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Venedig ist überall - Buch-Cover, Rezension

Buch-Rezension: Nachbauten von Touristen-Attraktionen als Lösung für Overtourism-Probleme?

Warum nicht Museen wie den Louvre, Gebäude wie die Arena von Verona oder einen Teil von Venedig irgendwo anders nachbauen, um die völlig überlasteten Originale vom Overtourism-Druck zu befreien? Was zunächst ein wenig abwegig klingt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als durchaus interessantes Konzept.

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Verrückte Ideen, wie man das Problem des Overtourism lösen könnte, gibt es immer wieder. Zumeist kann man das getrost als unrealistische Hirngespinste abtun. Wenn aber ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler und führender Forscher im Bereich der Kulturökonomik wie der Schweizer Bruno S. Frey zunächst ein wenig verrückt klingende Vorschläge macht, dann ist das beachtenswert und lohnt einen genaueren Blick.

In seinem neuen Buch stellt Bruno S. Frey die Idee der „Neuen Originale“ vor. Mit „Venedig ist überall – Vom Übertourismus zum Neuen Original“ skizziert Frey die Idee, Top-Touristenattraktionen an anderer Stelle nachzubauen, mit moderner Virtualisierungstechnik anzureichern. Damit soll ein Teil der immer rascher wachsenden Besucherzahlen umgelenkt und die Originale entlasten werden.

Je nach Sichtweise besser als das Original

Die Idee ist einfach umrissen: Je nach Situation die wichtigsten Gebäude, Attraktionen oder ganze Gebäude-Ensemble wie den Markusplatz in Venedig an geeigneter, andere Stelle nachbauen und das Ganze so mit Projektionen, Hologrammen, Augmented und Virtual Reality anreichern, dass diese „Neue Original“ für eine bestimmte Touristen-Zielgruppe attraktiver oder zumindest gleichwertig erscheint wie das Original. Diese „Neuen Originale“ könnten mehr historisches Erleben bieten als die Originale, wären mit besserer Infrastruktur ausgestattet und würden die negativen Seiten der Originale ausblenden können.

Wie dieses Konzept funktionieren kann und warum viele Touristen solche „Neuen Originale“ als Alternative annehmen würden, beschreibt Bruno S. Frey in dem Sachbuch recht anschaulich.

Oberflächlicher Umgang mit Fakten schadet der Aussagekraft

Schade ist allerdings, dass der Autor für ein Buch im wissenschaftlichen Umfeld für meinen Geschmack mit Fakten zu populistisch und ungenau umgeht. Gerade wenn sich das Buch als Aufhänger Venedig herausgreift, wäre eine genauere Beschäftigung mit den Grundlagen und Fakten bei einem touristisch so komplexen Problem wie Venedig dringend wünschenswert.

Um nur zwei Beispiele zu nennen, die ich aus meiner eigenen, intensiveren Auseinandersetzung mit Venedig beurteilen kann:

  • Der Autor schreibt den zweifelsfrei hohen Grad an Luftverschmutzung in Venedig ziemlich pauschal der Kreuzfahrt zu, ohne auch nur anzudeuten, dass ein wesentlicher Teil der Luftverschmutzung dort von der Industrie am Festland stammt. Als Beleg führt er ein reichlich populistisches Papier einer Umweltschutzorganisation an.
  • Laut Autor würden in Venedig auch „häufig gleichzeitig drei oder vier riesige Kreuzfahrtschiffe an(legen), die dann bis zu je 5.000 Passagieren …“. Tatsache ist, dass in Venedig Platz für mindestens fünf große Schiffe ist, plus weitere Plätze für kleine Schiffe. Dafür fahren 5.000-Passagiere-Schiffe Venedig schon länger nicht mehr an.

Diese Ungenauigkeiten ändern an den grundsätzlichen Rahmenbedingungen für das Thema des Buchs nichts. Deshalb tun sie der grundsätzlichen Idee der künstlich geschaffenen Touristenattraktionen keinen Abbruch. So oberflächlicher Umgang mit Fakten weckt aber insgesamt Zweifel auch an dem Teil der Argumentationsgrundlagen, die ich nicht direkt nachprüfen kann.

Sollten die Fakten, die der Autor dieser Argumentation zugrunde legt, ebenso dünn sein der Teil, de ich nachprüfen kann, nimmt das der Argumentation viel an Kraft und Glaubwürdigkeit.

Der offensichtlich vorurteilsbehaftete und dadurch negative Blick des Autors auf die Kreuzfahrt ist auch insofern schade, als die Kreuzfahrt eigentlich gerade in der Denkrichtung der „Neuen Original“ ein Teil der Lösung von Overtourism sein kann. Denn die Kreuzfahrt hat ja bereits jetzt ein Geschäftsmodell, bei dem künstlich geschaffene Umgebungen nicht nur hoch attraktiv, sondern auch für den Betreiber finanziell lukrativ sind.

Als Konzept reizvoll, daher dennoch lesenswert

Der oberflächliche Umgang mit Fakten in dem Buch ist schade, denn das Buch ist aus einem Grund dennoch sehr lesenswert: Dem Autor liefert überzeugende Argumente und Ideen, warum sein Konzept der „Neuen Originale“ erfolgversprechend ist, obwohl einem auf den ersten Blick eine Vielzahl von Gegenargumenten einfällt.

Es zeigt einen Weg (von mehreren nötigen) auf, mit der die riesigen Herausforderungen des Übertourismus innerhalb relativ kurzer Zeit besser kontrollierbar werden könnten.

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Insofern ist das Buch, trotz seiner, wie ich meine, auf schwachen Fakten und zu populistischen und verallgemeinernden Aussagen aufgebauten Argumentation lesenswert. Denn es zeigt sehr schön auf, warum die auf den ersten Blick eher seltsam und unrealistisch anmutende Idee der „Neuen Originale“ durchaus funktionieren kann. Es gibt einen anderen Blick auf Tourismus als Ganzes, der neue Denkwege eröffnet, wie man mit dem Management von Tourismus umgehen kann.

Venedig ist überall: Vom Übertourismus zum Neuen Original

Autor: Bruno S. Frey
Verlag: Springer Fachmedien
Umfang: 115 Seiten
ISBN: ISBN 978-3-658-30278-8
als Taschenbuch 19,99 Euro
im Kindle-Format 10,30 Euro

Anmerkung*: Springer Fachmedien hat crusietricks.de ein kostenloses Rezensionsexemplar des Buches im PDF-Format zur Verfügung gestellt
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Springer Fachmedien hat crusietricks.de ein kostenloses Rezensionsexemplar des Buches im PDF-Format zur Verfügung gestellt

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9 Kommentare

9 Gedanken zu „Buch-Rezension: Nachbauten von Touristen-Attraktionen als Lösung für Overtourism-Probleme?“

  1. Der Autor hat einen Knall:
    Ich will Bohnenkaffee und nicht Caro.
    Ich will Fürstenberg Pilsener (Tafelgetränk Sr. Majestät, des Kaisers) und nicht Clausthaler…
    …also will ich Venedig…und nicht Legoland.
    Venedig im Frühjahr ist schön…oder im November, wenn sich der Nebel über die Lagune legt.
    Derzeit plärren übrigens die Touristenziele, die ja so furchtbar unter Overturism leiden…weil keine Touristen kommen…
    …dummerweise bleibt damit auch die ansonsten anfallende Kohle aus.
    Ohne Moos…nix los…

  2. @Werner Wöhrle: Das Spannende am Buch ist, dass der Autor zeigt, wie es trotz dieser Sichtweise funktionieren kann. Wichtig dabei ist aber: Er will das Original nicht *ersetzen*, sondern das „Neue Original“ zusätzlich bauen. Nicht alle Touristen besuchen einen Ort aus den gleichen Motiven und es gibt eben viele, vielleicht sogar sehr viele, die das „Neue Original“ sogar bevorzugen werden, weil es eben auch einige gravierende Vorteile hat. Vielen reicht das Selfie am Campanile, ob echt oder nicht (der Campanile am Markusplatz ist übrigens auch im Original nur ein Nachbau von Anfang des 20. Jahrhunderts, denn der ursprüngliche ist eingestürzt). Zum Genießen der Nebelschwaden im November haben Touristen aus Asien, die ganz Europa in sieben Tagen durchreisen, ohnehin nicht die Zeit.

    Andere werden natürlich immer das Original bevorzugen, weil sie dort Dinge finden, die ein „Neues Original“ nicht bieten kann. Und auch für die sind die „Neuen Originale“ dann ein Vorteil, weil sie das Original entlasten, sodass das Erlebnis dort wieder „originaler“ wird.

    Der entscheidende Punkt ist nicht, dass die Orte nur über Overtourism jammern, sondern dass der Overtourism die Ziele buchstäblich kaputt macht. In China, Indien, Brasilien etc. (bitte nicht als Schuldzuweisungen verstehen; die Leute haben das gleiche Recht auf Reisen wie wir) gibt es eine immer größere Mittelschicht, die sich Reisen leisten kann, sodass die Besucher immer mehr werden, während die Orte das nicht mehr verkraften. Sie gehen kaputt, hören auf, in ihrer ursprünglichen Form zu existieren. Von dem „Original“ ist dann nichts mehr übrig. Und dann hat niemand mehr etwas davon. Insofern braucht es unbedingt Lösungsansätze für dieses gravierende Problem und die Schaffung von Alternativen kann da auch relativ schnell helfen.

  3. Der Autor ist wohl der einzige der glaubt das es so funktionieren kann.
    Oben steht als Datum der 4.1. ich glaube die beiden Ziffern wurden vertauscht;-)

  4. @Hans: War mein erster Gedanke ja auch. Aber zum einen ist der Autor ein sehr renommierter Wissenschaftler, zum anderen versteht mal beim Lesen des Buchs, wie ich hier ja schon ein wenig ausgeführt habe, dass der Gedanke gar nicht so abwegig ist, wenn man’s richtig anpackt. Nebenbei bemerkt gibt es solche Projekte in verschiedenster Form auf der Welt ja schon und die sind durchaus erfolgreich.

  5. Venedig zähle ich zu den schönsten Orten, die ich kenne…
    …neben San Francisco, San Diego, Vancouver, Banff, Santorini, Istanbul, Porto, Lissabon, Moskau, St. Petersburg, Kiew, Kopenhagen, Geiranger, San Jose, San Agustin, Sevilla, Granada…und viele mehr.
    Aber bitte immer das Original…
    …im Falle der Alhambra in Granada hat man das Problem mit dem Overturism so gelöst, daß es für das Betreten Termine gibt, man zahlt Eintritt und hat ein festes Zeitfenster für den Aufenthalt.
    War in den 80-er Jahren noch anders, da ist man halt einfach hin und rein, kostenlos, natürlich.
    Ein Genuß war es damals…und ist es auch heute.

  6. Auch wenn der Aufschrei groß sein mag – aber das Konzept gibt es schon und es funktioniert – in einem gewissen Umfang – ausgezeichnet. Das Konzept heißt „Las Vegas“ und es gibt eine Menge Menschen, die dorthin fahren, um in der Kopie des Eiffelturms zu dinieren, einen Heiratsantrag in einer Gondel im kopierten Canale Grande des Venetian zu machen oder um mal ein bißchen römischer Kaiser im Cesars Palace zu sein. Viele Menschen besuchen das Bellagio mit der Kopie des Comer Sees. Natürlich wird man damit nicht die Leute erreichen, die unbedingt als Lebenstraum haben, mal selbst die Acropolis zu besuchen – aber wer einen Eindruck erhalten will, gibt sich oft auch mit der Kopie zufrieden (und hat Spaß daran). Entweder um der Kopie willen (ich hatte Spaß in Las Vegas) oder weil das Einkommen oder die Urlaubstage vielleicht für ein langes Wochenende in Las Vegas reicht – aber nicht für eine Reise nach Europa.

    Warum Empörung heucheln – ein Besuch im Sea Life ist für die Natur auch besser, als über die Korallenriffe im roten Meer zu trampeln – wir haben also „unsere“ Kopien des Echten doch längst auch hierzulande – und das ist nicht schlecht.

    Warum hat in normalen Jahren denn Epcot Center in Walt Disney World Millionen Besucher – weil die Welt im Kleinen – reduziert auf Klischees gut ankommt. Und im Europa Park mit seinen Welten sind doch auch nicht nur ignorante Besucher, die gar nicht wissen, was in der Welt wirklich ist. Die Besucher glauben auch nicht, daß das die Originale sind – und haben trotzdem Freude daran.

    In wievielen Restaurants hängen Reproduktionen von musealer Kunst – passend zur Küche – und der Gast freut sich dran.

    Warum also dem Konzept seine Berechtigung absprechen? Es ist Luxus, zu allen Originalen zu reisen. Es ist vergänglicher Luxus, weil Originale zerstört werden können. Es ist ein sehr hohes Roß, von dem manche herabschauen auf die, die sich den Luxus nicht leisten können oder nicht leisten wollen.

  7. @Wendy: Der Vorschlag in dem Buch geht über „Las Vegas“-Konzept hinaus bzw. verfolgt noch einen anderen Ansatz: Der Autor will möglichst originalgetreu nachbauen, also wirklich Kopien erstellen und das Ganze mit Virtual Reality, Schauspielern, Führungen, allem möglichen so anreichern, dass ein authentischeres Erlebnis als im eigentlichen Original möglich ist. Er zielt also besonders auch auf Touristen ab, die ein kulturelles Erlebnis haben wollen, z.B. die Ratssitzung der Dogen in Venedig im 17. Jahrhundert „live“ miterleben und ähnliches. Also kein platter „für die meisten Touristen reicht auch eine billige Kopie, weil sie den Unterschied eh‘ nicht merken“-Gedanke, sondern ein optimiertes Kulturerlebnis. Das ist das relativ Neue an diesem Vorschlag. Finde ich spannend, wenn auch recht anspruchsvoll in der Umsetzung.

  8. Na ja, auch da gab es in gewisser Hinsicht tatsächlich ein Las Vegas Vorbild, wenn auch etwas anderer Art: es gab mal die Star Trek Experience, bei der man zu Beginn tatsächlich in eine komplett authentische Star Trek Welt transportiert wurde. Mit Schauspielern, die intensiv mit den Besuchern interagierten. Es war großartig. Leider wurde der Gewinnmaximierungswunsch dann größer und die Schauspieler reduziert, statt guter Kostüme gab es nur noch konfektionierte T Shirts und Verkäufer ersetzten Akteure. Das war der Anfang vom Ende.

    Aber arbeiteten Wissenschaftler nicht in England an einer exakten Kopie von Stonehenge, um das Original zu schützen und es besser zu erforschen? Es gab da mal eine Doku dazu…

  9. Wer außer irgendwelchen Zeitgestressten Asiaten,die nur die Sehenswürdigkeiten sehen wollen,würde denn ernsthaft in einen Nachbau eines Touristenzieles gehen? Niemand ! Das funktioniert vielleicht beim Nachbau von markusplatz bzw. diverser Hauptsehenswürdigkeiten.Aber zumindest die europäer und viele Amis wollen auch durch die Stadt flanieren und das Flair aufnehmen,
    Und das funktioniert in Lissabon, Stockholm, Tallinn, Paris, dem Gesamten Ostseeraum, San Fransisco,Barcelona und so ziemlich jedem italienischem Küstenabschnitt definitiv nur im Original. Für einzelne Gegenden(Rom,Paris,Venedig) mag das funktionieren,für 95% der von Overtourism betroffenen Ziele aber nicht.

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