Costa Concordia (Bild: European Commission DG ECHO)

Costa Concordia: vor zehn Jahren, am Abend des 13. Januar 2012 …

Vor zehn Jahren, am Abend des Freitags, 13. Januar 2012, lief das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der Toskana-Insel Giglio auf Grund und kenterte. Kapitän Francesco Schettino fiel versehentlich in ein Rettungsboot und ging – unter anderem dafür – später ins Gefängnis. 32 Menschen verloren ihr Leben, Tausende sind traumatisiert. Wir gedenken dieses düsteren Moments mit Blickwinkeln, die auf ganz unterschiedliche Weise an diese Schiffskatastrophe erinnern.

Am Unglückstag, Freitag, 13. Januar 2012, hatte ich meinen Schreibtisch im Büro zu Hause schon verlassen, als sich die Katastrophe um 21:45 Uhr ereignete. Nachdem ich die Schreckensnachricht am nächsten Morgen beim Frühstück gelesen hatte, war nichts mehr wie zuvor. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt wirklich begreifen, dass die Costa Concordia in dieser Nacht verunglückt war und womöglich sinken würde. Die Bilder im Fernsehen und auf Webcams waren echt, wirkten aber dennoch surreal.

Die folgenden Tage verbrachte ich nahezu jede wache Minute vor dem PC, verfolgte Live-Webcams und Nachrichtenagenturen und versuchte, das Unfassbare zu fassen, Informationen zu sortieren und zu bewerten, die traurigen Fakten übersichtlich zusammenzufassen, Gerüchte und Behauptungen von gesicherten Erkenntnissen zu trennen. Richtig zu begreifen war die Katastrophe dennoch erst einige Zeit später … und für einige der Menschen an Bord bis heute nicht.

Wrack der Costa Concordia im November 2015, zur Verschrottung in Genua
Wrack der Costa Concordia im November 2015, zur Verschrottung in Genua

Ich möchte in diesem Beitrag zur Erinnerung an die Costa-Concordia-Katastrophe ein paar Anregungen geben, sich dem Thema noch einmal aus verschiedensten Blickwinkeln anzunähern, wenn Sie möchten: die harten Fakten, ein Augenzeugen-Interview, der Blick auf die Katastrophe von der Insel Giglio aus in einem Familienroman, einem Fotoband mit eindrucksvollen Bildern aus dem Wrack der Costa Concordia, aus der Perspektive der Trauerbewältigung einer Frau, die damals für Costa deutsche Opfer betreut hat und – allerdings nur auf Italienisch erhältlich – die Biografie des Unglückskapitäns Francesco Schettino.

Das Unglück der Costa Concordia – die Fakten

Alle Informationen zu dem Unglück und den Folgen habe ich im Beitrag „Costa Concordia – ein Jahr nach der Katastrophe“ zusammengetragen.

Wrack der Costa Concordia im November 2015, zur Verschrottung in Genua
Wrack der Costa Concordia im November 2015, zur Verschrottung in Genua
  • An Bord der Costa Concordia waren in der Unglücksnacht insgesamt 4.229 Menschen – 3.206 Passagiere und 1.023 Crew-Mitglieder.
  • 32 Menschen sind bei der Costa-Concordia-Katastrophe gestorben. Anfang 2014 kam ein Taucher bei Bergungsarbeiten am Wrack des Schiffs ums Leben. Fast zwei Jahre dauerte es, bis die Leiche des letzten noch vermissten Opfers bei den Abbrucharbeiten in Genua gefunden wurde, dem aus Indien stammende Crew-Mitglied Russel Rebello.
  • 4.197 Menschen konnten sich an Land retten und überlebten das Unglück.
  • Kapitän Francesco Schettino wurde als einziger der Verantwortlichen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, alle anderen kamen mit weniger davon.
  • Costa nutzte eine Besonderheit des italienischen Strafrechts, die es erlaubt, strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen durch Zahlung einer Geldstrafe abzuwenden. Costa zahlte die im Gesetz vorgesehene Höchstsumme von einer Million Euro.
  • Zivilrechtliche Schadensersatzprozesse laufen auch heute noch. Ende Dezember hat ein Passagier in erster Instanz 77.000 Euro für psychischen und psychischen Schaden als Folge der Schiffskatastrophe zugesprochen bekommen.

Giglio-Roman: Ich hatte eine Insel

Der Roman „Ich hatte eine Insel“ ist eigentlich die Familiengeschichte der Autorin Lorenza Pieri. Sie wuchs in Giglio auf, ging dann weg, kann später auf die Insel zurück. Der Roman endet mit der Havarie der Costa Concordia vor ihrer eigenen Haustür, mit Blick aus dem Fenster des Hotels ihrer Familie.

Der letzte Teil des auch ansonsten sehr lesenswerten Romans ist ein Augenzeugenbericht des Unglücks aus der Perspektive der Bewohner Giglios und beginnt mit dem Satz: „Das Dunkel brach in der Nacht zwischen dem 13. und 14. Januar 2012 über und herein.“

Die Autorin betreut Gerettete, schildert die schwer zu fassenden Szenen, die sich am Ufer abspielen; die Auseinandersetzung mit Journalisten und der Berichterstattung vor Ort; was die Katastrophe für den beschaulichen, kleinen Ort bedeutet. Es ist ein Roman, kein Sachbuch, emotional und persönlich.

Ich hatte eine Insel

Die Wrack-Fotos von Jonathan Danko Kielkowski: viel mehr als eine „Lost Place“-Doku

Im Januar 2016 brachte der Nürnberger Fotograf Jonathan Danko Kielkowski einen Bildband heraus, der die Costa Concordia auf ganz eigensame Weise dokumentiert:  als totes Wrack, in Genua auf seine Verschrottung wartend. Die Bilder sind in ihrer Eindrücklichkeit erschütternd. Aufgenommen lange nach dem Unglück, wirken manche Szenen, als wäre das Schiff noch Stunden zuvor mit fröhlichen Kreuzfahrt-Urlaubern bevölkert gewesen, als wären die Offiziere auf der Brücke nur kurz in die Kaffeepause gegangen. Andere wirken eher wir Aufnahmen der Titanic, mit Algen überwuchert.

Beim ersten Versuch, an Bord der Costa Concordia zu gelangen, wird Kielkowski noch von der Küstenwache erwischt. Beim zweiten Mal, im August 2014, gelangt er nachts schwimmend und mit einem Schlauchboot an Bord. Sieben Stunden verbringt er im Wrack und fotografiert teils bei fast völliger Dunkelheit mit Stativ und langen Belichtungszeiten.

Über seine Aktion kann man geteilter Meinung sein. Doch was die Fotos bewirken, ist wertvoll: Sie führen einem die ganze Monstrosität des Unglücks vor Augen. Sie zeigen, was mit einem Kreuzfahrtschiff passiert, wenn es nicht mehr glitzert und blinkt, wenn es zu einem Symbol der Vergänglichkeit und des sinnlosen Todes geworden ist. Man kann nicht wegsehen, muss die Bilder auf gewisse Weise als eindrucksvoll empfinden.

Concordia

  • Jonathan Dank Kielkowski
  • White Press, Januar 2016
  • 110 Seiten, gebunden
  • ISBN: 978-3000520815
  • bei Amazon.de als gebundene Ausgabe, 89 Euro

Über menschliches Leid und den Umgang damit

„Manchmal sucht sich das Leben harte Wege“ ist ein Buch über den Umgang mit Schicksalsschlägen, mit dem Tod. Kein einfach zu konsumierendes Buch, aufwühlend. Ich nehme es deshalb hier auf, weil die Autorin Katharina Afflerbach einen ebenso engen wie unfreiwilligen Bezug zur Costa Concordia hat.

Die Autorin war nicht an Bord der Costa Concordia. Und doch traf die Katastrophe sie aus so heiterem Himmel und sehr persönlich wie die Passagiere und Crewmitglieder. Im Januar 2012 arbeitete sie für Costa Kreuzfahrten in Hamburg. Über Nacht wurde sie zur Krisenmanagerin und Betreuerin deutscher Opfer der Katastrophe.

Allerdings, das sei betont, geht es in dem Buch nur auf wenigen Seiten explizit um die Costa Concordia. Das Buch handelt von Schicksalsschlägen und dem Umgang damit. Dem Blickwinkel von außen, als Opferbetreuerin, vor allem aber im Perspektivenwechsel aus der anderen Blickrichtung, nachdem vier Jahre später der Bruder der Autorin bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.

Es ist ein Buch über den Umgang mit Schicksalsschlägen, mit der Trauer danach, und wie man wieder Zuversicht, Mut und Freude findet.

Manchmal sucht sich das Leben harte Wege: Wahre Geschichten, die berühren und Zuversicht geben

Le Verità Sommerse – „Die verborgenen Wahrheiten“

Ich habe zuerst gezögert, die Biografie des Unglückskapitäns Francesco Schettino hier zu erwähnen. Aber auch diese Blickwinkel ist ein Teil der Geschichte, was auch immer man davon halten mag. Eine deutsche Übersetzung gibt es allerdings nicht, nur die italienische Originalversion.

Die italienische RAI-Journalistin Vittoriana Abate als Co-Autorin hat das Buch als Biografie Schettinos geschrieben, erzählt seine Erinnerungen an die Unglücksnacht, aber wohl auch Anekdoten und Geschichten aus seiner rund 30jährigen Karriere als Kapitän. Schettino will die Dinge aus seiner Sicht schildern, so wie er es schon vor Gericht getan hat, als Opfer und Sündenbock.

Le Verità Sommerse: Vittoriana Abate intervista il Comandante Francesco Schettino

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