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Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der Kreuzfahrt 2019

Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz: Die aktuellen Berichte der Kreuzfahrt-Reedereien

Mehrere Kreuzfahrt-Reedereien haben kürzlich ihre Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte für 2019 veröffentlicht. Wir haben uns die Berichte ganz genau angesehen und geben Tipps zum besseren Verständnis der teils komplexen Zahlen. Außerdem wagen wir einen Blick in die nähere Zukunft.

Immer mehr Kreuzfahrt-Unternehmen erstellen einen jährlichen Umweltschutz-, Nachhaltigkeits- oder Sustainability-Report. Einiges davon ist Marketing und Hochglanz-Prospekt. In allen Berichten finden sich aber auch teils sehr detaillierte Zahlen und Tabellen, in denen sich spannenden Informationen verstecken und die Entwicklungen zu den Vorjahren aufzeigen.

Links zu den Umweltberichten der Reedereien finden Sie übrigens am Ende dieses Beitrags.

Zumindest die Zahlen-Bereiche der Umweltberichte sind allerdings schwere Kost. Denn die darin enthaltenen Informationen sind selten mit denen anderer Reedereien vergleichbar und bestehen teils aus Messgrößen, die zwar Industriestandards entsprechen, für den Laien aber nur schwer zu verstehen sind.

Immerhin aber zeigen die Umweltberichte die Veränderungen – meist Fortschritte – innerhalb einer Reederei über die Jahre hinweg ziemlich deutlich. Freilich braucht man gelegentlich noch etwas Hintergrundwissen, um besonders positive Entwicklungen richtig einordnen zu können – etwa, weil alte Schiffe ausgemustert und besonders umweltfreundliche Neubauten hinzugekommen sind.

Umweltberichte als spannende Lektüre

Die Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte sind aber auch abseits der Zahlen eine spannende Lektüre. Denn sie enthalten viele Details, die man sonst kaum findet. Und wenn Reedereien besonders transparent sind, werden darin durchaus auch Probleme angesprochen – wie etwa die Abgabe von Abwasser ins Meer bei älteren Schiffen ohne moderne Klärtechnik. Der aus unserer Sicht beste und detailreichste Umweltbericht ist übrigens der von Costa. Aufschlussreiche Schaubilder, die verschiedene Umweltschutztechniken erklären, finden sich im AIDA-Bericht. TUI Cruises geht besonders offen mit den selbst gesteckten Zielen und deren Erreichung um.

Beispielseite: Teil der Crew-Statistik aus dem Bericht von Costa

Reizvoll sind beispielsweise auch teils umfassende Angaben zur Demografie der Crew-Mitglieder, eine genaue Aufschlüsselung, welche Energiemengen an Bord für welche Zwecke benötigt werden und ähnlich tiefe Einblicke in die Unternehmen.

Eines vermitteln die Nachhaltigkeitsberichte ebenfalls: Einen Eindruck, wie viele Details bei Umwelt- und Klimaschutz sowie nachhaltigem Reisen eine Rolle spielen – und wie aktiv die Reedereien bei diesen Themen sind.

Da findet man dann auch so spezielle Details wie die Energierückgewinnung aus der Bremsenergie von Aufzügen und welch große Einsparungen beim Optimieren von Klimaanlagen möglich sind. Oder eine reduzierte Geräuschentwicklung der Propeller auf der MSC Grandiosa für besseren Schutz von Meeressäugetieren. Oder Müllbeseitigungsprojekte von Costa an Land, Details zur Renaturierung der neuen MSC-Privatinsel Ocean Cay auf den Bahamas, Lebensmittelspenden von Costa aus Überproduktion an Bord, der Partnerschaft von AIDA mit der Reiner-Meutsch-Stiftung Fly & Help, TUI Cruises‘ Unterstützung für das Projekt „Noplastik!“ von Terre des Hommes und vieles mehr – um nur einige wenige Beispiele herauszugreifen.

Die Zahlen der Nachhaltigkeitsberichte richtig lesen

Beim Lesen der Zahlen und Tabellen in den Nachhaltigkeitsberichten ist allerdings höchste Konzentration nötig. Denn für die Interpretation der Zahlen und erst Recht für einen Vergleich kommt es häufig auf kleine Details an.

Emissionswerte für CO2, Stickoxid, Schwefeloxid und Feinstaub werden bei AIDA und TUI Cruises beispielsweise in Kilogramm pro Person und Tag angegeben. Dabei zählen sowohl Passagiere als auch Crewmitglieder mit. AIDA – das geht aus Fußnoten hervor – berechnet die Werte ohne Berücksichtigung von Abgasreinigungssystemen („Scrubber“) aus dem Schadstoffgehalt der Kraftstoffe. Bei TUI Cruises fehlen genauere Angaben zu dieser Frage.

Costa und MSC weisen die Emissionen nach einer ganz anderen Methodik aus, nämlich in Kilogramm pro Available Lower Berths (ALB)  und Kilometer oder  Nautischer Meile. Was die normierte Bezeichnung „ALB“ bedeutet, erläutert nur Costa genauer: die verfügbare Passagierbettenzahl auf einem Schiff, wenn man annimmt, dass jede Kabine mit zwei Personen belegt ist. Wie AIDA berücksichtigt Costa bei der Berechnung die Wirkung der Abgasreinigungsanlagen nicht, wohingegen MSC hierzu keine Angaben macht.

Carnival Corp. veröffentlicht die Emissionen in Kilogramm pro Nautischer Meile auf, ohne den Faktor Passagierzahl einzurechnen, wie das bei den anderen beiden Methoden der Fall ist.

Auf diese Weise findet man bei allen genannten Reedereien in den Umweltberichten also Angaben zu Schadstoff-Emissionen. Vergleichen lassen die sich aber nahezu nicht, weil entweder klarstellende Detailangaben fehlen oder die Werte in anderen Messeinheiten aufgelistet sind.

Mit aller Vorsicht haben wir Zahlen aus den Umweltberichten der Reedereien in einer Tabelle zusammengefasst, soweit zu dem jeweiligen Thema von mehr als nur einer Reederei aussagekräftige Angaben dazu gemacht werden. Wenn Sie selbst ein wenig rechnen und interpretieren wollen: Download PDF-Tabelle Umweltzahlen der Reedereien 2019.

Große Verbesserungen durch Kreuzfahrtschiff-Neubauten

Eines fällt auf, wenn man sich durch das Zahlenwerk der Nachhaltigkeitsberichte der Kreuzfahrt-Reedereien arbeitet: Die Indienststellung neuer Schiffe und das Ausmustern alter Schiffe hat tendenziell großen Einfluss auf die Umweltbilanz. In Kombination mit anderen Maßnahmen gibt es teils sogar erhebliche Sprünge nach unten. Drei Beispiele:

  • Bei AIDA wirkt sich beispielsweise die Indienststellung der AIDAnova mit LNG als Kraftstoff sehr deutlich auf die Durchschnittswerte für die ganze Flotte aus: Der Feinstaub-Ausstoß pro Person und Tag geht von 2018 auf 2019 beispielsweise um 18 Prozent zurück.
  • TUI Cruises hat im April 2018 die alte Mein Schiff 1 ausgemustert und die neue Mein Schiff 1 in Dienst gestellt. Das wirkt sich mit minus 36 Prozent schon auf 2018 aus, aber auch noch einmal deutlich im Vergleich zu 2019. Der Schwefeloxid-Ausstoß pro Tag und Person ging um weitere rund 38 Prozent zurück. Ein zusätzlicher Grund dafür sind laut TUI Cruises entsprechende Treibstoffeinsparungen beim Routing und durch Optimierungen der Fahrtgeschwindigkeit.
  • Einen ähnlich großen Sprung von minus 38 Prozent verzeichnet MSC beim Schwefeloxid pro ALB-Kilometer. Zurückzuführen ist das bei der schweizerischen Reederei vor allem auf die Indienststellung der Neubauten MSC Bellissima und MSC Grandiosa 2019.

2019 ist auch ein Meilenstein-Jahr in Bezug auf Treibstoffe: Es ist das Jahr, in dem die ersten beiden Kreuzfahrtschiffe in Dienst gegangen sind, die komplett mit LNG statt Rohöl-basierten Kraftstoffen betrieben werden: AIDAnova und Costa Smeralda.

Neuer Schwefel-Grenzwert ab 2020 zeigte bereits 2019 Wirkung

Ein wichtiger Schritt für den Umweltschutz ist der seit 1. Januar 2020 weltweit geltende Grenzwert für Schwefel im Treibstoff beziehungsweise das Äquivalent dazu an Schwefeloxid in den Emissionen. In Schutzzonen und vielen Häfen wie etwa in der EU dürfen 0,1 Prozent Schwefel nicht mehr überschritten werden. Und auf hoher See gilt der neue Grenzwert von 0,5 Prozent weltweit. Der lag zuvor bei 3,5 Prozent.

Bereits in den Umweltbilanzen der Reedereien zum Geschäftsjahr 2019 ist dieser neue Grenzwert teilweise zu erkennen: Neue Kreuzfahrtschiffe werden standardmäßig mit Filtern („Scrubber“) ausgestattet oder – wie im Falle von AIDAnova und Costa Smeralda – gleich mit LNG als Kraftstoff betrieben. Auch ältere Schiffe wurden nach und nach mit Scrubbern ausgerüstet, sodass der Schwefelausstoß schon 2019 zurückging.

Kritik an der Übergangstechnik „Scrubbern“

Seit die neuen Schwefel-Grenzwerte gelten, kommen Kreuzfahrtschiffe ebenso wenig wie Fracht- und Containerschiffe nicht umhin, von dem bisher im Wesentlichen verwendeten Schweröl als Kraftstoff abzurücken. Oder sie müssen Abgasreinigungsanlagen einsetzen, landläufig „Scrubber“ genannt.

Dort, wo eine Ausrüstung mit Scrubbern nicht möglich oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist, kommen schadstoffärmere Kraftstoffe zu Einsatz: vergleichsweise teures „Low Sulfur“-Schweröl, Marine Diesel Oil oder Marine Gas Oil mit entsprechend niedrigen Schwefelwerten. Hapag-Lloyd Cruises beispielsweise betreibt seit Juli 2020 alle Schiffe mit relativ sauberem Marine Gas Oil.

Die Schwefelfilter sind lediglich eine Übergangstechnik, solange originär schadstoffarme Kraftstoffe und dafür geeignete Motoren nicht verfügbar oder wirtschaftlich sind. Aufgrund der langen Lebensdauer von Schiffen ist auch diese Übergangsphase relativ lang. Längst ist von Umweltverbänden deshalb laute Kritik an den Scrubbern zu hören, echte Alternativen sind aber noch in der Entwicklung.

ICCT-Studie zu Scrubbern
ICCT-Studie zu Scrubbern

Besonders umfassend beleuchtet eine aktuelle Studie der Nichtregierungsorganisation ICCT das Thema in einer aktuellen Studie. Sie wertet zahlreiche bereits vorhandene Studien zu diesem Thema aus und enthält eine umfassende Quellen-Liste und Links.

Die Studie stellt nüchtern die Schadstoffemissionen durch Schiffe mit Scrubbern fest. Sie differenziert zwischen Closed-Loop-Systemen und den bereits in immer mehr Regionen oder Häfen nicht zugelassenen Open-Loop-Scrubbern und stellt eine zunehmende Belastung der Meere fest, weil die Zahl der mit Scrubbern ausgerüsteten Schiffe nach Inkrafttreten der neuen Schwefelgrenzwerte deutlich ansteigt.

Die ICCT bewertet zwar nicht, inwieweit die von Scrubbern ins Meer abgegebenen Schadstoffe tatsächlich  ökologischen Schaden anrichten, kommt aber dennoch zu dem Schluss, eine komplette Abkehr von Schweröl und der damit verbundenen Scrubber-Technik zu fordern.

CO2-Kompensation in der Kreuzfahrt

So lange fossile Kraftstoffe zum Einsatz kommen, lässt sich der CO2-Ausstoß von Schiffen im Wesentlichen nur durch niedrigeren Verbrauch, also höhere Energieeffizienz erreichen. Auch weil niedrigerer Verbrauch zugleich den Geldbeutel der Reedereien schont, gibt es hier seit Jahrzehnten und regelmäßig große Fortschritte. Klimaneutral werden Schiffe aber erst, wenn nicht-fossiler Kraftstoff verwendet werden kann.

Daher hat MSC für viel Aufmerksamkeit mit der Ankündigung gesorgt, ab 2020 den CO2-Ausstoß der MSC-Cruises-Kreuzfahrtschiffe vollständig zu kompensieren. Genauere Angaben, mit welchen Projekten MSC das macht, sind bislang aber nicht bekannt. Update: Im Zuge der Corona-Pandemie hat MSC das Vorhaben nun aufgegeben und will sich „speziell auf fortschrittliche Umwelttechnologien und -lösungen konzentrieren, um unseren eigenen Kohlenstoff-Fußabdruck durch den Schiffsbetrieb direkt zu reduzieren“, so MSC Cruises in einem Statement.

Weniger öffentliche Aufmerksamkeit hat Ponant erhalten, obwohl auch dort die Reisen sogar bis zu 150 Prozent kompensiert werden und klarer kommuniziert wird, um welche Projekte es sich dabei handelt.

Aber auch Hapag-Lloyd Cruises bietet seinen Kunden Kompensation via My Climate an und beteiligt sich dann mit 25 Prozent.

Die Royal Caribbean Group hat in Kansas zusammen mit einem Energieunternehmen eine Windfarm mit einer Energieproduktion von rund 760.000 Megawattstunden gebaut. Die Windfarm ist im Juni 2020 in Betrieb gegangen und kompensiert damit rund zehn Prozent der CO2-Emissionen des Unternehmens.

Zukünftige Umwelt-Techniken in konkreter Planung

Indes arbeiten Motorenhersteller, Werften und Reedereien an Zukunftstechniken, mit der die Schifffahrt ihren ökologischen Fußabdruck minimieren kann. Versuche und Pilotprojekte beispielsweise zu Brennstoffzellen laufen bereits oder starten demnächst. Dennoch wird es noch einige Jahre dauern, bis solche Techniken so ausgereift sind, dass sie in der Kreuzfahrt eingesetzt werden können, wo Langlebigkeit und Ausfallsicherheit essenziell sind.

Einige Beispiele für anstehende Projekte:

  • Versuchsinstallation von Festoxid-Brennstoffzellen auf der MSC World Europa; das LNG-Schiff soll 2022 in Dienst gehen
  • Die Fährgesellschaft DFDS will mit der „Europa Seaways“ bis 2027 eine Hochsee-Fähre für 1.800 Passagiere entwickeln, die ausschließlich mit Brennstoffzellen betrieben werden soll.
  • gefördertes Forschungsprojekt „Pa-X-ell 2“ von AIDA / Carnival Maritime, Meyer Werft und weiteren Partnern – Testinstallation von Brennstoffzellen auf der AIDAnova ab 2021
  • Test eines Batteriesystems für „Peak Shaving“ auf der AIDAperla mit einer Leistung von zehn Megawatt (von 2020 auf 2021 verschoben)
  • „Nautilus“-Grundlagenforschungsprojekt, um eine neue Hybridtechnik aus LNG, Batteriespeicher und Brennstoffzelle für Kreuzfahrtschiffe zu entwickeln; beteiligt sind unter anderem AIDA / Carnival Maritime, Meyer Werft und Chantiers de L‘Atlantique, MAN Diesel & Turbo, Lloyd’s Register und die DLR, Projektdauer bis Juni 2024

Unter den folgenden URLs finden Sie die Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte einiger Reedereien zum Nachlesen – bei einigen ist der aktuelle Bericht zum Jahr 2019 allerdings noch nicht veröffentlicht worden:

Fazit und Ausblick 2020/21

Wäre 2020 ein normales Kreuzfahrtjahr geworden, würde man an den Berichten sicherlich überall einen sehr deutlichen Rückgang vor allem bei den Schwefeloxid-Emissionen beobachten können. Durch die Pandemie werden die Werte faktisch sehr niedrig sein, aber in keiner Weise sinnvoll vergleichbar mit 2019. Ohnehin werden die Berichte erst gegen Ende 2020 vorliegen.

Längerfristig werden die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen, drastischen Veränderungen für die Kreuzfahrt wohl einen positiven Einfluss auf die Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit der Kreuzfahrt haben.

Schon jetzt werden viele sehr alte Kreuzfahrtschiffe verschrottet. Viele weitere Schiffe mit vergleichsweise schlechter Energieeffizienz und damit verbunden hohem Schadstoffausstoß werden nach der Krise nicht mehr in Dienst gehen – teils, weil die Kapazität zunächst nicht gebraucht wird und teil, weil sie sich beispielsweise nicht sinnvoll auf die neuen Hygieneanforderungen umrüsten lassen.

Zugleich stehen zahlreiche Neubauten in den Auftragsbüchern der Werften. Zwar werden einige der Schiffe erst später als geplant fertiggestellt. Aber sie ersetzen dann die jetzt schon ausgemusterte, wenig umweltfreundliche Tonnage, verbrauchen drastisch weniger Kraftstoff und sind auch sonst mit moderner Technik wie sparsamen Wäschereien, Wassererzeugung an Bord, guten Kläranlagen und ähnlichem ausgerüstet. Insgesamt wird die Covid-19-Pandemie also wohl die Flottenerneuerung vorantreiben und die Flotten klima- und umweltfreundlicher machen.

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