Der Titel des neuen Buches von Johann-Günther König klingt überzeichnet, doch bei der kurzweiligen und spannenden Lektüre merkt man schnell, dass die Seefahrt über die Jahrhunderte alles andere als das Vergnügen war, als das wir die Kreuzfahrt heute erleben. Gut und detailreich recherchiert, ist „Hafen oder Tod – Schiffsreisende aller Zeiten erzählen“ eine empfehlenswerte Reiselektüre.
Johann-Günther König schlägt einen großen Bogen von den frühesten Anfängen der Seefahrt bis zu modernen Kreuzfahrtschiffen, wobei man stellenweise meinen könnte, Seekrankheit in allen ihren Ausprägungen sei das prägnanteste Merkmal von Seereisen seit der Antike gewesen. Aber natürlich geht es in dem Buch um weit mehr als das.
Es ist ein exzellent recherchiertes Werk, in dem auch erfahrene Kreuz- und Seefahrer noch das eine oder andere Detail finden, das sie noch nicht kannten. Oder wussten Sie, dass es auf der ersten Kreuzfahrt der Augusta Victoria 1891 einen „Verein gegen Seekrankheit“ gab?
In gewisser Weise ist das Buch auch eine Geschichte der Seefahrt und ihrer Bedeutung in der Weltgeschichte, freilich unterhaltsam aufbereitet und mit einem reizvollen, roten Faden: Für „Hafen oder Tod“ hat sich der Autor durch die Literatur der Jahrhunderte und Jahrtausende gearbeitet, um schriftliche Zeugnisse von Mensch zu finden, die in den unterschiedlichsten Situationen und in den unterschiedlichsten Jahrhunderten zuallermeist nicht zum Vergnügen, sondern aus purer Notwendigkeit Schiffsreisen unternommen und von ihren Erlebnissen an Bord berichtet haben.
Der Gilgamesch-Epos und Kreuzritter aus dem 12. Jahrhundert werden zitiert, Autoren wie Heinrich Heine und Frank Kafka kommen zu Wort, um nur einige Beispiele zu nennen. Insgesamt bevorzugt der Autor deutschsprachige Quellen. Eindrucksvoll schildert er beispielsweise, was es bedeutete, auf den Auswandererschiffen mit der billigsten Passage am Zwischendeck zu reisen. Und natürlich darf die Titanic nicht fehlen, zusammen mit spannenden Berichten aus der Zeit der großen Oceanliner.
Hier kommt König dann auch zu der Feststellung: „Die modernen Kreuzfahrtkolosse behalten den heutigen Schiffsreisenden die Konfrontation mit der See selbst und damit all die Widrigkeiten der vergangenen Jahrhunderte vor. Von erzwungener Askese einschließlich übler Seekrankheit kann keine Rede mehr sein“, und ordnet damit auch ein, warum das Thema Seekrankheit in den vorausgegangenen Jahrhunderten ein so regelmäßiges Motiv in den Berichten von Seereisenden war.
Bei aller Detaildichte und offenkundig exzellenter Recherche rutsch dem Autor zur modernen Kreuzfahrt leider ein allzu stereotypes Pauschalurteil durch, das angesichts der ansonsten in diesem Buch so differenzierten Betrachtung der Seefahrt ein wenig enttäuscht: „Die verheerende Klima- und Nachhaltigkeitsbilanz sowie der zerstörerische Massenschiffstourismus sprechen für sich.“ Nur ein klein wenig mehr Recherche zu diesem Aspekt hätte geholfen, um diesen längst überholten Vorurteilen nicht aufzusitzen.
Hoch rechne ich Johann-Günther König dagegen an, und das versöhnt mich dann wieder: Er verortet die Ursprünge der Kreuzfahrt nicht – wie so häufig – fälschlicherweise bei Albert Ballin, sondern stellt klar, dass britische und norwegische Reedereien bereits 20 Jahre vor Albert Ballin erste „pleasure cruises“ auf komfortabel eingerichteten Dampfschiffen angeboten hatten. Dennoch spielen die bestens und detailreich dokumentierten, ersten Vergnügungsreisen zur See, die Albert Ballin mit der Augusta Victoria 1891 veranstaltete, natürlich eine wichtige Rolle in dem Buch.
Und nicht zuletzt ist auch das Quellennachweis-Verzeichnis nicht nur ein pflichtmäßiger Anhang, den kaum ein Leser beachtet. Denn hier listet der Autor alle Fundstellen aus der Literatur über die Jahrhunderte hinweg auf, sodass es ein Leichtes ist, in der Bibliothek die Originalquellen ausführlich nachzulesen, wo das Buch nur die jeweils prägnantesten Ausschnitte wiedergeben kann.
Hafen oder Tod – Schiffsreisende aller Zeiten erzählen
Autor: Johann-Günther König
Verlag: zu Klampen
ISBN: 978-3987374715
Umfang: 272 Seiten
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