Selfie-Touristen in Venedig

Meinung: Overtourism lässt sich nur mit modernem Tourismus-Management in den Griff bekommen

Was zuvor als unmöglich galt, war während der Pandemie plötzlich Realität: absolut kein Tourismus, monatelang, teils jahrelang. Das hat vielerorts einen Perspektivenwechsel ausgelöst und aufgezeigt, wo es Alternativen zu unkontrolliertem Massentourismus gibt. Sollte man Tourismus, wie wir ihn bislang kennen, womöglich einfach abschaffen?

Overtourism ist in der abklingenden Pandemie noch nicht zu seinen schlimmsten Auswüchsen zurückgekehrt. Doch einzeln Destinationen stöhnen schon wieder. Andere finden neue Lösungen. Wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt für Veränderungen? Zeit, um Tourismus neu zu denken?

Warum ich kein Tourist mehr sein möchte“ titelte meine Journalistenkollegin Annabel Dillig in einer inzwischen vier Jahre alten Kolumne in der Süddeutschen Zeitung. Sie bringt in ihrem Text das ganze Dilemma des Tourismus auf den Punkt, nicht nur des Massentourismus, sondern jeder Art von Tourismus. Die Unausweichlichkeit des Desasters, das Tourismus vielerorts anrichtet.

Man will der Autorin in jedem Wort zustimmen. Auch deshalb, weil sie nicht die üblichen Vorurteile gegen Tourismus reitet und nicht wie sonst Autoren zu diesem Thema häufig auf den ebenso einfachen wie arroganten Standpunkt zurückzieht, nur einsamer Individualtourismus sei vertretbar. Denn das würde verkennen, dass diese Forderung den weitaus größten Teil der Menschen vom Verreisen ausschließen würde, nach dem Prinzip: „Soll der Pöbel doch weiter in der Fabrik buckeln, Hauptsache ich habe die Almwiese für mich allein.“

Dennoch bleibt nach der Lektüre der Kolumne ein schaler Nachgeschmack; da fehlt etwas; ein „das kann‘s ja wohl nicht sein“-Gefühl.

Und dann fällt mir auf, was das Problem ist: Der Text beschäftigt sich nur mit Tourismus, ohne Kontext. Als ob es den Rest der Welt, den Rest unserer globalen Wirtschaft, unsere ebenso offenen wie verkorksten Gesellschaft nicht gäbe.

Als ob wir nur aufhören müssten, „Touristen“ zu sein und schon wäre alles gut. Aber das ist ja nicht so.

„Kein Tourismus“ beruhigt nur das eigene Gewissen, schafft aber neue Probleme

Erstens: Was würde mit den Städten, Regionen und Ländern geschehen, die bislang nicht nur von Touristen überflutetet sind (oder zumindest bis vor der Pandemie wurden), sondern auch wirtschaftlich vom Tourismus abhängig sind? Strukturwandel geschieht langsam, ein schnelles Ausbleiben des Tourismus würde diese Regionen vor enorme Probleme stellen.

Die Pandemie hat die Folgen eine solchen harten Schnitts deutlich gezeigt.

Ein positiver Nebeneffekt der Pandemie ist, dass die eine oder andere Region gemerkt hat, dass sie weniger vom Tourismus abhängt und flexibler ist, als zuvor immer angenommen. Sie hat in manchen Regionen die Augen der Verantwortlichen dafür geöffnet, wie man auch mit weniger Tourismus zurechtzukommen.

Aber sind wir ehrlich: Würden wir nicht mehr Touristen sein, nicht mehr auf diese Weise verreisen, könnten wir uns zwar unser Gewissen schönreden. Wir würden aber gravierende, neue Probleme schaffen, auch wenn wir die dann nicht mehr wahrnehmen würden, weil wir ja nicht mehr vor Ort wären.

Tourismus ist nur ein Aspekt von vielen in einem globalisierten Problem-Konstrukt

Zweitens: Tourismus ist längst nicht der einzige Wirtschaftszweig, der in unserer globalisierten Welt Probleme, soziale Verwerfungen, Umwelt- und Klimaschäden anrichtet. Jedes Smartphone, welches wir alle zwei Jahre neu kaufen, kommt mit einem per Schweröl angetriebenen Containerschiff aus Asien zu uns. Jedes Billig-T-Shirt, von Kindern in Asien oder Mittelamerika gefertigt, versaut unsere soziale und Umwelt-Bilanz. Und so weiter.

Als Touristen erleben wir die Abhängigkeit der Menschen in den Urlaubsländern nur sehr hautnah und stellen sehr direkt fest, so wie die Autorin der SZ-Kolumne, dass wir uns im Urlaub beispielsweise von billigen Hilfskräften in einer Weise bedienen lassen, wie uns das zu Hause höchst unangenehm wäre. Da tragen wir unsere Koffer selbst, während das im Urlaub jemand für uns macht.

Wenn man um Urlaub auf solche Dinge achtet, ist da ein bedrückendes Ungleichgewicht, keine Frage. Aber das Smartphone, das Billig-T-Shirt, fast alle unsere täglichen Konsumgüter werden von ebenso unterbezahlten und unterprivilegierten Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen hergestellt. Keiner kommt auf die Idee, deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben und – äquivalent zum Koffertragen – das Smartphone lieber selbst zusammenzubasteln. Klar, das wäre auch absurd. Aber wie groß ist denn der Unterschied wirklich, ob ich mich im Urlaub direkt bedienen lasse, oder auf große Distanz anonym, aber genauso billig?

Einkommensentzug ist keine Lösung, zumindest nicht kurz- und mittelfristig

Drittens: Ist es wirklich sinnvoll, dem Kofferträger am Urlaubshotel sein (zugegeben, viel zu niedriges) Einkommen zu entziehen, indem ich einfach nicht mehr dort hinfahre? Das löst das Problem doch nicht, oder? Es macht nur jemanden, dem es in meinen Augen ohnehin schon nicht gut geht, auch noch arbeitslos. Zumindest auf kurze Sicht ist das auf jeden Fall so. Und wie arrogant ist es eigentlich, dass ich darüber entscheiden, was für den Kofferträger gut ist und was er zu wollen hat?

Grundsätzlich ist Tourismus nicht nur eine Belastung, sondern kann auch zu einem gewissen Teil zum Ausgleich von Reich und Arm beitragen, Geld von reichen in arme Länder transferieren, ohne dass wir den Umweg über das Entwicklungshilfe-Ministerium, über EU-Strukturfonds und dergleichen gehen müssen. Wohl gemerkt: Tourismus tut das nicht automatisch, kann es aber leisten, wenn die Weichen richtig gestellt sind.

Tourismus nicht ablehnen, sondern verändern und modernisieren

Viertens: Tourismus ist ohnehin nicht per se schädlich. Es kommt also viel mehr darauf an, wie wir Tourismus in Zukunft gestalten. Wie wir unseren eigenen Tourismus gestalten und wie die Ziel-Regionen Tourismus bei sich gestalteten.

Ein absolutes Auslaufmodell ist die Vorstellung, Touristen über eine Region herfallen zu lassen, als Stadt, Region oder Land wie die Maus vor der Schlange zitternd in der Ecke zu sitzt und den Dingen ihren Lauf zu lassen, egal wie schlimm es kommt.

Graffiti an einer Hauswand in Venedig

Gefragt ist das, was immer mehr Regionen und Städte tun, teils auch als Lehre aus der Pandemie: aktives Tourismus-Management und steuernde Eingriffe wie etwa in Barcelona, in Bergen und an immer mehr Orten. Jeder Ort braucht freilich eigene, genau passende Lösungen. Das eine Wundermittel gibt es nicht. Weitere Beispiele dafür habe ich schon früher einmal in meinem Beitrag „Tourists go home: Wenn Städte vor Massentourismus und Overtourism kapitulieren“ aufgeführt.

Wichtig ist, dass große Tourismus-Unternehmen, auch Kreuzfahrt-Reedereien, gemeinsame Sache mit den Regionen und Städten machen. In dieser Hinsicht ist der oft geschmähte Pauschaltourismus sogar eine große Chance. Denn Pauschaltourismus lässt sich viel leichter steuern und kanalisieren als die vermeintlich einzelnen Individualreisenden, die erst in dem Moment überhaupt auffallen, in dem Hunderte und Tausende von ihnen gleichzeitig irgendwo auftauchen.

Lösungen sind auch für die relativ neue Art von Tourismus möglich, die sich eigentlich gar nicht mehr für die Destination interessiert, sondern lediglich ein Selfie zum Angeben auf Instagram und zum Abhaken eines Punktes auf der Bucket-List benötigt. Radikale Ansätze beispielsweise zum Bau von Kopien besonders frequentierter Touristen-Hotspots werden in dieser Hinsicht noch viel zu wenig ernst genommen. Denn das ist keineswegs so abwegig, wie man auf den ersten Blick denkt.

Ist es nicht ziemlich arrogant, zu definieren, was andere gut zu finden haben?

Nebenbei bin ich der festen Meinung, dass wir uns nicht über andere erheben und definieren sollten, wie Reisen, Urlaub, Tourismus motiviert oder ausgestaltet sein sollte. „Einsamer Wanderer ist gut, Selfie-Jäger ist böse“ – das führt in einer freiheitlichen Gesellschaft zu nichts außer destruktiver Polarisierung.

Chinesische oder indische Reisegruppen sind nicht per se böse, weil es so viele sind. Mit welchem Recht wollen wir Chinesen und Indern verbieten, das zu tun, was wir selbst an italienischen Badeorten und später in Spanien schon vor Jahrzehnten getan haben?

Individuell kann ich völlig legitim sagen: Damit fühle ich mich nicht wohl, da fahre ich nicht mehr hin. Als Gesellschaft insgesamt brauchen wir hingegen weitaus intelligentere Lösungen als Boykott, abschalten, verbieten oder eine pauschale Einordnung in „gute“ und „schlechte“ Touristen.

Das gilt im Übrigen auch beim Thema Klimaschutz. Wir sollten nicht klimaschädliche Reiseformen verbieten, brandmarken oder rundweg ablehnen. Wir sollten nur Wege finden, die vollen Kosten einer Reise zu berechnen – inklusive der Klimaschäden und anderer, bislang von der Gesellschaft getragenen Kosten. Das ist klimafreundlich und freiheitlich zugleich.

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