Landstrom und Power-Barge gegen Abgase von Kreuzfahrtschiffen

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Landstrom kann Kreuzfahrtschiffe mit Energie versorgen, solange sie im Hafen liegen und damit den Ausstoß von Schadstoff-Emissionen dort auf Null reduzieren. Was einfach klingt, ist in der Praxis kompliziert. Die Gegenargumente: teuer, unflexibel und oft kein Gewinn für die Umwelt.

Landstrom im Kreuzfahrt-Hafen von San Diego (Bild: Port of San Diego, CC BY 2.0)

Landstrom im Kreuzfahrt-Hafen von San Diego (Bild: Port of San Diego, CC BY 2.0)

Eine neue Technik, die seit 2015 in Hamburg zum Einsatz kommt, könnte viele der Probleme lösen und stößt daher weltweit auf großes Interesse bei Häfen und Reedereien: Die LNG-Power-Barge „Hummel“ versorgt dort Kreuzfahrtschiffe mit entsprechendem Stromanschluss von der Wasserseite aus mit Energie, die vor Ort aus relativ umweltfreundlich verbrennendem Flüssig-Erdgas (LNG) gewonnen wird.

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Wir werfen einen Blick auf die Landstrom-Technik und ihre Probleme, erläutern die Alternative „Power Barge“ und zeigen, wo Landstrom in der Kreuzfahrt aktuell zum Einsatz kommt.

Schadstoff-Ausstoß lokal reduzieren

Kreuzfahrtschiffe, die mit Landstrom-Technik ausgerüstet sind und an Terminals anlegen, die Landstrom (englisch: “shore power” oder “cold ironing” genannt) anbieten, können während der Hafenliegezeiten ihre Generatoren an Bord abschalten und so den Schadstoffausstoß reduzieren. Bei Häfen in dicht besiedelten Gebieten spielt dabei neben CO2 vor allem der Ausstoß von Feinstaub und den reichlich gesundheitsschädlichen Schwefel- und Stickoxiden eine wichtige Rolle (siehe dazu auch „Abgas-Vorschriften für Kreuzfahrtschiffe“).

Warum sind also nicht längst alle Häfen mit Landstrom ausgerüstet und warum nutzen Schiffe vorhandene Einrichtungen nur wenig? Die Umrüstung vorhandener Schiffe mit Landstromanschluss ist teuer: Zwischen 300.000 und 2 Millionen Euro kostet der Umbau. Und der Strom, den die Schiffe dann von Land beziehen sollen, ist deutlich teurer als der selbst an Bord produzierte. Deshalb sind längst nicht alle Schiffe mit dieser Technik ausgestattet. So verfügen beispielsweise von den insgesamt über 100 Schiffen der Marken der Carnival Corp. mit Stand 2015 lediglich 26 über diese Technik.

Auch die Einrichtung eines Landstrom-Anschlusses an einem Kreuzfahrt-Terminal schlägt mit 1 bis 3 Millionen Euro zu Buche. Immerhin hat sich die Europäische Union 2014 nach jahrelangem Ringen entschlossen, Landstrom-Anschlüsse in wichtigen Häfen finanziell zu fördern und eine entsprechende Richtlinie dazu verabschiedet.

Landstrom bringt nicht überall Verbesserungen

Blendet man den Kostenfaktor einmal aus, klingt die Versorgung von Kreuzfahrtschiffen mit Strom aus Kraftwerken an Land wie ein Allheilmittel für die Zeit, in denen Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen – was je nach Fahrtgebiet bis zu 50 Prozent der Betriebszeit der Schiffe ausmachen kann.

Eine Studie der EU-Kommission von 2009 hat allerdings gezeigt, dass die umweltschonende Energieversorgung von Schiffen mit Landstrom zwar beispielsweise in Nord- und Ostsee ökologisch durchaus sinnvoll ist. Im Mittelmeerraum sind dagegen an Land noch überwiegend Kohlkraftwerke zur Erzeugung von (Land-)Strom in Betrieb, die eine schlechtere Umweltbilanz in Bezug auf Schadstoffausstoß haben als die an Bord moderner Schiffe betriebenen Generatoren. Das gilt insbesondere dann, wenn die Schiffe zunehmend mit Abgasfiltern wie Scrubbern und vereinzelt auch schon Katalysatoren ausgestattet sind.

Eine Studie für die EU-Kommission von 2015 bestätigt das im Prinzip, empfiehlt aber dennoch die Landstrom-Nutzung in Gebiete mit eigentlich schlechterer Schadstoffbilanz. Laut dieser Studie überwiegt der Vorteil, dass die Emissionen aus dicht besiedelten (Hafenstädte) in gering besiedelte Gebiete (Kraftwerk-Standorte) verlagert wird.

Wo gibt es bereits Landstrom-Anschlüsse?

"Strom-Tankstelle" in San Diego (Bild: Port of San Diego, CC BY 2.0)

“Strom-Tankstelle” in San Diego (Bild: Port of San Diego, CC BY 2.0)

In kalifornischen Häfen ist die Nutzung von Landstrom seit 2014 Pflicht: 50 Prozent der jeweiligen Flotte müssen Landstrom im Hafen in Anspruch nehmen, von 2017 an sind es 70 Prozent, ab 2020 werden es 80 Prozent. Das zielt zwar vor allem auf die Fracht- und Container-Schifffahrt, gilt aber auch für Kreuzfahrtschiffe.

Entsprechend sind kalifornische Häfen inzwischen auch mit Landstrom-Einrichtungen ausgestattet:

  • San Francisco seit 2010
  • San Diego seit 2010
  • Long Beach seit 2011
  • Los Angeles (San Predo) seit 2011

Vorreiter beim Umweltschutz sind in den USA außerdem regelmäßig die Bundesstaaten im pazifischen Nordwesten, also vor allem Washington und Alaska sowie British Columbia in Kanada. Auch dort habe viele Häfen Landstrom-Anschluss und das schon viel länger als die kalifornischen Kreuzfahrthäfen:

  • Juneau seit 2001
  • Seattle seit 2005
  • Vancouver seit 2009

Seit Oktober 2014 ist außerdem der Kreuzfahrthafen von Halifax an der Ostküste Kanadas mit einer Landstrom-Anlage ausgerüstet.

Am Terminal in Brooklyn, New York, ist der 2011 groß angekündigte Strom-Anschluss dagegen auch bis Ende 2015 noch nicht in Betrieb gegangen.

In Europa sind Landstromanschlüsse, zumindest für Kreuzfahrtschiffe, sehr rar. Voraussichtlich Anfang Juni 2016 geht ein Landstromanschluss am Cruise Terminal in Hamburg-Altona in den Test-Betrieb, allerdings ist dort auch schon die LNG-Power-Barge Hummel im Einsatz. Der Hafen von Rotterdam will von 2017 an ebenfalls eine Power-Barge einsetzen.

Kiel plant einen Landstrom-Anschluss für Kreuzfahrtschiffe ebenso wie Oslo. In Hong Kong wurden entsprechende Planungen dagegen Mitte 2015 erst einmal auf Eis gelegt. Eine entsprechende Aufrüstung des Kai-Tak-Terminals erschien trotz der enormen Luftverschmutzungsprobleme dort als zu teuer.

Ansonsten gibt es Landstrom-Versorgung in immer mehr Häfen zumindest für Fähren. Lübeck hat beispielsweise seit August 2008 Landstromanschlüsse für RoRo-Fähren am Nordlandkai-Terminal. In Oslo legen die Schiffe der Color Line der Linie Kiel-Oslo an einem eigenen Terminal mit Landstrom-Ausrüstung an. Der Göteborger Hafen versorgt die Stena-Line-Fähren von Land aus seit Ende Januar 2011 mit Strom. Antwerpen und Rotterdam versorgen Binnenschiffe mit Landstrom, in Rotterdam laut Hafenordnung sogar mit Benutzungspflicht für alle Binnenschiffe.

LNG-Barge: statischer Landstrom-Anschluss ein Auslaufmodell?

Feste Landstrom-Anschlüsse in Kreuzfahrt-Terminals könnten allerdings ohnehin ein Auslaufmodell sein. Schon immer hatten die Reedereien und Hafenbetreiber beklagt, dass die Aus- beziehungsweise Umrüstung bestehender Schiffe und Terminals zu teuer sei und fest installierte Anlagen zu unflexibel sind.

LNG Hybrid-Power-Barge "Hummel" im Hamburger Hafen (Bild: Becker Marine Systems)

LNG Hybrid-Power-Barge “Hummel” im Hamburger Hafen (Bild: Becker Marine Systems)

Eine vielversprechende Lösung hat AIDA zusammen mit dem Hersteller Becker Marine Systems in Hamburg umgesetzt und 2015 erstmal auch wirklich eingesetzt: Am 30. Mai 2015 versorgte die LNG-Power-Barge „Hummel“ im Hamburger Hafen zum ersten Mal die AIDAsol mit Energie von außen. Die Barge ist ein kleines, schwimmendes Kraftwerk, dass eine Leistung von 7,5 Megawatt bereitstellen kann, die sie aus der Verbrennung von umweltfreundlichem Flüssig-Erdgas (LNG) bezieht.

Die LNG-Barge hat einige Vorteile gegenüber einer fest installierten Landstrom-Versorgung an Land:

  • Sie ist nicht ortsgebunden, kann also Schiffe an beliebiger Stelle im Hafen mit Energie versorgen.
  • Die Investitionen seitens der Hafenbetreiber sind geringer – erst Recht, wenn mehrere Kreuzfahrt-Terminals vorhanden sind, die nicht ständig voll ausgelastet sind.
  • Planung und Umsetzung kosten wesentlich weniger Zeit als der Bau einer landseitigen, fest installierten Stromversorgung im Terminal.
  • Sie ist unabhängig vom Stromnetz an Land – bei den Energiemengen, die ein Kreuzfahrtschiff benötigt, ist das nicht ganz unwichtig.

Andererseits muss die Versorgung mit LNG-Tanks für die Barge sichergestellt sein – das ist anders als bei Landstrom als stationären Kraftwerken nicht automatisch in jedem Hafen gegeben.

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Das weltweite Interesse von Hafenbetreibern an dieser Technik zeigt einen hohen Bedarf an Lösungen für das Emissions-Problem in den Häfen und ist auch ein Indiz dafür, dass diese günstigere, flexiblere und ohne großen Planungsvorlauf einsetzbare Technik zumindest für die nähere Zukunft für eine umweltfreundliche Energieversorgung von Kreuzfahrtschiffen sorgen könnte.

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2 Kommentare zu Landstrom und Power-Barge gegen Abgase von Kreuzfahrtschiffen

  1. Ader on Dezember 29, 2015 at 8:49 pm

    Wenn um 2030 nur noch LNG-Schiffe in Fahrt kommen, werden diese Techniken ab spätestens 2045 ohnehin völlig untergehen und auch unwichtig sein. Aber als, wenn auch teure, Übergangslösung sind Landstromanlagen nicht ganz unbedeutend.

  2. Franz Neumeier on Dezember 29, 2015 at 9:07 pm

    Bis 2030 oder 2045 reden wir vermutlich auch noch übe weitere Treibstoff-Alternativen, denn auch LNG sehe ich eher als Übergangstechnologie, komplett weg von fossilen Brennstoffen. Aber bis dahin ist noch viel technische Entwicklung nötig …

    Landstrom als Übergangslösung sehe ich auch, vermutlich ergänzt oder übernommen von LNG-Barges. Aber wie immer dürfte erst gesetzlicher Zwang dazu führen, dass das wirklich in der Breite eingesetzt wird. Das Gesetz in Kalifornien könnte dazu einen ersten Anstoß geben.

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