Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors
"sponsored by Oceania Cruises" - was bedeutet das fĂĽr cruisetricks.de?

Heftiger Streit um neue Overtourismus-Anordnung der Hafenbehörden von Santorini

Auf der von Overtourismus geplagten, griechischen Insel Santorini ist ein heftiger Streit zwischen den Hafenbehörden, lokalen Touranbietern und der Kreuzfahrtbranche ausgebrochen. Hintergrund ist eine kurzfristige Anordnung, in welchem Verhältnis Kreuzfahrt-Reedereien ihre Passagiere auf zwei alternative Piers verteilen müssen. Die Behörden argumentieren mit einer besseren Verteilung der Besucherströme, Reedereien sehen dagegen sogar ein Sicherheitsrisiko für ihre Passagiere.

Der sonst sehr diplomatische Präsident und CEO der Branchenvereinigung Clia, Bud Darr, wird in einer Podiumsdiskussion am 2. Juni 2026 auf der Schifffahrtsmesse Posidonia in Athen sehr deutlich und emotional: „Das ist nicht nur eine Unannehmlichkeit. Das ist nicht nur eine Störung des Geschäftsbetriebs. Das wird mittlerweile auch zu einem Sicherheitsproblem.“ Er äußerte sich wütend darüber, das ausgerechnet eine der seiner Einschätzung nach Top-5-Kreuzfahrt-Destinationen der Welt beim Management von Overtourismus so kontraproduktiv und unkooperativ agierte.

Worauf bezieht Bud Darr seine Vorwürfe? Im März hatte die Hafenbehörde von Thira einen Bescheid erlassen, nach dem Kreuzfahrt-Reedereien 70 Prozent ihrer Passagiere am Anleger Ormos Thiron an Land bringen müssen (von dort geht die Seilbahn und der Eselssteig hoch nach Thira) und nur 30 Prozent in Athinios. Letzteres ist der Fährhafen von Santorini, wo Touranbieter die Passagiere mit Bussen und Taxis auf Landausflüge bringen.

Die Regelung ziele darauf ab, „die Besucherströme besser zu steuern, die Sicherheit von Passagieren und Fahrzeugen zu erhöhen, den Hafen von Athinios zu entlasten, den reibungslosen Betrieb der Hafenanlagen zu gewährleisten und ein nachhaltiges Tourismusmanagement auf der Insel sicherzustellen“ zitiert das Lokalmedium Atlantea die Begründung der Behörden für diese Entscheidung.

Bud Darr hält das jedoch für den komplett falschen Weg: „Was haben wir vorher gemacht? Wir haben die Gäste aufgeteilt, damit ein Großteil nach Athinios geht, wo die Landausflüge, die nicht zur Seilbahn führen, viel besser organisiert werden können. Der Druck, den die Einheimischen auf ihre Gemeinde empfinden, wurde dadurch erheblich gemildert. Wir versuchen hier, gute Partner zu sein, wir geben unser Bestes. Und das jetzt steht in völligem Widerspruch dazu, ein Problem gemeinsam ernsthaft lösen zu wollen.“ (Anmerkung: in dem Video verwechselt Bud Darr die beiden Piers Athinios und Thira, wir haben das im Zitat zur Sinnwahrung korrigiert).

Die kurzfristige Anordnung für ein Verteilung im Verhältnis 70 zu 30 dürfte nun nicht nur die Abwicklung bereits geplanter und gebuchter Ausflüge schwierig machen, sie durchkreuzt auch die Pläne von individuell an Land gehenden Passagieren, die von Athinios aus mit dem Taxi die Insel erkunden und gezielt den Engpass an der Seilbahn in Thira vermeiden wollen.

Mit der Kritik ist Bud Darr und die Clia nicht allein. Manolis Koronios, Präsident des Verband der Tourismusbüros und Busunternehmen von Thira, schreibt in einem Statement unter anderem: „Warum zerstört die Hafenbehörde die reibungslosen und problemlosen Abläufe, die wir in Athinios erreicht hatten, weigert sich, mit uns zu sprechen, und versteht nicht, was wir von Anfang an gesagt haben, nämlich dass ein sehr großer Teil der Kreuzfahrtausflüge bereits gebucht ist (…)?“

Koronios kritisiert auch, dass sein Verband nicht in die Entscheidung eingebunden worden sei. Mündlich hab man zuvor ein Verhältnis von 60 zu 40 in Aussicht gestellt bekommen, was in etwa den bisherigen, tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen würde.

Die Stadtverwaltung von Thira argumentiert dagegen, man habe die Infrastruktur in Zusammenhang mit der Seilbahn verbessert, so dass die Situation dort besser sei als in den Vorjahren. Die jüngste Verordnung sei eine Managemententscheidung zur rationellen Verteilung der Besucherströme.

Bereits Anfang 2024 hatte Santorini Beschränkungen für die Kreuzfahrt beschlossen, die ab 2025 durchgesetzt wurden. Demnach sind maximal 8.000 Kreuzfahrt-Passagiere pro Tag auf der Insel erlaubt, Anläufe wurden damals teils sehr kurzfristig gestrichen.

Seit 2025 gibt es außerdem eine Touristen-Gebühr in allen griechischen Häfen, die für Landgänge in Santorini je nach Saison zwischen 4 und 20 Euro beträgt. Juristisch umstritten ist hier, ob Kreuzfahrtreedereien diese Gebühr von ihren Passagieren vor Ort kassieren dürfen oder in den Reisepreis einkalkulieren müssen.

Overtourismus hat in Santorini eine lange und unerfreuliche Geschichte. Zu viele Touristen, nicht nur von den Kreuzfahrtschiffen, sorgen hier immer wieder für heftigen Streit. Laut Greek Travel Planner sind etwa 40 Prozent der Santorini-Touristen Kreuzfahrer. Zuletzt war die Situation auf politischer Ebene im Juli 2024 eskaliert, als der Gemeindepräsident der Stadt Thiera auf Santorini via Facebook eine Art Ausgangssperre für Einheimische für einen Tag propagiert hatte, an dem allein rund 17.000 Kreuzfahrt-Touristen erwartet worden waren.

Kommentar schreiben

Über den Autor: FRANZ NEUMEIER

Franz Neumeier
Über Kreuzfahrt-Themen schreibt Franz Neumeier als freier Reisejournalist schon seit 2009 für cruisetricks.de und einige namhafte Zeitungen und Zeitschriften. Sein Motto: Seriös recherchierte Fakten und Hintergründe statt schneller Schlagzeilen und Vorurteile, damit sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. TV-Reportagen zitieren ihn als Kreuzfahrt-Experten und für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er wird regelmäßig in die Top 10 der „Reisejournalisten des Jahres“ gewählt und gewann mit cruisetricks.de mehrfach den „Reiseblog des Jahres“-Award.

Schreibe einen Kommentar

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.

Hinweis: Neue Kommentare werden aus technischen Gründen oft erst einige Minuten verzögert angezeigt.
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner