Die „Stadt Luzern“ ist kein Kreuzfahrtschiff, nur ein ganz normales Linienschiff auf dem Vierwaldstätter See. Aber „normal“ ist auf diesem historischen Schaufelraddampfer eigentlich gar nichts. Warum mich dieses Schiff besonders begeistert und was das mit Evita und Queen Elizabeth II. zu tun hat?
Schaufelraddampfer haben meine Liebe zur Schifffahrt entfacht und auch wenn ich heute vor allem auf großen und kleine Ozean-Schiffen unterwegs bin, berührt das Geräusch einer Dampfmaschine, das Schlagen des Schaufelrads im Wasser, der Klang einer Dampfpfeife, der besondere Duft der Holzvertäfelung der Salons mein Herz doch am meisten.

Und so zieht es mich in Luzern, wo ich für die jährliche Tagung der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) bin, zwangsläufig auf den Vierwaldstätter See für eine Fahrt mit einem der fünf historischen Raddampfer, die es in der Schweiz allein auf diesem See noch gibt.
Wie vor hundert Jahren mit Dampf- und Schaufelrad-Antrieb
Es klingt wie ein rhythmisches Rauschen, nicht laut, eher ein Hintergrundgeräusch. Und dennoch hört man den Raddampfer „Stadt Luzern“ schon von weitem, wenn er am Vierwaldstätter See den nächsten Anleger ansteuert. Mit dem tiefen, rauchigen Klang der Dampfpfeife schließlich kündigt der Kapitän die Ankunft an.

Hat der Dampfer festgemacht, geht alles ganz schnell: Passagiere steigen aus, neue steigen ein und dann machen die Crew die Leinen auch schon wieder los. Denn wir sind in der Schweiz, wo Fahrpläne nicht nur eine vage Empfehlung darstellen: Abfahrt in Luzern exakt um 11:12 Uhr, Ankunft Flüelen um 13:55 Uhr. Zwei Stunden und 47 Minuten dauert die Fahrt mit elf Zwischenstopps zurück nach Luzern.

Ich fahre mit der – typischerweise sehr pünktlichen – Schweizer Bahn von Luzern nach Flüelen am anderen Ende des Vierwaldstätter Sees, um von dort mit dem Dampfschiff zurück nach Luzern zu fahren.




Denn die „Stadt Luzern“ ist ein ganz normales Linienschiff – obwohl an ihr eigentlich gar nichts normal ist. 1928, also vor fast 100 Jahren in Dienst gestellt, ist sie das jüngste für ein Gewässer der Schweiz erbaute Dampfschiff im öffentlichen Verkehr. Schweizer Raddampfer-Experten sagen, mit ihrem Baustil der 1920er-Jahre und Art-Deco-Innengestaltung sei sie auch ziemlich einzigartig.





































Gebaut wurde das Schiff als Schiff Nr. 918 in der Werft Gebrüder Sachsenberg in Rosslau an der Elbe. Technik-Fans begeistert vor allem die Dampfmaschine und die Geschichte dazu.







Am Hauptdeck kann man die Maschine aus Reisender heute unter einer Plexiglasabdeckung im Betrieb bestaunen und den Maschinisten ein wenig bei der Arbeit zusehen. Umfassend saniert wurde das Schiff zuletzt 2018 bis 2021.

1928 hatte die Stadt Luzern allerdings erst einmal einen veritablen Fehlstart hingelegt. Denn die ursprüngliche Dampfmaschine funktioniert nicht richtig und musste nach wenigen Fahrten ersetzt werden. Das macht die heutige Maschine so besonders: eine Dreizylinder-Anlage mit Gleichstromsystem. Von ihrer Bauart gibt es wahrscheinlich nur zwei Stück, eine auf der „Stadt Luzern“ und eine schon seit 1974 im Schifffahrtsmuseum Genfersee in Nyon, ursprünglich auf der „Helvetia“ auf dem Genfer See im Einsatz.
Raddampfer-Paradies Schweiz
Nirgendwo auf der Welt sind noch so viele historische Raddampfer erhalten wie in der Schweiz und das hat einen besonderen Grund. Warum auf vielen Schweizer Seen auch heute noch Schaufelrad-Dampfschiffe im Einsatz sind, zeigt ihre Geschichte am Vierwaldstätter See exemplarisch.
Sechs historische Passagier-Raddampfer gibt es am Vierwaldstätter See, fünf davon im Liniendienst: Stadt Luzern, Gallia, Schiller, Unterwalden und Uri. Die Wilhelm Tell wurde dagegen schon Ende 1970 außer Dienst und dient bis heute als Restaurantschiff. Im Verkehrshaus Luzern kann man außerdem die Rigi bewundern, ein Transportschiff und ältester erhaltener Glattdeck-Seitenraddampfer der Welt.






Der Wilhelm Tell verdanken die fünf aktiven Raddampfer wahrscheinlich, dass sie bis heute restauriert und bestem Zustand im Linienbetrieb sind. Denn die Stilllegung der Wilhelm Tell 1970 blieb nicht ohne Folgen. Aus dem Unmut in der Bevölkerung über ihre Außerdienststellung entstand der „Verein Dampferfreunde Vierwaldstättersee“ mit dem Ziel, die Dampfschiffe zu erhalten. Die „Dampferzeitung“ wurde gegründet.

Über die Jahrzehnte hinweg kamen seitdem Millionenbeträge an Spenden zusammen, mit denen der Verein Reparatur- und Restaurierungskosten für die historischen Dampfschiffe bezahlt und die Schiffe im Liniendienst hält.
Dieses Finanzierungsmodell, eine Schweizer Besonderheit, gibt es an mehreren Orten und das Prinzip ist immer ähnlich: Die Verkehrsbetriebe behalten historische Dampfschiffe in der Flotte und die Fördervereine sorgen für die Finanzierung, wenn Restaurierungen oder auch mal der Ersatz von Teilen der Dampfmaschine notwendig wird, was im normalen Wirtschaftsbetrieb nicht finanzierbar wäre.

All dem ist zu verdanken, dass Passagiere bis heute diese faszinierende Technik bewundern können. Aber nicht nur die Dampfer-Nostalgie macht eine Fahrt mit der „Stadt Luzern“ zu etwas Besonderen. Das Schiff könnte auch viele spannende Geschichten erzählen, von kleinen Freuden und Dramen der vielen Passagieren aus über fast 100 Jahren ebenso wie von markanten Persönlichkeiten, die mit ihr über den Vierwaldstätter See gedampft sind. Die drei bekanntesten davon: Eva „Evita“ Perón, Queen Elisabeth II. und Henri Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg.
Eva „Evita“ Perón
1947 besuchte Eva „Evita“ Perón die Schweiz – eine Charme- und Werbe-Offensive für die Politik ihrer hoch umstrittenen Mannes Juan Domingo Perón, Präsident von Argentinien zwischen 1946 und 1955. Am 5. August 1947 wurde sie unter viel öffentlichem Aufsehen in Luzern empfangen. Und dabei fuhr sie dann auch einmal über den Vierwaldstätter See, fast die komplette Länge bis nach Tellsplatte.
Warum die Stadt Luzern ausgerechnet mit Eva Perón an Bord mit einer Stunde und 22 Minuten von Luzern nach Tellsplatte einen Geschwindigkeitsrekord in aufstellte, ist nicht überliefert. Nach heutigem Fahrplan braucht das Schiff für die gleiche Strecke, allerdings mit zehn kurzen Zwischenstopps, gut eine Stunde länger.
Willkommen war Eva Perón in der Schweiz übrigens nicht rundweg: In Luzern krachte ein faustgroßer Stein in die Scheibe ihres Autos, in Bern flogen Tomaten, trafen sie aber nicht.
Queen Elisabeth II.
Eine etwas kürzere Strecke fuhr am 2. Mai 1980 Queen Elizabeth II. mit der „Stadt Luzern“, nämlich bis nach Rütli. Dafür hinterließ sie bis heute ihre Spuren auf dem Dampfschiff: Der Panoramasalon, in dem die Königin gemeinsam mit Prinz Philip während ihrer Fahrt zu Mittag speiste, wurde speziell für diesen Anlass neugestaltet und heißt seitdem „Queens Salon“ am Oberdeck – in Schweizer Schreibweise übrigens, ohne Apostroph vor dem „s“.

Wer heute ebenfalls dort speisen will, muss ein Ticket erster Klasse lösen. Die Queen bekam damals Luzerner Chugelipastetli, Appenzeller Mostbröckli und Caramelköpfli zu essen.
Drei Kilogramm Papier zeugen laut dem lokalen „Radio Lozärn“ im Luzerner Stadtarchiv von dem Kurzbesuch der Queen in Luzern. Dabei war sie im Grunde nur 15 Minuten in der Stadt, vom Bahnhof direkt zum Schiffsanleger beim Hotel Schweizerhof.
Henri Guisan, Oberbefehlshaber der Schweizer Armee
Die Queen fuhr – wohl unbeabsichtigt – die gleiche Strecke wie knapp 40 Jahre zuvor am 25. Juli 1940 der General und Oberbefehlshaber der Schweizerarmee Henri Guisan „mit allen seinen Truppenkommandanten“, wie es auf der Gedenktafel auf der „Stadt Luzern“ heißt, dort angebracht von den „Dampferfreunden vom Vierwaldstätter See“. In Rütli hielt er am selben Tag seine Rütlirapport-Rede, in der er seinen sogenannten Reduit-Plan zur Verteidigung der Schweiz vorstellte.

Die Gedenktafel auf der „Stadt Luzern“ würdigt ihn und seine Armee als „Rückgrat der Nation gegen Resignation, Kleinmut und Anpassung“ im Zweiten Weltkrieg. Zu seiner Beerdigung 1960 kamen rund 300.000 Menschen, darunter der gesamte Bundesrat.
Impressionen aus Luzern
Von Mitte Mai bis Mitte September sind die fünf Schaufelraddampfer auf dem Vierwaldstätter See im Einsatz, die „Stadt Luzern“ etwas länger. Aber natürlich ist eine Reise nach Luzern nicht nur wegen der Dampfschiffe reizvoll – auch wenn das für mich persönlich das Highlight ist.

Anfang Oktober war ich für einige Tage anlässlich der Jahrestagung der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) in Luzern und habe Impressionen von dieser Reise in Bildern mitgebracht.

Ein wenig Pech hatten wir mit dem Wetter. Vor allem die Fahrt auf den Drachenberg „Pilatus“ mit spektakulären Gondel- und Zahlradbahn-Strecken versank in Nebel und Regen. Erst am nächsten Morgen, als das Wetter zeitweise aufklarte, sahen wir vom Hotelzimmer-Balkon auf den mächtigen Berg, den wir tags zuvor erklommen hatten.




























In Luzern steht eines der angeblich zehn besten Konzerthäuser der Welt und wer Schokolade liebt, solle einmal bei der ziemlich besonderen Manufaktur Mar Chocolatier vorbeischauen. Für Technik-Fans ein besonderes Highlight von Luzern ist das Verkehrshaus: Ein umfangreiches Verkehrsmuseum mit Exponaten aus der Luftfahrt, Schifffahrt und dem Schienenverkehr, einem Planetarium und bald womöglich einem kompletten, von der Swiss ausgemusterten Airbus A340 – nur den Weg lach Luzern muss das riesige Flugzeug noch irgendwie schaffen.
Kreuzfahrten auf Schweizer Seen
Als Kreuzfahrt-Website will ich aber neben der Begeisterung für die Tagesfahrten mit den Raddampfern auch nicht versäumen, auf tatsächliche Kreuzfahrten auf Schweizer Seen aufmerksam zu machen. Denn die gibt es wirklich: Das „Boutique Boatel“ namens Attila fährt auf dem Murten-, Neuenburger- und Bielersee. Das umgebautes, früheres Frachtschiff hat neun Kabinen für also bis zu 18 Passagieren.
Für echte Raddampfer-Fans gibt es außerdem die perfekte Schweiz-Rundreise: Der Dresdner Michael Hillmann hat 2026 schon zum zweiten Mal eine Gruppenreise zu 15 Dampfschiffen in der Schweiz am Zürichsee, Vierwaldstätter See, Brienzer & Thuner See, Neuenburger See und Genfer See organisiert, einschließlich interessanten Gesprächspartnern und Experten beispielsweise der örtlichen Dampfschiff-Fördervereine. 2027 soll es die Reise wieder geben, Stand Oktober 2026 gibt es allerdings noch keinen konkreten Termin dafür.
