Savissivik ist ein so abgeschiedener Ort in der eisigen Arktis Nordwest-Grönlands, dass es schwer fällt sich vorzustellen, wie Menschen hier überhaupt leben können. Die Jagd auf Narwale und Eisbären, streng limitiert, ist hier lebensnotwendig. Nur zweimal jährlich legt überhaupt ein Versorgungsschiff an. Der Besuch in Savissivik stimmt nachdenklich und macht dankbar für die eigene, komfortable Lebenssituation zu Hause.
Eigentlich wollten wir von Savissivik aus eine Wanderung durch die Tundra-Landschaft unternehmen. Doch die jetzt im Juli einsetzende Schneeschmelze macht den Boden so weich und schlammig, dass an einer Wanderung nicht zu denken ist. Die Alternative, ein wenig den nahegelegenen Berg hinaufzusteigen, scheitert an Nebel – was für sich genommen unproblematisch war, nur würde man im Nebel Eisbären viel zu spät sehen.

Also beschränken wir uns mit einem Besuch in dem Dorf Savissivik. Die Siedlung liegt abgeschieden an der Nordküste der Melville Bay, die nächste Ansiedlung ist die US-amerikanische Militärbasis in Pituffik rund 110 Kilometer nordwestlich.

Knapp 50 Menschen leben hier von der Jagd auf Narwale, Belugawale, Robben und Eisbären, wobei es mit Ausnahme der Robben strenge Jagdkontingente gibt. Dazu kommt Fischerei und auch die Krabbentaucher, die zu Tausenden an den Berghängen oberhalb des Dorfes nisten, werden als Nahrung gefangen, mit Keschern an langen Stangen.

Es fällt schwer sich vorzustellen, wie man unter diesen harschen Bedingungen dauerhaft leben kann. Fließendes Wasser gibt es ausschließlich im Community Center, wo die Menschen ihre Wäsche waschen oder duschen können.

Zweimal im Jahr kommt hier ein Versorgungsschiff für Lebensmittel und Waren für den einzigen Laden im Dorf vorbei. Frische Lebensmittel müssen die Bewohner aus dem weit entfernten Qaanaq per Boot holen.

Die seltene Ankunft eine Expeditionskreuzfahrtschiffs wie der Fridtjof Nansen ist für die Einwohner ein Großereignis.




Dafür ist das Leben hier, für uns ebenfalls schwer zu fassen, sehr beschaulich und ruhig: Man hört das Geräusch der Wellen am Kiesstrand, das ständige Vogelgeschrei abertausender Krabbenfischer, die am Berghang oberhalb des Dorfes nisten und gelegentlich das Jaulen und Bellen eines der Schlittenhunde. Mehr nicht.







Warum also leben Menschen hier? Ein Grund könnte in der ungewöhnlichen Geschichte des Ortes liegen: „Savissivik“ bedeutet in etwa „Ort mit Material für Messer“. Fragmente eines Meteoriten, der einst hier einschlug, wurden jahrhundertelang zur Herstellung von Ulu-Messern und Jagdwaffen verwendet. Die wesentlichen, recht großen Bruchstücke des Meteoriten wurden allerdings schon vor über 100 Jahren aus der Region entfernt: von Robert Edwin Peary zum Ende des 19. Jahrhunderts nach New York, wo es heute im Smithsonian Institute ausgestellt ist, und einer 1918 von Knud Rasmussen nach Kopenhagen, wo man es heute ebenfalls in einem Museum besichtigen kann.
Zodiac-Touren im Dienste der Wissenschaft und zum puren Vergnügen
Begonnen hatte der Tag mit einer Zodiac-Ausfahrt für eines der „Citizen Science“-Projekte von HX Expeditions: Die Reederei unterstützt die Wissenschaft sowohl mit kostenlosen Reisen für Wissenschaftler in abgelegene Regionen, um dort Forschung zu betreiben, als auch mit dem kontinuierlichen Sammeln von Daten in den Regionen, in denen die Schiffe unterwegs sind.

Auf unserer Grönland-Expedition ist die Meeresbiologin Dr. Tamara Russel vom Scrippts Institution of Oceanography in San Diego mit an Bord. Gemeinsam mit ihr fahren wir mit dem Zodiac hinaus und sammeln einerseits Daten und Proben, lernen dabei aber auch, wie wichtig solche Daten für Wissenschaftler sind.

Denn auch wenn beispielsweise Tamara Russell nur für eine Reise an Bord ist, trainiert sie dabei das Expeditionsteam des Schiffs, wie man Messgeräte handhabt und Wasserproben so nimmt, dass die erfassten Daten später für die Wissenschaft auswertbar sind. Denn die Expeditionsschiffe sind in Regionen unterwegs, die aus Kostengründen auch für Wissenschaftler nur schwierig und selten erreichbar sind.

Wir fahren also für etwa eine Stunde bei eisigem Wind und leichtem Schneefall ein wenig von der Fridtjof Nansen weg, nehmen Wasserproben und nehmen Messungen vor, um beispielsweise den Gehalt von Salz- und Gletscherschelzwasser in verschiedenen Tiefen zu erfassen, Planktonmengen zu dokumentieren, Temperaturen und die Klarheit des Wassers zu messen. Besonders spannend: Wir ermitteln die Farbe des Wassers, die dann mit zeitgleich entstehenden Satellitenaufnahmen abgeglichen werden können.







All die erfassten Daten helfen dabei, Entwicklungen über längere Zeiträume beobachten zu können. Und nebenbei macht es auch ziemlich Spaß, dabei mitzuhelfen.

Zum reinen Vergnügen fahren wir später am Vormittag mit den Zodiacs dann noch einmal hinaus und erkunden Eisberge, die nahe dem Schiff im Meer treiben.







Abends fährt die Fridtjof Nansen weiter in Richtung Norden und wie winterlich es hier auch im Juli noch ist, sehen wir an den Eisfeldern, die wir durchqueren.

Streckenweise wird die Fahrt auch zu einem Eisberg-Slalom – ein faszinierendes Erlebnis zum Dinner.





