WDR-Reportage "Ausgerechnet Billigkreuzfahrt"

Ärger um Zuschauertäuschung in einer Kreuzfahrt-Reportage des WDR

Die Kreuzfahrt-Reportage „Ausgerechnet Billigkreuzfahrt“ des WDR vom 11. Februar 2019 sorgt für Aufregung und Ärger: Der TV-Beitrag stellt einige Fakten absichtlich falsch dar und täuscht damit die Zuschauer. Der WDR hat den Beitrag nach ersten Beschwerden aus der Mediathek entfernt und Aufklärung versprochen.

Reporter Daniel Aßmann spielt für die Reportage den Touristen, der eine Billig-Kreuzfahrt in einer Innenkabine für 333 Euro im östlichen Mittelmeer unternimmt. In dem Beitrag suggeriert er eine Teilnahme der Kreuzfahrt ab Venedig und spielt dem Zuschauer vor, in einer Innenkabine zu wohnen, obwohl er tatsächlich in einer Balkonkabine untergekommen ist. Und auch eine Rechnung, die im Beitrag gezeigt wird, ist offenbar nicht regulär zustande gekommen.

Der WDR entschuldigt sich in einer Stellungnahme für die hauptsächlich kritisierte Behauptung, der Reporter haben in einer Innenkabine gewohnt: „Es entsteht im Film der Eindruck, dass der Reporter eine Innenkabine, die zum Angebot einer günstigen Kreuzfahrt gehört, selbst bewohnt. Tatsächlich hat er in einer anderen Kabine übernachtet. Dies war der Redaktion leider nicht bekannt.“ Man bedauere sehr, dass ein falscher Eindruck entstanden sei.

Laut DWDL.de prüft der WDR auch weitere Produktionen aus der gleichen Reihe. „Ausgerechnet“ wird von der externen Produktionsfirma Bavaria Entertainment für den WDR produziert.

Zu sehen ist die Reportage derzeit zwar nicht mehr in der WDR-Mediathek, aber weiterhin auf Youtube, dort wohl außerhalb der Kontrolle des WDR: https://www.youtube.com/watch?v=JDIWvPqEcXk .

Die Vorwürfe im Detail

Mehrfach sagt der Reporter in dem Beitrag, er wohne in einer Innenkabine. Zu Beginn der Reportage zeigt er diese Kabine und später lädt er andere Passagiere, die in einer Suite wohnen, zur Besichtigung „seiner“ Innenkabine ein.

Die vorgebliche Innenkabine des Reporters
Die vorgebliche Innenkabine des Reporters

Zitat Aßmann im Film: „So, 8358, die gilt es jetzt zu finden. […] So, da sind wir. 333 Euro. Jetzt wollen wir mal sehen, was es dafür gibt.“ Kabine 8358 ist auf dem Schiff in der Tat eine Innenkabine. Beim Betreten dieser Kabine mit dem Kamerateam liegt der Koffer des Reporters auf dem Bett. Auf dem Koffer-Anhänger, der kurz zu sehen ist, steht jedoch die Kabinennummer 6248 (eine Balkonkabine) und später im Film steht auch auf der vorläufigen Rechnung diese Kabinennummer.

Einschiffung im falschen Hafen

Nicht astrein ist auch die Einschiffungs-Szene. Der Beitrag spricht von einem nur vier Tage lang buchbaren Schnäppchenpreis für die Kreuzfahrt ab Venedig und zeigt die Fahrtroute ab Venedig auch im Film. Zitat der Sprecherin aus dem Off im Film: „Die Route – eine der beliebtesten Kreuzfahrtstrecken überhaupt. Durchs östliche Mittelmeer von Italien über Griechenland, Montenegro und Kroatien zurück nach Italien.“

Eindeutig: Piräus, nicht Venedig.
Eindeutig: Piräus, nicht Venedig.

Die Einschiffung des Reporters findet aber ganz offensichtlich in Piräus statt. Ab Piräus war diese Reise mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht buchbar. Erwähnt oder gar erklärt wird das im Beitrag nicht. Und zumindest dieser offensichtliche Fehler hätte bei der Abnahme des Beitrags durch den WDR auffallen können – denn die im Film sichtbaren Gebäude unterscheiden sich sehr deutlich vom Stadtbild Venedigs.

Fake-Rechnung

Problematisch stellt sich weiterhin die Zwischenrechnung dar, die Reporter Daniel Aßmann sich an der Rezeption präsentieren lässt. Die angeblich real konsumierten Getränke an Bord wurden im Kassensystem innerhalb von nur wenigen Minuten gebucht. Suggeriert wird aber, das die Rechnung das normale Verhalten des Reporters an Bord wiedergibt. Zitat Aßmann im Film: „Jetzt hab‘ ich‘s hier ja nicht wirklich krachen lassen, für mein Empfinden, hätte sich denn trotzdem ein Paket jetzt hier schon gelohnt, ein Getränkepaket?“

Rechnung mit sehr kurzen Buchungsintervallen bei den Getränken.
Rechnung mit sehr kurzen Buchungsintervallen bei den Getränken.

Die Rechnung weist Getränke für insgesamt 133,42 Euro aus. Der größte Teil der Rechnung ist im Beitrag unscharf und daher nicht lesbar. Allein aber die obersten sechs Posten, die klar erkennbar sind, wurden in einem Zeitraum von wenigen Minuten gebucht: am 13.12.2018 zwischen 18:22 bis 18:25 Uhr. Die Rechnung spiegelt also ganz offensichtlich nicht das normale Verhalten eines Passagiers wider. Aus produktionstechnischen Gründen ist das in gewisser Weise nachvollziehbar, dem Zuschauer gegenüber ist es dennoch unehrlich, wenn es nicht erläutert wird.

Eine Meinung: Fehler passieren jedem, aber absichtliche Lügen sind inakzeptabel

Als Journalist frustriert und enttäuscht mich eine solche Arbeitsweise von Kollegen. Sie ruiniert den ohnehin schon beschädigten Ruf unseres Berufsstandes noch weiter. Fakten scheinen immer weniger zu zählen, Hauptsache die „Story“ stimmt. Entertainment und Scripted Reality als Wahrheit ausgegeben. Wer soll uns Journalisten da noch glauben?

Überall wo Menschen arbeiten, passieren Fehler und Nachlässigkeiten; in einem immer hektischer werdenden Medienbetrieb genauso wie in jedem anderen Beruf und im Privatleben. Vollkommen inakzeptabel aber ist es, die Zuschauern einer TV-Reportage bewusst anzulügen, falsche Fakten zu behaupten oder zu suggerieren. Wenn ein Teil einer journalistischen Reportage absichtlich falsche Darstellungen enthält – wie glaubwürdig und verlässlich ist dann der Rest? Wie soll der Zuschauer überhaupt noch unterscheiden, was gelogen ist und was der Wahrheit entspricht?

Dabei hätte es der Reportage noch nicht einmal geschadet, dem Zuschauer die Wahrheit zu sagen. Zum Beispiel: „Wir spielen jetzt einfach mal durch, wie es wäre, wenn ich für 333 Euro in der Innenkabinen gefahren wäre. Tatsächlich aufs Schiff gehe ich übrigens erst auf halber Strecke in Piräus. Schließlich bin ich ja zum Arbeiten hier und nicht zum Vergnügen.“

Es ist schade um einen ansonsten eigentlich ganz clever gemachten Beitrag und den thematisch guten Ansatz, vor allem Kreuzfahrt-Neulingen einen Einblick in die Preise, Nebenkosten und Leistungen von Kreuzfahrten zugeben.

10 Kommentare

10 Kommentare zu “Ärger um Zuschauertäuschung in einer Kreuzfahrt-Reportage des WDR

  1. Neulich gab es auf Nat Geo People (IT) eine Doku über die Diadema. Dort sah man, die Kapitän Tatteo von Garbarino übernimmt.
    Seine Kabine 7195.
    Nun, ob der zukünftige Kapitän wirklich in einer Innenkabine schläft?

  2. @Chris: Auf Kreuzfahrtschiffen gibt es eigentlich immer eine eigene, recht große Kabine für den Kapitän im Crew-Bereich nahe der Brücke. Ich kann mir nur vorstellen – aber das ist jetzt pure Spekulation – dass in der Dokumentation der bisherige Kapitän noch an Bord war und die Kapitäns-Kabine noch nicht geräumt hatte, sodass der neue Kapitän vorübergehend in eine Passagierkabine ziehen musste, die eben gerade frei war. Zumal 7195 auf der Diadema ziemlich weit hinten am Schiff ist, sodass das als permanente Kabine für den Kapitän untauglich wäre, weil zu weit von der Brücke entfernt. Oder noch weiter spekuliert: Vielleicht gibt’s im Crew-Bereich noch eine zweite Kabine mit dieser Nummer, die dann die Kapitäns-Kabine ist?

  3. Der Kapitän war noch auf dem Schiff, man sah auch die Zeremonie für das Handover. Ich hätte jetzt spekuliert, dass man dem Kapitän fürs Handover eine Balkonkabine gibt. Aber allenfalls sind bei Costa ja alle gleich…
    Auf der Favolosa war ich auf der Brücke, ich kann mich aber nicht mehr an die Nummer der Kapitänskabine erinnern.

  4. Naja, wie gesagt, da kann man nur spekulieren. Wenn er das Kommando übernimmt, sollte er danach auch direkt in die Kapitänskabine ziehen – einfach um nahe am Arbeitsplatz zu sein, v.a. auch in Hinblick auf Notfällen. Welche Kabine er vor der Übergabe bekommt, dürft schlicht davon abhängen, wo gerade etwas frei ist. Jedenfalls wird die Reederei dafür nicht eine Balkonkabine blocken, die sie anderweitig an Passagiere verkaufen könnte ;-)

  5. Lieber Franz,
    ich glaube, diese gescriptete Reportageform ist nicht das taugliche Objekt, um von „Zuschauertäuschung“ und „absichtlichen Lügen“ zu sprechen. Da begibst du dich auf ein sehr hohes Ross, das du dir nur leisten kannst, weil du als Schreiber nie in die Zwangs-Situation kommst, deine Geschichte durch Filmszenen erzählen zu müssen. Da hast natürlich recht, der Autor hätte relativ einfach durch eine launige Schnurre im Off-Text erklären können, dass der Protagonist von der Reederei upgegradet wurde und nicht selbst in der Innenkabine (die sogar gebucht und bezahlt wurde!) schlief. Aber im Film wird von ihm auch nicht thematisiert, wie ER sich in der Kabine FÜHLT. Er sagt lediglich, und das ist korrekt, dies sei SEINE Kabine aus der Buchung. Ist, wie gesagt, eine Grauzone. Und ich hätte es auch für die Reportage durchaus als Gewinn gesehen, wenn es solche Szenen gegeben hätte. Weil die Zuschauer sicher interessiert daran gewesen wären, wie der Protagonist sich denn so fühlt in einer fensterlosen Kabine: Ob einem die Gefängnisanmutung auf den Geist geht, und die Urlaubsfreude stört, oder ob das eigentlich doch ganz locker ist, und man mit dem gesparten Geld lieber schöne Dinge an Bord oder auf Ausflügen sich leistet…
    Die Sache mit der Einschiffung. Wie schon gesagt, du als Schreiber kommst nie in solche Situationen. Aber ich als Filmer habe schon häufiger erlebt, dass Häfen Aufnahmen strikt untersagen wegen angeblicher Terror-Restriktionen. Ich weiss nicht, ob das in Venedig so ist. Aber das könnte auch ein Grund sein für die Szenen des Eincheckens vor dem Schiff an einem anderen Hafen. Diese Szenen dienen ja auch nur als Kulisse für einen schmonzettenhaften Aufsager. Sie haben keinen Einfluss auf die journalistische Bewertung des Themas.
    Die Sache mit der Rechnung. Auch da gibt es wahrscheinlich eine filmische Notwendigkeit. Höchstwahrscheinlich wurden alle Belege der Crew automatisch auf ein Gesamtkonto gebucht (wäre ja logisch in so einem Produktions-Ablauf, wo einer mal schnell für die Crew Getränke bestellt, und das hinterher nicht aufgedröselt wird in Einzelquittungen). So eine Zwischenrechnung kannst du natürlich nicht abfilmen. Also hat die Rezeption wahrscheinlich die Positionen des Protagonisten herausgezogen, so, als wäre er Einzelgast gewesen, und daraus diese Kopie erstellt für die Kamera…
    Ich hoffe, du und deine Leser hier verstehen, dass man in einer unterhaltsamen Film-Reportage (es geht hier nicht um Aufdeckung eines Skandals mit höchster Präzision) manchmal Schnittbilder inszenieren muss, die die Story besser untermalen. Das ist so lange auch keinen Aufschrei wert, so lange sie eine Aussage und das real Erlebte nicht verfälschen.
    Ich finde die Reaktion des WDR ziemlich hysterisch. Denn die Reportage hat für meinen professionellen Background das Thema Billig-Kreuzfahrt sehr anschaulich und auch ausgewogen – und auch durchaus unterhaltsam – dargestellt. Ihr jetzt den Makel „Zuschauertäuschung“ anzuhängen, finde ich auch nicht sehr redlich.

  6. Lieber Jürgen,

    ich verstehe Deine Argumente, kann sie nachvollziehen und akzeptiere auch vollkommen, dass es Zwänge und Herausforderungen bei der TV-Produktion gibt, die solche Dinge notwendig machen. Das ist nicht per se verwerflich, sondern oft pure Notwendigkeit. Insofern steige ich da jetzt mal vom hohen Ross auf ein Pony um ;-)

    Drei Aspekte sind mir aber dennoch wichtig:

    a) Wir sind Medienprofis (Du im TV-Bereich natürlich noch viel mehr als ich), kennen all diese Zusammenhänge und Zwänge und wissen, wie das zustande kommt und einzuschätzen ist. Der unbedarfte Zuschauer aber weiß all das nicht und kann es auch nicht einschätzen. Deshalb sehe ich eine große Gefahr in Hinblick auf journalistische Glaubwürdigkeit.

    b) Ich denke, es kostet nur minimalen Aufwand, solche Dinge dem Zuschauer transparent zu machen und das würde einen großen und entscheidenden Unterschied machen.

    c) Ich halte es trotz aller Argumente für journalistisch nicht akzeptabel, gerade in einer solchen Produktion, wo es um Billigpreis, Innenkabine, mögliche Einschränkungen durch die Billig-Kategorie geht, die Verhältnisse nicht zumindest durch eine Randbemerkung für den aufmerksamen Zuschauer transparent zu machen. Denn gerade weil es thematisch genau um die Unterscheidung zwischen „billig“ und „normal/Standard“ geht, hat das für mich eben doch eine potenzielle Auswirkung auf die journalistische Bewertung.

    Also: Ich stimme Dir zu, dass es sicherlich kein großer Skandal ist. Den Beitrag deshalb gleich aus der Mediathek zu löschen, ist sicherlich rein sachlich betrachtet eine überzogene Reaktion. Journalistisch sauber finde ich es dennoch nicht. Und wenn man sich die Reaktionen der Leute z.B. bei Facebook anschaut (und um die dort immanente Aufgeregtheit und Übertreibung abzieht) ist es eben doch etwas, das negativ wirkt und das sich hätte vermeiden lassen.

    Herzliche Grüße,
    Franz

  7. Die gesamte „Ausgerechnet….“ Reihe hat für mein Empfinden eher Soap als Doku Charakter. Zur Unterhaltung nett, als Informationsquelle unzureichend.

  8. Meines Erachtens liegt ein Gutteil des Grundes für solche „halbseidenen“ Beiträge – ob im TV oder im Printbereich – an Auftraggebern, die einen Beitrag bestellen und dem Reporter das gewünschte Recherche-Ergebnis gleich mitgeben, statt darauf zu warten, was eine ehrliche, saubere Recherche ergibt. Das ist mir bei Magazin-Redaktionen (Print) schon ebenso passiert wie in einem über zweistündigen TV-Interview, das deswegen so lang war, weil der Interviewer immer wieder versuchte, mich durch veränderte Fragestellung zur gewünschten Aussage zu zwingen. Pardon, aber wenn es, wie Kollege Drensek sagt, bei TV-Reportagen Zwänge gibt, die unsaubere Faktenwiedergabe unumgänglich machen, dann ist das Format falsch angelegt, nicht die Reportage. Und weil das zu oft passiert, hat sich Helmut Schmidt über viele Jahre geweigert, TV-Auftritte zu akzeptieren, in denen er die in Rede stehenden Themen nicht erschöpfend erklären konnte. Die Frage ist, was der „Macher“ der Sendung als „Prio 1“ definiert – eine Wiedergabe hart an den Fakten, oder eben Kompromisse im Sinne einer besseren Umsetzbarkeit. Mühe geben hilft da viel! Denn der alte Grundsatz bleibt ja: Einer muss sich quälen, der Journalist oder sein Konsument. Ich bin der Meinung: Der Journalist muss sich quälen, und zwar so lange, bis die Chose stimmt, lupenrein ist und sich gut anfühlt. Der Auftraggeber – TV-Sender mit Schnitt und allem, was dazu gehört – hat in der Recherchephase nichts zu suchen, bis alle Fakten auf dem Tisch liegen.

  9. @Oliver: Meine Journalisten-Ausbildung war so, dass ich das 1:1 unterschreibe, zumindest in der Theorie. Die Realität ist leider viel trauriger. Ich denke, es spielt auch eine Rolle, dass der Journalismus sich in weiten Teilen heute teils als Entertainment versteht (das unter jouralistischen Aspekten so unsäglichen „Infotainment“), bei dem Fakten nicht mehr so wichtig sind, Hauptsache die Richtung stimmt irgendwie mit dem überein, was man vermitteln will und es ist alles ganz lustig, flockig-locker und bling-bling. Leider beißt sich für mich da aber eben die Katze in den Schwanz: Damit ich etwas vermitteln kann, muss mir der Empfänger der Botschaft vertrauen und mich ernst nehmen. Und ich frage mich, wie das funktionieren soll, wenn ich es schon mit den einfachen Fakten nicht so genau nehme. Journalismus und Entertainment ist inzwischen an vielen Stellen so ineinander übergegangen, dass man die Grenze dazwischen nicht mehr findet.

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