Einfach mal losfahren und schauen, wohin es einen verschlägt: Auf einer Reise mit dem Hausboot kann man genau das tun. Keine feste Route, keine vorgegebenen Ziele, nur ein fester Termin zur Rückgabe des Bootes.
Warum also nicht einfach schnell bei einem hübschen Ort anlegen und sich auf einen Kaffee an die Uferpromenade setzen, wenn man im Vorbeifahren gerade Lust verspürt? Oder nochmal umdrehen und die Kühe beobachten, die am Flussufer im seichten Wasser stehen?

Eine Pause an einer besonders hübschen Stelle einlegen und die Seele baumeln lassen. Oder noch ein Stück weiterfahren, als eigentlich geplant, weil es gerade zu viel Spaß macht, das Boot zu steuern, als dass man schon Feierabend machen will?

Wir waren vier Tage auf der Großen Saône zwischen der Le-Boat-Basis in St Joan-de-Losne und Chalon-sur-Saône unterwegs. Und weil wir als Journalistengruppe gereist sind, hatten wir einen recht konkreten Plan, um in den wenigen Tagen so viel wie möglich zu sehen. Also Urlauber würde man sich dafür eher eine Woche Zeit nehmen und es gemächlicher angehen lassen.

Deshalb will ich einfach mit ein paar Impressionen und Bilder zeigen, wie wir diese Tage auf und mit dem Hausboot erlebt haben und ein paar Anregungen geben, was man in diesem Fahrtgebiet unternehmen kann – oder es eben auch ganz anders angehen und vor Ort spontaner sein, wenn man möchte.
St-Jean-de-Losne, Basis von Le Boat und Startpunkt unseres Hausboot-Abenteuers
Begonnen haben wir unser Hausboot-Abenteuer in der Basis von Le Boat in St-Jean-de-Losne, etwa eine Autostunde entfernt vom TVG-Bahnhof in Besançon. Eine neugierige – oder eher: nach altem Baguette hungrige – Schwanenfamilie begrüßt uns dort.




Bevor es am nächsten Morgen wirklich losgeht, spazieren wir ins Dorf, folgen der Empfehlung von Bourgogne-Franche-Comté Tourisme und setzen uns in der Abendsonne am Ufer der Saône ins Restaurant „Le Bouchon Losnais“ für unsere ersten Eindrücke der, wie sich während der Reise herausstellen wird, sehr leckeren, Küche des Burgund.




Die Spezialitäten der Region sind eine schöne Kombination aus rustikaler Hausmannskost, aber mit feiner Zubereitung mit einem guten Gespür für kulinarische Nuancen. Jedes Restaurant bereitet beispielsweise Jambon Persille ein wenig anders zu, aber irgendwie immer auf seine Weise lecker. Dabei ist Jambon Persille eigentlich ein sehr einfaches Gericht, eine Art Sülze mit Schinken und Petersilie. Oder die aus saftigem und herzhaftem Brandteig, meist mit Käse, bestehenden Gougère.
Wie aus einem impressionistischen Gemälde: Verdun-sur-le-Doubs
Ein auf wunderbare Weise verschlafenes Örtchen ist Verdun-sur-le-Doubs, das wir am nächsten Tag nach ein paar Stunden gemütlicher Fahrt auf der Saône und ein kleines Stück hinein in den Fluss Doubs erreichen. Wir sind die einzigen größeren Boote und können daher ganz unbeschwert mit ebenso großzügigen wie anfangs unbeholfenen Manövern rückwärts anlegen.

Eine alte Steinbrücke führt hinein in die kleine Altstadt, ein wenig verlassen und still. Der kleine Bach, der von der Doubs abzweigt und entlang der Altstadt fließt, erinnert an Gemälde französischer Impressionisten wie Claude Monet.







Eine versteckte Attraktion des Ortes ist ein hübsch gestaltetes Brot- und Getreidemuseum – eines von vielen Eco-Museen der Region Bresse. Allerdings muss man hier vorab eine Führung anmelden, was aber auch sinnvoll ist, denn die Beschriftungen im Museum sind nur auf Französisch. Es gibt aber mindestens einen englischsprachigen Guide.







Eines der Highlights der ganzen Reise ist das Abendessen bei Robert Liégeon in seinem Restaurant La Caveau. Eine großartige Fischsuppe, die „Pôchouse verdunoise“, für die das Restaurant weithin bekannt ist, ist die Flussfisch-Variante einer Bouillabaisse mit Weißweinsauce, ähnlich raffiniert und fein.







Robert ist einer dieser Wirte, die einem durch Witz und Originalität hineinziehen in ihre ganz eigene Welt und einem mit eigentlich wenig Aufwand einen wunderbaren Abend bescheren, an den man sich noch lange erinnert. Nicht zu vergessen: Der eisgekühlte „Belle Poire“-Likör, den Robert großzügig ausschenkt – Birnenlikör, verfeinert mit Cognac, oder in einer Variante auch mit Rum.

Und wer sein Dessert nicht aufisst? Nun, der wird kurzerhand von Robert gefüttert.

Zu einem morgendlichen Ritual wird der Gang zur Boulangerie – nicht überraschend in Frankreich: frische Croissants und Baguettes fürs Frühstück am Hausboot, bevor es zurück auf die Saône geht.
Weinprobe und gekränkter Kapitänsstolz in Chalon-sur-Saône
Schon mittags kommen wir in Chalon-sur-Saône an und sehen, wie wichtig es selbst in der Nebensaison ist, bei der jeweiligen Capitanerie vorab einen Liegeplatz anzufragen. Denn der Yachthafen in Chalon ist schlicht voll belegt, als wir dort ankommen. Aber wir sind vorangemeldet, dürfen deshalb mit unseren beiden 13,5 Meter langen Booten an einem Pier festmachen, der eigentlich nicht für längere Liegezeiten gedacht ist.

Das stellt uns vor eine Herausforderung: Wir müssen Waser nachbunkern, an diesem Liegeplatz gibt es aber kein Wasser. Also müssen wir ein Stück nach vorne manövrieren, dort Wasser aufnehmen und dann wieder zurück an den Pier. Das Problem dabei ist nur: Wir haben kräftigen Seitenwind und unsere beiden Boote müssen in dem engen Yachthafen die Positionen wechseln.

Und schon geht mein Kapitänsstolz, den ich mir die vergangenen anderthalb Tage erarbeitet habe, im wahrsten Sinne den Bach hinunter. Der Wind treibt mich ab und ich schaffe es nicht, das Boot selbst wieder an die Pier zu bringen. Drei ebenso nette wie kräftige Helfer von der Capitanerie kennen uns Hobbykapitäne natürlich und stehen schon bereit, um das Boot mit Leinen und auch ein wenig Gegendrücken erst von der spitzen Kante der Pier fernzuhalten und dann an die richtige Anlegeposition an der Pier zu bugsieren.

Nach schadlos überstandenem Navigationsdesaster, einer ebenso peinlichen Erfahrung wie neu erlernter Fähigkeit, lassen wir uns die hübsche 45.000-Eonwohner-Stadt Chalon-sur-Saône zeigen.




Doch erst gibt’s Mittagessen. Wir folgen wieder der Empfehlung des Tourismusbüros und speisen in der bodenständigen Brasserie „Chez Louis“ direkt am Kirchplatz der Kathedrale St. Vincent.





Wir probieren regionale Weine aus und um Chalon in der Maison des Vins – einer Art modernem Weinkeller, in dem man lokale Weine verkosten und zu den gleichen Preisen kaufen kann, die man auch direkt beim Winzer bezahlen würde.




In Chalon erwähnenswert ist ein gewisser Herr Nicéphore Niépce: Er wurde hier geboren und gilt als der Erfinder der Fotografie. Er hat Anfang des 19. Jahrhunderts eine Technik namens Heliographie erfunden. Das erste Foto mit dieser Technik stammt von 1826 und ist bis heute erhalten – allerdings in einem Museum in Texas. Aus heutiger Sicht klingt die damalige Technik recht abenteuerlich: Niépce verwendete lichtempfindlichen Asphalt, den er mit Lavendelöl fixierte. Aber es hat funktioniert …

Zum Abendessen genießen wir burgundische Spezialitäten im Restaurant „Les Canailles“ von Julien und Marie-Claire, die das Restaurant dort schon seit acht Jahren betreiben. Das Restaurant liegt in Chalon auf der Île St. Laurent in der Saône. Zwei Brücken verbindet die Insel mit der Altstadt Chalons und dem Yachthafen auf der anderen Seite, wo wir mit unseren beiden Hausbooten liegen.







Praktischerweise müssen wir vom Anleger im Yachthafen nur quer über einen großen Parkplatz gehen, um einen noch größeren Carrefour-Supermarkt zu erreichen – einen der größten, den ich je gesehen habe, und ideal, um uns für den nächsten Tag fürs Mittagessen am Boot mit Essen einzudecken.
Seurre – und ein Ausflug nach Dijon
Schon wieder auf dem Rückweg zur Hausboot-Basis in St. Jean-de-Losne legen wir einen Zwischenstopp in Seurre ein.

Am frühen Nachmittag kommen wir dort an und machen am Oberdeck erst einmal ein großes Restessen: Was von den vergangenen Tagen übrig ist, kommt auf den Tisch: Käse, Baguette, Kartoffel- und Nudelsalat (beide selbstgemacht, aber nicht von mir), ein paar Grillwürste zum Testen des Grills an Bord und zwei Flaschen Wein.

Unser Ziel ist aber nicht der Ort Seurre, sondern das etwa eine Autostunde entfernte Dijon. Unweigerlich bringt man mit der Stadt den berühmten Dijon-Senf in Verbindung, aber natürlich ist Dijon viel mehr als das.

Oft sind es ja Orte, die nicht auf jedermanns Bucket-Liste stehen, die besonders positiv überraschen. Dijon gehört für mich zu diesen Zielen. Obwohl im Burgund gelegen, hat die 160.000-Einwohner-Stadt ein eher südfranzösisches Flair, der sich an Markttagen noch verstärkt, wenn man auf der breiten Rue de la Liberté im dichten Gedränge mindestens so viel arabisch wie französisch hört.

Unter dem Triumphbogen am Ende der Prachtstraße hindurch, vorbei am Cinéma Darcy, findet man im Jardin Darcy die Eisbären-Skultur „Ours Pompon“ als Hommage an den als Dijon stammenden Art-Deco-Bildhauers Francois Pompon, der eine Vorliebe für Eisbären als Motiv hatte. Einer seiner Eisbären steht beispielsweise auch im Metropolitan Museum of Art in New York.

Beeindruckend ist die weit über die übrigen Häuser der Stadt hinausragende Kathedrale von Dijon, sehenswert aber auch die als Klima-Museum genutzte „Chapelle des Climats et des Terroirs“ und im Innenhof die kleine Chapelle Sainte-Croix de Jérusalem.













Der Weg dorthin lohnt sich aber noch aus einem anderen Grund: Erst vor wenigen Jahren hat dort nämlich gleich nebenan die Cité International de la Gastronomie & du Vin eröffnet. Das ist ein großartig gestaltetes, modernes Museum inklusive vielen interaktiven Elementen, Themen-Workshops, Kochkursen, einigen Restaurants und der laut Museum weltweit größten Auswahl an offenen Weinen zum Probieren.













Tatsächlich kann man hier 250 Weine probieren. Das funktioniert per Selbstbedienung (mit vorab auf eine Chipkarte aufgebuchtem Guthaben) an langen Reihen von Enomatic-Kühlvitrinen, in denen die angebrochenen Weine frisch gehalten werden.




Die teuerste Flasche, die man hier sehen – aber leider nicht probieren – kann, kostet übrigens um die 8.000 Euro. Aber es gibt durchaus auch Spitzenweine, von denen eine Flasche auch mal 250 Euro kostet, für unter 15 Euro pro 0,1-l-Glas zum Probieren.






Beim Essen bleiben wir der regionalen Küche des Burgunds treu, in Dijon nur in etwas eleganterer Atmosphäre, im Restaurant „Porte Guillaume“ direkt am Triumphbogen. Und hier treffen wir dann auch wieder auf das Eisbären-Motiv, das man in der Stadt immer wieder sieht: ein großes Gemälde an der Wand, eine kleinere Skulptur im Fenster.
Abschied von der Saône und unserem Hausboot
Es war gut, dass wir nicht schon am Tag vor der Abreise wieder zurück in der Le-Boat-Basis in St. Jean de Losne waren, sondern über Nacht in Seurre geblieben sind. Denn so können wir vor der langen Rückreise mit TVG und ICE, samt Verspätungen und kurzfristig geänderten Fahrplänen, noch einmal dieses wunderbare Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit genießen, das sich einstellt, sobald man auf dem Wasser ist und sich den – an diesem Tag ziemlich kühlen – Wind um die Nase wehen lässt.

Oft bin ich nach einer Reise ja ehrlicherweise auch ganz zufrieden, wenn sie wieder zu Ende ist – es war schön, aber nach Hause zu fahren, ist es ebenso. Diesmal wäre ich sehr gerne länger geblieben. Denn so sehr bei mir selbst war ich beim Steuern des Hausboots schon lange nicht mehr: im Hier und Jetzt, in der Gegenwart ohne Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft, ohne Abschweifen in die Problemchen des Alltags.

Es ist eines dieser Gefühle, die man im Alltag nicht bewusst vermisst, aber sehr intensiv wahrnimmt und genießt, wenn man sie gerade erlebt. Vermerk auf meiner Do-to-Liste: bald mal wiederholen.

Wer das selbst einmal ausprobieren will: Die Faszination Hausboot-Urlaub habe ich in meinem Beitrag „Hausboot-Urlaub: Einmal selbst der Kapitän sein“ mit einem Portrait der „Horizon 4“-Bootsklasse von Le Boat und vielen praktischen Infos und Tipps beschrieben.

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