SS United States: zwischen Rettung und Verschrottung

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SS United States 2009
SS United States, Philadelphia 2009 (Bild: chrisinbanbury)

Im Juli 1952 fuhr die SS United States auf ihrer Jungfernfahrt in nur 3 Tagen, 10 Stunden und 40 Minuten über den Atlantik von New York nach England. Damit übernahm das Flaggschiff der United States Line das Blaue Band für die schnellste Atlantik-Überquerung von der Queen Mary, die diesen Rekord seit 1938 gehalten hatte. Für den Rückweg brauchte die SS United States nur 92 Minuten länger – nämlich 3 Tage, 12 Stunden und 12 Minuten.

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Diese Rekorde stehen bis heute ungefährdet. Kein modernes Kreuzfahrtschiff wäre in der Lage, diese Zeiten auch nur annähernd zu erreichen. Denn dazu wäre eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 35 Knoten (65 km/h) nötig – schnelle, moderne Schiffe machen aber nur um die 25 Knoten in der Spitze. Die SS United States schaffte es angeblich auf bis zu 44 Knoten. Zweifelsfrei dokumentiert ist das aber nicht.

Wie bei so vielen legendären Schiffen warfen hohe Kosten, Konkurrenz durch Flugzeuge und nicht zuletzt Streiks und Ärger mit Gewerkschaften die SS United States aus dem Geschäft. Am 2. November 1969 brach sie in Bremerhaven zu ihrer letzten Passagierfahrt nach New York auf und dämmert heute – nach mehreren Eigentümer- und Ortswechseln – in Philadelphia vor sich hin.

The Big U ist der Spitzname der SS United States, die nun schon seit Juli 1996, also fast fast 15 Jahre lang, am Delaware River in Philadelphia an Pier 82 auf Rettung hofft. Doch spätestens seit 2010 sah es eher so aus, als würde der altehrwürdige Stahl und die über 2.000 Tonnen Aluminium der SS United States als Rohstoff bei einem Recycling-Unternehmen landen. Vielleicht an einem für Schiffe so albtraumhaften Ort wie Alang in Indien. Die SS Independence hat diesen Weg bereits angetreten: sie wurde noch einmal umbenannt in „Oceanic“ und 2008 zum Verschrotten nach Südost-Asien verkauft.

Comeback in Hawaii gescheitert

Ihr großes Comeback hätte die SS United States feiern können, wäre NCLs Hawaii-Plan aufgegangen: Als Norwegian Cruise Line (NCL) die SS United States 2003 kaufte, waren die Hoffnungen groß. NCL kündigte an, den legendären Ozean-Liner zu renovieren und gemeinsam mit drei weiteren Schiffen unter US-Flagge bei NCL America für Hawaii-Kreuzfahrten einzusetzen. Sogar ein fünftes Hawaii-Schiff hielt man damals wohl für denkbar und kaufte die von der Verschrottung bedrohte SS Independance. Doch der erwartete Erfolg blieb aus, heute hat NCL America nur noch ein Schiff, die Pride of America, in Hawaii.

SS United States Conservatory

SS United States 2006
SS United States, Philadelphia 2006 (Bild: Michele Schaffer)

Zahlreiche Fans des legendären Ozean-Liners suchen seit Jahren verzweifelt nach einer Möglichkeit, die SS United States vor der drohenden Verschrottung zu retten. Die SS United States Conservancy kämpft mit prominenter Unterstützung wie dem (inzwischen verstorbenen) TV-Anchorman Walter Cronkite für die Rettung des Schiffs. Drei Millionen Dollar wären nach Schätzungen der Organisation nötig, um das Schiff kaufen und erhalten zu können. Die SS United States Foundation, die ebenfalls zwölf Jahre lang für den Erhalt des Schiffe gekämpft hatte, löst sich Ende März 2010 auf. Man wolle nun alle Energie darauf verwenden, SS United States Conservancy zu unterstützen.

Im März 2010 hatte NCL laut The Baltimore Sun noch einmal bestätigt, dass die SS United States über einen Makler zum Verkauf angeboten werde und man einen amerikanischen Käufer bevorzuge. NCL habe das Schiff der SS United States Conservancy bereits für 1,5 Millionen Dollar angeboten – selbige diese Summe aber bislang nicht aufbringen kann. Ansonsten scheint außer Schrotthändlern wohl niemand sonst in das Schiff mit dem so hohen ideellen und nostalgischen Wert investieren zu wollen.

Über die Jahre transportierte die SS United States über eine Millionen Passagiere sicher über den Atlantik, darunter die Präsidenten Truman, Eisenhower und John F. Kennedy, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Leonard Bernstein, Marlon Brando und Marilyn Monroe (eine lange Liste weitere prominenter Passagiere hat ss-united-states.net). Beinahe drei Millionen Seemeilen legte sie dabei zurück.

Von der Verschrottung bedroht

Laut South Philly Review investierte NCL jährlich 800.000 Dollar (laut LA Times 700.000 Dollar), um das Schiff in einem brauchbaren Zustand zu erhalten und nicht weiter verfallen zu lassen.

Kaum jemand verübelte es NCL daher, dass die Reederei die SS United States jetzt loswerden wollte, nachdem es für das Schiff offenbar keine Verwendung mehr als Kreuzfahrtschiff gab. Und schon als NCL das Schiff 2003 kaufte, gab es ja über viele Jahre hinweg keine Interessenten. Das Damokles-Schwert der Verschrottung schwebte schon damals über ihr. Entsprechend überrascht nicht, dass NCL eben auch mit potenziellen Käufern sprach, die lediglich an der Schrott-Verwertung des Ozean-Liners interessiert sind (siehe LA Times).

Transatlantik-Liner und Kriegsschiff zugleich

SS United States at Southampton ca. 1968
SS United States at Southampton ca. 1968 (Bild: arbyreed)

Die SS United States hat ihre Existenz, aber auch ihren Verfall dem Pentagon zu verdanken. Bau und Betrieb des Ozean-Liners wurde massiv vom amerikanischen Staat bezuschusst, weil es auch als Kriegsreserve für die USA diente. Das führte zugleich zu einer derartigen Geheimhaltung bezüglich der Konstruktionsdetails, dass nach der Stilllegung 1969 lediglich Käufer aus den USA akzeptiert worden wären – und die gab damals es nicht. Die Stilllegung selbst wurde 1969 von United States Lines unter anderem damit begründet, dass Präsident Nixon die Zuschüsse zu den Betriebskosten reduziert hatte und das Schiff dauerhaft Verluste einfuhr.

Norwegian Caribbean Lines (1987 in Norwegian Cruise Line umbenannt) zeigte schon in den 70er-Jahren Interesse an dem Schiff, wurde von der zuständigen MARAD aber abgelehnt.

Die SS United States, das größte je in den USA gebaute Passagierschiff, war auf extreme Geschwindigkeit getrimmt. Die Dampfturbinen waren ursprünglich für Flugzeugträger konzipiert worden, was für ein Schiff der Handelsmarine einen außergewöhnlich starken Antrieb bedeutete. Das kam ihr im Transatlantik-Geschäft zugute, nutzte aber auch den Zielen des Pentagon.

Der Treibstoff der SS United States hätte für 10.000 nautische Meilen gereicht. Binnen 48 Stunden hätte das Schiff in einen Truppentransporter umgestaltet werden und bis zu 15.000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen an jeden Ort der Welt bringen können.

SS United States – Links

Die Briten hatten diese Modell im 2. Weltkrieg mit der Queen Mary und der Queen Elisabeth bereits erfolgreich vorgemacht und griffen auch während des Falkland-Krieges 1982 wieder auf die Taktik zurück, indem sie die Queen Elisabeth 2 für Truppentransporte zu den umstrittenen Inseln vor Argentinien nutzten.

Die SS United States brachte es dagegen nie zu einem Kriegseinsatz – dafür wäre sie übrigens vorübergehend in USS United States umbenannt worden. Lediglich während der Kuba-Krise 1962 war sie kurzzeitig auf „Standby“.

Ungewöhnlich an der SS United States ist auch, dass sie komplett aus nichtbrennbarem Material gebaut ist – also vor allem ohne Holz auskommt. Heutzutage ist das längst als Standard im internationalen Abkommen SOLAS vorgeschrieben, in den 1950er-Jahren war diese Bauweise aber geradezu unerhört.

Der langsame Untergang der SS United States

Im November 1969 begann der langsame Abstieg der SS United States. Aus ihrer jährlichen Inspektion im Trockendock der Newport News Shipbuilding and Drydock Company in Newport News, Virginia, kehrte sich nicht mehr in den Linienbetrieb zurück, sondern wurde schließlich in Norfolk, Virginia, auf Reede gelegt. Zur Enttäuschung der bereits gebuchten Passagiere wurde auch die Weihnachtskreuzfahrt 1969 abgesagt.

Immerhin installierte die MARAD 1973 ein Luftentfeuchtungssystem, mit dem das Schiff regelrecht konserviert wurde, so dass es lange Zeit liegen konnte, ohne Schaden davon zu tragen.

SS United States – Fakten

Baujahr: 1950-1952

gebaut von: Newport News Shipbuilding and Drydock Company, Newport News, Virginia, USA

Kosten: 79 Millionen Dollar (lt. SS United States Foundation)

Jungfernfahrt: 3. Juli 1952 New York – Le Havre – Southampton

Länge: 302 m

Breite: 31 m

Tiefgang: 9,4 m

Tonnage: 53.290 t

Maschinen: 4 Westinghouse Dampfturbinen mit 240.000 PS

Decks: 12

Höchstgeschwindigkeit: 38,3 (am wahrscheinlichsten) bis 44,7 Knoten (nicht zuverlässig dokumentiert)

Reisegeschwindigkeit: 31 Knoten

Kabinen: 695

Passagiere: die Angaben hierzu schwanken zwischen 1.928 und 2008; am glaubwürdigsten scheint die Zahl 1.972

Besatzung: 1.066 (andere Quellen sprechen von 900 oder 990 Besatzungsmitgliedern)

1978 schließlich ging die SS United States für fünf Millionen Dollar an die in Seattle ansässige United States Cruises Inc., die das Schiff zum ersten Appartment-Schiff der Geschichte umbauen wollte – also so etwas wie heute The World. Aus dem Vorhaben wurde nichts. 1984 wurden Möbel und Ausstattung versteigert und viele Stücke kaufte das Windmill Point Restaurant in Nags Head in North Carolina, wo die Memorabilia im Gastraum ausgestellt waren. Das Restaurant machte 2007 dicht, die United-States-Memorabilia wurden eingelagert. Bilder sind zu sehen auf der Website „North Atlantic Run“. Inzwischen hat das Restaurant offenbar wieder geöffnet.

Im Februar 1992 konnte schließlich der Eigentümer der SS United States nicht einmal mehr die Dock-Gebühren in Norfolk bezahlen und ging pleite. Das Schiff wurde beschlagnahmt und versteigert.

Höchstbietender mit 2,6 Millionen Dollar war der Chef der Commodore Cruise Lines, Fred Mayer, der mit Cunard einen Plan aushandelte, die SS United States als Schwesterschiff zur Queen Elisabeth 2 einzusetzen. Letztlich wurde auch daraus nichts. Jedoch hatte Mayer das Schiff bereits in eine Weft in der Türkei geschleppt und von dort aus in die Ukraine, um sie bis auf das blanke Metallgerippe zu entkernt und die Unmengen an Asbest zu entfernen, die beim Bau statt des damals üblichen Sperrholzes zum Brandschutz verwendet worden waren. Und so blieb die United States für einige Jahre in der Türkei.

Dank eines Geschäftsmannes aus New Jersey namens Edward Cantor kehrte der legendäre Ozean-Liner am 23. Juli 1996 in die USA zurück – nach einer für das eigentlich schnellste Schiff der Welt unendlichen langsamen, 40 Tage dauernden Überfahrt, gezogen vom Schlepper „Smit New York“.

In Philadelphia sollte das Schiff auf einer nicht mehr aktiven Navy-Werft renoviert und in ihren prachtvollen Urzustand zurückversetzt werden. Doch auch dieser Plan scheiterte an der Finanzierung und die SS United States blieb einfach an Pier 82 in Philadelphia liegen – bis heute. 1999 erreichte die SS United States Preservation Society immerhin die Aufnahme des Schiffs in das National Register of Historic Places – eine Art Denkmalschutz-Liste, die aber anders als in den meisten europäischen Staaten keine juristische Bedeutung in Hinblick auf den Erhalt von Denkmälern hat.

Nachdem Edward Cantor 2002 gestorben war, ging die SS United States schließlich an Norwegian Cruise Line (NCL). Laut Cruise Business Review hat NCL im Februar 2010 bekannt gemacht, dass das Schiff kürzlich an die NCL-Mutter Genting Hong Kong Limited (der früheren Star Cruises Limited, nicht zu verwechseln mit der Genting-Tochtergesellschaft Star Cruises) übertragen worden sei.

S.S. United States Conservancy

Im Februar 2011 kam nach jahrelangem Bangen um die Kreuzfahrtschiff-Legende SS United States die Nachricht: SS United States Conservancy hat das Schiff von Genting Hong Kong für 3 Millionen Dollar gekauft. Die SS United States sollte umgebaut werden zu zu einem Hotel-, Shopping- und Museums-Komplex. Für den Umbau des Schiffs rechnete die Organisation mit einigen hundert Millionen Dollar – vergleichbar mit den Kosten für ein ähnlich großes Vorhaben an Land.

Laut Associated Press habe die Organisation unter anderem einen Plan zur Entsorgung von gefährlichen chemischen Stoffen an Bord der SS United States vorgelegt, das die Umweltbehärde EPA zufriedenstellte, sodass von dort grünes Licht für den Verkauf kam. Bereits 1992 wurden das Schiff in einer Werft in der Ukraine komplett entkernt und von Asbest-Isolierungen befreit.

Neue Chance bei Crystal Cruises?

Alle Rettungsversuche der S.S. United States Conservancy scheiterten aber, sodass Anfang 2016 das endgültige Aus für den Ocean Liner droht. Doch dann kam erneut eine hoffnungsvolle Nachricht: Crystal Cruises will das Schiff kaufen und als luxuriöses Kreuzfahrtschiff wiederbeleben. Bis voraussichtlich Ende 2016 – so lange wird geschätzt die Machbarkeitsstudie für die Renovierung dauern – übernimmt Crystal Cruises die Liege- und Erhaltungskosten. Details zu den Plänen: siehe „Crystal Cruises plant Comeback für S.S. United States“.

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4 Kommentare zu SS United States: zwischen Rettung und Verschrottung

  1. Franz on März 29, 2010 at 12:33 pm

    Habe gerade noch ein Video von der Jungfernfahrt der SS United States gefunden – leider mit einem unangenehm störenden Wasserzeichen; aber immerhin: http://www.youtube.com/watch?v=kybnYLrQz40

  2. Kurt Robeller on März 8, 2014 at 7:08 pm

    Schade dass ein so reiches Land wie die Vereinigten Staten von Amerika,ein einmaliges nationales Kulturdenkmal,wie dieses Schiff, der Verschrottung über lässt.

  3. RAINER MAU on Januar 28, 2016 at 11:41 am

    silier über44knoten, das ist amtlich, das sie nun wohl verschrottet wir zeigt wie bescheuert die Amis sind

  4. Franz Neumeier on Januar 28, 2016 at 6:43 pm

    Im Moment sieht’s eigentlich nicht nach Verschrottung als: http://www.cruiseindustrynews.com/cruise-news/13780-ss-united-states-redevelopment-deal-to-be-announced.html

    Für die 44 Knoten habe ich ehrlich gesagt keinen wirklich zuverlässigen Nachweis gefunden, nur Angaben ohne verlässliche Quellen. Deshalb habe ich mich da vorsichtig ausgedrückt …

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