einem Wind mit einer Stärke von 50 Knoten (Anm.: 93 Kilometer pro Stunde), was nicht sehr oft vorkommt, konzentrieren wir uns voll auf die Wetterbedingungen und lassen andere Arbeiten weitgehend ruhen. Wir lassen Seitenstrahlruder, Propeller und Ruder laufen. Die gesamte Deckscrew ist so lange in Bereitschaft, bis sich die Wetterbedingungen wieder verbessern. Außerdem stehen wir im Austausch mit dem Hafen, damit zwei Schlepper kurzfristig bereitstehen, falls Hilfe benötigt wird.
Mit welchen Windstärken kann die Vasco da Gama umgehen, wenn sie im Hafen manövriert?
Kapitän Michail Smyrnaios: Wenn das Schiff manövriert, also nicht festgemacht ist, beträgt die seitliche Haltekraft der Vasco da Gama 92,3 Tonnen, was einer Windstärke von 26 Knoten (Anm.: 48 Kilometer pro Stunde) von der Seite entspricht.
Und wenn der Wind beim Manövrieren stärker wird?
Kapitän Michail Smyrnaios: Ich bin bei jedem Manöver und einer Windstärke von 25 Knoten oder mehr verpflichtet, die Hilfe von Schleppern anzufordern, da das Schiff sonst außer Kontrolle geraten würde.
Tipps für Kreuzfahrtpassagiere im Hafen
So mancher Kreuzfahrtpassagier hat sich schon einmal einen Rüffel von Sicherheitsleuten im Kreuzfahrthafen eingefangen. Man spaziert ahnungslos an der Pier entlang, um das Schiff aus einem schönen Winkel von schräg vorne zu fotografieren, am besten mit einem dicken Poller und den Festmacherleinen im Vordergrund. Umso erstaunlicher ist es, dass in manchen Häfen – wie hier im Foto auf Malta – selbst die offiziellen Laufwege für die Passagiere direkt an den Pollern und Leinen entlangführen.

Die Videos zu den losgerissenen Schiffen oben zeigen aber, wie gefährlich das werden kann. Denn reißt eine solche Leine, sind die Kräfte gewaltig, wie besonders eindrucksvoll das Video der herausgerissenen Poller in Catania bei der Norwegian Epic zeigt. Die Poller schießen Kanonenkugel gleich auf das Schiff zu und hinterlassen beim Aufschlag erhebliche Dellen in der Bordwand.
Eine reißende und zurückschnalzende Leine würde einen Menschen, der dort steht, sehr wahrscheinlich sofort töten. Wer schon einmal das Geräusch einer reißenden Leine in dieser Stärke gehört hat, kann sich noch besser die Kräfte vorstellen, die sich dabei entladen.
Deshalb: Auch wenn das Fotomotiv noch so verlockend ist, sollte man sich selbst von den Leinen auch bei schönem Wetter und wenig Wind fernhalten. Das Risiko ist dann zwar gering, aber nicht gänzlich ausgeschlossen. Und für ein nettes Foto will man dann doch nicht gleich sein Leben riskieren. Oft ist dieser Bereich im Hafen ohnehin abgesperrt, vor allem auch aus diesem Grund.





Moin zusammen,
es hat mich schon überrascht zu hören dass sich in letzter Zeit solche Fälle häuften, oder war es nur der besondere mediale Fokus weil es Passagierschiffe waren? Kommt es vielleicht öfter vor, statistisch bedingt nur eher Frachter betreffend? Wenn festzustellen ist dass solche Fälle tatsächlich häufiger werden, mag es hier gar ein Symptom des Klimawandels sein? Muss man Anpassungen erwägen? Mehr Leinen, stärkere Leinen, verstärkte Poller?
Im Luftverkehr jedenfalls ist eine Zunahme an Vorfällen zu verzeichnen die mit Turbulenzen in Zusammenhang stehen. Dieses wird dem Klimawandel zugerechnet.
Das dynamische Foto, gern mit Weitwinkel, des angedockten Schiffs mit rotem Poller und fluchtpunktartig verlaufenden Leinen habe ich schon häufig geschossen und wenn ich zurückdenke dann konnte ich beinahe an jedem Hafen nahe an den Festmachpunkten vorbei laufen. Nur richtig schön bei blauem Himmel. Bei einer Windstärke von 100 km/h hätte ich vermutlich schon wegen „Unbequemlichkeit“ oder aus Sorge um meine Kamera von solchen Schnappschüssen abgesehen. Ich kann mich nur an eine einzige stürmische Einschiffung in Kopenhagen erinnern auf die Norwegian Star, wo später ein Abdocken nur mit Schleppern gelang, meine Fotolust damals hielt sich in Grenzen. Ein natürliches „Sicherheitsregulativ“ vielleicht.
@Volker: Ja, ehrlicherweise habe ich dieses Fotomotiv auch schon oft vor der Linse gehabt. Ich bin aber inzwischen deutlich vorsichtiger geworden und schaue mir die Situation sehr genau an. Sprich: Die Leine sollte – wenn ich da in die Nähe gehe – nicht super straff gespannt sein, es sollte kaum Wind wehen und es sollte auch kein Wetter sein, bei dem man eine plötzliche Böe befürchten würde. Nur meine ganz persönlichen Kriterien – bitte nicht als Ratschlag oder gar „Expertenmeinung“ deuten. Das Risiko muss wirklich jeder ganz für sich persönlich abschätzen. Für mich gilt aber immer mehr: Lieber mal auf das Motiv verzichten, als etwas riskieren.
@Volker
Nein, mit dem überstrapazierten linksgrünen Universalschreckgespenst Klimawandel hat das nichts zu tun, sondern mit der Gigantonomie im Kreuzfahrtschiffsbau.
Die riesigen Seitenflächen bieten dem Wind eine gewaltige Angriffsfläche. Der Vorfall mit dem Poller bei der Epic zeigt auch, dass die Häfen dieser rasanten Entwicklung noch etwas hinterher hinken.
@Volker
Zum einen haben Starke winde in den letzten Jahren zugenommen zum anderen sind die Schiffe in den Letzen jahren auch immer größer geworden. Allerdings trifft es auch große Frachtschiffe das sie von zeit zu zeit von der Pier aufgrund gebrochener Festmacher abklappen. Hier vor allem die Hochbordigen Autofrachter. Natürlich ist der Mediale FGokus dabei ehjer auf den Pax Linern als bei Frachtschiffen.