Spuk auf dem Kreuzfahrtschiff

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Auf diesem Korridor der Queen Mary soll es besonders häufig spuken ...

Auf diesem Korridor der Queen Mary soll es besonders häufig spuken … (Bild: Jennifer Carole)

Ich schwöre, ich bin nicht dabei morbide zu werden. Allerdings werde ich 40. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass diese Geschichte wie schon die davor über Seebestattungen sich mit einem Thema beschäftigt, das etwas mit dem Lebensende zu tun hat. Dies hier ist eine der Geschichten aus meinem neuen Buch „Cruise a la Carte“ …

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„Ich habe einen Geist gesehen.” „Mm hmm“, gab ich zur Antwort. „Nein, wirklich“, hakte Rick nach. Ich schaute von meiner Zeitschrift auf und wartete gelassen auf die Flut von Flüchen, die folgen würde. Ich musste nicht lange warten. „Ein elendiger, dämlicher, verdammter Geist!“, fuhr er fort. Seine Augenbrauen bildeten eine tiefe Furche und er starrte in Richtung Schiffsküche.

Ich war drauf und dran, ihn damit aufzuziehen, biss mir aber dann doch auf die Zunge und schwieg. Rick schüttelte seinen Kopf langsam hin und her und starrte auf den Boden, ins Leere. Mit den vielen Locken auf seinem Kopf erinnerte er mich an eine struppige Katze, die im Fernsehen ein Tennis-Spiel beobachtet. Er war tatsächlich ziemlich verstört. Es war schon sehr spät und ich war nur in die Küche gegangen, will meine Kunstauktion ungewöhnlich lange gedauert hatte. Aber ich war noch zu aufgekratzt, um gleich ins Bett zu gehen.

Brian David Bruns

cruisetricks.de-Gastautor Brian David Bruns ist der Autor der US-Bestseller-Reihe “Cruise Confidential” und sorgt mit seinem ungeschminkten Blick hinter die Kulissen von Kreuzfahrtschiffen für Aufsehen.

“Meinst Du das Ernst?”, fragte ich ihn. Und ob er es ernst meinte! Rick war es immer Ernst mit bedeutungslosen Dingen. Hätte die Sache etwas zu tun mit Geld, Sicherheit oder Regeln – nicht dass letztere allzu bedeutsam wären -, dann hätte Rick das Ganze eher oberflächlich, distanziert oder gar abfällig kommentiert. Aber alles, was irgendwie mit Geheimnis, Vertuschung, Konspiration oder übermenschlichen Wissen zu tun hatte? Oh ja, damit war es Rick immer todernst.

“Darauf falle ich nicht herein”, antwortete ich ihm und fing wieder an, in meiner Zeitschrift zu lesen. „Ich habe den Geist wirklich gesehen“, murmelte Rick leise vor sich hin.

Leise? Rick war nie leise. Selbst wenn er Passagiere massierte – er war der Spa Manger – hielt er nie seinen Mund. Selbst eine Quasselstrippe wie ich kam dagegen nicht an. Jetzt hatte er doch meine Aufmerksamkeit gewonnen. Rick starrte immer noch in den Boden, wiegte den Kopf hin und her, hin und her.

Ich habe ihn auch letzte Nacht schon gesehen“, fuhr Rick fort. „Aber ich war mir nicht sicher. Natalie erzählt schon seit Wochen solche Stories, aber ich hab‘ sie immer abblitzen lassen. Sie trinkt zu viel …“ – er ignorierte mein spöttisches Schnauben – „… aber dann sagte auch Claudia, dass sie etwas gesehen hat. Und jetzt habe ich es auch gesehen.“

„Im Spa?“, fragte ich, immer noch nicht überzeugt. Das Spa befand sich tief im Bauch der Wind Surf, nahe der Wasserlinie ganz hinten bei der Marina. Bei Nacht war das ein sehr ruhiger, einsamer Ort. Erstaunlich, dass es auf einem so kleinen Schiff, das jeden Zentimeter Platz ausnutzt, Orte gab, die regelrecht verlassen wirken. Alles war natürlich sauber und ordentlich, aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass sich dieser Korridor dort irgendwie … anders anfühlte.

„Mir ist schon oft aufgefallen, dass Dinge auf meinem Schreibtisch plötzlich an einer anderen Stelle lagen“, sagte Rick. „Andererseits, wenn Du vier Angestellte hast, kannst Du Dir auch nicht sicher sein, das sich ein gottverdammter Tacker wirklich von selbst wo anders hin bewegt. Aber Du kennst doch die Melone-Scheiben, die wir in die Karaffe mit Trinkwasser legen? Ich hörte ein gurgelndes Geräusch und schaute in die Richtung. Innerhalb eines einzigen Augenzwinkerns – eines verdammten Augenzwinkerns – verschwanden die Melonenscheiben! Dann – platsch! Direkt vor mir, mitten auf meinem Schreibtisch tauchten die Melonenscheiben wieder auf. Haben meine ganzen Unterlagen und alles durchweicht. Verdammt und zugenäht nochmal seltsam, wenn Du mich fragst. Aber selbst das war noch nicht genug, um mich davon zu überzeugen, dass es in dem Spa spukte. Nicht, bevor ich das folgende erlebt.“

„Ich erledigte gerade Bürokram. Es war fast Mitternacht. Und ein verdammter Passagier lief direkt an mir vorbei. Ich sah sie klar und deutlich, als sie an mir vorbei lief. Mittleres Alter, lange, braune Haare und ein T-Shirt, das sie ein wenig dick aussehen ließ. Ich sagte ihr, dass wir bereits geschlossen hätten, aber sie ging einfach weiter durchs Spa und direkt in Natalies Massage-Raum hinein. Ich folgte ihre und rief nach ihr. Ich war sauer, weil ich es schon den ganzen verdammten Tag lang mit dämlichen, meckernden Passagieren zu tun gehabt hatte. Ich war drauf und dran, meinen Ärger an dieser Lady auszulassen. Aber als ich zu Natalies Raum kam und das Licht anschaltete … war da niemand!“

Rick war wirklich aufgewühlt. Ich fühlte, dass er sich richtig fürchtete, obwohl ich schon so den einen oder anderen heftigen Streit mit ihm hatte, beispielsweise zu der die Frage, ob UFOs in der Erdmitte parken würden und den Nord- und Südpol als Einflugschneise benutzen würden, wie Rick beteuerte. Und das von einem ehemaligen Mitglied einer australischen Spezialeinheit, der mitten in den Völkermord von Ost-Timor geraten war.

Tatsächlich gibt es auf der Wind Surf mehr als nur den einen Geist im Spa. Kreuzfahrtdirektor und Reiseleiter schworen beide Stein und Bein, dass sie gesehen hätten, wie eine geisterhafte Erscheinung durch den Korridor am Purser’s Office mittschiffs geschwebt sei. Das Gespenst sei schemenhaft aber eindeutig existent gewesen, der Umriss eines Mannes von der Hüfte an aufwärts. Beide waren sich instinktiv sicher, dass es ein Mann gewesen sei, obwohl man auf dem nebelhaften Kopf keine genauen Gesichtszüge erkennen habe können.

Beide hatten ihr Büro mit offenen Türen zu der Korridor, auf dem es offenbar spukte. Mehrere Male und zu unterschiedlichen Zeiten, allerdings immer nachts zu späterer Stunde, hatten Sie das Gefühl, etwas nähere sich ihrem Büro. Als sie aufsahen und auf dem Korridor nachsahen, waren sie schockiert, nur die Hälfte des Mannes zu sehen. Doch sobald sie ihn erblickten, löste er sich im Dunklen auf.

Anders bei der Purserin. Die von den Philippinen stammende Purserin war an einem Tag mit lebhaften Publikumsverkehr zu ihrem Büro gelaufen, um Kopierpapier zu holen. Es war mitten am Nachmittag, strahlendes Sonnenlicht schien durch ihr Bürofenster bis auf den Korridor. Ihre Arme beladen mit besagtem Büromaterial eilte sie aus ihrem Büro und rannte das Phantom geradezu über den Haufen. Sie kreischte auf und dachte zuerst, sie habe versehentlich ein anderes Crewmitglied umgerannt. Aber es war kein Crewmitglied – oder zumindest keines aus der Gegenwart. Ein Mann mit westlichem Aussehen und durchschnittlicher Körpergröße bedachte sie kurz mit einem skeptischen Blick und dann verschwand er innerhalb eines Wimpernschlags. Das Ganze ging so schnell, dass sie sich danach nicht einmal sicher war, ob sie gesehen hatte, dass er Beine hatte oder nicht.

„Aber er erschien sehr real, ziemlich solide“, stellte sie selbstsicher fest. „Ich habe in seine Augen geschaut. Ich sah Überraschung in seinen Augen und noch etwas anderes … ein Anflug von Hoffnungslosigkeit. Obwohl es im Korridor sonnig war, fühlte ich mich schwermütig, sehr traurig.“

Anmerkung: “Cruise Confidential”-Bestsellerautor Brian David Bruns schreibt regelmäßig Gastbeiträge für cruisetricks.de, in deutscher Übersetzung exklusiv.

(Bildquelle Queen Mary: Jennifer Carole, Lizenz CC BY ND 2.0)

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