Die Größe eines Kreuzfahrtschiffs: Bruttoraumzahl oder was?

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Wie vergleicht man Kreuzfahrtschiffe nach ihrer Größe? Die Bruttoraumzahl (BRZ) hat sich hierfür etabliert, auch wenn sie ein ziemlich theoretischer Wert ist, unter dem man sich wenig vorstellen kann. Warum ist das so und warum kann man die Größe von Kreuzfahrtschiffe nicht beispielsweise nach ihrer Länge, Höhe oder Passagierzahl bewerten?

Zweifelsfrei die größte Schiffsklasse in der Kreuzfahrt: Royal Caribbeans Oasis-Class.
Zweifelsfrei die größte Schiffsklasse in der Kreuzfahrt: Royal Caribbeans Oasis-Class.

Kürzlich hatte ich eine intensive Diskussion mit einem Leser der fand, unsere Liste der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt sei Blödsinn. Weil es ja nicht sein könne, dass die MSC Meraviglia dort tatsächlich als größer gelistet ist als die Quantum-Class von Royal Caribbean International. Allein schon der Längenunterschied von 32 Metern mache doch klar, dass die Quantum-Class-Schiffe eindeutig größer seien.

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Tatsächlich ist das kein einfaches Thema. Im Ergebnis bleibt aber nur die Bruttoraumzahl als Messgröße, um Kreuzfahrtschiffe miteinander zu vergleichen. Nicht, „weil man das schon immer so gemacht“ hat – solche Argumente zählen für mich nicht. Aber es findet sich tatsächlich keine bessere Möglichkeit, wenn man sich die Alternativen genauer ansieht. Aus gutem Grund ist die BRZ die Messzahl für die Größe eines Kreuzfahrtschiffs. Aber der Reihe nach …

Was genau ist die Bruttoraumzahl (BRZ)?

Bei der international genormten Vermessung eines Schiffs werden „die Inhalte aller geschlossenen Schiffsräume (also vom Kiel bis zum Schornstein) auf Innenkante Außenhaut (Mallkante) vermessen und anschließend berechnet“, schreibt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Das Ergebnis dieser Berechnung ist eine Zahl ohne Einheit (Dimension): die Bruttoraumzahl (BRZ), international Gross Tonnage (GT) genannt.

Das klingt relativ einfach, ist aber dennoch eine komplizierte Wissenschaft, weil es viele Ausnahmeregeln gibt, welche Räume in welcher Form oder überhaupt bei der Berechnung des Volumens herangezogen werden dürfen beziehungsweise müssen. Wenn man es gezielt darauf anlegt, kann man bei der Planung eines Schiffs die BRZ in gewissem Umfang daher auch bewusst kleiner halten.

Die Bruttoraumzahl (BRZ) ist also ein künstliches Konstrukt mit Macken, insbesondere wenn man es als Messgröße für die Größe eines Schiffs heranziehen will. Aber es ist ein standardisiertes System, das entwickelt wurde, um einen einheitlichen Maßstab zum Vergleich und zur Bewertung von Schiffen zu haben.

Bedeutung der BRZ

Nach der Bruttoraumzahl richtet sich beispielsweise die Berechnung von Hafenliege- und Lotsen-Gebühren, die Steuern und Abgaben sowie die Gebühren für die Passage beispielsweise des Suezkanals, Panamakanals und Nord-Ostsee-Kanals. Die BRZ kommt in gesetzlichen Regelungen vor und macht Auflagen, die häufig von der Schiffsgröße abhängen, beispielsweise Sicherheits- und Umweltvorschriften sowie die Zahl und Qualifikation der nautischen Besatzung. Und auch für statistische Zwecke wird die BRZ als Maßgröße für Schiffsgrößen herangezogen.

Warum bestimmt man die Größe eines Kreuzfahrtschiffs nicht anders?

Je nach Ziel kann man Kreuzfahrtschiffe durchaus nach unterschiedlichen Kriterien bewerten und vergleichen: nach Länge, Breite, Höhe oder nach Passagierzahl, nach Quadratmeter Nutzfläche pro Passagier oder vielleicht sogar nach Gewicht, wenn man das möchte.

Passagierzahl

Bei der Passagierzahl wird schnell klar, dass sie als Vergleich von Schiffsgrößen untauglich ist: Wenn eine Reederei das Theater weglässt und stattdessen Kabinen einbaut, ergibt das viel mehr Passagiere, macht das Schiff aber nicht „größer“. Umgekehrt würden nach diesem Kriterien besonders große, luxuriöse – und damit weniger – Kabinen ein Schiff „kleiner“ machen.

Ganz pragmatisch stellt sich auch die Frage: Welche Passagierzahlen vergleicht man eigentlich? Die Zahl der Unterbetten – also zumeist zwei pro Kabine? Oder die theoretische Maximal-Zahl an zugelassenen Passagieren?

Je nach Konzept einer Reederei gibt es hier große Unterschiede, die einen direkten Vergleich schwierig machen. Man müsste also fairerweise noch die durchschnittliche Bettenauslastung berücksichtigen, um sinnvoll vergleichen zu können. Vor allem auch aus diesem Grund veröffentlichen viele Reedereien insbesondere die maximal zulässige Passagierzahl erst gar nicht. Schon daran würde die faire Größenbestimmung eines Schiffs nach Passagierzahl also scheitert.

Raum pro Passagier

Aus den gleichen Gründen wäre eine Beurteilung nach Fläche oder Raum pro Passagier kaum fair umsetzbar. Zudem würde diese Zahl natürlich nichts über die Gesamtgröße eines Schiffs aussagen. Dennoch ist es – unabhängig von der Bestimmung der Größe eines Schiffs – reizvoll, diesen Vergleich zu ziehen, wenn man abschätzen will, wie komfortabel es auf einem Schiff zugeht. Muss man jeden Morgen um die Liege am Pool kämpfen, oder hat jeder Passagier mehr als reichlich Platz, sich auszubreiten? Geht es im Buffet dicht gedrängt oder locker-entspannt zu? Aber das ist ein anderes Thema.

Länge, Breite, Höhe

Würde man nach der Länge gehen, wäre die historische France von 1961 mit 316 Metern Länge „größer“ als etwa die MSC Meraviglia oder die Celebrity Silhouette. Und nur weil ein Schiff beispielsweise einen sehr langen Bug hat, macht das ein Schiff gefühlt aber nicht größer als eines, das zwar kürzer ist, aber schon kurz nach der Bugspitze mit hohen Deckaufbauten beginnt.

Die Breite kann man zumindest nicht losgelöst von der Länge betrachten, weil moderne Kreuzfahrtschiffe gelegentlich mit Absicht breiter, dafür aber kürzer gebaut werden, um auch kleinere Häfen noch anlaufen zu können. Aber welche Breite würde man als Messgröße heranziehen? Nur die Breite des Rumpfs? Was wäre dann mit überhängenden Elementen? Nimmt man die Gesamtbreite, hätte schon eine weit ausladende Brückennock großen Einfluss auf die „Größe“ des Schiffs.

Und das Problem der Höhen-Bestimmung kennt man von Wolkenkratzern: Eine 50 Meter hohe Antenne auf einem Haus macht es größer als ein gleichgroßes ohne Antenne. Auf die Schifffahrt übertragen: Wie würde man den ausfahrbaren Kran der Quantum-Class bewerten? Wie berücksichtigt man, dass auf manchen, aber längst nicht allen Schiffen die Decks so weit nach oben gezogen sind, dass der Schornstein kaum noch herausragt?


Ein willkürlicher Blick auf unterschiedliche Bauformen von Kreuzfahrtschiffen zeigt, dass Länge, Breite und Höhe sich kaum für eine sinnvoll vergleichbare Bemessung der Größe eines Schiffs eignen – auch wenn das auf den ersten Blick ein wenig absurd klingt.

Gewicht: Wie viel wiegt ein Kreuzfahrtschiff?

Ein Thema sei zum Schluss noch angesprochen – der Vollständigkeit halber und weil es damit so häufig Verwechslungen gibt …

Die Tonnage (BRZ) wird gerne einmal mit dem Gewicht des Schiffs verwechselt. Da heißt es dann, das Schiff „wiegt“ beispielsweise 100.000 Tonnen. Genannt wird jedoch die Bruttoraumzahl. Wer dann noch auf die alte Massgröße „Bruttoregistertonnen“ zurückgreift, macht die Sache nicht besser, auch wenn die „Tonne“ hier immerhin Bestandteil des Wortes ist.

Das Gewicht eines Schiffs (physikalisch korrekter: die Masse) entspricht dagegen exakt der Verdrängung.

Je nach Salzgehalt und Temperatur des Wassers ist zwar das Volumen des verdrängten Wassers unterschiedlich, was mit der variablen Dichte des Wassers zusammen. Aus dem selben Grund bleibt die Masse des verdrängten Wassers entsprechend der gleich bleibenden Masse des Schiffs immer gleich. Wer sich also eine Vorstellung vom Gewicht eines Schiffs machen will, fragt nach der Verdrängung. Für eine gewisse Bandbreite bei diesem Wert sorgen aber natürlich Variablen wie bewegliche Ausstattung, Ladung, Crew und Passagiere.

Die Verdrängung von Kreuzfahrtschiffen veröffentlichen Reedereien typischerweise aber nicht. Deshalb ist ein Vergleich nur auf Basis von Schätzungen möglich. Dennoch zeigt auch ein ungefährer Vergleich ganz gut, wie weit Bruttoraumzahl und Verdrängung auseinander liegen: Die Bruttoraumzahl der Oasis of the Seas beträgt 225.282, die Verdrängung jedoch nur 100.000 Tonnen (in mehreren Quellen zu finden). BRZ und Verdrängung unterscheiden sich also um den Faktor 2,25. Oder anders formuliert: Die Oasis of the Seas ist weniger als halb so schwer, als die Bruttoraumzahl suggerieren könnte.

Interessanter Vergleich am Rande: Die Titanic hatte eine Verdrängung von 52.310 Tonnen, also immerhin rund halb so schwer wie die Oasis of the Seas, die nach Bruttoraumzahl aber knapp fünfmal so groß ist. Auch wenn sich das aus diversen Gründen nicht uneingeschränkt vergleichen lässt, zeigt es doch im Groben, um wie viel leichter die Bauweise moderner Schiffe geworden ist.

Bruttoraumzahl als Maßeinheit für die Größe eines Schiffs

Auch wenn manche Schiffe mit höherer BRZ rein optisch betrachtet kleiner wirken als andere mit geringerer BRZ: Der optische Eindruck mag der logischste, weil offensichtlichste Maßstab für die Schiffsgröße sein. Es ist kein wirklich messbarer, gleichermaßen auf alle Schiffe anlegbarer Maßstab. Ein Vergleich braucht nachprüfbare, berechenbare, standardisierte Werte.

Betrachtet man die Komplexität bei der Berechnung der BRZ, liegt auf der Hand, wie nahezu unmöglich es wäre, einen Standard für die optische Größenbeurteilung und Klassifizierung eines Kreuzfahrtschiffs wäre.

Das wichtigste Argument für die Bruttoraumzahl als Bewertungsmaßstab für die Größe eines Kreuzfahrtschiffs aber ist ein ganz pragmatisches: Will man alle Schiffe miteinander vergleichen, braucht man dazu auch eine Messgröße, die für alle Schiffe bekannt ist. Und da bleibt eigentlich nur die Bruttoraumzahl übrig.

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4 Kommentare zu Die Größe eines Kreuzfahrtschiffs: Bruttoraumzahl oder was?

  1. Raoul Fiebig on November 2, 2017 at 12:56 pm

    Gut zusammengefaßt! Ich warte immer noch gespannt auf die Erklärung dafür, daß die NRZ der Oasis-Klasse größer ist als die BRZ. Das hat mir noch niemand so wirklich verständlich machen können. ;-)

  2. Franz Neumeier on November 2, 2017 at 1:05 pm

    Ich bin da alles andere als ein Experte, könnte mir aber vorstellen, dass es mit der offenen Bauweise des Central Park und Boardwalks zusammenhängt. Und bei Berechnung der NRZ wird ja unter anderen auch die Passagierzahl berücksichtigt, die bei der BRZ keine Rolle spielt. Wenn also einerseits die BRZ durch die mutmaßlich nicht berücksichtigten Central-Park- und Boardwalk-„Lufträume“ geringer ausfällt, bei der NRZ aber die Seitenhöhe des Schiffs und die Passagierzahl reinspielt, wäre das eine Erklärung. Ist aber nur, eigntlich ganz gegen meine Gewohnheit, pure Spekulation ;-)

  3. Olaf on November 3, 2017 at 1:25 am

    Hallo Franz!

    Danke für Deinen tollen Artikel. Wie siehst Du eigentlich die Situation hinsichtlich Costa Smeralda? Die BRZ verglichen zur Passagierzahl stimmt mich etwas bedenklich …

    Ciao, Olaf

  4. Franz Neumeier on November 3, 2017 at 7:33 am

    @Olaf: Ein Schiff nach dem Verhältnis BRZ zu Passagieren zu beurteilen halte ich für problematisch. Es ist zwar ein gewisser Anhaltspunkt, wie eng es auf einem Schiff zugehen könnte. Aber die subjektive Wahrnehmung kann dennoch eine ganz andere sein. Mit moderner Technik, intelligenter Passagierstrom-Steuerung, dezentralem Entertainment, geschickten Restaurantkonzepten etc. kann man so viel tun, um kein „Völlegefühl“ entstehen zu lassen, dass die Zahl allein wenig aussagt. Da muss man glaube ich wirklich abwarten, wie sich as dann an Bord tatsächlich anfühlt.

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