AIDA Cruises feiert 30. Geburtstag. Zwei Frauen, die fast die gesamte Geschichte miterlebt haben, erzählen davon: Melanie Sievers, seit 1998 dabei, und Kerstin Buchheim, die schon ein Jahr vor dem ersten Schiff zu AIDA kam. Ihre beiden Geschichten zeigen, wie aus einer verwegenen Idee eine Reederei wurde, die Deutschland zur weltweit zweitgrößten Kreuzfahrtnation gemacht hat.
Am 7. Juni 1996 taufte Christiane Herzog, die Frau des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, in Warnemünde ein Schiff, das so gar nicht in die damalige Kreuzfahrtlandschaft passte. Es hieß schlicht „AIDA“, war mit einem roten Kussmund am Bug verziert und sollte fast alles anders machen als die traditionellen Kreuzfahrer, die man in Deutschland bis dahin kannte. Dreißig Jahre später fährt AIDA Cruises mit elf Schiffen, auf denen gleichzeitig über 30.000 Passagiere unterwegs sind. Das Unternehmen hat die deutsche Kreuzfahrt grundlegend verändert.

Eigentlich könnte die Reederei sogar ihren 66. Geburtstag feiern. Denn die Wurzeln liegen in der Deutschen Seereederei (DSR), die seit 1960 mit Schiffen wie der Völkerfreundschaft und der Arkona Seereisen in der DDR angeboten hatte. 1993 wurde das Unternehmen im Zuge der Treuhand-Privatisierung an die Hamburger Investoren Horst Rahe und Nikolaus Schües verkauft. Die 30 Jubiläumsjahre von AIDA beziehen sich auf Indienststellung des gleichnamigen Schiffs, die spätere AIDAcara.
Die Fakten zur Geschichte AIDAs kann man auf Wikipedia nachlesen, hochrangige Weggefährten und ehemalige CEOs haben sich schon vielfach zu 30 Jahre AIDA geäußert. Bei Cruisetricks.de werfen wir einen anderen Blick auf die Kreuzfahrt-Reederei, die in Deutschland einst den Anstoß zu einer ganz neuen Art von Kreuzfahrten gegeben hat.
Mit zwei AIDA-Mitarbeiterinnen, die von Anfang an dabei sind, sprechen wir über ihre ganz persönliche Geschichte mit AIDA, über Erinnerungen, Anekdoten und Überzeugungen, über Emotionen, wie AIDA zu dem geworden ist, was es heute ist und warum manche Dinge immer noch so sind wie vor 30 Jahren.
Melanie Sievers ist Managerin Communication bei AIDA Cruises und heute für die interne Unternehmenskommunikation verantwortlich. Kerstin Buchheim ist „Director Human Resources Fleet“, also verantwortlich für die kompletten Schiffsbesatzungen. Sievers kam 1998 zu AIDA, Buchheim sogar noch ein Jahr, bevor das erste Schiff überhaupt in Dienst ging.

Im exklusiven Cruisetricks.de-Gespräch blicken die beiden auf ihre ganz persönlichen 30 Jahre bei AIDA zurück und erzählen, wie sie die Reederei von den Anfängen bis heute erlebt haben. Mit Melanie Sievers habe ich mich persönlich getroffen, mit Kerstin Buchheim aus Termingründen online per Teams.
Ein handgezeichneter Katalog und ein Anruf
Als sie 1996 das erste Mal von AIDA erfuhr, war Melanie Sievers, 23 und frisch ausgebildete Touristikerin. Eine Anzeige weckte ihr Interesse an dem ersten Katalog. Und der war etwas Besonderes, denn er war mit kunstvoll von Felix Büttner gemalten Produktbildern gestaltet. Dem Künstler, der das Lächeln am Bug der Schiffe erfunden hat. Den bekannten Kussmund, der bis heute das Markenzeichen von AIDA ist.
Sievers fand das sofort spannend. Sie rief bei AIDA – damals noch in Neu-Isenburg bei Frankfurt – an und fragte, ob es das Katalogmotiv als Poster gebe, zum Beispiel als Reisebüro-Deko. Das sei leider verneint worden. „Dann hab‘ ich aufgelegt und zu meiner Kollegin gesagt: Den Job in der Promotion-Abteilung würde ich gerne übernehmen“, erzählt Sievers. Und genau so kam es dann auch ein paar Jahre später.
„Da war ich schockverliebt.“
Melanie Sievers
Noch vor ihrer Bewerbung ergab sich über eine Freundin, die im Robinson Club auf Mallorca arbeitete, die Gelegenheit zu einem Bordbesuch auf der AIDA im Hafen von Palma. „Da war ich schockverliebt“, beschreibt Sievers den Moment. „Wenn man früher als Kind gefragt worden ist: Male doch mal ein Schiff, wie müsste ein Schiff für dich aussehen? Dann hätte ich es vielleicht so ähnlich gemalt.“
Die Räume an Bord seien so offen gewesen, erzählt sie. Der Fitnessfelsen, wie der Fitnessbereich damals hieß, lag oben auf dem Schiff mit Meerblick, dazu eine kleine Brücke und Felsen als Gestaltungselemente. Beim Friseur konnte man aufs Meer hinausschauen. Konzepte, die man heute auf modernen Kreuzfahrtschiffen für selbstverständlich hält, hat AIDA schon damals umgesetzt.
Und so groß war die Begeisterung beim Bordbesuch, dass Sievers versehentlich ihren Personalausweis auf dem Schiff liegen ließ. Der fuhr dann schonmal eine Runde Mittelmeer ohne sie.
Kurz darauf entdeckte ihr Vater in der Frankfurter Rundschau eine Stellenanzeige, „obwohl ich ihm nie davon erzählt hatte“, sagt Sievers. AIDA suchte eine Assistentin der Geschäftsführung. „Das war wie eine Fügung.“ Sie bewarb sich und bekam den Job.
Schon ein Jahr vor dem ersten Schiff
Kerstin Buchheim kam auf einem ganz anderen Weg zu AIDA, und früher: ein Jahr bevor die „AIDA“, die spätere AIDAcara, in Dienst ging. Eigentlich wollte sie gar nicht. Sie kam aus der Luxuswelt, und ein Schiff für rund 1.200 Passagiere erschien ihr viel zu groß. Auch vom Club-Konzept, das damals völlig neu war, musste sie sich erst überzeugen lassen. Es war jemand bei AIDA, erinnert sie sich, der an sie glaubte und überzeugt war, das sei genau das richtige für sie, der sie schließlich umstimmte.

Aus der Hotellerie in Dresden stammend, fing Kerstin Buchheim in der Flusskreuzfahrt an, auf dem ersten Elbe-Flusskreuzfahrtschiff, der „Dresden“, die übrigens zwei Jahre später dann an die Reederei Peter Deilmann verkauft wurde. Eines Tages lag sie mit dem Flussschiff in Hamburg, wo damals die neue Hanseatic festgemacht hatte. Das Expeditionsschiff faszinierte sie, und so wechselte sie in die Expeditionskreuzfahrt und bereiste auf diese Weise die entlegensten Ecken der Welt.
Als ostdeutsche Frau in einer Führungsposition hatte sie in der konservativen Luxuswelt mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. So manch altmodischer Passagier nahm sie schlicht nicht ernst. Und dann traf der AIDA-Mann, der sie abwarb, mit einem Satz offenbar einen Nerv bei Kerstin Buchheim: Diese Luxuswelt sei doch gar nicht das, was ihr liege.
„Hat Ihnen schonmal jemand die Geschichte vom Robinson Club in Zürs erzählt?“
Kerstin Buchheim
Und so landete sie als eine der ersten Mitarbeiterinnen bei AIDA und arbeitete an der Konzeption des neuen Produkts mit. Mit einem verschmitzten Lächeln fragt Buchheim: „Hat Ihnen schonmal jemand die Geschichte vom Robinson Club in Zürs erzählt?“ Und dann erzählt sie, wie ein kleines Team von AIDA-Leuten im Winter 1995/96 in einen Robinson Club im österreichischen Zürs fuhr, um dort an den Ski-Urlaubern die Ideen und Konzepte für die AIDA zu testen.
„Wir wollten herausfinden, was die Menschen darüber denken, ob das funktionieren kann.“ Was später an Bord Standard werden sollte, war damals völlig neu: Tischwein beispielsweise, also Wein, der beim Essen inklusive ist. Oder Themenabende. Kerstin Buchheim war keine Skifahrerin, beschäftigte sich also den ganzen Tag über mit diesen Ideen und Konzepten. Ein Engagement, das sich auszahlte: Auf dem ersten AIDA-Schiff wurde sie nach kurzer Zeit Hoteldirektorin.
Ein Start-up mit 32 Leuten und einem „Kreuzfahrt“-Tabu
32 Leute arbeiteten für AIDA in Neu-Isenburg, als Melanie Sievers am 1. Juli 1998 dort anfing. „Es war wirklich so eine Start-up-Atmosphäre, wie man das heute nennen würde, und alle haben für dieses Schiff gebrannt“, erzählt sie. Neu-Isenburg statt des heutigen Rostock als Standort für Arkona Reisen hatte sich vor allem aus logistischen Gründen ergeben: Frankfurt war ein zentraler Flughafen-Hub, viele Charterflüge gingen von dort ab, und die Manager kamen aus der Touristik, nicht aus dem Kreuzfahrtbereich. Erst 2005 erfolgte der Umzug nach Rostock.
„Da durften wir das Wort ‚Kreuzfahrt‘ nicht in den Mund nehmen.“
Melanie Sievers
Schmunzelnd erzählt Sievers von einem kuriosen Detail aus der Anfangszeit: „Da durften wir das Wort ‚Kreuzfahrt‘ nicht in den Mund nehmen.“ Man sprach stattdessen von Urlaub auf dem Wasser, von Cluburlaub. „Kreuzfahrt“ war vorurteilsbehaftet, stand für feste Sitzordnung im Restaurant, steifes Kapitänsdinner, formelle Abendgarderobe. Alles Dinge, mit denen AIDA ausdrücklich brechen wollte.
Und so war die Zielgruppe nicht die bestehenden Kreuzfahrer, sondern Landurlauber; Menschen, die sich bis dahin für einen Vier-Sterne-Cluburlaub entschieden hätten.
Das Produkt war bewusst einfach gehalten: „drei oder vier Kabinenkategorien, zwei Abfahrthäfen (Palma de Mallorca im Sommer, Santo Domingo in der Dominikanischen Republik im Winter) und Schmetterlingsrouten, also einmal rechtsherum, einmal linksherum“. „Easy to book“, „easy to sell“, so das Prinzip, erinnert sich Melanie Sievers. Also ein Produkt, das ein Reisebüro ohne lange Erklärungen verkaufen konnte.

An Bord gab es von Anfang an ein erstklassiges À-la-carte-Restaurant, das Rossini, dazu das Markt-Restaurant als Buffet, ein weiteres Buffet-Restaurant, vier Bars und einen Club. Professionelles Bühnen-Entertainment unterschied AIDA dabei von den Vorbildern der Clubhotels an Land, wo die Animation üblicherweise von den Club-Mitarbeitern selbst kam. Dennoch durften auch die beliebten Crew-Shows nicht fehlen.
Ein besonderes Element waren die Lasershows zu Beginn jeder Reise, bei denen die Route mit emotionaler Musik im Theater gezeigt wurde. Das habe die Gäste sofort in den Bann gezogen, erzählt Sievers.
Das Konzept ging auf: Es entstand rasch eine treue Fanbasis, die teilweise bis heute mit AIDA fährt.
Kubaner mit perfektem Deutsch
War es in den ersten Jahren nicht schwierig, deutschsprachige Crew für das Schiff zu finden? Nicht unbedingt, sagt Kerstin Buchheim. Im Maritim-Restaurant, aus dem später das Fine-Dining-Restaurant Rossini wurde, habe AIDA komplett deutsches Personal gehabt. Und es arbeiteten viele Kubaner für AIDA, die noch vor der Wende in der DDR sehr gut Deutsch gelernt hatten. Mit einigen von ihnen ist Buchheim bis heute in Kontakt.
Gerade auf den Karibik-Kreuzfahrten im Winter sorgten die Kubaner für Stimmung und brachten karibisches Flair an Bord. Das zweite Restaurant neben dem heutigen Markt-Restaurant hieß zeitweise „Calypso“. Man versuchte, den Passagieren auch an Bord die Atmosphäre der Region zu vermitteln.
Das Kapitel mit den Kubanern endete allerdings, nachdem die Carnival Corporation AIDA übernommen hatte. Von da an war Schluss mit kubanischer Crew, kubanischen Zigarren und kubanischem Rum an Bord, erinnert sich Buchheim.
Kurz vor dem Aus schon nach sechs Wochen
Wie nah AIDA in der Anfangsphase am Scheitern war, wird in Melanie Sievers‘ Erzählung deutlich. Denn wirtschaftlich lief es für die junge Reederei anfangs gar nicht gut. Das Schiff war 1997 an Norwegian Cruise Line (NCL) verkauft und von dort zurückgechartert worden, um die Weiterführung des Betriebs zu sichern.
Sievers war gerade erst ein paar Wochen im Unternehmen, als eine Betriebsversammlung einberufen wurde. „Da wurde gesagt, dass wir tatsächlich fürchten, dass NCL die Charterrate für die AIDA erhöht, und dass wir dann nicht weitermachen können“, erinnert sie sich. Zum Glück kam es anders: Das Management suchte neue Investoren und wurde bei P&O Princess Cruises in Großbritannien fündig. 1999 übernahm der britische Kreuzfahrtkonzern das Geschäft, der bisherige Eigentümer, Arkona Touristik, blieb zunächst mit 49 Prozent finanziell beteiligt.
Ein „To the Queen“-Toast im holzgetäfelten Konferenzraum
Sievers erinnert sich noch gut an die Vertragsunterzeichnung in London. Eines ihrer persönlichen Highlights, wie sie sagt. Im Hauptsitz von P&O, einem altehrwürdigen Gebäude, an dessen Treppenaufgängen die komplette Unternehmensgeschichte in Bildern hing, seien die Verträge unterschrieben worden. „Dann wurde ‚to the Queen‘ angestoßen und dieser Vertrag besiegelt“, erzählt sie.
„Dann wurde ‚to the Queen‘ angestoßen und dieser Vertrag besiegelt“
Melanie Sievers
P&O habe als Kreuzfahrtveteran das Potenzial von AIDA sofort erkannt. Und „wir waren alle total happy, dass wir weitermachen konnten“, sagt Sievers. Die Ironie der Situation ist auch im Rückblick fast schon skurril: Die junge, ein wenig verrückte deutsche Kreuzfahrtreederei besiegelt ihre Zukunft in einem der traditionsreichsten britischen Schifffahrtsgebäude.
2003 fusionierte P&O Princess mit der amerikanischen Carnival Corporation. AIDA Cruises wechselte im Jahr darauf vom britischen zum italienischen Carnival-Tochterunternehmen Costa Crociere. Der Hauptsitz blieb in Rostock, als „AIDA Cruises – German Branch of Costa Crociere S.p.A.“
Für die Mitarbeiter seien das aber vor allem organisatorische Vorgänge gewesen, sagt Sievers. Entscheidend sei, dass jeder Eigentümer der Devise „local brands for local markets“ gefolgt sei: AIDA durfte sein Produkt selbst gestalten, ohne Vorgaben aus London, Genua oder Miami.
„Uns hat keiner vorgeschrieben, wie wir unser Produkt gestalten und wie wir unsere Gäste ansprechen. Das lag komplett in der Hand von AIDA“, erinnert sich Sievers. Die Freiheit und die Innovationskraft von AIDA, die daraus entstanden sei, habe ihren Ursprung in diesen frühen Jahren.
Das „Olympiaschiff“ AIDAaura 2004 in Athen
Kerstin Buchheims Karriere-Highlight: die olympischen Spiele 2004 in Athen. Die AIDAaura wurde damals zum „Deutschen Schiff Olympia 2004“ und lag während der Olympischen Sommerspiele als schwimmendes Quartier in Piräus. An Bord war unter anderem das ARD-Studio untergebracht. Buchheim leitete das Projekt.
„Ich bin einmal mit Carl Lewis im Aufzug gefahren.“
Kerstin Buchheim
Der organisatorische Aufwand sei kaum vorstellbar gewesen, erinnert sie sich. Sie traf Olympia-Fans, Funktionäre und Athleten, abends kamen die Medaillengewinner für die ARD-Interviews an Bord. Ein Moment ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Ich bin einmal mit Carl Lewis im Aufzug gefahren.“ Jüngere Leute wüssten heute vielleicht gar nicht mehr, wer Carl Lewis war, sagt Buchheim. Aber damals war der Leichtathlet ein Weltstar. Wenn sie davon erzählt, merkt man ihr die Begeisterung auch 22 Jahre später noch an.
Und dann: jedes Jahr ein neues Schiff
Zwischen 2007 und 2013 wuchs AIDA rasant: Sieben Schiffe wurden in dieser Zeit auf der Meyer Werft in Papenburg gebaut. AIDAdiva, AIDAbella, AIDAluna, dann AIDAblu, AIDAsol, AIDAmar, AIDAstella. Wie fühlt sich das an, wenn aus einer Reederei mit einem Schiff plötzlich eine Flotte wird?

Kerstin Buchheim hat diese Phase aus nächster Nähe begleitet. Sie wechselte von der Hoteldirektion auf die Landseite ins Produktmanagement und stellte neue Schiffe mit auf die Beine, bis hin zur AIDAprima und AIDAperla.
Etwas Neues aufzubauen, das habe sie damals gereizt und reize sie ihr ganzes Leben lang, sagt sie. Genau das zieht sich durch ihre Laufbahn: In ihren verschiedenen Positionen sei sie immer irgendwie Pionierin gewesen, habe sich Dinge erarbeitet, die es vorher so nicht gab.
Wie anders als der Rest der Kreuzfahrtwelt AIDA damals war, erzählt Melanie Sievers an einem Beispiel, wie AIDA auch die Art verändert hat, wie Kreuzfahrtschiffe vermarktet wurden. Bei der Kiellegung der AIDAvita in der Werft in Wismar habe das Team Erlebnis-Stationen in den Stahl-Rohbau gesetzt, wo später Restaurants, Bars und Spa-Bereiche entstehen sollten. „In der AIDA Bar war Musik. Im Spa-Bereich haben Comedians Saunaaufguss gemacht. Man konnte essen. Überall an den wesentlichen Punkten hatten wir Stationen aufgebaut, wo man das Schiff schon erleben konnte“, erzählt Sievers.
„Events in Werfthallen oder an den Docks waren zu dieser Zeit einfach nicht üblich.“
Melanie Sievers
Die Werft-Verantwortlichen hätten sie damals perplex angeguckt und gefragt, was sie da denn vorhätten. Events in Werfthallen oder an den Docks waren zu dieser Zeit einfach nicht üblich. Heute ist das bei Schiffsneubauten ganz normal.
Und dass bei einer Schiffstaufe der AIDA-Kussmund als Werbebanner an den Docks hängt, war ebenfalls neu, erinnert sich Sievers: „Das Lächeln kommt nach Hamburg – war unser Slogan für die Produkteinführung.“
Und wie waren die Reaktionen bei AIDA, als TUI Cruises 2009 neuer, deutscher Kreuzfahrtanbieter auf den Markt kam? Der Markt sei groß genug, jeder Mitbewerber erschließe ihn mit. Einige der TUI-Cruises-Manager seien ja zuvor auch Kollegen bei AIDA gewesen, da wünscht man sich Glück und Erfolg, berichtet Sievers.
Vorreiter beim Thema Umwelt
Ein Thema ist Melanie Sievers im Gespräch mit Cruisetricks.de besonders wichtig: AIDA habe in der Branche früh Akzente beim Umweltschutz gesetzt, von der Antriebstechnik bis in den Schiffsalltag hinein. Auch da sei man Vorreiter gewesen.
Tatsächlich bezog bereits 2017 die AIDAsol als erstes Kreuzfahrtschiff im Hamburger Hafen im Regelbetrieb Strom von einer LNG-Barge. AIDAprima und AIDAperla konnten ab 2016 respektive 2017 zumindest während der Hafenliegezeit mit Flüssigerdgas (LNG) betrieben werden. Regulatorisch wäre es damals noch gar nicht möglich gewesen, überhaupt LNG-Tanks an Bord zu haben. Erst die AIDAnova war 2018 dann das erste Kreuzfahrtschiff weltweit, das komplett mit LNG betrieben werden konnte.
Auch im Schiffsalltag etwa im Recyclingcenter habe AIDA Maßstäbe gesetzt. Der Antrieb für dieses Engagement liegt in der Natur des Geschäfts, so Sievers: „Wir bereisen mit unseren Schiffen Destinationen, Länder, Meere. Das ist die Grundlage dafür, dass Reisen funktioniert: eine gesunde, intakte Umwelt.“
„Lowlight“ Pandemie: Crew erst nach Hause schicken, dann wieder zurückholen
Die schwierigste Zeit in über 30 Jahren bei AIDA sei die Corona-Pandemie gewesen, sagt Kerstin Buchheim – ihr persönliches „Lowlight“. Besonders emotional belastend sei es gewesen, als Personalverantwortliche selbst die Crew-Mitglieder nach Hause schicken zu müssen, die wegen der anfangs dramatischen Situation in einigen Ländern eigentlich gar nicht nach Hause wollten. Aber eine Alternative habe es einfach nicht gegeben, erinnert sie sich.
Und als es wieder losging, stellte sich die umgekehrte Frage: Wie schnell ließ sich die Crew zurückholen? AIDA-CEO Felix Eichhorn wollte von ihr wissen, wie lange sie dafür brauche. Acht Wochen, sagte Buchheim. Eichhorns Rückfrage: „Geht das auch in sechs Wochen?“ Doch nach drei Schiffen war der Pool an noch verfügbaren Crew-Mitgliedern erschöpft. Für die weiteren Schiffe musste Buchheim die Besatzungen komplett neu rekrutieren, eine enorme Aufgabe in kurzer Zeit, zumal alle anderen Reedereien ebenfalls viel neues Personal brauchten.
Wenn Schiffe die Flotte verlassen
Und wie emotional sind die Momente, in denen man sich von geliebten Schiffen verabschieden muss? Die AIDAblu (die ehemalige A’Rosa Blu und davor Crown Princess) wurde 2020 abgewrackt. Die AIDAcara fährt seit 2022 als Astoria Grande unter russischer Flagge im Schwarzen Meer. Die AIDAmira war nur drei Jahre in der Flotte. Die AIDAaura ging 2023 als Celestyal Discovery zu Celestyal Cruises, die AIDAvita ebenfalls 2023; nach einem kurzen Einsatz als Blue Dream Melody in China ist ihr weiteres Schicksal unklar.
„Was einem bleibt, sind die ganzen schönen Erinnerungen.“
Melanie Sievers
Verständnis für die unternehmerischen Gründe, sagt Melanie Sievers, habe man dabei natürlich. Aber man merkt ihr an, dass dabei letztlich doch viele Gefühle mitschwingen. Die älteren Schiffe hätten sich nicht wirtschaftlich sinnvoll auf aktuelle Nachhaltigkeitsstandards aufrüsten lassen, sagt Sievers. Aber es sei natürlich auch ein Abschied gewesen. „Was einem bleibt, sind die ganzen schönen Erinnerungen. Das erste Mal an Bord, das erste Mal Auslaufen in Antalya und dann wird Feuerwerk gezündet, weil Saisonabschluss ist. Oder mit AIDAaura Asien entdecken, die Reisen nach Vietnam“, schwärmt sie.
Große Erleichterung habe sie gespürt, als 2024 das AIDA-Evolution-Programm angekündigt wurde. Denn auch AIDA-Fans hatten befürchtet, auch sieben Sphinx-Klasse-Schiffe könnten auf absehbare Zeit die Flotte ebenfalls verlassen. Stattdessen investiert AIDA nun in deren umfangreiche Renovierung: Die AIDAdiva ging als erstes Schiff im Frühjahr 2025 in die Werft, AIDAbella und AIDAluna folgten. In der zweiten Runde sind bis 2028 die AIDAmar, AIDAblu, AIDAsol und AIDAstella an der Reihe.
„Ich sag immer: meine AIDAdiva“, erzählt Melanie Sievers, und man merkt, wie froh sie ist, dass „Ihr“ Schiff in der Flotte bleibt. Sie hatte die Projektleitung für die Markteinführung der AIDAdiva und ihren ersten Besuch auf dem renovierten Schiff beschreibt sie so: „Du gehst da drauf und siehst, wie liebevoll diese Restaurants gestaltet sind, die Eisbar, und wie das alles in einer Harmonie ineinander geht. Du hast lauter kleine Wohlfühloasen, wo du denkst: Oh, wie schön das geworden ist.“ An der Patisserie-Bar der neuen French Kiss Bar habe ein Mitarbeiter sie mit „Bonjour“ begrüßt. „Das war so herzlich.“
Vorfreude auf die zwei Neubauten 2030 und 2031
Für 2030 und 2031 hat AIDA zwei Neubauten bei Fincantieri bestellt, eine neue Schiffsklasse für rund 4.200 Passagiere. Auf diese Neubauten freut sich die heute 58-jährige Kerstin Buchheim sichtlich. Sie wird ihre Indienststellung noch begleiten, wenn auch nicht mehr als Produktmanagerin. Denn ihre Aufgaben haben sich über die Jahre immer wieder verändert.
Vom Produktmanagement wechselte sie in die Personalarbeit für die Schiffsbesatzungen. Übrigens auch ein Schritt, wo viel Überzeugungsarbeit nötig war, denn anfangs war sie mehr als skeptisch. Doch AIDA gab ihr die Gelegenheit, berufsbegleitend zu studieren, unter anderem in Harvard. Ihr Vorteil als Quereinsteigerin ins Personalwesen ist heute, dass sie den Schiffsbetrieb aus eigener Anschauung kennt.
Der Kussmund als Lebensgefühl und Unternehmenskultur
Auf die Frage, was der Felix Büttners Kussmund am Schiffsbug für sie persönlich bedeute, sagt Melanie Sievers: „Das ist ein Gefühl. Das ist Spirit. Das ist ein Versprechen.“ Wenn man am Anreisetag auf ein AIDA-Schiff zufahre, im Hafen, dann lächle es einen an, genauso wie die Crew, die einen lächelnd begrüße, wenn man an Bord komme.

Und Stammgäste, die schon lange mit AIDA fahren, „fühlen sich vielleicht sogar als Gastgeber für die, die neu kommen, und nehmen sie an die Hand“, sagt Sievers.
„Bei AIDA zählt der Mensch“
Über diese Frage, warum AIDA-Crew bis heute eine andere, entspanntere Stimmung als auf vielen anderen Schiffen vermittelt, muss auch Kerstin Buchheim nicht lange nachdenken: „Bei AIDA zählt der Mensch.“ Ein Crew-Mitglied habe ihr einmal gesagt, woanders bekomme es vielleicht mehr Trinkgeld, aber bei AIDA werde es viel mehr als Mensch wahrgenommen.
AIDA gebe den Mitarbeitern viel Freiraum, sich zu entfalten, sagt Buchheim. Man höre ihnen zu, sie könnten mitreden und ihre Meinung sagen. Das früher in der Schifffahrt verbreitete Prinzip „my way or gangway“, also Anweisung von oben ohne Widerspruch, gelte bei AIDA nicht. Selbst bei der Dienstplanung gehe man auf Wünsche ein: Wenn sich etwa eine Verkäuferin aus einem Shop mit einer Barkellnerin angefreundet habe, versuche AIDA, beide beim nächsten Einsatz wieder gemeinsam an Bord zu bringen.

Noch ein Aspekt ist für Kerstin Buchheim entscheidend: AIDA führte schon früh ein, was heute Standard ist: nicht nur ein zentrales Personalmanagement an Land, sondern auch einen HR-Manager auf jedem Schiff. Dessen Aufgabe sei es vor allem, sich um das Wohlergehen der Crew zu kümmern, ein offenes Ohr zu haben, zuzuhören, fast ein bisschen Psychologe zu sein. Während ganz früher auf Schiffen ein Pfarrer an Bord war, gab es auf der ersten AIDA einen „Raum der Stille“, einen überkonfessionellen Ruhe- und Gebetsraum. Später wurde der dann übrigens zu einem Lager für Taucherflaschen umfunktioniert.

Dass es der Crew gut geht, sei wichtiger denn je, sagt Buchheim. Heute bewerbe sich eher die Reederei bei den potenziellen Crew-Mitgliedern als umgekehrt. Auch die Erwartungen hätten sich verschoben: Bei der Einstellung sei Wlan-Internet an Bord vielen inzwischen wichtiger als das Gehalt. Und dass man an Bord sieben Tage die Woche arbeitet, sei früher kein Thema gewesen, heute müsse man es Bewerbern erklären.
„Nach 30 Jahren immer noch mein Unternehmen“
Trotz allen Wachstums, trotz immer größerer Schiffe habe sie in über 30 Jahren nie das Gefühl gehabt, dass AIDA nicht mehr ihr Unternehmen sei, sagt Buchheim, von den kleinen Anfängen mit einem Schiff bis zu den heute elf Schiffen und bald noch mehr. Ihr Leitgedanke: Egal was man tue, man sei Dienstleister, damit Menschen auf den Schiffen Urlaub machen können. Das sei nicht einfach nur ein Job. Daran solle man jeden Tag denken.
Melanie Sievers erzählt im Cruisetricks.de-Gespräch, dass sie auch nach 28 Jahren manchmal immer noch sentimental wird, wenn das Schiff zum Reisebeginn ausläuft. „Wenn ich beim Sailaway an der Reling stehe und wir aus einem schönen Hafen wie Hamburg oder Warnemünde auslaufen und die Menschen an den Uferpromenaden winken, das hat nach wie vor etwas Bewegendes“, sagt sie. „Es ist wie nach Hause kommen und gleichzeitig Aufbruch in einen schönen Urlaub oder auch eine vielseitige Dienstreise.“

Sievers hat bei AIDA in fast drei Jahrzehnten zahlreiche Positionen durchlaufen, von der Assistentin der Geschäftsführung über das Management der Sales- und Promotion-Abteilung, die auch Medienkooperationen und Schiffstaufen begleitete, bis hin zur Projektleitung für die Einführung der AIDAdiva, dem ersten Schiff der dritten AIDA-Generation. Später arbeitete sie fast zehn Jahre im Entertainment-Bereich, war an der Entwicklung der AIDA-Unternehmenswerte beteiligt und kehrte nach Corona in die Unternehmenskommunikation zurück. Ihren Mann hat sie übrigens auf einer AIDA-Reise kennengelernt, beim Tauchen vor Cozumel.
Diese Verbundenheit zum Unternehmen ist vielleicht das, was AIDA besonders gut charakterisiert: dass sich ein Unternehmen, das von rund 30 Leuten in Neu-Isenburg auf rund 18.000 Mitarbeiter an Land und auf See gewachsen ist, auch für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, noch immer wie Familie anfühlt.




