Wenn Holland America Line eine Tulpe fast so feierlich tauft wie ein neues Kreuzfahrtschiff, dann ist das ein Indiz dafür, dass mehr „Holland“ in Holland America Line steckt, als man bei einer Reederei mit Sitz in Seattle vermuten würde. Cruisetricks.de war bei der Tulpentaufe im Keukenhof nahe Amsterdam dabei und spürt der Frage nach: Wie viel „Holland“ steckt eigentlich in Holland America Line?
Am 17. April 2026, einen Tag vor dem 153. Geburtstag der Reederei, taufte die niederländische Eisschnellläuferin Joy Beune für die Reederei eine Tulpe, stilecht mit Champagner, auf den Namen „Savor the Journey“, dem aktuellen Claim von HAL.
Cruisetricks.de war dabei und hat auch am nächsten Tag bei einem Schiffsbesuch auf der Nieuw Statendam in Rotterdam und in der früheren HAL-Zentrale, dem heutigen Hotel New York, nach den niederländischen Wurzeln von Holland America Line gesucht. Wie viel davon ist Historie, und wie viel spürt man heute an Bord der HAL-Schiffe?

Holland America Line hat sich in seiner langen Geschichte mehrfach gewandelt: Von der holländischen Auswanderer-Linie für weit mehr als eine Million Menschen über eine zunächst amerikanische Kreuzfahrt-Reederei, die heute das ist, was dem Namen eigentlich am meisten entspricht: amerikanisch-international mit niederländischen Wurzeln, einem gewissen holländisch-europäischen Flair und einigen niederländischen Besonderheiten gegenüber anderen amerikanischen Reedereien.
„The ‚Dutch Touch‘ is woven into our identity.“
HAL-Präsidentin Beth Bodensteiner
HAL-Präsidentin Beth Bodensteiner, Amerikanerin aus Redmond in Washington State übrigens, formulierte den Holland-Bezug der Reederei bei Cruise & Ferry kürzlich so: „The ‚Dutch Touch‘ is woven into our identity – and it’s something guests experience in subtle but meaningful ways.” (Der „Dutch Touch“ ist fester Bestandteil unserer Identität – und das erleben unsere Gäste auf subtile, aber dennoch spürbare Weise.)
Und was genau heißt das jetzt?
Da ist natürlich die niederländische Flagge am Heck der HAL-Schiffe. Sie sind allesamt in Rotterdam registriert. Während der Pandemie hat der Reederei das erheblich geholfen: Die Niederlande ließen die Schiffe einlaufen, um Crew nach Hause zu bringen.

Von den Offizieren stammen viele aus den Niederlanden, die Kapitäne sind überwiegend Niederländer; oder Briten. Und auch ein großes, nautisches Trainingszentrum der Muttergesellschaft Carnival Corp., das „Csmart“, befindet sich im niederländischen Almere. Von letzterem merken die Passagiere der Schiffe freilich nichts direkt.
Am deutlichsten holländisch an Bord der HAL-Schiffe ist das Grand Dutch Café (allerdings nicht auf allen Schiffen). Guten Kaffee im europäischen Stil findet man auf amerikanischen Schiffen sonst nicht – und wer jetzt einwendet, „es gibt doch Starbucks auf vielen US-Schiffen“: Es geht um guten Kaffee, nicht um gutes Marketing für ein überteuertes Produkt. Im Grand Dutch Café hat HAL ein eigenes Label, „Rotterdam 1873“, das von der traditionsreichen Rösterei Beukenhorst produziert wird, mit Sitz in Florida.

Dutch Café, Nieuw Statendam

Dutch Café, Nieuw Statendam

Dutch Café, Nieuw Statendam
Das Exklusiv-Restaurant für Status-Kunden heißt bei HAL „Club Orange“ als Reminiszenz an die Farbe des niederländischen Königshauses. Je nach Schiff spiegelt sich Orange auch im Design des Club Orange mehr oder weniger deutlich wider – auf der Nieuw Statendam hier im Bild eher dezent.



Vieles ist aber auch subtilerer Natur, wie etwa die holländische Erbsensuppe, die am Lido-Deck serviert wird und auch zu deutschen Vorlieben passt. Oder ein „Dutch Hightea“-Event, den die Reederei nach der Pandemie zunächst abgeschafft, nun aber wieder eingeführt hat, um mehr „Holland“ auf die Schiffe zurückzubringen.
Ein holländisch beeinflusstes Highlight auf HAL-Schiffen ist der opulente Blumenschmuck. Keine andere Reederei leistet sich einen Floristen, der das Schiff mit so aufwendigen, frischen Blumengestecken ausstattet, an der Rezeption beispielsweise oder auch im Restaurant Tamarind – Beispiele von meinem Ship-Visit auf der Nieuw Statendam am 18. April in Rotterdam.

Was bei anderen Reedereien die White Night, ist bei Holland America Line die „Orange Party“. HAL-Passagiere, die etwas auf sich halten, tragen an diesem Abend Orange, und wenn es nur eine orangefarbene Schleife im Haar oder eine Krawatte ist. Auch wenn das Publikum bei HAL tendenziell etwas älter ist: Zur Orange Night herrscht ausgelassene Partystimmung.
Dieser Holland-Flair erfasst auch die Passagiere bei Reisen in Nordamerika, wo der Anteil der Niederländer und Europäer deutlich niedriger ist als bei Europa-Abfahrten. Startet eine Kreuzfahrt gar in Rotterdam, dann sind auch mal die Niederländer in der klaren Mehrheit.

Eine gewisse heimatliche Großzügigkeit erfährt Holland America Line, wenn ein Schiff in Rotterdam abfährt: Der Austausch der Schiffshorn-Grüße mit dem historischen Oceanliner „Rotterdam“ (Nr. 5, von 1959), die nahe des Kreuzfahrt-Terminals als Hotelschiff liegt, ist intensiv und lang. Die meisten anderen Städte würden das als Lärmbelästigung betrachten, hier ist es schöne Tradition.
Das Hotel New York in Rotterdam: HALs frühere Firmenzentrale

Wessen HAL-Kreuzfahrt in Rotterdam startet oder endet, sollte über eine Vor- oder Nachtübernachtung im Hotel New York nachdenken, das in Sichtweite zum Kreuzfahrtterminal steht. Denn das ist nicht nur ein nostalgisches Jugendstil-Gebäude von 1901, in dem fast jedes der 72 Zimmer anders ist (deshalb vorher genau auf der Hotel-Website ansehen).

Vor allem aber ist das Hotel New York auch die frühere Zentrale von Holland America Line, bis die Reederei ihren Sitz in die USA verlegte, zunächst nach Connecticut, dann nach Seattle. Das Gebäude wurde 1983 verkauft und 1993 als Hotel wiedereröffnet (siehe auch „Eine kurze Geschichte von Holland America Line“ weiter unten).































Heute hat HAL rund 80 Mitarbeiter in der Europa-Zentrale in Rotterdam, allerdings in einem anderen Gebäude ganz in der Nähe des Terminals.
Tulpentaufe und Blumenparade
Wie ernst Holland America Line ihre holländischen Wurzeln wirklich nimmt und zelebriert, habe ich aber erst so richtig bei dem Tulpentauf-Event am 17. April im Keukenhof verstanden. Warum sonst sollte eine Reederei eine eigene Tulpe haben, die mit viel Pomp und Aufwand getauft wird?

Als Taufpatin hatte HAL sich die Eisschnellläuferin Joy Beune geholt, Silbermedaille im Teamwettbewerb bei den Olympischen Spielen und 2025 dreifache Weltmeisterin in drei Langstrecken-Wettbewerben. 110 Gäste waren zu der Feier im Keukenhof geladen, es wurden Reden geschwungen, ein Sand-Künstler trat auf und schrieb den Namen der Tulpe mit Sand und zur Taufe übergoss die Patin einen Tulpenstrauß in einer Vase mit Champagner.













Und das festliche Tauf-Dinner stand ganz im Zeichen von Tulpenzwiebeln als Beilage, traditionell ein Arme-Leute-Essen in Holland, heute eine Delikatesse, als an Kartoffeln erinnerndes Püree oder auch sauer-scharf eingelegt ähnlich normaler Gemüsezwiebeln.










Detail am Rande ist die britisch-europäische Schreibweise des Tulpennamens „Savour the Journey“, der zugleich der aktuelle Reederei-Claim ist. Im Amerikanischen würde man „Savor“ schreiben.
2012 hatte es übrigens schon einmal eine Holland-America-Line-Tulpe gegeben, damals weiß, diesmal orangefarben, beide Male mit gefransten Blütenblättern.

Wer den Keukenhof schon einmal zur Tulpenblüte im Keukenhof war, hat wahrscheinlich die Windmühle dort fotografiert. Und die hat auch Bezug zu Holland America Line. Die von 1892 stammende, historische Mühle wurde nämlich 1957 von Groningen hier her versetzt – gespendet und gesponsert von Holland America Lijn, wie die Reederei damals noch hieß.
















Und warum sollte eine Reederei einen aufwendigen, eigenen Wagen bei der jährlichen Blumenparade „Bloemencorso Bollenstreek“ haben, 42 Kilometer weit von Noordwijk nach Haarlem quer durch die Tulpenfelder? Natürlich ist das auch Werbung: Mehr als eine Million Menschen besuchen die Parade. Bei der Macy’s Thanksgiving Day Parade in New York ist HAL allerdings auch vertreten – „Holland“ und „America“ eben.



Den Holland-America-Line-Wagen konnte ich am Tag vor der Parade besichtigen, gemeinsam auch mit den beiden Kapitänen der „Rotterdam“, die der komplett mit echten Blumen verzierte Wagen darstellt, zusammen mit Alaska-Motiven.

Die echte Rotterdam liegt nämlich gerade in der Damen-Werft, sodass beide Kapitäne ohnehin da waren. Auch hier gibt es Holland-Bezug: HAL nutzt erstmals Damen statt einer nicht-niederländischen Werft, aber wohl nicht nur aus patriotischen Gründen.
Ein kurze Geschichte von Holland America Line
Als erste Schiff lief die Rotterdam zwar schon am 15. Oktober 1872 erstmals von Rotterdam nach New York aus. Als Geburtstag der heutigen Reederei gilt jedoch der 18. April 1873, als das Unternehmen in „Nederlandsch-Amerikaansche Stoomvaart Maatschappij N.V.“ (NASM) umgewandelt wurde, ab 1896 offiziell „Holland-Amerika Lijn“ genannt und später amerikanisiert „Holland America Line“.
Der Hauptdienst war die Linie Rotterdam–New York mit Zwischenstopps in Southampton und Plymouth. Die ersten von der Reederei eingesetzten Schiffe waren die Schwesterschiffe Rotterdam und Maasdam, die mit je 1.705 Bruttoregistertonnen selbst für die damalige Zeit recht klein waren. Über Jahrzehnte hinweg wandert von hier aus über eine Million Menschen auf den HAL-Schiffen nach Amerika aus.

Parallel betrieb die Reederei auch Frachtschiffe. Während die Schiffsnamen der Oceanliner und Kreuzfahrtschiffe immer mit „dam“ endeten und bis heute enden, hatten die Frachtschiffe die Endung „dijk“ oder „dyk“.
Das Auswanderergeschäft gab die Holland America Lijn etwa um 1971 auf, das Frachtgeschäft 1973, denn die Konkurrenz durch Flugzeuge wurde einfach zu stark. Holland America Line, wie die Reederei in Anpassung auf den amerikanischen Markt bald genannt wurde, wurde zur Kreuzfahrtgesellschaft und verlagerte sich zunächst komplett in die USA, mit Kreuzfahrten nach Alaska und in die Karibik. Amerikaner wurden der wichtigste Kundenkreis.
Im Zusammenschluss mit Westours, die das Alaska-Geschäft damals fast monopolistisch kontrollierten, baute Holland America Line auch eigene Hotels in der Region, die Geschäftstätigkeit verlagerte sich zunehmend nach Seattle, wo die Reederei bis heute ihren Hauptsitz hat, nachdem das heutige Hotel New York in Rotterdam 1983 endgültig ausgedient hatte und verkauft wurde.
1989 schließlich übernahm die Carnival Corp. Holland America Line, wo sie bis heute als Schwestern unter anderem von Princess Cruises, Cunard Line oder auch Costa und AIDA beheimatet ist, als US-Reederei mit niederländischer Identität.
Wie holländisch ist HAL also nun wirklich?
Ich bin in den vergangenen 15 Jahren mehrfach mit Holland America Line gefahren, jedes Mal in Amerika mit relativ hohem Anteil an Nordamerikanern als Passagieren, zuletzt mit der Eurodam durch den Panamakanal. In Europa ist das anders, da gibt es meist einen recht hohen Anteil an Niederländern. Das Flair habe ich tendenziell als eher amerikanisch erlebt, aber mit einem einen deutlich europäischen Touch, nicht zuletzt auch durch die vielen niederländischen Offiziere, aber eben auch durch die mal mehr und mal weniger subtilen Aspekte, die ich im Beitrag genannt habe.

Das Publikum ist etwas älter, die Atmosphäre etwas konservativer und ruhiger, ohne aber altbacken zu sein. Mein persönliches Highlight ist die vielfältige Live-Musik an Bord. Und die vergleichsweise kleinen Entdeckerschiffe fahren reizvolle Routen in der ganzen Welt.
Das Holländer und Deutsche sich angeblich nicht mögen, habe ich persönlich an Bord nie etwas gespürt; übrigens auch nicht, als ich früher noch viele Jahre lang für eine niederländisches Unternehmen gearbeitet habe. Der holländische Touch ist nach meinem Erleben bei Holland America Line gerade soweit ausgeprägt, dass es einem nicht ständig als solches auffällt. HAL ist jedenfalls europäischer als die meisten US-Konkurrenten und damit vielleicht auch für deutsche Passagiere ein Einstieg in die internationale Kreuzfahrt ist, denen andere Reedereien womöglich „zu amerikanisch“ erscheinen.




