Augusta Victoria: erste Luxuskreuzfahrt

Die erste Kreuzfahrt war … wann genau?

Wer hat die erste Kreuzfahrt veranstaltet? Albert Ballins Hamburg-Amerika Linie 1891 mit der Augusta Victoria, sagen deutsche Kreuzfahrt-Patrioten. Stimmt nicht so ganz, schreibt Andreas Kludas, Autor des in Deutschland als Bibel der Kreuzfahrt-Geschichte geltenden Standardwerks „Die Großen Passagierschiffe der Welt“. Die erste Kreuzfahrt fand demnach schon 1877 auf dem Küstendampfer Wanaka der Union Steam Ship Company of New Zewland statt.

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Die Anhänger Albert Ballins dürfen aber auch mit dem Segen von Arnold Kludas sagen, dass die Reise der Augusta Victoria 1891 die „erste Luxuskreuzfahrt im heutigen Sinne“ war. 241 Passagiere, inklusiver Albert Ballin und seiner Frau, fuhren 1891 von 22. Januar bis 22. März von Cuxhaven aus Häfen im Mittelmeer an.

Die Wanaka fuhr nur in Küstengewässern. Allerdings gab es da noch die Ceylon der P&O Line, die 1881 von dem Briten John Clark zum Kreuzfahrtschiff umgebaut wurde und als solches 1882 zur ersten richtigen Hochsee-Kreuzfahrt aufbrach. 1885 machte die britische Domino ihre ersten Nordlandfahrten, die bis 1890 jährlich wiederholt wurden.

Aber ob nun Ceylon, Domino oder Augusta Victoria die erste „richtige“ Kreuzfahrt unternahm: Es gibt ihn nicht, den Tag an dem jemand beschlossen hat, Kreuzfahrten zu erfinden. Der Übergang vom reinen Liniendienst und kombinierten Passagier- und Frachtschiff-Reisen in die Kreuzfahrt ist fließend und fand spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts statt.

Denn obwohl die Schiffe damals ihren regelmäßigen Liniendienst absolvierten, wurde doch Bordausstattung, Kabinen und Essen luxuriöser und auf Passagiere abgestimmt, deren Hauptreisezweck das Vergnügen war und nicht das Erreichen eines bestimmten Ziels. Die Reedereien vermarkteten gerade in warmen Fahrgebieten wie etwa Südamerika, der Karibik oder im Mittelmeer diese Linien-Fahrten auch aktiv als Kreuzfahrten.

Fließend ist denn auch bis heute die Grenze zwischen Fähre und Kreuzfahrtschiff – in Deutschland am besten an Color Line festzumachen, die auf der Stecke zwischen Kiel und Oslo Schiffe einsetzen, die modernen Kreuzfahrtschiffen in nichts nachstehen. Zunächst in den USA, später und bis heute auch in Asien gibt es Schiffe, die Kreuzfahrtschiffen gleichen und deren einziger Zweck das Glücksspiel ist. Sie fahren ohne konkretes Ziel in internationale Gewässer, um dort weitgehend unreguliert schwimmende Spielkasinos zu fungieren.

Die ersten reinen Kreuzfahrtschiffe

Erster Kreuzfahrtschiff-Neubau: Prinzessin Victoria Luise
Erster Luxus-Kreuzfahrtschiff-Neubau: Prinzessin Victoria Luise, 1900 (Bild: Wikipedia)
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Einfach ist die Frage, wann das erste reine Kreuzfahrtschiff speziell für diesen Zweck gebaut, also nicht nur beispielsweise ein Frachtschiff zum Kreuzfahrtschiff umgebaut wurde. Kludas nennt hie die 1887 gebaute St. Sunniva der North of Scotland & Orkney & Shetland Steam Navigation Company und als ersten Luxuskreuzfahrtschiff-Neubau die Prinzessin Victoria Louise der Hamburg-Amerika Linie im Jahr 1900.

Ein weiteres Schiff verdient ebenfalls noch Erwähnung, auch wenn es erst 70 Jahre später in Dienst gestellt wurde: Die Song of Norway, Royal Caribbeans erstes Kreuzfahrtschiff, war nämlich das erste speziell für die Karibik konzipierte Schiff. Sie war den damaligen Konkurrenten damit um eine Nasenlänge voraus, die bis dahin in der Karibik eher alte Schiffe – oft noch aus der Vorkriegszeit – einsetzten oder für das Transatlantik-Geschäft gebaute Schiffe mit großem Tiefgang, relativ wenig offen Außendecks und auch sonst einigen für die warme Karibik eher nachteiligen Eigenheiten. Erst Ende 2013 wurde die ehemalige Song of Norway übrigens außer Dienst gestellt und zur Verschrottung nach China verkauft, nachdem sie zuletzt als Formosa Queen für Asia Star Cruises als Spielkasino-Schiff gefahren war.

Update: Mein sehr geschätzter Kollege Christian Eckardt merkt in einer E-Mail an, dass es zwei speziell für die Karibik gebaute Schiffe gibt, die schon zwei Jahre früher in Dienst gingen als die Song of Norway: die in der Bremerhavener Seebeckwerft gebauten Starward (1968) und Skyward (1969) der Norwegian Caribbean Line AS (später: Norwegian Cruise Line). Möglicherweise – aber das ist Spekulation – hat Andreas Kludas die beiden Schiffe nicht als reine Kreuzfahrtschiffe betrachtet, weil sie anfangs auch über ein Fahrzeug-Tor verfügten, vor allem für die Mitnahme von Fahrzeugen nach Jamaica, wie die Website Simplon Postcards schreibt. Beide Schiffe sind übrigens auch heute noch im Einsatz, die Starward als Louis Aura, die Skyward als Casino-Schiff „Leisure World“ in Singapur.

Kreuzfahrt – was ist das eigentlich genau?

An der Definition des Begriffs „Kreuzfahrt“ hängt viel, wenn man herausfinden will, wann die erste Kreuzfahrt stattfand. Deshalb hierzu noch einige Gedanken.

Der Transport von A nach B ist wohl keine Kreuzfahrt, selbst wenn sie auf einem Transatlantik-Liner in der Ersten Klasse bei allem Luxus stattfindet und damit auch mit reichlich Vergnügen einhergeht. Auch eine Forschungs-Expedition ist keine Kreuzfahrt, sie dient einem konkreten, wissenschaftlichen Zweck – auch wenn bei modernen Expeditionskreuzfahrten die Grenzen manchmal etwas verschwimmen.

Urlaub und Vergnügen sind die richtigen Stichworte: Eine Schiffsreise für zahlende Passagiere, die keinem praktischen Zweck dient außer der Zerstreuung, der Erholung, dem Vergnügen – also insbesondere nicht auf Schiffen im Liniendienst. Und Reisen, auf denen die Passagiere an Bord übernachten. Sonst wäre jeder Tagesausflug und jede Dampferfahrt auf Flüssen und Seen ebenfalls eine Kreuzfahrt.

Arnold Kludas verlangt in seiner Definition von Kreuzfahrt außerdem, dass die Reise eine fest vorgegebene Dauer haben muss – also nicht eine Fahrt ins Blaue mit nur ungefähr definierter Länge.

Muss das Schiff dafür speziell als Kreuzfahrtschiff gebaut oder konzipiert worden sein? Eher nicht – sonst würde selbst heute noch das eine oder andere Schiff nicht als Kreuzfahrtschiff gelten, weil es ein umgebauter Frachter, eine umgebaute Fähre ist. Trotzdem sind diese Schiffe zweifelsfrei Kreuzfahrtschiffe.

Interessanterweise taucht der Begriff „Kreuzfahrt“ in Deutschland erst in den 1970er-Jahren auf, wie Arnold Kludas feststellt. Davor verkauften die Reedereien „Gesellschaftsreisen“, „Vergnügungsreisen“ oder „Erholungsreisen“. Im englisch- und französischsprachigen Bereich wird dagegen schon von 1914 an von „cruises“ beziehungsweise „croisières“ gesprochen.

Arnold Kludas: „Vergnügungsreisen zur See“

"Vergnügungsreisen zur See"
Der „Kludas“

Fast alle Informationen in diesem Beitrag haben wir dem Werk „Vergnügungsreisen zur See“ entnommen. Eine umfassende eigene Recherche in Original-Dokumenten wäre enorm aufwändig gewesen und hätte sehr wahrscheinlich die gleichen Ergebnisse zu Tage gefördert. Denn Arnold Kludas‘ Werk gilten nunmal als das Kreuzfahrt-Geschichtsbuch schlechthin in Deutschland. Deshalb sei es allen Kreuzfahrt-Fans auch wärmstens ans Herz gelegt, ebenso wie Kludas‘ Hauptwerk „Die Großen Passagierschiffe der Welt“, das von ihm begründet und inzwischen von anderen Autoren weitergeführt und regelmäßig aktualisiert wird.

Mehr und vor allem präzisere Informationen über die Entstehung und Geschichte der Kreuzfahrt kann man kaum nirgendwo anders finden …

4 Kommentare zu “Die erste Kreuzfahrt war … wann genau?

  1. Wer wissen möchte, wie es auf der „ersten deutschen Kreuzfahrt im Jahr 1891“ zuging, dem empfehle ich das Buch von C.W. Allers „Backschisch“ (ISBN 978-3-86805-159-9)
    Für mich noch schöner ist der Reprint von H. Weth .
    Ein MUSS für alle Schiffsliebhaber

  2. …und schon bald gingen regelmäßige Reisen in die Arktis.
    Als Wismarer möchte ich auf Wilhelm Bade aufmerksam machen.

  3. Vielleicht war der Begriff „Kreuzfahrt“ auch deswegen nicht früher für „maritime Vergnügungsreisen“ angewandt worden, weil die ältere Bedeutung die Teilnahme an einem Kreuzzug war. Diese religiös und wirtschaftlich motivierten Krieger hießen ebenfalls „Kreuzfahrer“. Im Englischen lassen sich immerhin „cruise“ und „crusade“ voneinander unterscheiden.

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