Wie viel wiegt ein Kreuzfahrtschiff? Was wie eine einfache Frage klingt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Eine häufige Annahme ist jedenfalls falsch: Die Bruttoraumzahl oder Tonnage eines Kreuzfahrtschiffs hat nichts mit seinem Gewicht zu tun.
Für eilige Leser vorweg zwei Beispiele, bevor wir uns dem Thema ausführlich widmen:
- Ein Schiff wie die AIDAcosma mit einer BRZ von 183.774 hat ein Leergewicht ohne Passagiere, Treibstoff, Wasser oder Proviant von 87.306 Tonnen. Das entspricht knapp 6.500 Reisebussen des Modells Setra S 516 HD für rund 50 Passagiere, das 13,5 Tonnen Leergewicht auf die Waage bringt.
- Die Icon of the Seas, mit einer BRZ von 248.663 derzeit das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, wiegt leer 114.291 Tonnen.
Warum die Bruttoraumzahl nichts mit dem Gewicht eines Schiffs zu tun hat
Es ist amüsant, wenn man liest: „Das Kreuzfahrtschiff wiegt 100.000 Bruttoregistertonnen“, oder „Tonnen“. Genannt wird dabei jedoch die Bruttoraumzahl des betreffenden Schiffs. Selbst in der deutschen Fassung von Pressemitteilungen amerikanischer Kreuzfahrt-Reedereien liest man das gelegentlich.
Doch solche vermeintlichen Gewichtsangaben sind oft gleich in mehrerer Hinsicht falsch. Zunächst gibt es „Bruttoregistertonnen“ schon seit Juli 1982 nicht mehr, für ältere Schiffe seit Juli 1994. Mit Inkrafttreten der IMO-Konvention von 1969 („International Convention on Tonnage Measurement of Ships“) wurde die Bruttoregistertonne nämlich von der neuen, weltweit einheitlich berechneten Bruttoraumzahl (BRZ) abgelöst. In Englischen wurde aus „Gross Register Tonnage“ (GRT) die neue „Gross Tonnage“ (GT).
Weder die früheren Bruttoregistertonnen (BRT) noch die aktuelle Bruttoraumzahl (BRZ) sind aber Gewichtsangabe. Die alte Bezeichnung „Tonnen“ haben ihren Ursprung in einer Zeit, als Schiffe noch danach vermessen wurden, wie viele Fässer sie transportieren konnte – also ein Volumenmaß, kein Gewichtsmaß.
Die BRZ ist ein standardisiert berechneter, aber eben ziemlich abstrakter Wert, der sich auf das Volumen des Schiffsraums bezieht. Die BRZ wird beispielsweise für die Berechnung von Gebühren für Kanal-Passagen, aber auch im Rahmen von internationalen Vorschriften verwendet.
Auch die Kennzahlen Nettoraumzahl (NRZ), englisch: Net Tonnage (NT), ist ähnlich der BRZ ein Volumenmaß und zieht, vereinfacht ausgedrückt, von der BRZ alles ab, was nicht für Passagiere oder Fracht genutzt wird.
Und die Deadweight Tonnage (DWT) bezieht sich zwar tatsächlich auf Gewicht in Tonnen, beschreibt aber das Nutzgewicht eines Schiffs – also wie viel Ladung, Treibstoff, Trinkwasser, Passagiere oder Besatzung ein Schiff transportieren kann.
Wieviel also wiegt ein Kreuzfahrtschiff?
Das Eigengewicht des Schiffs wird mit der Lightweight Tonnage (LWT) ausgedrückt. Das ist das Gewicht des Schiffs ohne Ladung, Passagiere, Treibstoff et cetera. Fügt man die Dead Weight Tonnage (DWT), also die mögliche Zuladung hinzu, erhält man das maximale Gewicht des Schiffs.
Das im jeweiligen Augenblick tatsächliche Gewicht eines Schiffs ergibt sich aus der Verdrängung (Displacement), also der Menge Wasser, die das Schiff beim Einsinken ins Wasser verdrängt, bis ein Gleichgewicht zwischen Auftrieb und der Gegenkraft durch das Gewicht des Schiffs herrscht. Würde man dieses verdrängte Wasser in eine Waagschale gießen, hätte man das Gewicht des Schiffs. Oft wird die Verdrängung auch gleichgesetzt mit der Summe aus LWT und DWT, was aber natürlich nur bei maximaler Beladung zutrifft.
Will man konkrete Zahlen ermitteln, taucht aber das größte Problem auf: Weder Verdrängung noch LWT sind Werte, die von den Reedereien öffentlich benannt würden. Es gibt dann doch eine – eher unerwartete – Quelle für diese Daten: die United States Coast Guard. Und für die AIDAnova und AIDAcosma sind wir bei der italienischen Klassifizierungsgesellschaft Rina in deren „Leonardo Info“-Datenbank fündig geworden, auf deren Informationen man in Teilen wiederum über die EU-Datenbank Equasis zugreifen kann.
Wir haben in der folgenden Tabelle exemplarisch die Werte einiger ganz unterschiedlicher Schiffstypen von Großsegler über Luxus- und Expeditionskreuzfahrtschiffs bis zu mittleren und ganz großen Kreuzfahrtschiffen zusammengestellt:
| BRZ | Verdrängung (t) | Prozent der BRZ | |
|---|---|---|---|
| AIDAnova, AIDAcosma | 183.774 | 87.306 | 47,5 |
| Celebrity Summit | 91.003 | 47.543 | 52,2 |
| Disney Magic | 83.969 | 44.438 | 52,9 |
| Eurodam | 86.273 | 45.080 | 52,3 |
| Europa 2 | 42.830 | 22.400 | 52,3 |
| Hanseatic Nature | 15.651 | 10.811 | 69,1 |
| Icon of the Seas | 248.663 | 114.291 | 46,0 |
| Insignia | 30.277 | 16.147 | 53,3 |
| Le Dumont D’Urville | 9.976 | 7.189 | 72,1 |
| Mein Schiff 6 | 98.811 | 50.000 | 50,6 |
| MSC Seascape | 170.412 | 86.663 | 50,9 |
| Norwegian Getaway | 145.655 | 69.236 | 47,5 |
| Norwegian Sky | 77.104 | 38.800 | 50,3 |
| Queen Mary 2 | 149.215 | 79.287 | 53,1 |
| Seabourn Ovation | 41.865 | 24.534 | 58,6 |
| Seven Seas Splendor | 56.182 | 31.018 | 55,2 |
| Star Flyer | 2.298 | 2.556 | 111,2 |
Das tatsächliche Gewicht – gemessen an der Verdrängung (Displacement) – liegt bei großen Schiffen irgendwo im Bereich von 47 bis 52 Prozent der Bruttoraumzahl übertragen auf Gewicht in Tonnen. Luxus-Schiffe wiegen in Relation etwas mehr und Expeditionsschiffs liegen bei eher 70 Prozent. Die Zahlen zeigen aber auch: Das Gewicht eines Schiffs in Tonnen kann sogar höher liegen als die Bruttoraumzahl, wie im Falle des Großseglers Star Flyer.
Zu beachten ist bei den Angaben und beim Abschätzen des Gewichts eines Kreuzfahrtschiffs ist, dass die hier genannten Beispiele sich auf ein leeres Schiff, also ohne Passagiere, Proviant, Treibstoff, Trinkwasser et cetera beziehen. Tatsächlich bringen die Kreuzfahrtschiffe also im normalen Betrieb noch mehr auf die Waage – wenn man sie denn auf eine Waage stellen könnte.




