Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

„Lokale Kultur und Natur intensiv und hautnah erleben“ – Interview mit Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

Inmitten der Coronakrise kündigt ein Unternehmer die Gründung einer neuen Kreuzfahrt-Reederei an. Mit zwei neu gebauten Schiffen und der britischen Traditionsmarke Swan Hellenic will CEO Andrea Zito ab November 2021 in den Expeditions-Kreuzfahrtmarkt einsteigen. Cruisetricks.de hat ihn per Skype zum Interview getroffen.

In der finnischen Helsinki Shipyard lässt Swan Hellenic zwei Expeditionskreuzfahrtschiffe bauen, die im November 2021 und April 2022 in Dienst gehen sollen. 152 Passagiere und 120 Crewmitglieder sollen auf den Schiffen mit den Projektnamen Vega 1 und Vega 2 Platz finden. Intensive Abenteuer-Kreuzfahrten in entlegene Regionen der Welt für erfahrene, internationale Kreuzfahrer will Swan Hellenic anbieten. Auch in Düsseldorf eröffnet die Reederei ein Büro. Von dort aus soll der deutsche und internationale Markt bedient werden.

Im Skype-Interview mit Cruisetricks.de gibt CEO Andrea Zito von seinem Büro in Monaco aus einen Einblick in die bisherige Planung, was Swan Hellenic vorhat und wer hinter der neuen Reederei unter der Traditionsmarke steckt. Unsere erste Frage …

Franz Neumeier (cruisetricks.de) im Skype-Interview mit Andrea Zito, CEO Swan Hellenic (links).

Warum geht ein neues Kreuzfahrt-Unternehmen ausgerechnet mitten in der Corona-Krise an den Start?

„Wir haben natürlich nicht erst während der Pandemie angefangen. Das war schon vor fast einem Jahr“, erzählt Andrea Zito. Deshalb seien die Vorbereitungen auch schon viel weiter fortgeschritten, „als dass das jetzt nur eine ‚hier sind wir und wie beleben die Marke neu‘-Ankündigung wäre. So ist das eher ungewöhnlich, aber wir müssen es halt so nehmen, wie es ist.“

„Wir haben natürlich nicht erst während der Pandemie angefangen.“
Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

Die Ankündigung des Neubeginns von Swan Hellenic hatte CEO und Miteigentümer Andrea Zito ursprünglich für den denkbar ungünstigen Zeitpunkt geplant: zum weltweit wichtigste Kreuzfahrt-Kongress, der Seatrade Miami im April 2020. Daraus wurde nichts.

„Alles, was ich Ihnen zur Planung für Swan Hellenic erzähle, begann vor der Pandemie“, sagt Andrea Zito. Dann kam die Pandemie. „Dann haben wir entschieden, erst einmal still zu bleiben. Wir dachten, es sei einfach nicht richtig, mitten in solch einer nie dagewesenen Situation damit herauszukommen. Aber wir haben nicht aufgehört, zu arbeiten und auch die Schiffe werden weiter gebaut.“

 Zur ersten Antarktis-Kreuzfahrt mit einem der beiden Neubauten startet Swan Hellenic im November 2021. Zito: „Wir glauben, dass ist der richtige Zeitpunkt. Die Saison 2020 ist ohnehin gelaufen, auch Teile von 2021. Wir werden sehen. Jedenfalls wird es für kleinere Schiffe mit weniger Menschen an Bord sehr viel einfacher sein. Das ist eine viel besser kontrollierbare Umgebung.“

Wer steckt hinter der neuen Swan Hellenic?

Swan Hellenic ist eine vor allem am britischen Markt bekannte und traditionsreiche Kreuzfahrtmarke. Die Ursprünge von Swan Hellenic gehen in die 1930er-Jahre zurück. Das bekannteste Schiff der Reederei war die Minerva, mit der Swan Hellenic bis 2017 unterwegs war. Die Muttergesellschaft All Leisure Holidays ging pleite, die Marke wurde an G Adventures verkauft, wo sie aber letztlich nicht genutzt wurde.

Dann trat Andrea Zito auf den Plan. Sein Bezug zu Swan Hellenic stammt schon aus seiner Zeit V-Ships, wo er unter anderem als Head of Technical Services und der Passenger Division tätig war. 30 Jahre Kreuzfahrt-Erfahrung habe er, 20 Jahre im Expeditionsbereich, sagt Zito. Sowohl mit Swan Hellenic als auch G Adventures hatte er in seiner Zeit bei V-Ships zu tun.

Andrea Zito suchte und fand Investoren, steckt selbst Geld in das Unternehmen und bestellt zwei neue Expeditionskreuzfahrtschiffe in der Werft Helsinki Shipyard Oy. Und wer sind die Investoren? „Ich selbst bin Shareholder“, sagt Zito, außerdem russische Investoren, die er schon lange kenne du die auch wesentliche Anteile an Vodohod halten – einem großen, russischen Kreuzfahrtanbieter. Es gebe aber weitere europäische Investoren. Swan Hellenic sei also nicht vollständig in russischer Hand russischer, sondern eher ein europäisches Unternehmen.

Die Schiffe: Projektnamen „Vega 1“ und „Vega 2“

Apropos: Waren die beiden Schiffe nicht ursprünglich für Vodohod vorgesehen? Zito: „Nein, die waren nie für Vodohod vorgesehen. Aber Vodohod hat Kontakte zur Werft in Helsinki, also gab es Spekulationen, dass die Schiffe für die Marke Vodohod seien. Irgendjemand zog diesen Rückschluss, niemand dementierte es, also kursierte das Gerücht weiter. Aber das war nie der Fall.“

Projektname "Vega"
Computerzeichnung der neuen Expeditionsschiffe mit Projektname “Vega” (Bild: Swan Hellenic)

Hubschrauber? U-Boot?

Einige andere Neubauten von Expeditionskreuzfahrtschiffen haben Hubschrauber oder U-Boote an Bord. Warum hat sich Swan Hellenic gegen solche Features entschieden? Zito erklärt, das sei Teil des Tradition von Swan Hellenic. Die Kreuzfahrten seien auf kulturelle Aspekte ausgerichtet und man wolle so an den Reisezielen so respektvoll und nachhaltig wie möglich auftreten.  

Anders sehe das bei U-Booten aus. „Ich habe meine Karriere in der Offshore-Industrie begonnen, kenne mich sehr gut mit Tauchen und Aktivitäten unter Wasser aus.“ In der Arktis beispielsweise gebe es unter Wasser ohnehin nicht viel zu sehen. „Aber was wir haben werden, sind RUV, unbemannte U-Boote. Mit einer Video-Wand an Bord in der Lounge hast Du ohnehin einen viel besseren Blick und es ist sicherer, als selbst in einem U-Boot zu sitzen.“

Besondere Zodiacs

Als Expeditionsschiffe sind „Vega 1“  und „Vega 2“ mit Zodiac-Schlauchbooten für Anlandungen ausgestattet. Aber Swan Hellenic wolle noch einen Schritt weitergehen, sagt Zito: „Wir denken darüber nach, zusätzlich Boote mit stabilerem Rumpf zu haben, die etwas schneller sind als Zodiacs, für Ausfahrten ohne Anlandung.“ Gedacht seien diese Boote vor allem auch als Service für weniger bewegliche Passagiere, die sich in Zodiacs unsicher fühlten und keine Anlandungen machen könnten.

Wer ist die Zielgruppe für die Kreuzfahrten von Swan Hellenic?

Andrea Zito: „Unsere Vorstellung ist es, der Marktführer bei kulturell orientierte Expeditionskreuzfahrten zu sein. Wir zielen auf den erfahrenen Reisenden, der mit Eleganz durch die Welt reisen will. Erfahrene Reisende sind weniger gebunden an ihre heimischen Essensgewohnheiten, an die Muttersprache und so weiter, also international orientiert. Sie fühlen sich überall auf der Welt wohl.“

„Erfahrene Reisende wollen lokale Kultur und die Natur intensiv und möglichst hautnah erleben, und das ist es, wofür Swan Hellenic steht.“
Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

Swan Hellenic sei also klar eine Marke für den internationalen Markt, hauptsächlich englischsprachig, also mit Großbritannien, USA und Australien als wesentliche Quellmärkte.  Zito: „Aber ich wüsste auch nicht, warum sich bei einem interessanten Produkt mit interessanten Fahrzielen nicht auch Deutsche, Franzosen, Italiener oder Chinesen an Bord unserer Schiffe wohlfühlen sollten. Bordsprache wird Englisch sein, aber die Ausrichtung ist international.“

Was ist das Besondere an Swan Hellenic? Was haben andere nicht?

Die neuen Schiffe seien „sehr sorgfältig, sehr intelligent geplant und wirklich state-of-the-art“, sagt Zito. Das solle nicht arrogant klingen, aber er sei einfach überzeugt davon, dass es so sei.

„Wir wollen, dass die Passagiere das so hautnah wie möglich erleben.“
Andrea Zito, CO Swan Hellenic

„Wir hatten bei der Gestaltung das Erlebnis für die Passagiere als zentrales Ziel. Sie sollen komplett und ohne Barrieren in die Welt eintauchen, in der sie gerade reisen. Es geht um die Magie der Umgebung und der Szenerie. Die Wahrnehmung, dass man ein ganz kleiner Mensch auf einem riesigen Kontinent ist. Wir wollen, dass die Passagiere das so hautnah wie möglich erleben.“

Die Schiffe hätten deshalb sehr große Außenbereiche. Selbst bei schwierigem Wetter wollten Expeditionskreuzfahrt-Passagiere unbedingt draußen sein. „Wir geben ihnen aber auch die Gelegenheit, sich bei nur geringen Barrieren nach draußen aufzuhalten, in den Kabinen, in öffentlichen Bereichen. Genau so haben wir das Schiff gestaltet“, sagt Zito.

Praktischer Luxus statt Gold und Barock

Beim Begriff „Luxus“ fühlt sich Andrea Zito offensichtlich unwohl. „Wir werden ein Luxusprodukt sein, aber wir vermeiden den Begriff“, sagt er. „Was wir für Expeditionen wollen, ist Eleganz in einer Umgebung, die von luxuriösem Understatement geprägt ist. Was wir nicht wollen, ist Gold und Barock, was ja oft mit Luxus assoziiert wird.“

„Wir werden keinen Butler-Service in den Kabinen haben, aber einen Butler für die Expeditionsausrüstung.“
Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

“Wir werden keinen Butler-Service in den Kabinen haben“, verspricht Zito, „aber einen Butler für die Expeditionsausrüstung.“ Der soll sich beispielsweise darum kümmern, dass Polarstiefel gereinigt, Anoraks sauber und trocken bereitstehen.

„Luxus hat manchmal falsche Zwischentöne wie Glitzer, manchmal auch wenig umweltfreundlich, oder als Produkt selbst zu dominant. Wir wollen aber gerade das unsichtbar machen, weil das, was draußen stattfindet, das interessante, die Emotion, das Erlebnis ist. Das Schiff ist dazu nur Mittel zum Zweck.“

Und noch etwas Unterscheide die beiden neuen Schiffe von anderen, holt Andrea Zito ein wenig aus: „Ich habe in den 15 oder 20 Jahren, die ich jetzt in der Expeditionskreuzfahrt bin, schon deutlich mehr als 25 Schiffe gemanagt. Aber keines dieser Schiffe war perfekt geeignet für diesen Zweck. Kein Frage, sie waren alle geeignet, aber immer mit vielen Kompromissen. Jetzt kommt die Ära von Expeditionsschiffen, die genau für diesen Zweck gebaut und nicht nur dafür umgebaut wurden, wie konvertierte Eisbrecher oder Fähren.“

Fahrtgebiete und -routen bei Swan Hellenic

Viele Fahrtrouten der beiden Swan-Hellenic-Schiffe sind bereits auf der Website der Reederei veröffentlicht. Mehr Details dazu sollen in den kommenden Wochen vorgestellt werden.

„Es ist immer noch möglich, sehr interessantes und einzigartiges zu finden“
Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

Bringt die enge Verbindung zu russischen Investoren und Vodohod Vorteile bei Reisen in der russischen Arktis? „Ja“, sagt Andrea Zito, „ganz sicher. Wir können beispielsweise sehr interessante Kombinationen aus Fluss- und Hochseekreuzfahrt machen.“ Als Beispiel nennt er eine Fahrtroute, die in Dudinka am sibirischen Fluss Yenisei beginnt und über Franz-Josef-Land und Spitzbergen nach Tromsö in Norwegen führen soll.

„Die Welt ist groß und klein zugleich. Jede fährt überall hin. Aber es ist immer noch möglich, sehr interessantes und einzigartiges zu finden“. Deshalb, so Zito, statte Swan Hellenic die Schiffe mit der Eisklasse PC5 aus, um sich eben in polaren Gewässern mehr Möglichkeiten zu eröffnen und in Regionen fahren zu können, die andere nicht erreichen.

Was würde Andrea Zito am meisten reizen, wenn er sich für eine einzige Expeditionskreuzfahrt entscheiden müsste?

“Alles”, sagt er und lacht. „Ich bin ständig am Reisen, das ist eines meiner Hobbys. Wo würde ich hinfahren? Ich glaube, Südost-Asien. Ich war noch nie in Papua-Neuguinea. Noch nicht.”

„Du hinterlässt keine Spuren Deiner Anwesenheit.“
Andrea Zito, CEO Swan Hellenic

Und dann gerät Andrea Zito ins Schwärmen: „Das Einzigartige an Schiffen ist, dass sie Dir erlauben, auf die abgelegensten Inseln zukommen, wo Menschen fast schon in einer Art Zeitmaschine leben. Das Schiff kommt an und Du tauchst komplett in die Kultur, die Umwelt ein und wenn Du wieder gehst, bleibt alles komplett intakt, Du hinterlässt keine Spuren Deiner Anwesenheit. Für ein vergleichbares Erlebnis an Land müssten Hotels oder Ressorts gebaut werden und Straßen. Müll bleibt zurück. Und so weiter …“

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