Ilulissat, Diskobucht, Eisfjord: Wir sind an der bekanntesten Touristenattraktion Grönlands angekommen. Bei wolkenfreiem Sommerwetter ist es einer der schönsten Orte, die ich auf meinen Reisen je gesehen habe. Aber wir machen auch einen spannenden Ausflug, der sich mit der grönländischen Küche befasst – und wir fangen unser Abendessen selbst.
Ich wache um 3 Uhr morgens auf. Schlafen kann ich danach nicht mehr. Denn die Fridtjof Nansen tastet sich vorsichtig durch die großen und kleinen Eisberge in Richtung Ilulissat voran. Die um diese Jahreszeit nie untergehende Sonne wirft ein goldenes Licht aufs Eis, Nebel zaubert eine mystische Stimmung, die man am besten vorne am Bug bei fast völliger Stille genießt. Nur das Knacken und Knistern des Eises ist zu hören, und gelegentlich das Klicken einer Kamera.










Das Eis ist heute besonders dicht, die Fridtjof Nansen kommt langsamer voran, als geplant. Also starten wir etwas verspätet zu unser Food-Tour „Tide to table“. Durchs Eis der Diskobucht fahren wir zuerst mit einem lokalen Fischer in eine Bucht nahe Ilulissat und fangen unser Abendessen selbst. Inunnguaq Hegelund, einer der großartigen Küchenchefs der „New Arctic Kitchen“, begleitet uns und wird unseren Fang am Abend an Bord der Fridtjof Nansen zu einem feinen Dinner zubereiten.






Vorausgeschickt sei eine Einordnung: Die Lebensbedingungen vor allem in den nördlicheren Regionen Grönlands sind rau und schwierig – in der nicht allzu fernen Vergangenheit mehr als heute, aber mit nur sehr wenig Landwirtschaft gibt es Traditionen beziehungsweise Notwendigkeiten, die aus unserer Perspektive befremdlich wirken, etwa das Essen von Robben oder die Jagd auf Wale oder sogar Eisbären. Aber wenn man Land, Kultur und Menschen verstehen will, lohnt es sich, Vorurteile abzulegen, andere Sichtweisen als die eigene zu respektieren und sich ganz auf Grönland einzulassen.

Bei dem Ausflug in Ilulissat dreht sich alles um grönländische Küche. Wir lernen, dass sich viele Grönländer auch heute noch weitgehend selbst versorgen, Fisch, bestimmte Walarten und Robben fangen, Rentiere und Moschusochsen jagen und in großen Tiefkühltruhen ihren eigenen Wintervorrat anlegen. Je weiter man in den Norden Grönlands kommt, desto notwendiger ist das auch, denn Versorgungsschiffe sind dort seltener und Lebensmittel im Supermarkt teuer.
Nach weniger als einer Stunde haben wir bei der Angeltour schon knapp 40 große Kabeljaus gefangen – viel mehr, als die 20 Teilnehmer der Tour essen können. Die überzähligen Fische bekommt die Crew der Fridtjof Nansen.

Die Angeltechnik hier ist ebenso rustikal wie einfach: Man lässt den Haken ohne Köder mit einem Gewicht auf den Meeresboden absinken – das Wasser ist an der Stelle gut 60 Meter tief – und zieht dann immer wieder ruckartig an der Angelschnur. Weil Kabeljau offenbar dicht gedrängt in Gruppen nahe am Meeresboden schwimmt, erwischt man beim Hochziehen des Hakens mit etwas Glück einen der Fische.





Während wir angeln, gibt’s auch noch Whalewatching: Zwei Buckelwale tauchen immer wieder nahe am Boot auf, begleitet von von einem Schwarm Seevögel, die sich erhoffen, dass der Wal ihnen beim Fressen ein paar Fischchen übrig lässt. Es erweist sich als sehr zuverlässige Methode, um Wale zu sehen: Dort, wo viele Vögel über dem Wasser kreisen, ist entweder ein Wal oder ein Fischer.

Nach der Angeltour sind wir im Haus der Mutter der Lebensgefährtin des Kapitäns zum „Kaffeemik“ eingeladen. Grönländer feiern gerne, und das machen sie mit einem solchen Kaffeemik – quasi ein großes Kaffeekränzchen fürs ganze Dorf, jeder kann kommen. Für uns hat sich die Hausherrin, Emilie Magnussen, besonders viel Mühe gemacht und alles aufgetischt, was die traditionelle, grönländische Küche hergibt, von einer wunderbaren Fischsuppe aus Jakobsmuscheln, Shrimps und Heilbutt über Narwal-Haut, getrocknetem Narwal und Heilbutt, geräucherter Heilbutt bis zu Robben-Blubber, Rentier-Bouletten und einigem mehr.







Zum anschließenden Kaffee gibt’s grönländischen Kuchen auf Mehl, Hefe, Zucker und Rosinen und den Lieblingskuchen der Hausherrin, einen etwas weihnachtlich anmutenden Bierkuchen.
In einer Ecke steht der Zahl eines Narwals, den Emilies Vater einst erlegt hat. Schon die Größe ist beeindruckend und die Oberfläche fühlt sich ähnlich wie polierter Marmor an. Wirklich beeindruckend aber ist das Gewicht: Man braucht schon ein wenig Kraft, um den Narwal-Zahn überhaupt anheben zu können, und das ohnehin mit größter Vorsicht und Respekt, schließlich will man den Zahn auf keinen Fall kaputt machen.
Emilies Tochter, Pilunguak Magnussen, zeigt uns ihre Festtagstracht – und gerät dabei ordentlich ins Schwitzen, denn heute ist ein ungewöhnlich warmer, sonniger Tag in Ilulissat und die traditionelle Kleidung besteht vor allem aus ziemlich warmem Robbenfell.

Von Emilies Haus hat man einen weiten Blick über die Eisberge, die aus dem Eisfjord treiben, zu dem wir nach unserem Food-Ausflug laufen.

Es ist eine kurze Wanderung vom erst 2021 eröffneten Isfjord-Center, die an den Ausgang des viele Kilometer langen Eisfjords führt, wo sich an einer Untiefe spektakulär die großen Eisberge des Fjords aufstauen. Mit der beeindruckenden Geschwindigkeit von 20 bis 40 Metern pro Tag brechen die Eisberge vom Gletscher ab.







Sich still auf einen Felsen mit Blick auf diese Wunderwelt aus Eis setzen und staunen, ist das Beste, was man hier tun kann.

Die Abfahrt der Fridtjof Nansen von Ilulissat an vermutlich einem der schönsten und wärmsten Sommertage in diesem Jahr durch die glitzernden Eisbrocken und Eisberge ist mit Worten nur schwer zu beschreiben.




Für mich ist die Explorer Lounge der Fridtjof Nansen in diesem Moment jedenfalls der schönste Arbeitspatz der Welt, wenn ich mit Blick auf das Eis des Eisfjord dort sitze und meinen täglichen Reisebericht schreibe …






