Plastik-Müll an einem Strand in Bali (Bild: Jon Rawlinson, CC BY 2.0)

Gegen Verschmutzung der Meere: Projekte der Kreuzfahrt gegen Plastik-Müll

Mit der Abschaffung von Kunststoff-Strohhalmen hat der Trend begonnen. Jetzt definieren immer mehr Reedereien umfassende Ziele bei der Vermeidung von Plastik-Müll an Bord ihrer Kreuzfahrtschiffe. Einige Reedereien sind bereits sehr weit bei der Abschaffung von Plastik auf ihren Schiffen, andere fangen gerade erst an, entsprechende Projekte aufzusetzen.

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Der Beitrag zeigt den aktuellen Stand bei den einzelnen Reedereien und deren Pläne, zeigt Grenzen auf, gibt einen Überblick über die Problem durch Plastikmüll, zeigt die weltweiten Dimensionen auf und gibt Anregungen, warum man beim Thema Plastikmüll noch etwas weiter über den Tellerrand hinaus blicken sollte.

Vorreiter ist Hurtigruten, die sich zum Ziel gesetzt hat, die erste plastikfreie Reederei der Welt zu werden. Ein Großteil der Plastik-Produkte ist an Bord der Hurtigruten-Schiffe bereits seit Mitte 2018 durch umweltfreundlichere Alternativen ersetzt worden. Mit dieser Initiative steigt auch der Druck auf andere Reedereien, nachzuziehen.

Die weltweite Meeresverschmutzung durch Plastikabfälle und Mikroplastik ist seit den 1960er-Jahren bekannt. Die gewaltigen Plastikmüll-Ansammlungen im Pazifik, „The Great Pacific Garbage Patch“, gehen immer wieder durch die Medien.

Doch große öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Thema hat erst ein Youtube-Video der in Texas tätigen, deutschen Meeresbiologin Christine Figgener ausgelöst. Es zeigt eine Meeresschildkröte, die von einem Plastikstrohhalm befreit wird, der in ihrer Nase feststeckt.

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Deshalb sind Plastik-Strohhalme jetzt öffentlichkeitswirksam die ersten Plastik-Produkte, die von vielen Kreuzfahrtschiffen verschwinden, ebenso bei Hotel- und Food-Ketten und Airlines.

Wie kreativ man offenbar werden muss, um Menschen davon zu überzeugen, Plastik zu vermeiden, zeigt auch ein ebenso exzellentes wie sarkastisches Video.

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Das Video wurde in Kalifornien als Werbung für ein Gesetz zur Abschaffung von Plastiktüten eingesetzt wurde – das Gesetz ist inzwischen verabschiedet.

Warum Plastik so problematisch ist

Ein entscheidendes Problem von Plastik ist, dass es sich – anders als beispielsweise Holz oder Papier – nie vollständig zersetzt. Es zerfällt vielmehr mit der Zeit in immer kleinere Teile und wird letztlich zu Mikroplastik. Immerhin: Kläranlagen können, je nach technischer Ausstattung, Mikroplastik recht gut filtern.

Im Meer landet Plastik in größeren Fragmenten ebenso wie in Form von Mikroplastik. Dort gelangt es in die Nahrungskette oder – im Fall größerer Teile – führt direkt zum Tod von zahlreichen Tieren wie insbesondere Seevögeln, aber selbst von Robben und Walen führt, die das unverdauliche Plastik verschlucken und daran zu Grunde gehen.

Und sogar in unserem Trinkwasser ist Mikroplastik. Das Time Magazine zitiert eine Studie, nach der 83 Prozent des Leitungswassers weltweit Mikroplastik enthält. Das Wasser auf Kreuzfahrtschiffen enthält übrigens in der Regel kein Mikro-Plastik, weil es meist durch Umkehr-Osmose aus Meerwasser gewonnen wird und dieser Prozess Mikroplastik ausfiltert.

Nur sicherheitshalber angemerkt: Auf Kreuzfahrtschiffen anfallender Plastik-Müll wird natürlich nicht im Meer entsorgt (allein schon, weil internationale Vorschriften der IMO das verbieten), sondern an Land in den Müllkreislauf der jeweiligen Hafenstadt übergeben oder teils in den bordeigenen Verbrennungsanlagen zusammen mit anderem Müll, insbesondere Papier und Karton, verbrannt.

Dimensionen

Beispielshaft seien hier ein paar Zahlen genannt, um sich die Dimensionen vorstellen zu können, in denen Kreuzfahrtschiffe zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen können.

Norwegian Cruise Line Holdings mit insgesamt 26 Kreuzfahrtschiffen (Norwegian Cruise Line, Oceania Cruises, Regent Seven Seas Cruises) spricht von mehr als 50 Millionen eingesparten Plastik-Strohhalmen pro Jahr.

Becher und Karaffe aus Glas, Trinkflasche auf Metall - bei Hurtigruten.
Becher und Karaffe aus Glas, Trinkflasche auf Metall – bei Hurtigruten.

TUI Cruises gibt an, 270.000 Plastiktüten einzusparen, indem Wäschebeutel für die Abgabe von zu reinigender Kleidung künftig aus bio-basiertem Kunststoff bestehen.

Vor der kompletten Umstellung auf Glas verbrauchte Hurtigruten flottenweit pro Tag rund 1.600 Plastik-Becher – als Wassergläser in den Kabinen und als Zahnputzbecher. Das allein sind pro Jahr fünf Tonnen eingesparter Plastikmüll.

Zum Vergleich: Zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik-Müll landen auf der ganzen Welt derzeit jährlich in die Meere. Das sind zwischen 9 und 24 Tonnen pro Minute. Die Zahlen stammen vom WWF (PDF-Link), der diverse Studien zu diesem Thema ausgewertet hat. Die düstere Prognose der Ellen MacArthur Foundation lautet: 2050 wird es mehr Plastik als Fisch in den Meeren geben.

Was die Reedereien konkret zur Plastik-Vermeidung tun

Wir haben die Pressemitteilungen und Informationen von Reedereien zusammengetragen, um eine Überblick zu geben, welche Projekte und Maßnahmen geplant oder bereits umgesetzt sind.

Plastik-Strohhalme abschaffen und den Passagieren erklären - bei Royal Caribbean.
Plastik-Strohhalme abschaffen und den Passagieren erklären – bei Royal Caribbean.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Zusammenstellung nicht, da sie auf Informationen der Reedereien basieren und nicht durchgehend Ergebnis eigener Recherchen an Bord sind. Wir aktualisieren die Übersicht, sobald uns neue Informationen erreichen.

Stand: Anfang Oktober 2018

AIDA Cruises

  • Plastik-Strohhalme: nur noch auf Nachfrage, Umstellung auf Bio-Strohhalme aus biologisch abbaubarer Stärke ab 2019
  • Wegfall von Wegwerfartikeln in der Küche wie Probierlöffeln, Einwegschürzen oder Einwegflaschen: bereits umgesetzt; wo unvermeidbar: Ersatz durch Einwegbesteck aus Holz ab 2019

Carnival Corp. (AIDA, Costa, Cunard, AIDA, Carnival Cruise Line, Holland America Line, P&O Cruises, Princess Cruises, Seabourn) – insgesamt 104 Schiffe

  • Einweg-Plastikartikel: komplette Abschaffung bis 2022
  • Plastik-Strohhalme: bei P&O Australia bereits abgeschafft

Carnival Cruise Line

  • Plastik-Strohhalme: nur noch auf Nachfrage

CMV / Transocean

  • Plastik-Strohhalme: nur noch auf Nachfrage

Costa

  • (Informationen angefragt)

Disney Cruise Line

  • Plastik-Strohhalme und -Rührstäbchen: Abschaffung Mitte 2019

Hurtigruten

  • Abschaffung aller entbehrlichen Plastik-Produkte, vorwiegend Einmalprodukte wie Plastik-Strohhalme, -Rührstäbchen, -Becher, -Kaffeebecher-Deckel, Plastiktüten, Einmal-Plastikschürzen in der Küche und weitere Einweg-Kunststoff-Artikel, Nachfüll-Spender statt Einmalverpackung für Kosmetika: bereits umgesetzt

MSC

  • Plastik-Strohhalme: Ersatz durch biologisch abbaubare Alternativen und Ausgabe nur auf Nachfrage, bis Ende 2018
  • alle Einwegartikel aus Kunststoff: Abschaffung bis März 2019 (gilt auch für Privatinsel, MSC-Landausflüge und für die Büros von MSC an Land)

Norwegian Cruise Line, Oceania Cruises, Regent Seven Seas Cruises – insgesamt 26 Schiffe

  • Plastik-Strohhalme: bereits abgeschafft
  • Einweg-Plastik: auf den Privatinseln in der Karibik bereits abgeschafft

Royal Caribbean International, Celebrity Cruises, Azamara Club Cruises, Pullmantur Cruceros, TUI Cruises – insgesamt 50 Schiffe

  • Plastik-Strohhalme: nur noch auf Nachfrage, teils schon Alternativprodukt auf Papier; Abschaffung bis Ende 2018
  • Rührstäbe für Kaffee, Deko-Spieße: Ersatz durch Forrest-Stewardship-Council-zertifiziertes Holz und Bambus mit Ende 2018
  • Plastik-Becher, -Tüten, -Einmalverpackungen: ohne konkreten Termin, spätestens wohl 2020
  • alle Einweg-Kunststoffprodukte: Abschaffung bis 2020

Seabourn

  • Plastik-Strohhalme: nur noch auf Nachfrage
  • Plastik-Deckel auf Kaffeebecher: bereits abgeschafft
  • Alle Wegwerf-Plastikartikel: Abschaffung geplant, ohne konkreten Termin

TUI Cruises

  • Abschaffung von Plastik-Strohhalmen, Umstellung von Cocktailspießen/-rührern auf Holz, keine Plastikverpackung von Badeschlappen, Nachfüll-Spender statt Einmalverpackung bei Pflegeprodukten: bereits umgesetzt
  • Reduzierung von Einweg-Plastik in Hotel und Gastronomie: im Laufe von 2019
  • Reduzierung von Einweg-Plastik in Logistik und bei Lieferanten: im Laufe von 2020
  • alle Einweg-Plastikprodukte: Abschaffung bis Ende 2020

Virgin Voyages

  • Einweg-Plastik wie Strohhalme, Wasser- und Getränkeflaschen, Einzelverpackungen von Lebensmitteln, Einkaufstüten, Rührstäbchen und Kaffee-/Tee-Becher: soll es von Anfang an nicht geben
  • mittelfristig Reduzierung von Plastik in den Kabinen um 80 Prozent, Übergang zu Nachfüll-Behältern

Grenzen der Plastik-Vermeidung auf Kreuzfahrtschiffen

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Man muss genau lesen, wenn man erkennen will, welche Plastik-Produkte die einzelnen Reedereien wirklich abschaffen wollen. Ist da die Rede von Plastik insgesamt, oder nur von Einweg-Plastik? Geht es nur um den Passagier-Bereich (was meist der Fall ist), oder auch um den Crew-Bereich und vor allem die Lieferkette bei Lebensmitteln und Hotelbedarf (z.B. Lebensmittelverpackungen, in Plastik eingeschweißte Badeslipper und Kleidungsstücke in der Bord-Boutique)?

Und welche Maßnahmen werden von Reedereien groß angekündigt, die anderswo längst umgesetzt sind, ohne dass die Reederei groß darüber redet? Beispielsweise nachfüllbare Spender für Shampoo und Duschgel in den Kabinenbädern statt Einmal-Tuben; oder nachfüllbare Wasserkaraffen in den Kabinen statt Plastik-Wasserflaschen?

Und wer in seinen öffentlichen Ankündigungen ganz ehrlich ist, formuliert beispielweise wie TUI Cruises: „Abschaffung aller verzichtbaren Einwegartikel“. Denn wirklich alles kann man mutmaßlich gar nicht abschaffen.

Hygiene-Vorschriften

Größte Feind der Plastik-Vermeidung an Bord sind Hygienevorschriften, insbesondere die quasi weltweit als Standard verwendeten Regeln des US-amerikanischen USPH (vgl. „Hygiene auf Kreuzfahrtschiffen: Über Sinn und Unsinn der amerikanischen Vorschriften“). Kreative Lösungen beispielsweise müssen Reedereien zur Vermeidung von Portionsverpackungen etwa für Butter, Marmelade oder Honig am Frühstücksbuffet entwickeln. Schwierig ist die Situation etwa auch mit Einmal-Handschuhen oder Frischhaltefolie in der Küche.

Vorbehalte von Passagieren

Aber auch Passagiere bremsen die Entwicklung. So hat selbst Hurtigruten derzeit noch Wasser in Plastikflaschen an Bord, sie stehen aber nicht auf der Barkarte. Verkauft werden diese Wasserflaschen nur auf ausdrücklichen Wunsch eines Passagiers. Vor allem amerikanische Gäste würden gefiltertem Leitungswasser nicht trauen und wollten die Nachfüllstationen an Bord nicht nutzen, erklärt uns Helga Bardsdatter, die maßgeblich an dem Projekt zur Plastikreduzierung von Hurtigruten beteiligt ist.

Deshalb ist auch wichtig, die Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen (besser: alle Menschen) besser aufzuklären, zu demonstrieren, wie man Plastikmüll und Mikroplastik vermeiden kann und welche umweltfreundlicheren Alternativ-Produkte es gibt.

Plastik-Vermeidung noch weiter gedacht

Man kann – und sollte – noch viel mehr tun, um Plastik und Mikroplastik zu vermeiden. Schwierig ist das nämlich in den meisten Fällen nicht. Es fehlt nur der Antrieb, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden, Gewohnheiten zu ändern, aufmerksam zu sein.

Nur ein Beispiel: Aus Fleece-Bekleidung lösen sich beim Waschen Micro-Fasern, also Mikroplastik. Deshalb verkauft Hurtigruten in den Bord-Shops demnächst keine Fleece-Pullis und -Jacken mehr. Nur die vorhandenen Lagerbestände werde noch abverkauft – schon weil auch eine direkte Entsorgung nichts daran ändern würde, dass damit Kunststoffmüll entsteht.

Waschsack fängt Mikrofasern von Fleece-Bekleidung auf.
Waschsack fängt Mikrofasern von Fleece-Bekleidung auf.

Und wer seine schon vorhandenen Fleece-Kleidungsstücke mit gutem Gewissen weiter nutzen will, kann an Bord einen speziellen Wasch-Sack kaufen, der die Mikrofasern auffängt und nicht uns Abwasser gelangen lässt. Initiiert wurde dieser Waschbeutel übrigens von der deutschen Non-Profit-Organisation Stop Micro Waste.

Der Nutzen solcher Maßnahmen ist hoch, der individuelle Aufwand sehr gering.

Wir brauchen mehr Menschen, die sich zu diesem Thema Gedanken machen und einfache Lösungen in ihrem Alltag umsetzen. Dabei muss nicht notwendigerweise alles von heute auf morgen geschehen, es ist keine radikale Änderung der Lebensweise nötig. Schon in wenig mehr Aufmerksamkeit und kleine Beiträge von möglichst vielen Menschen bewirken sehr viel – und sind realistischer als utopische Forderungen, die letztlich nur von sehr wenigen umgesetzt würden.

(Titelbild „Plastikmüll-Strand in Bali“: Jon Rawlinson, CC BY 2.0)

1 Kommentar zu “Gegen Verschmutzung der Meere: Projekte der Kreuzfahrt gegen Plastik-Müll

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