Thomas Tibroni, Meravando.de

„Das kann ich jetzt sofort machen.“ – Ist CO2-Kompensation die Lösung?

Kompensation für CO2-Ausstoß ist nicht unumstritten. Die Vermeidung von CO2 sollte grundsätzlich Vorrang vor Kompensation haben. Das Kreuzfahrt-Portal Meravando wirbt mit kostenloser CO2-Kompensation für seine Kunden. Was dahinter steckt und wie das alles zusammenpasst, haben wir im Cruisetricks.de-Interview Thomas Tibroni gefragt. Er ist einer der drei Geschäftsführer und Gründer des Startups.

Meravando.de ging am 15. Juli 2019 online. Kern-Botschaft des Online-Reisevermittlers: Übernahme der CO2-Kompensation durch Meravando für die Kreuzfahrt-Buchungen der Kunden. Im Hintergrund arbeitet Meravando mit E-Hoi zusammen. Die tatsächliche Buchung erfolgt also über dieses Online-Reisebüro.

Während Meravando die Daten und die Buchungsmaschine von E-Hoi nutzt, kommen Optik, Suchfunktionen und Benutzerführung von Meravando selbst – und eben die Kompensation des CO2-Ausstoßes für die gebuchten Reisen via My Climate, die nach eigenen Angaben rund der Hälfte der von E-Hoi erhaltenen Provision entspricht.

Wie sinnvoll ist CO2-Kompensation? Sollten wir den CO2-Ausstoß nicht ganz vermeiden, statt uns nur freizukaufen?

Thomas Tibroni: Zu diesem Thema haben wir uns natürlich sehr intensiv Gedanken gemacht. Klar, es ist auch richtig: Kompensation ist immer nur das zweite Mittel der Wahl. Wenn ich es aber nicht vermeiden kann oder will, dann ist Kompensation eine Möglichkeit den CO2-Fußabdruck in einem gewissen Maße auszugleichen.

„Anders als beim Ablasshandel steht bei der Kompensation hinter der Zahlung auch eine tatsächliche Leistung.”

Was den Begriff „Ablasshandel“ angeht, hinkt der Vergleich einfach. Beim Ablasshandel konnte ich mir bei der Kirche ein reines Gewissen erkaufen, aber auf der anderen Seite stand nicht wirklich eine Leistung dahinter. Bei der Kompensation steht hinter der Zahlung auch eine tatsächliche Leistung. Es ist jedoch wichtig, dass es sich um ein nachhaltiges Projekt handelt. Das muss man wirklich bei jeder Kompensationsleistung dazu sagen, weil sich mittlerweile auch einige private Anbieter in dem Bereich tummeln und da ist Vorsicht geboten. Bei Kompensationsleistungen muss man darauf achten, dass es ein Anbieter ist, der das Ganze professionell und seriös betreibt.

Wir arbeiten mit My Climate zusammen und sind dort mit, Gold-Standard gelistet. Das bedeutet, dass hinter jeder Zahlung auch eine tatsächliche Leistung steht. Uns war dabei besonders wichtig, dass es hierbei nicht nur um die reine Einsparung von CO2 geht.

Wie sieht dieses Projekt konkret aus?

Thomas Tibroni: Wir investieren gezielt in ein Projekt in Kenia, bei dem es um deutlich mehr geht als nur die reine CO2-Einsparung. Dort werden Frauen Kocher finanziert, wodurch ungefähr 50 Prozent Feuerholz und damit auch entsprechend CO2 eingespart wird. Pro Kocher sind das etwa 2 bis 2,5 Tonnen CO2 im Jahr. Dieser Betrag wird dann eins zu eins umgerechnet auf den CO2-Ausstoß des Schiffes.

Aber bei diesem Projekt ist es auch so, und das ist ganz wichtig, dass den Frauen der Kocher nicht einfach hingestellt wird. In Kenia haben wir es mit sehr traditionellen Menschen zu tun, die Neuem teilweise sehr skeptisch gegenüberstehen. Die kenianischen Frauen müssen also erstmal vom Vorteil des Kochers im Vergleich zur offenen Feuerstelle überzeugt werden.

„Wir wollen über die reine Einsparung von CO2 hinausgehen. Es geht auch darum, die Menschen vor Ort mitzunehmen.”

Es geht also auch darum, die Menschen vor Ort mitzunehmen. Das macht unser Projekt so besonders und es ist auch entsprechend zertifiziert. Der Kocher wird zur Hälfte durch Spenden finanziert, von My Climate aus den Kompensationszahlungen, auch von Meravando, und zur anderen Hälfte müssen die Frauen das Geld selbst bezahlen. Sie können sich das Geld von einer Spargemeinschaft vor Ort leihen und müssen es innerhalb von zwei Jahren zurückzahlen. So ein Kocher kostet knapp 20 Euro. Zehn Euro werden also finanziert und die anderen zehn Euro kommen aus der lokalen Spargemeinschaft, keiner Bank. Dadurch lernen insbesondere die Frauen vor Ort mit Geld umzugehen, wirtschaftlich zu denken und nutzen den Kocher auch dementsprechend, denn sie haben ja auch selbst ein Stück weit dafür bezahlt.

Ein weiterer Vorteil des Projekts: Es werden Arbeitsplätze geschaffen, denn das Projekt hat einen lokalen Bezug. Die Materialen für die Öfen werden vor Ort hergestellt. Es werden Arbeitsplätze geschaffen für Menschen, die die Öfen bauen. Das Projekt wird über den WWF zertifiziert und in unserem Fall vom TÜV Nord nochmal nachgeprüft.

Deshalb haben wir uns auch für My Climate entschieden. My Climate ist eine gemeinnützige Stiftung, also nicht gewinnorientiert. 80 Prozent des Geldes fließen in das Projekt, 20 Prozent in den Verwaltungsapparat. Das ist absolut transparent und eine gute Sache.

Meravando zahlt die Kompensation für seine Kunden. Ist es das richtige Signal, zu suggerieren, dass Klimarettung kostenlos sein kann?

Thomas Tibroni: Wir sagen nicht, dass Kompensation das Allheilmittel ist. Es ist – und das ist unser Anspruch – eine Möglichkeit, bei der wir sagen können: „Das kann ich jetzt sofort machen.“ Das ist unser Leitspruch. Wir sagen nicht: „Die anderen müssen etwas machen oder irgendwann in Zukunft muss irgendwas gemacht werden.“ Sondern wir haben uns gefragt: Wie können wir aktuell etwas für den Umweltschutz und gegen die Erderwärmung wirken? Da ist die Kompensation momentan ein Mittel, das funktioniert.

„Wir wollen nicht suggerieren, dass CO2-Kompensation das Allheilmittel sei. Aber die Kompensation ist momentan ein Mittel, das funktioniert.”

Unser Anspruch ist es jetzt im Rahmen der Möglichkeiten zu handeln. Wir möchten auf das Thema aufmerksam machen. Denn wir haben gemerkt, dass vielen Passagieren auf Kreuzfahrtschiffen das Thema nicht präsent ist. Sie haben sich damit einfach noch nicht beschäftigt. Hier wollen wir ansetzen und eine Änderung herbeiführen, um die Menschen wach zu rütteln und zu sagen: Ja, eine Kreuzfahrt ist umweltschädlich. Es ist eine schöne Art zu reisen, aber bitte bedenkt auch das Umweltthema. Meravando möchte bei den Kreuzfahrtreisenden ein Umdenken erzeugen.

Daher ist es nicht so, dass sich Reisende ein reines Gewissen erkaufen können, sondern wir verstehen es als eine Möglichkeit, das Bewusstsein für das Thema zu wecken. Und wir möchten erreichen, dass die gesamte Branche über Alternativen nachdenkt, über alternative Antriebe und über Möglichkeiten, CO2 einzusparen.

Und warum machen Sie die Kompensation für Ihre Kunden kostenlos?

Thomas Tibroni: Das beruht im Wesentlichen auf unserer Marktanalyse. Beim Kunden ist das Entscheidungskriterium maßgeblich der Preis. Wenn wir es nicht so machen, dann werden wir auf diesem Markt keine Chance haben, weil der Kunde sich dann, gerade weil ihm das Thema noch nicht so wichtig ist, eher für den günstigeren Preis entscheiden würde als für die Kompensation extra zu zahlen.

Wir wollten kein Portal schaffen, in dem der Kunde freiwillig kompensiert, wo er die Wahl hat. Das gibt es ja auch schon. Wir heben uns ab mit einer neuen Idee, einem neuen Geschäftsmodell, und kopieren nicht, was es schon gibt.

Andere Reiseanbieter geben Bordguthaben oder eine Flasche Sekt dazu und bei Meravando gibt’s quasi das gute Gewissen gratis?

Thomas Tibroni: Das kann man schon so sagen, ja. Im ersten Schritt steht das gute Gewissen. Langfristige möchten wir den Kunden zum Nachdenken bringen. Er erhält zwar keine Flasche Champagner, dafür hat er aber den CO2-Fußabdruck kompensiert. Im Idealfall führt das dazu, dass das Thema Umweltschutz in die Diskussionen mit aufgenommen wird.

Ich habe immer wieder mit Leuten zu tun, die sich persönlich angegriffen fühlen, wenn es um das Thema Kreuzfahrt geht. Sie argumentieren dann damit, dass das Schiff ja sowieso fährt. Das kann natürlich nicht das Argument sein, wenn es um den Klimaschutz und CO2-Emissionen geht. Dann bringe ich doch lieber das Argument der Kompensation ins Spiel. Denn das ist eine Möglichkeit für Kreuzfahrtreisende zu handeln und sollte daher mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden.

Man könnte das Modell von Meravando aber auch als eine neue Masche oder Marketing-Trick abtun, der gerade dem Zeitgeist entspricht …

Thomas Tibroni: Natürlich, es ist auch ein Marketing-Instrument für uns, ganz klar. Wir haben uns überlegt, als wir ganz am Anfang standen: Was können wir machen? Eine bessere Usability war ein wesentliches Thema, das können wir sehr gut, da haben wir Erfahrung. Aber wir wollten natürlich auch einen großen Aufhänger haben und nicht das zwanzigste oder hundertste Portal sein, das Reisen anbietet.

Wir wollten ganz bewusst auch auf das Umweltthema eingehen. Die Umwelt liegt uns drei Gründern sehr am Herzen, wir sind sehr umweltbewusst und sind auch gerne in der Natur. Das war also ein Thema, was für uns sehr wichtig war und in den Medien sehr aktuell ist.

Was sagen denn die Reedereien dazu? Die sind gewöhnlich ja sehr empfindlich, wenn es um Rabatte, Dreingaben oder Ähnliches geht.

Thomas Tibroni: AIDA war skeptisch, andere waren auch skeptisch, haben bei unserem Kooperationspartner E-Hoi angerufen und sich das erklären lassen. Aber außer AIDA waren alle Reedereien von Anfang an mit dabei. Nachdem wir gelauncht hatten und die ersten Gespräche stattgefunden haben, konnten wir auch AIDA überzeugen und sie sind jetzt ebenfalls dabei.

Die Resonanz der Reedereien ist grundsätzlich positiv. Ich glaube, die Reedereien schauen sich das momentan sehr interessiert an und warten vielleicht auch nochmal ab, wie sich das entwickelt, ob es das in einem Jahr noch gibt, ob das Modell tragfähig ist – auch aufgrund der Marge, die wie an My Climate abgeben.

Anmerkung*: Meravando.de ist zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Interviews per Steady-Mitgliedschaft Sponsor des cruisetricks.de-Kreuzfahrt-Podcasts. Das Interview war bereits vor dem Sponsoring vereinbart und entstand vollkommen unabhängig davon.
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