Es ist ein Meilenstein in der Kreuzfahrt, aber kein so großer, wie die Bezeichnung als „World’s First Hydrogen-Powered Cruise Ship“ vermuten ließe: Viking Ocean Cruises hat kürzlich in Ancona das Aufschwimmen der Viking Astrea gefeiert, die im Juni 2027 in Dienst gehen soll. Ihr Schwesterschiff Viking Libra startet bereits im November 2026.
Die beiden neuen Viking-Kreuzfahrtschiffe haben eines gemeinsam: Sie werden Brennstoffzellen mit einer Leistung von 6,3 Megawatt an Bord haben, die direkt mit Wasserstoff gespeist werden. Die Technik mit der direkten Nutzung von Wasserstoff wird erstmals in relevantem Umfang auf einem Kreuzfahrtschiff eingesetzt. Vorausgegangen war bereits 2022 eine Versuchsanlage mit 100 Kilowatt Leistung auf der Viking Neptune.
20 Prozent weniger Emissionen
Der große Meilenstein in der Entwicklung ist der tatsächliche Einsatz von Brennstoffzellen im Echtbetrieb eines Kreuzfahrtschiffs mit Direktversorgung mit Wasserstoff ohne Reformierung eines anderen Kraftstoffs wie LNG.
In der Praxis wirkt sich das allerdings dann zwar deutlich aus, aber weniger, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Das Werftunternehmen Fincantieri gibt an, dass die bei Viking eingesetzte Technik im Jahresdurchschnitt rund 20 Prozent Emissionen im Vergleich zu Schiffen mit rein fossilem Treibstoff einspart. Voraussetzung dafür ist, dass die Tanks mit flüssigem Wasserstoff alle zwei Tage ausgetauscht werden.
6,3 Megawatt reichen längst nicht aus, um die Viking Libra und Viking Astrea komplett mit Wasserstoff zu betreiben. Entwickelt wird das System von Fincantieris Tochterunternehmen Isotta Fraschini Motori (IFM). Die Leistung soll ausreichen, um das Schiff im Hafen komplett emissionsfrei zu betreiben und zumindest zeitweise in besonders sensiblen Gebieten auch den Fahrtbetrieb zu ermöglich.
Nach den Leistungsdaten von Schwesterschiffen wie der Viking Vela zu schließen, ist wohl eine Fahrtbetrieb mit rund zehn Knoten darstellbar. Die Viking Vela hat mit herkömmlicher Antriebstechnik eine Leistung von 15,5 MW zur Verfügung.
Wie lange die Viking Libra und Viking Astrea in einem emissionsfreien Betriebsmodus mit Wasserstoff und Brennstoffzelle fahren können, hängt freilich von der Größe der Wasserstofftanks ab, die bislang nicht bekannt ist. Fincantieri nennt drei Stunden Fahrt mit zehn Knoten plus zehn Stunden Hafenliegezeit als Obergrenze.
Bei einer Reisegeschwindigkeit von 17 Knoten könnten die Brennstoffzellen mutmaßlich etwa 40 Prozent der Energie beisteuern. Zudem sind die Schiffe mit Akkus (Kapazität: 4,7 MWh) ausgestattet, die primär für Peak-Shaving vorgesehen sind und zumindest kurzzeitig zusätzlich Energie bereitstellen können.
Verflüssigter Wasserstoff für die Brennstoffzellen kommt bei der Viking Libra und Viking Astrea aus mobilen Tanks, die per LKW angeliefert und im Hafen als Ganzes ausgetauscht werden sollen. Eine Betankung des Schiffs im herkömmlichen Sinne mit Wasserstoff findet nicht statt – was derzeit mangels entsprechender Infrastruktur auch schlicht nicht machbar wäre. Der logistische Aufwand, in dem jeweiligen Häfen die Austauschtanks bereitzustellen, dürfte erheblich sein.
Wegbereiter für Wasserstoff als Kreuzfahrtschiff-Treibstoff
Aber als erster Schritt und als Wegbereiter für Wasserstoff als Treibstoff für Kreuzfahrtschiffe ist bedeutend, was Viking und Fincantieri für die beiden Schiffe entwickelt hat.
Auch AIDA Cruises hatte 2016 mit LNG einen ähnlichen Teilansatz gewählt: Die AIDAprima und nachfolgend die AIDAperla haben keine LNG-Tanks an Bord. Eine Dual-Fuel-Maschine wird stattdessen im Hafen direkt von einem Tanklastzug aus mit LNG versorgt. Erst die AIDAnova (2018) war dann das erste Kreuzfahrtschiff mit eigenen LNG-Tanks.
So, wie für AIDA damals dieser Weg sinnvoll war, weil es noch nicht die nötigen Regularien für den Betrieb von Kreuzfahrtschiffen mit LNG gab, geht nun auch Viking mit der neuen Technik voran, bevor die technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen abschließend geklärt sind. Die ganze Branche wird davon mutmaßlich profitieren, so wie AIDA die Entwicklung bei der Technik und den Regularien bezüglich LNG beschleunigt hat.
Brennstoffzellen-Fehlschlag bei Silversea Cruises, Versuchsanlagen bei MSC und AIDA, Planungen bei Explora Journeys
Große Hoffnungen auf Brennstoffzellen hatte Silversea Cruises bei den Neubauten Silver Nova und Silver Ray gesetzt, allerdings nicht direkt mit Wasserstoff betrieben. Vielmehr sollte ein „Reformer“ genanntes Gerät den Wasserstoff an Bord aus Methan/LNG gewinnen, das die Schiffe ohnehin für ihre Dual-Fuel-Motoren als Treibstoff an Bord haben.
Die PEM-Brennstoffzellen für diese Schiffsklasse sind auf vier Megawatt Leistung ausgelegt. Das würde für einen vollständigen und damit emissionsfreien Betrieb der Schiffe während der Hafenliegezeiten ausreichen. Bislang scheitert ihr Einsatz aber daran, dass der Reformer zur Umwandlung des LNG in synthetischen Wasserstoff nicht hinreichend funktioniert und neu entwickelt werden muss.
Für die Icon-Class-Schiffe hatte Silverseas Schwesterreederei Royal Caribbean International ein darauf aufbauendes Konzept für Brennstoffzellen bislang erst gar nicht umgesetzt.
Eine kleine Versuchsanlage mit Festoxid-Brennstoffzellen gibt es auf der MSC World Europa. AIDA Cruises hatte ein zeitlich begrenztes Projekt zum Testen von Brennstoffzellen ab 2021 auf der AIDAnova.
Explora Journeys hatte 2022 den Einsatz von Brennstoffzellen mit direkter Wasserstoff-Versorgung für Explora V (2027) und Explora VI (2028) angekündigt. Inzwischen hat MSCs Luxus-Marke diese Ambitionen zurückgeschraubt und setzt vorerst weiter auf LNG als Energieträger. Aktuell sieht die Planung eine große Brennstoffzellenkapazität auf der Explora VI mit Reformer-Technik vor, sodass kein Wasserstoff an Bord bereitgehalten werden muss. Für die Explora V will sich die Reederei den nachträglichen Einbau von Brennstoffzellentechnik offenhalten.




