"BOLT"-Achterbahn für die Mardi Gras

Erster Detail-Blick auf die Achterbahn für Carnivals „Mardi Gras“

Die bislang verrückteste Attraktion auf See wird nahe München gebaut: die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff. „BOLT“ heißt die Achterbahn für die Mardi Gras von Carnival Cruise Line, die im August 2020 in Dienst gehen soll. Cruisetricks.de konnte schon jetzt einen exklusiven Blick auf die Achterbahn werfen und sprach mit dem Projektleiter Marco Hartwig beim Hersteller Maurer Rides.

In Kirchheim bei München entsteht die erste Achterbahn für ein Kreuzfahrtschiff. Auf einem Grundstück des weltweit renommierten Achterbahn-Konstrukteurs Maurer Rides steht die Achterbahn bereits – oder zumindest die 220 Meter lange Schienenstrecke dafür. Denn bis hier die ersten elektrisch angetriebenen, motorradähnlichen Fahrzeuge Ihre Runden drehen können, ist noch viel Arbeit nötig.

Anfang 2020 soll die Bahn fertig sein. Dann wird sie zerlegt, in Container verpackt, nach Finnland zur Werft Meyer Turku transportiert und auf der Mardi Gras wieder aufgebaut.

Mit bis zu 60 Kilometer pro Stunde und einer Beschleunigung von über 1 G werden die zweisitzigen Fahrzeuge auf der Mardi Gras in einer Höhe von 57 Meter über dem Meeresspiegel (zehn bis zwölf Meter über dem obersten Deck) auf 220 Metern Länge rasen, angetrieben von einem starken Elektromotor. Die Geschwindigkeit können die Passagiere selbst regeln.

Computer-Zeichnung der Achterbahn auf der Mardi Gras (Bild: Carnival Cruise Line)
Computer-Zeichnung der Achterbahn auf der Mardi Gras (Bild: Carnival Cruise Line)

Die Schienenfahrzeuge erinnern entfernt an einen Düsenschlitten aus Star Wars und sind der Grund, warum eine Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff jetzt überhaupt erst möglich ist. „Eine normale Achterbahn wird angetrieben durch die Gravitation. Darauf können wir hier nicht vertrauen“, sagt Marco Hartwig, Projektleiter bei Maurer Rides. „Es war lange Zeit davor schonmal der Wunsch einer Reederei, eine Achterbahn zu installieren, aber bislang konnte noch kein Achterbahn-Konzept die Anforderungen erfüllen.“ Für diese Erfindung hat Maurer Rides mit dem Spike Coaster denn auch den Award „Best New Product Award IAAPA Attractions Expo 2017” gewonnen.

„Spike Coaster“-Erfindung macht Achterbahn auf einem Schiff möglich

Entstanden sei die Idee für das Spike-Antriebskonzept schon vor fünf oder sechs Jahren, erzählt Marco Hartwig – zunächst für Achterbahnen an Land. Die Innovation des Spike Coasters von Maurer Rides: Die Fahrzeuge haben einen eigenen Motor und ziehen sich mit einem Zahnrad über eine Zahnleiste entlang der Schiene selbst über die Strecke. Der Motor entwickelt dabei ein enormes Drehmoment von 1.000 Nm und ermöglicht eine Beschleunigung von bis zu 1,2 G. Das ist mehr als bei einem Formel-1-Rennwagen. Die Stromversorgung für die Fahrzeuge kommt aus einer Schiene in der Bahn selbst.

"BOLT"-Achterbahn für die Mardi Gras
„BOLT“-Achterbahn für die Mardi Gras

Hartwig erklärt weitere Vorteile für den Einsatz des Spike Coasters auf einem Kreuzfahrtschiff: „Unsere Bahn ist leichter als herkömmliche Achterbahnen, weil wir uns mit einzelnen Fahrzeugen auf der Strecke bewegen. Herkömmliche Achterbahnen haben meistens einen Zug mit mehreren Wagons hintereinander. Das allein ist schon ein großes Gewicht. Die Schienenstruktur ist bei uns um 90 Grad gedreht. Wir haben die Fahr-Rohre nicht horizontal nebeneinander, sondern vertikal untereinander und das spart Platz im Lichtraum ein, was auf einem Schiff nicht unerheblich ist.“

Antrieb über eine Zahnleiste an der oberen Achterbahn-Schiene
Antrieb über eine Zahnleiste an der oberen Achterbahn-Schiene

Anders als herkömmliche Achterbahnen sind die Spike Coaster übrigens relativ leise, weil durch den Eigenantrieb der Fahrzeuge die Ein- und Ausrast-Geräusche beim Hochziehen der Achterbahn entfallen. „Der größte Geräuschpegel ist sowieso immer das Kreischen der Passagiere“, weiß Marco Hartwig aus Erfahrung. „Bei Carnival befinden wir uns ja nicht über einem Sonnendeck, sondern ohnehin auf einem Spaß-Deck, insofern also kein Problem.“

Gibt es Unterschiede zu einer Achterbahn an Land?

Marco Hartwig: „Bahn und Konzept sind dasselbe wie an Land. Allerdings haben wir für den Schiffsaufbau einige Veränderungen infolge eines Salz-Sprühtestes durchgeführt, der uns gezeigt hat, dass wir an der einen oder anderen Stelle speziell bei den Fahrzeugen den Korrosionsschutz nochmal erhöhen sollten, was wir dann auch gemacht haben.“

"BOLT"-Achterbahn für die Mardi Gras
„BOLT“-Achterbahn für die Mardi Gras

Und wie wirken sich Schiffsbewegungen, Seegang und Wetter auf die Achterbahn aus? Hartwig: „Wir haben es natürlich mit erheblich anderen Kräften zu tun als an Land. Wir haben von der Werft die Belastungen, die auf dem Schiff auftreten, mitgeteilt bekommen. Bei Schiffsbewegungen verformt sich das Deck. Das ist ganz normal bei einem Schiff in dieser Größenordnung. Diese Bewegungen gehen natürlich auch in die Achterbahnstruktur über. Dementsprechend muss sie darauf ausgelegt sein, das auszuhalten. Dann kommen die Windlasten hinzu, die auch nicht unerheblich sind. Die haben wir auch mit berücksichtigt. Das ist schon ein erheblicher Unterschied, was da in die statischen Berechnungen mit einfließt.“

Aufwärts-Helix, Airtime-Hügel und Beschleunigungsstrecke

Die wichtigste Frage aber ist: Wie wird sich die Achterbahn-Fahrt anfühlen, wenn sie einmal auf der Mardi Gras installiert ist: Den Streckenverlauf beschreibt Marco Hartwig so: „Nach dem Bahnhof kommt eine Beschleunigungsstrecke, dann fahren wir in eine Aufwärts-Helix hinein, …

Aufwärts-Helix
Aufwärts-Helix

… dann kommen zwei Airtime-Hügel und am Ende noch die letzte 180-Grad-Kurve um den Kamin herum. Dann fahren wir wieder in den Bahnhof ein.“

Airtime-Hügel für zwei Momente der Schwerelosigkeit
Airtime-Hügel für zwei Momente der Schwerelosigkeit

Ein Drohnen-Video von Maurer zeigt den aktuellen Aufbau der Strecke auf einem Feld nahe dem Firmengebäude in Kirchheim bei München. Die Grundfläche der Achterbahn ist 84 mal 33 Meter groß.

Video ThumbnailDie bislang verrückteste Attraktion auf See wird nahe München gebaut: die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff. „BOLT“ heißt die Achterbahn für die Mardi Gras von Carnival Cruise Line, die im August 2020 in Dienst gehen soll. Cruisetricks.de konnte schon jetzt einen exklusiven Blick auf die A

Den größten Teil der Streckenführung kann man bereits in einem Marketing-Video von Carnival Cruise Line nachvollziehen:

Video ThumbnailDie bislang verrückteste Attraktion auf See wird nahe München gebaut: die erste Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff. „BOLT“ heißt die Achterbahn für die Mardi Gras von Carnival Cruise Line, die im August 2020 in Dienst gehen soll. Cruisetricks.de konnte schon jetzt einen exklusiven Blick auf die A

Der Bahnhof, also Start- und Zielpunkt der Achterbahn, ist dabei seitlich an der Längsseite der Strecke nahe dem Schornstein angeordnet. Darin unterscheidet sich die Streckenführung vom Sky Ride der Vista-Klasse-Schiffe von Carnival, wo der Einstiegspunkt gegenüber des Schornsteins liegt.

Eine Runde auf der „BOLT“-Achterbahn dauert, je nachdem, wie viel Gas der Passagier gibt, bis zu 30 Sekunden und technisch ist ein Zwei-Runden-Betrieb vorgesehen, sodass das Fahrzeug zwei Runden durchfahren kann, ohne zwischendurch im Bahnhof abgebremst zu werden.

„Spike Coaster“ – zweisitzige Schienen-Motorräder

Wie die Achterbahn-Fahrzeuge grundsätzlich aussehen werden, ist ebenfalls bei Maurer Rides in Kirchheim schon zu sehen. Nur das Design wird farblich an Carnival Cruise Line angepasst: oben rot, unten blau, durchzogen von einem gelben Blitz. Das Foto zeigt einen Spike Coaster auf einem kurzen Schienenabschnitt:

Spike Coaster
Spike Coaster

Zu erkennen ist die Schiene mit der Zahnleiste als kleinem Stummel links sowie die untere Führungsschiene.

Spike Coaster
Spike Coaster

Ein Display zeigt unter anderem Streckenführung und Geschwindigkeit an, darüber ist eine 360-Grad-Kamera angebracht (die Kamera fehlt im Foto noch) – für Fotos der Passagier während der Fahrt. Der Gas-Hebel ist rechts am Lenkrad angebracht. Sound-Effekte sollen das Fahrerlebnis ergänzen.

Display des Spike Coasters; mittig fehlt noch die Kamera.
Display des Spike Coasters; mittig fehlt noch die 360-Grad-Kamera.

Noch nicht endgültig festgelegt sind Gewichts- und Größenbeschränkungen für die Passagiere, denn das hängt auch von Ländergesetzen und Regeln des TÜV Süd ab, der die Anlage technisch abnimmt. Wahrscheinlich wird das Maximalgewicht eines Passagiers bei 136 kg liegen, die Mindestgröße etwa bei 1,30 Metern beziehungsweise ein Mindestalter von sechs Jahren definiert werden.

Probefahren im Skyline Park bei Bad Wörishofen

Wer in Süddeutschland wohnt und nicht bis zur Achterbahn auf der Mardi Gras warten will, kann übrigens den sehr ähnlichen, mit 250 Metern nur geringfügig längeren „Spike Dragster“ im Skyline Park in Bad Wörishofen im Allgäu ausprobieren. Dort nämlich steht seit 2017 die erste Achterbahn mit dem innovativen Antrieb.

Eine zweite findet sich seit 2018 in der Ducati World Mirabilandia bei Ravenna in Italien. Der „Ducati Duelling Coaster“ dort hat sogar zwei mehr als viermal so lange Spuren nebeneinander, sodass man hier richtige Spike-Racer-Rennen fahren kann.

„Dream Cruiser“ für die Global Dream wir 80 Meter länger

Den Titel der längsten (und einzigen) Achterbahn wird die Mardi Gras voraussichtlich nur kurz tragen: Maurer Ride baut auch für die Global Dream der asiatischen Reederei Dream Cruises mit der gleichen Technik eine Achterbahn. Der „Dream Cruiser“ dort wird 300 Meter lang sein. Die Achterbahn ist auf der Global Dream Teil eines Vergnügungsparks an Bord namens „Dream Park at the Pier“. Dieses Kreuzfahrtschiff soll Anfang 2021 in Dienst gehen und wird bei MV Werften in Rostock.

Computer-Zeichnung der Mardi Gras (Bild: Carnival Cruise Line)
Computer-Zeichnung der Mardi Gras (Bild: Carnival Cruise Line)

Den Titel für die erste Achterbahn, die je auf einem Kreuzfahrtschiff verbaut wurde, wird die Mardi Gras aber behalten. Sie wird derzeit in der Werft Meyer Turku gebaut – übrigens auch als erste Schiff der Carnival-Cruise-Line-Flotte mit LNG als Treibstoff – und soll im August 2020 in Dienst gehen. Ihre erste Reise führt ab 31. August von Kopenhagen nach Southampton. Von dort geht es über den Atlantik nach New York und anschließend zu ihrem Basishafen Port Canaveral bei Orlando.

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